Pietà

Ich sehe was, was du nicht siehst…? 

Für den Philosophen Ludwig Wittgenstein ist die Frage des Aspektwechsels eine Frage der Fähigkeit, „etwas als etwas zu sehen“. Denjenigen, dem diese Fähigkeit abgeht, nennt Wittgenstein „aspektblind“. Aspektblindheit ist mit Farbenblindheit oder mit „dem Mangel des ‚musikalischen Gehörs’“ vergleichbar. (Wittgenstein 1984, 552) Der Aspektblinde vermag zwar in dem Sinne ein Bild „einmal so und einmal so zu sehen“, dass er auf die Frage, was er sieht, sagen könnte: „Das ist ein Hase.“ Oder: „Das ist eine Ente.“ Es würde für ihn aber nicht der eine „Aspekt in den anderen überspringen“, so dass er ausriefe: „Ah, jetzt sehe ich es als …!“ Der Aspektwechsel kann nur vom Sehenden erlebt werden. Er zeigt sich (uns) durch sein Staunen.

Das zweifelnde Herz

„Dein Herz“, fragt mich mein Spiegelbild. „Was soll damit sein?“ „Spuckt es noch Blut?“, will das Bild von mir wissen.

Nun ja. Ich fühle Einsamkeit in mir aufkeimen. Heimsuchende Dämonen, möchte ich meinem Gegenüber so gerne erklären, sie banne ich tagtäglich durch meine Texte und oder meine Bilder…  In meinem Atelier zurückgezogen, seine Tür stets von innen verschlossen… wie mein Herz, das ich so vor Kummer schütze… „Das bezweifle ich,“ sagt das Spiegelbild mit seiner kalten Stimme.

Das Bild ist meine Reflexion auf mich selbst. Ich wirbel herum, versuche mein Bewusstsein zu verlieren, weil es nicht mit dem betrachtenden Bild übereinstimmt. Nicht das Bild spricht mit mir, nur ich spreche. Ich rede das Bild fast tot, bis ich verstehe=fühle, das nur meine Vorurteile, meine Vorannahmen, über das Bild sprechen. Im selben Augen=Blick, indem ich das begreife, beginnt auf der anderen Seite das Bild mit mir zu reden. Es hat seine eigene Sprache. Es spricht zu mir. Und nicht ich zu ihm. Ich habe mein Bewusstsein verloren und bin zum Selbstbewusstsein gelangt.

„Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.“ (Christian Morgenstern)

Den Bildern eine Stimme geben

Als Künstler zeige ich meine Wunden. Das bedeutet ich zeichne/male/schreibe mein Innerstes auf. In einem winzigen Atelier der Stille, der Zurückgezogenheit, das man nur tief in einem kleinen provinziellen Wald von paradiesischer Traurigkeit finden kann… will sagen:

Poesie ist die allerhöchste Stufe der Freiheit. Und Kunst, denke ich, stellt eine Form dieser Poesie da. Meine Kunst beinhaltet also auch, dass ich den Bildern eine Sprache gebe. Jeder Mensch verkümmert, wenn er sich nicht mitteilen kann. Bei Bildern ist es ähnlich. Wenn ihnen niemand mehr richtig zuhört, dann verkümmern sie. Und wer ihre Sprache nicht aufschreibt, der nicht an ihre Sprache glaubt, der ihnen ihre Sprache verweigert, dieser Mensch wäre und bliebe … kümmerlich.

„Es hat mich so gefreut, in dem Raum zu spüren, von was für unterschiedlichen Menschen Sie geschätzt werden. Und die Aufmerksamkeit war großartig, der Beifall für Sie kam aus tiefstem Herzen aller Anwesenden. Denn Sie haben uns auf vielen Ebenen angesprochen, haben sozusagen alle Saiten Ihres Instruments gleichmäßig zum Klingen gebracht…

Ich mag besonders, wie Sie es schaffen, einen Geist von Leichtigkeit zu erzeugen, der aber nichts von Banalität an sich hat. Immer wieder großartig!“ So schrieb mir Wolfgang Ullrich (stellvertretend auch für andere Zuhörer, will ich meinen).

