Idylle (Wo Augen ihre Blicke baden)

Die Schande der Träume will tagsüber keiner wahrhaben. Ich schon. Denn solche Abgründe sind die Gründe für meine Bilder; vereint mit den Träumen (zu Tag / zu Nacht) bilden sie mein Werk //  „…wenn ein Träumer erzählt: „Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zum Häuschen hin, drückt die Tür ein, dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes“, dann lässt sich für einen geübten Übersetzer von Träumen eine Darstellung eines Koitusversuchs von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden“.

(zitiert aus: „Freuds Dinge“; Lothar Müller, Die Andere Bibliothek, Berlin 2019)

»sich als träumend träumen«

Kann das Sprechen einen Einfluss auf mein Denken und Handeln haben? Auf welchen Wegen geschieht es, dass Sprache mich trägt, verwirrt, zum Lachen oder auch zum Fallen bringt? Und nicht nur am Tage. Auch im Traum steuert die Sprache meine Gedanken.

»Die vertrauten Sichtweisen sind umzustoßen. Es ist nicht so, dass das Träumen auf archaische Bilder, Phantasmen oder Mythen… verweist. […] Vielmehr verweist jeder Akt des Imaginierens auf das Träumen.« (Foucault)

Denk ich an Melania und Donald in der Nacht…

Denk ich an Melania und Donald in der Nacht … Du fragst warum die nächte mit gierigen weibern teuer sind / und warum man aus liebe alles geld vergeudet / Der grund für den bankrott ist dabei mehr als offensichtlich: / man ließ dem luxus eben allzu freien lauf / Das gold kommt aus den minen der indischen termiten und / die Venusmuschel nur aus dem Roten Meer / die stadt Tyrus in Phönizien bietet ihre purpurfarben an / und die Beduinen in Arabien den teuren zimt – / mit diesen waffen erobert man auch die unnahbarsten frauen / selbst solche die so spröde sind wie Penelope / Und dann stolzieren sie vor unseren augen mit dem herum / was ihre männer einzig nur von ihren vätern erbten – / keiner hält sich mehr zurück weder im wünschen noch im / schenken – und die preise machen skrupellos / Mit gold kauft man sich gerechtigkeit und mit gold gesetze / mit gold die menschlichkeit und die moral …

Wenn ich von Leuten höre, dass sie Donald Trump gewählt haben, werde ich neugierig. Ich kenne einige. Sie sagen, sie hätten Trump für seine wirtschaftspolitischen Positionen gewählt. Sie halten sich nicht für fremdenfeindlich, rassitsisch oder sexistisch. Wer sich für Trump entscheidet, wählt aber das Gesamtpaket. / Mit seinem gold vertraute Priamos auch seinen Sohn dem Thraker / Polyester an – der brachte ihn dann um / und für arme voller gold schickte Eriphyle ihren gatten in den / krieg um Theben wo er in den abgrund ritt  … Und meine heißen Tränen fließen. (Textcollage: Sextus Propertius, Boxoma Saint John & Heinrich Heine)

Cä-ci-li-a / famu-la tu-a / Do-mi-ne / qua-si a-pis ti-bi ar-gu-men-to-sa de-servit

Cäcilia + Deine Dienerin + dient Dir + o Herr + wie eine emsige Biene + Denk Dir doch, wie schön das wird, ich kanns genügend kaum erläutern / Wenn sie uns aufs offene Meer zusammen mit den Hummern schleudern!

(Alles eine große Lüge!? Ja, sicher. Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich aber nicht schweigen. Nein! Darüber kann ich ein Bild malen. Auch das eine Lüge. Das Bild ist nicht wahrer als die Sprache. Ein Bild macht mich verwundbarer; ich will ihm sofort glauben, bringe ihm nicht das Misstrauen entgegen, dass ich bei der Sprache habe, die erst behaupten muss: was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das glaube ich nie und nimmer. Meine Bilder sind beredt. Sie erzählen indes nicht von Worten, sie erzählen von Taten.)

„Oh how Shakespeare would have loved cinema!“

Derek Jarman (1942 – 1994). Sein Film „Blue“ ist wie Wittgensteins „Tractatus“ reinste Poesie. Ein Wechselspiel von vier Stimmen. Sein Text springt zwischen erschreckenden Banalitäten wie den 47 Nebenwirkungen, die der Beipackzettel eines Medikaments nennt, und einem hochtönenden Gesang, der sich z.B. in Jarmans ganzem Werk vernehmen lässt, hin und her. Außerdem gibt es im langsamen Schwinden des Blickfeldes die verzweifelte Bitte, vom Bilde erlöst zu werden. Das ist es, was in diesem Film passiert: Von dem Moment an, wo das grelle Licht der Augenuntersuchung das Blau eines leeren Himmels als Nachempfindung hinterlässt, löst sich die Welt auf…

„Dear William Shakespeare. I am a 14 year old and I’m queer like you. I’m learning art. I wanted to be a queer artist like Leonardo or Michelangelo. But I like Francis Bacon best I read Alan Ginsberg, Rimbaud. I like Tchaikovsky, if I make films I will make them like Eisenstein, Murnau, Pasolini, Visconti. Love from Derek.“

Die Mutter mit dem Rosenkranz

Es ist mir, als ob ich nun aus einem dunklen Tunnel ans Licht zurückkehre. Vor mir offenbart sich ein ganz „einfaches“ Bild: „Die Mutter mit dem Rosenkranz“.

