IRON MAM

… das höchste aber / Von allen Gütern ist der Frauen Schönheit. gleich wie wir noch gestalten in wolken oder ein gesicht im mond sehen so liessen sich in rissen und wölbungen des gestirns kaum anderes als silhouetten von körpern erkennen / läufe / ein trächtiger bauch eine kruppe / … und nun das tier vor augen zu haben wie es ganz darauf hervortrat: sich offen zeigend… Ist es das, was du willst? Du willst Gespielin der Soldaten sein? dann bist du am richtigen Ort, mein Kind! (ein zusammengestückelten Körper: aus: Friedrich Schiller „Die Jungfrau von Orleans“, 3. Aufzug, 3. Auftritt; Raoul Schrott „ERSTE ERDE EPOS“ und Filmzitat aus „Jeanne d’Arc – Die Frau des Jahrtausends“ von Christian Duguay)

Ein Bild von Verspieltheit

Ein Intellektueller? Was ist das doch gleich? Woran erinnert einen das, was der da von irgendwo, wie von nebenan mitphantasiert, mitklirrt, mitschwingen lässt? Ist er ein Förster im Unter- wie auch Überholz des Ur- und Geistesadel, ein Moralpfleger im Gehege von Salonhyänen und Wölfen der Politik, ein Apnoetaucher im Becken von Finanzhaifischen? Und was sagt er da, wenn er sagt: „Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, […] man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: und so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens.“ Gehört er einer längst ausgestorbenen Art an?

Idylle (Wo Augen ihre Blicke baden)

Die Schande der Träume will tagsüber keiner wahrhaben. Ich schon. Denn solche Abgründe sind die Gründe für meine Bilder; vereint mit den Träumen (zu Tag / zu Nacht) bilden sie mein Werk //  „…wenn ein Träumer erzählt: „Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zum Häuschen hin, drückt die Tür ein, dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes“, dann lässt sich für einen geübten Übersetzer von Träumen eine Darstellung eines Koitusversuchs von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden“.

(zitiert aus: „Freuds Dinge“; Lothar Müller, Die Andere Bibliothek, Berlin 2019)

»sich als träumend träumen«

Kann das Sprechen einen Einfluss auf mein Denken und Handeln haben? Auf welchen Wegen geschieht es, dass Sprache mich trägt, verwirrt, zum Lachen oder auch zum Fallen bringt? Und nicht nur am Tage. Auch im Traum steuert die Sprache meine Gedanken.

»Die vertrauten Sichtweisen sind umzustoßen. Es ist nicht so, dass das Träumen auf archaische Bilder, Phantasmen oder Mythen… verweist. […] Vielmehr verweist jeder Akt des Imaginierens auf das Träumen.« (Foucault)

Denk ich an Melania und Donald in der Nacht…

Denk ich an Melania und Donald in der Nacht … Du fragst warum die nächte mit gierigen weibern teuer sind / und warum man aus liebe alles geld vergeudet / Der grund für den bankrott ist dabei mehr als offensichtlich: / man ließ dem luxus eben allzu freien lauf / Das gold kommt aus den minen der indischen termiten und / die Venusmuschel nur aus dem Roten Meer / die stadt Tyrus in Phönizien bietet ihre purpurfarben an / und die Beduinen in Arabien den teuren zimt – / mit diesen waffen erobert man auch die unnahbarsten frauen / selbst solche die so spröde sind wie Penelope / Und dann stolzieren sie vor unseren augen mit dem herum / was ihre männer einzig nur von ihren vätern erbten – / keiner hält sich mehr zurück weder im wünschen noch im / schenken – und die preise machen skrupellos / Mit gold kauft man sich gerechtigkeit und mit gold gesetze / mit gold die menschlichkeit und die moral …

Wenn ich von Leuten höre, dass sie Donald Trump gewählt haben, werde ich neugierig. Ich kenne einige. Sie sagen, sie hätten Trump für seine wirtschaftspolitischen Positionen gewählt. Sie halten sich nicht für fremdenfeindlich, rassitsisch oder sexistisch. Wer sich für Trump entscheidet, wählt aber das Gesamtpaket. / Mit seinem gold vertraute Priamos auch seinen Sohn dem Thraker / Polyester an – der brachte ihn dann um / und für arme voller gold schickte Eriphyle ihren gatten in den / krieg um Theben wo er in den abgrund ritt  … Und meine heißen Tränen fließen. (Textcollage: Sextus Propertius, Boxoma Saint John & Heinrich Heine)

Cä-ci-li-a / famu-la tu-a / Do-mi-ne / qua-si a-pis ti-bi ar-gu-men-to-sa de-servit

Cäcilia + Deine Dienerin + dient Dir + o Herr + wie eine emsige Biene + Denk Dir doch, wie schön das wird, ich kanns genügend kaum erläutern / Wenn sie uns aufs offene Meer zusammen mit den Hummern schleudern!