Und ich verneige mich nun, bin gerührt. 5 Tage, 5 Bilder, 5 Lesungen liegen hinter mir. Es waren ganz, ganz tolle Abende mit ganz, ganz tollen Freunden. Danke an alle, die mich diese fünf Tage begleitet haben.

… denn Leben, sagte mal jemand, sei das Spiegelbild einer leidenden Seele. Das stimmt wohl. Mein ganzes künstlerisches Werk ist das Spiegelbild einer leidenden Seele; zugleich aber auch einer lachenden, einer weinenden und einer liebenden Seele. Genauso ist es: Mein Werk ist einzig und allein Zeugnis meiner Autorenschaft an meiner ganz eigenen Biografie. Die Welt kann ich nicht verändern. Aber ich verändere mich tagtäglich durch meine Bilder. Meiner ewigen Frage „Wer bin ich?“ stellen mir meine Bilder augenscheinlich die Frage gegenüber „Wer willst du sein?“ Und ich antworte dann klar und deutlich: „ Ich will Ich sein.“

„Ich kann nur sagen: Regelmäßige Gäste wurden belohnt! Damit, dass sie bemerken konnten, wie kunstvoll die einzelnen Reden aufeinander bezogen sind, wie Sie mit Leitmotiven arbeiten, mit Resonanzen, mit Anspielungen auf an einem früheren Abend Gesagtes.“ (noch einmal Wolfgang Ullrich)

Den Bildern eine Sprache geben…

Die Sprache meiner Bilder malt Spuren auf eine Haut aus Leinwand, sie funkelt wie Glühwürmchen, die ein unterirdisches Universum aufleuchten lassen, sie vermehren ihre eigene Unendlichkeit. Sie sind Bernstein und Sonne. Sie sind Wellen, die an der Küste meiner Seele sich brechen. Sie übernachten in kleinen Schächtelchen, umschwirren das Licht der Nacht, sie flüsternd, seufzen, stöhnen mir zu, ins innere Ohr. Die Bilder sind Auswüchse einer Tragödie, eine Wunde am Himmel quer. Das inspiriert mich… wie wenn die Sonne ihre Lippen öffnet. Die Sterne klopfen an meine Tür, die Sonne kommt zum Tee vorbei, der Mond bleibt über Nacht… wenn die Bilder es sagen.

Und Vorhang. Alle ab.

Verdichtete Erinnerungen

Verdichtete Erinnerungen an bestimmte Szenen der Vergangenheit, Traumgedanken vor dem Spracherwerb. Meine Bilder… alles Ahnungen an die Ewigkeit, Eintritte in das Große Geheimnis… einfach schön. Ist das der Grund, warum man mich Bildender Künstler schimpft? Wegen meinen Ahnungen? An die Ewigkeit im Dämmergrau…