Der Rosenkranz der Mutter bestand, wie alle anderen Rosenkränze auch, aus einem Kreuz und 59 Perlen. 55 davon – 50 kleinere und fünf größere – sie bildeten diese ganz besondere zusammenhängende Kette. Eine der größeren Perlen diente als Verbindungsglied zu einer weiteren Kette mit drei kleineren Perlen, einer größeren und einem Kreuz. Über dem Kreuz befand sich eine einzelne große Perle. Wenn wir diese Perle gemeinsam berührten, dann sprachen wir dazu „Erinnerung in Dämmerlicht verglühend / Zittert und loht am fernen Himmelsrand / Der Hoffnung, die geheimnisvoll bald fliehend / Bald wachsend flammt, wie eine Scheidewand.“ Die drei Perlen, die dann folgten, waren ganz besondere: Wir beteten, indem wir sie berühren, je ein „Schwermütiges Sinnen / Wiegt flüsternd mich ein, / Mein Herz zu umspinnen / Im scheidenden Schein“. Fügten aber nach dem Wort „Schein“ gerne noch etwas dazu. Bei der ersten Perle war das vielleicht ein „Fremde Träume“, bei der zweiten Perle ein „Rotflimmernd und weich“ und bei der dritten Perle eventuell zusammenfasend „Endlos durch die Räume / Ziehn sonnengleich / Die Träume über das Reich / Der Heiden und Bäume“. Es folgte dann vor der ersten Perle der zusammenhängenden Kette gerne das „Herbstlied“ von Paul Verlaine und dann sein „Nevermore“. Dies galt auch für die vier weiteren, etwas größeren Perlen des Rosenkranzes. Nach jeder großen Perle folgten für die Mutter zehn „Zu Gott hin dringe deines Lieds verjüngter Klang, / Lass, heis’re Orgel, das Tedeum mächtig tönen“.

Das liebte ich. Je zehn Perlen des mütterlichen Rosenkranzes bildeten ein Gesätz. In einem Gesätz sprachen wir jedes Mal zusammen „Mein weltentrückter Traum ward Wahrheit, es umschlingt / Mein froher Arm das Glück, den Fremdling, leicht beschwingt.“ Wie herrlich war das denn? Oja – dies waren die „Geheimnisse“ des freudenreichen, des lichtreichen, des schmerzhaften, die glorreichen, zugleich aber auch die sehr wankelmütigen Geheimnisse des Rosenkranzes der Mutter.

Einer Mutter, die immer so gerne für mich sang: „Gedanken, Haupt und Herz umspielt vom Abendwind. / Der nächt’ge Hauch zerreisst der Wolken grau Gewimmel / Und kupfern segeln sie, zerstreut im toten Himmel, / Und eines Heil’gen Haupt trifft an dem Domportal / Mit rotem Kuss der Abendsonne letzter Strahl.“ Ich höre sie noch heute. Immer wieder. So hatte sie mir Paul Verlaine und die Kunst ans Herz gelegt. Ich hörte und liebte beides. Auch heute noch. Immer wieder.

Mutter mit Kind

Novalis behauptet, dass Sprache sich einzig und allein um sich selber kümmert. Jegliches Gespräch drehe sich nicht um Dinge und irgendwelche Ereignisse. Vielmehr sei das Eigentümliche der Sprache das Selbstspielerische. Die Sprache spielt ein Spiel, in dem sie ihre Möglichkeiten erkundet und somit zugleich die unterschiedlichsten Geschichten dieses einen Spiels. Novalis billigt der Sprache eine schöpferische Freiheit zu, eine Macht, die sich dem Menschen aufdrängen kann. Wenn dieser ein Herz dafür hat. Novalis nennt dies die Selbstentbergung des Seins. Der Sprechende müsse sich seiner inneren Natur stellen. Und er müsse begreifen, dass jeder von uns etwas Albernes sagt, wenn man etwas ganz bestimmtes und spezielles sagen möchte. So würde niemals Poesie entstehen. Sprache, ihr eigentliches Wesen, so der Dichter weiter, sei „geheim… aber gleichzeitig im höchsten Maße…fruchtbar.“