(Alles eine große Lüge!? Ja, sicher. Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich aber nicht schweigen. Nein! Darüber kann ich ein Bild malen. Auch das eine Lüge. Das Bild ist nicht wahrer als die Sprache. Ein Bild macht mich verwundbarer; ich will ihm sofort glauben, bringe ihm nicht das Misstrauen entgegen, dass ich bei der Sprache habe, die erst behaupten muss: was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das glaube ich nie und nimmer. Meine Bilder sind beredt. Sie erzählen indes nicht von Worten, sie erzählen von Taten.)

„Oh how Shakespeare would have loved cinema!“

Derek Jarman (1942 – 1994). Sein Film „Blue“ ist wie Wittgensteins „Tractatus“ reinste Poesie. Ein Wechselspiel von vier Stimmen. Sein Text springt zwischen erschreckenden Banalitäten wie den 47 Nebenwirkungen, die der Beipackzettel eines Medikaments nennt, und einem hochtönenden Gesang, der sich z.B. in Jarmans ganzem Werk vernehmen lässt, hin und her. Außerdem gibt es im langsamen Schwinden des Blickfeldes die verzweifelte Bitte, vom Bilde erlöst zu werden. Das ist es, was in diesem Film passiert: Von dem Moment an, wo das grelle Licht der Augenuntersuchung das Blau eines leeren Himmels als Nachempfindung hinterlässt, löst sich die Welt auf…

„Dear William Shakespeare. I am a 14 year old and I’m queer like you. I’m learning art. I wanted to be a queer artist like Leonardo or Michelangelo. But I like Francis Bacon best I read Alan Ginsberg, Rimbaud. I like Tchaikovsky, if I make films I will make them like Eisenstein, Murnau, Pasolini, Visconti. Love from Derek.“

Die Mutter mit dem Rosenkranz

Es ist mir, als ob ich nun aus einem dunklen Tunnel ans Licht zurückkehre. Vor mir offenbart sich ein ganz „einfaches“ Bild: „Die Mutter mit dem Rosenkranz“.

Der Rosenkranz der Mutter bestand, wie alle anderen Rosenkränze auch, aus einem Kreuz und 59 Perlen. 55 davon – 50 kleinere und fünf größere – sie bildeten diese ganz besondere zusammenhängende Kette. Eine der größeren Perlen diente als Verbindungsglied zu einer weiteren Kette mit drei kleineren Perlen, einer größeren und einem Kreuz. Über dem Kreuz befand sich eine einzelne große Perle. Wenn wir diese Perle gemeinsam berührten, dann sprachen wir dazu „Erinnerung in Dämmerlicht verglühend / Zittert und loht am fernen Himmelsrand / Der Hoffnung, die geheimnisvoll bald fliehend / Bald wachsend flammt, wie eine Scheidewand.“ Die drei Perlen, die dann folgten, waren ganz besondere: Wir beteten, indem wir sie berühren, je ein „Schwermütiges Sinnen / Wiegt flüsternd mich ein, / Mein Herz zu umspinnen / Im scheidenden Schein“. Fügten aber nach dem Wort „Schein“ gerne noch etwas dazu. Bei der ersten Perle war das vielleicht ein „Fremde Träume“, bei der zweiten Perle ein „Rotflimmernd und weich“ und bei der dritten Perle eventuell zusammenfasend „Endlos durch die Räume / Ziehn sonnengleich / Die Träume über das Reich / Der Heiden und Bäume“. Es folgte dann vor der ersten Perle der zusammenhängenden Kette gerne das „Herbstlied“ von Paul Verlaine und dann sein „Nevermore“. Dies galt auch für die vier weiteren, etwas größeren Perlen des Rosenkranzes. Nach jeder großen Perle folgten für die Mutter zehn „Zu Gott hin dringe deines Lieds verjüngter Klang, / Lass, heis’re Orgel, das Tedeum mächtig tönen“.

Das liebte ich. Je zehn Perlen des mütterlichen Rosenkranzes bildeten ein Gesätz. In einem Gesätz sprachen wir jedes Mal zusammen „Mein weltentrückter Traum ward Wahrheit, es umschlingt / Mein froher Arm das Glück, den Fremdling, leicht beschwingt.“ Wie herrlich war das denn? Oja – dies waren die „Geheimnisse“ des freudenreichen, des lichtreichen, des schmerzhaften, die glorreichen, zugleich aber auch die sehr wankelmütigen Geheimnisse des Rosenkranzes der Mutter.

Einer Mutter, die immer so gerne für mich sang: „Gedanken, Haupt und Herz umspielt vom Abendwind. / Der nächt’ge Hauch zerreisst der Wolken grau Gewimmel / Und kupfern segeln sie, zerstreut im toten Himmel, / Und eines Heil’gen Haupt trifft an dem Domportal / Mit rotem Kuss der Abendsonne letzter Strahl.“ Ich höre sie noch heute. Immer wieder. So hatte sie mir Paul Verlaine und die Kunst ans Herz gelegt. Ich hörte und liebte beides. Auch heute noch. Immer wieder.