Galerist Johann König und Auktionator Robert Ketterer in der Sitcom „A bis Absurditätlich“; aus der Folge: „Der Spieler“ ☛ Alle glauben, wenn ein Künstler hohe Preise erzielt, dann malt er ganz einfach 40 Bilder mehr pro Jahr (Hier ertönt jetzt ein auf Tonband aufgenommenes Lachen!!!). Aber so läuft das nicht (Gekicher). Erfolgreiche Künstler werden selbstkritischer und produzieren auf einmal viel langsamer (Ein Gejohle). Den meisten geht’s ja auch nicht ums Geld (Tosender Applaus!!! Bei Studioaufnahmen oder Videoclips werden nicht nur Lacher eingespielt, sondern auch Applaus). Mit Kunst kauft man ein Stück Lebensqualität (Auch bei gestellten Lachern vom Band werden Scherze als deutlich witziger bewertet als ohne jegliche Einspielung). Sie ist ein Spiegel der eigenen Persönlichkeit (Lacher vom Band. In Vergleichstests stellte sich heraus, dass es beim Publikum einfach besser ankommt). Auktionen sind ein Erlebnis, weil man nicht weiß, ob man ein Werk am Ende bekommt (Warum die Witze mit Lachern generell besser bewertet wurden, ist nicht geklärt). Wenn man das Werk in einer Galerie kauft, hat man vielleicht vorher gemütliche Abende zusammen mit dem Künstler in seinem Atelier verbracht, um ihn besser kennenzulernen (Zuschauer lachen selbst über maue Witze, wenn zur Pointe Lacher eingespielt werden). „Artnet“ hat auch eine andere Studie rausgebracht. Darin steht, wenn man in Zukunft Geld mit Kunst machen will, muss man Werke von Frauen kaufen (Gekreische! Applaus. Wir wollen Gehirn-Scans machen, um herauszufinden, wie das gehörte Lachen die Aufnahme des Witzes im Gehirn beeinflusst). Die sind notorisch unterbewertet und das wird sich in den nächsten Jahren ändern (Das Lachen ist ein soziales Phänomen). Ich bin auch für eine Frauenquote beim Ankauf von Kunstwerken für öffentliche Museen, bis ein Gleichgewicht zwischen Künstlerinnen und Künstlern erreicht ist (Lacher vom Band machen schlechte Witze einfach lustiger)… Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Veröffentlicht unter Kunst

Die Liebenden (Susanne & Detlef)

Susanne: Wenn mein Mann mich drängte, ihm einen Grund anzugeben, warum ich ihn liebe, könnte ich nur folgende Antwort geben: weil er es ist, weil ich es bin. Detlef (grinst überglücklich): Die Liebe will nicht, dass man sich anders als durch sie allein gebunden fühlt, sie hängt nur lose mit solchen Bindungen zusammen, die, wie die Ehe, unter anderen Gesichtspunkten geknüpft worden sind und zusammengehalten werden… Susanne: Verwandtschaft und Besitz beanspruchen dabei ebenso viel Berücksichtigung wie Anmut und Schönheit. Detlef: Die Liebe ist wie der Mond: Wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab. Susanne: Und das bedeutet? Susanne und Detlef (gemeinsam): Wenn wir uns haben, haben wir alles.

Die Liebenden (Amor & Psyche)

Die Liebe ist ein Zauber. Sie ist wie ein Märchen.

Es war einmal: Psyche, die jüngste von drei Töchtern eines Königs, die wegen ihrer Schönheit verehrt wird. Auf Befehl der Göttin Venus soll Amor Psyche durch eine Ehe mit dem niedrigsten aller Sterblichen bestrafen. Psyche wird dafür auf einem Felsen ausgesetzt. Amor verliebt sich jedoch in Psyche und macht sie heimlich zu seiner Frau. Seine Bedingung: Psyche darf ihn niemals sehen… Die verzweifelte Psyche durchirrt auf der Suche nach Amor die ganze Welt… Am Ende beendet Amor das Versteckspiel und setzt bei Jupiter durch, dass Psyche zur (Halb-)Göttin erhoben wird und seine Frau werden kann. Psyche und Amor bekommen eine Tochter, der sie den Namen Voluptas (lat.: Lust, Wonne, auch Göttin der Lust) geben.

Die Liebenden (Venus & Adonis)

Mit Purpurantlitz, eilt‘ Adonis schon, / Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;  / Jagd liebt‘ er, doch der Liebe lacht‘ er Hohn. Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen / Und wirbt um ihn, wie kecke Werber pflegen. »Du, dreimal schöner, als ich selbst,« begann / Die Liebliche (Venus) mit buhlerischem Kosen, / »Süß über alles, holder als ein Mann, / Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen; / Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet, / Sagt die Natur, dass mit dir alles endet…“  Er (Adonis) drückt die Nas‘ ihr, gibt ihr Backenschläge, / Krümmt ihre Finger, ruft: »o woll‘ erwachen!« / Reibt ihre Lippen, sinnt auf tausend Wege, / Was er verdorben, wieder gut zu machen; / Küsst sie – und sie, geschäh‘ nur ihr Gelüste, / Erhöbe nie sich, dass er immer küsste…