So interpretiert es auch Ernesto Grassi in „Kunst und Mythos“, bei dem ich die Ausführungen von und zu Novalis finde. „Darum… wenn einer  bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht.“ (Novalis) „Staunenswert“ sei die Sprache, die spielt. Genau. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich staune ebenfalls. Und finde das wundervoll. Ich erfreue mich an diesen Gedankengängen, sehe ich doch auch einen Schlüssel zu meinem eigenen Werk, zu meiner Kunst, in ihnen verborgen. Sprechen, um zu sprechen. Malen, um zu malen. Bilder, um der Bilder willen. Göttliches Gestammel & göttliches Gekritzel… Technische Raffinesse war noch nie die Quelle der Kunst. Sondern Begeisterung und Besessenheit.

Auch diese Überzeugungen finde ich bei Ernesto Grassi. Dichter – ich möchte ab hier vom Künstler reden, schaffen ihre Werke „im Zustand des Außer-sich-Seins“. Sie schöpfen aus „honigströmenden Quellen“. Nur in einem Zustand der Bewusstlosigkeit sei der Künstler fähig überhaupt tätig zu werden. In-spiration und Ein-gebung, darum gehe es. Grassi spricht von einem Wahn, der den Künstler erfasst haben muss, um seine Schöpfungen zu vollbringen. Würde dieser Wahn verschwinden, verstünde der Künstler selber nicht mehr, was er da vollbracht habe. Wie wahr, wie wahr, denke ich. Schon sehe ich mich in einer Talkshow sitzen und all das oben Beschriebene zum Besten geben. Das Publikum wird sich wälzen vor Vergnügen. Entweder weil es Vorurteile bestätigt bekommt oder auch, weil es nichts, aber auch gar nichts versteht. Was ich verstehen kann. Denn wie sagte der eingangs erwähnte Novalis: „Das Gespräch, es ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, dass die Leute meinen, sie sprechen um der Dinge willen…“

Kunst entsteht laut Grassi nicht aus Wissen. Vielmehr aus Gespanntsein. Wie auch Aufmerksamkeit, das bedeutet einem nach-etwas-trachten. Und dieses Trachten sei nur möglich, wenn eine Spannung vorherrsche. Grassi geht noch weiter und spricht von einer absichtslosen Gespanntheit. Vergleichbar dem Zen, wenn dieser Vergleich akzeptabel ist. Wie dem auch sei: ich finde in der Lektüre die Definition einer Gelassenheit, die mich aufhorchen lässt. „Solche Gelassenheit“ heißt es im Text „führt vom Individuum-Sein zum ursprünglichen, unableitbaren Sein.“ Eine Aussage, die mich zu meinen „Mutter mit Kind“-Bildern treibt. Meine Kunst, so möchte ich es gerne formulieren, verwandelt sich in ihnen vom Individuum-Mutti hin zum ursprünglichen, unableitbaren Mutter-Sein. Das schreibe ich, um es zu schreiben. Danach möchte und werde ich alles wieder vergessen. Wenn ich Glück habe, dann weiß ich vielleicht noch „von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt…“

Die liebende Mutter

Die liebende Mutter bringt ihrem Kind das Laufen bei. Sie ist gerade so weit von ihm entfernt, dass sie es nicht mehr halten kann. Sie streckt ihre Arme aus; ihr Gesicht wirkt ermutigend. Das Kind strebt ständig nach einer Zuflucht in Mamas Armen, ohne auch nur zu ahnen, dass es im gleichen Augenblick den Beweis erbringt, dass es auch ohne sie aus kommt. Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller.

Stimmt. Das Kind kommt ohne Mutti aus. Aber es tut mir weh.

Kultur ist nicht, was man sich an die Wand hängt.

Heute las ich folgendes Zitat: „Jede Wunde hat ihr eignes Blut.“ Die Worte von Stefan Schütz berührten mich sehr. Dann fiel mein Blick auf ein Bild, das ich vor einiger Zeit angefertigt hatte…

Düstere Träume. Zerschnittene Seelen. Die verwirrende Vielfalt der Welt. Die Gedichte eines melancholischen Sanguinikers. Nichts, was man sich an die Wand hängen möchte. Aber die Unverkäuflichkeit solcher Wunden erscheint mir, wenn ich ehrlich bin, fast als ein schönes Privileg und Auszeichnung.

Was dagegen gefällt, sieht man beim Stil- und Luxusmagazin „Deluxe – Alles was Spaß macht.“ Dort ist der Name Programm: Es dreht sich alles nur noch um die exquisiten Dinge, die das Leben schöner machen: My crib, my cars, my clothes, my jewels / Look, I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (Yeah, yeah)…

Jede Wunde hat ihr eigenes Blut. Ich bin zufrieden mit meiner.