Tollkühn in ihrer Unentschlossenheit

„Carmen begleitete mich ein Stück, und verließ mich… Man hatte mich gewarnt, sie sei nur eins jener leichten Mädchen, von denen es, je näher man dem Meer komme, viele gebe, mehr als Möwen. Nun war das nichts, was mir Kopfzerbrechen bereitete… Sie litt unter Langeweile wie andere unter Wahnsinn… Mein Paradies ist die Geschichte ihrer Sünden… Gott suchte ein Geheimnis… die Hölle aus puren Fleisch… Und Gott erschuf das Web. Ich liebe ihn für die Idee, die Schöpfung zu vollenden mit etwas, das er selbst nicht verstand.“ (Wolf Wondratschek; aus: „Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre“)

Cä-ci-li-a / famu-la tu-a / Do-mi-ne / qua-si a-pis ti-bi ar-gu-men-to-sa de-servit

Cäcilia + Deine Dienerin + dient Dir + o Herr + wie eine emsige Biene + Denk Dir doch, wie schön das wird, ich kanns genügend kaum erläutern / Wenn sie uns aufs offene Meer zusammen mit den Hummern schleudern!

(Alles eine große Lüge!? Ja, sicher. Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich aber nicht schweigen. Nein! Darüber kann ich ein Bild malen. Auch das eine Lüge. Das Bild ist nicht wahrer als die Sprache. Ein Bild macht mich verwundbarer; ich will ihm sofort glauben, bringe ihm nicht das Misstrauen entgegen, dass ich bei der Sprache habe, die erst behaupten muss: was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das glaube ich nie und nimmer. Meine Bilder sind beredt. Sie erzählen indes nicht von Worten, sie erzählen von Taten.)

„Oh how Shakespeare would have loved cinema!“

Derek Jarman (1942 – 1994). Sein Film „Blue“ ist wie Wittgensteins „Tractatus“ reinste Poesie. Ein Wechselspiel von vier Stimmen. Sein Text springt zwischen erschreckenden Banalitäten wie den 47 Nebenwirkungen, die der Beipackzettel eines Medikaments nennt, und einem hochtönenden Gesang, der sich z.B. in Jarmans ganzem Werk vernehmen lässt, hin und her. Außerdem gibt es im langsamen Schwinden des Blickfeldes die verzweifelte Bitte, vom Bilde erlöst zu werden. Das ist es, was in diesem Film passiert: Von dem Moment an, wo das grelle Licht der Augenuntersuchung das Blau eines leeren Himmels als Nachempfindung hinterlässt, löst sich die Welt auf…

„Dear William Shakespeare. I am a 14 year old and I’m queer like you. I’m learning art. I wanted to be a queer artist like Leonardo or Michelangelo. But I like Francis Bacon best I read Alan Ginsberg, Rimbaud. I like Tchaikovsky, if I make films I will make them like Eisenstein, Murnau, Pasolini, Visconti. Love from Derek.“

Mutter mit Kind

Novalis behauptet, dass Sprache sich einzig und allein um sich selber kümmert. Jegliches Gespräch drehe sich nicht um Dinge und irgendwelche Ereignisse. Vielmehr sei das Eigentümliche der Sprache das Selbstspielerische. Die Sprache spielt ein Spiel, in dem sie ihre Möglichkeiten erkundet und somit zugleich die unterschiedlichsten Geschichten dieses einen Spiels. Novalis billigt der Sprache eine schöpferische Freiheit zu, eine Macht, die sich dem Menschen aufdrängen kann. Wenn dieser ein Herz dafür hat. Novalis nennt dies die Selbstentbergung des Seins. Der Sprechende müsse sich seiner inneren Natur stellen. Und er müsse begreifen, dass jeder von uns etwas Albernes sagt, wenn man etwas ganz bestimmtes und spezielles sagen möchte. So würde niemals Poesie entstehen. Sprache, ihr eigentliches Wesen, so der Dichter weiter, sei „geheim… aber gleichzeitig im höchsten Maße…fruchtbar.“

So interpretiert es auch Ernesto Grassi in „Kunst und Mythos“, bei dem ich die Ausführungen von und zu Novalis finde. „Darum… wenn einer  bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht.“ (Novalis) „Staunenswert“ sei die Sprache, die spielt. Genau. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich staune ebenfalls. Und finde das wundervoll. Ich erfreue mich an diesen Gedankengängen, sehe ich doch auch einen Schlüssel zu meinem eigenen Werk, zu meiner Kunst, in ihnen verborgen. Sprechen, um zu sprechen. Malen, um zu malen. Bilder, um der Bilder willen. Göttliches Gestammel & göttliches Gekritzel… Technische Raffinesse war noch nie die Quelle der Kunst. Sondern Begeisterung und Besessenheit.

Auch diese Überzeugungen finde ich bei Ernesto Grassi. Dichter – ich möchte ab hier vom Künstler reden, schaffen ihre Werke „im Zustand des Außer-sich-Seins“. Sie schöpfen aus „honigströmenden Quellen“. Nur in einem Zustand der Bewusstlosigkeit sei der Künstler fähig überhaupt tätig zu werden. In-spiration und Ein-gebung, darum gehe es. Grassi spricht von einem Wahn, der den Künstler erfasst haben muss, um seine Schöpfungen zu vollbringen. Würde dieser Wahn verschwinden, verstünde der Künstler selber nicht mehr, was er da vollbracht habe. Wie wahr, wie wahr, denke ich. Schon sehe ich mich in einer Talkshow sitzen und all das oben Beschriebene zum Besten geben. Das Publikum wird sich wälzen vor Vergnügen. Entweder weil es Vorurteile bestätigt bekommt oder auch, weil es nichts, aber auch gar nichts versteht. Was ich verstehen kann. Denn wie sagte der eingangs erwähnte Novalis: „Das Gespräch, es ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, dass die Leute meinen, sie sprechen um der Dinge willen…“

Kunst entsteht laut Grassi nicht aus Wissen. Vielmehr aus Gespanntsein. Wie auch Aufmerksamkeit, das bedeutet einem nach-etwas-trachten. Und dieses Trachten sei nur möglich, wenn eine Spannung vorherrsche. Grassi geht noch weiter und spricht von einer absichtslosen Gespanntheit. Vergleichbar dem Zen, wenn dieser Vergleich akzeptabel ist. Wie dem auch sei: ich finde in der Lektüre die Definition einer Gelassenheit, die mich aufhorchen lässt. „Solche Gelassenheit“ heißt es im Text „führt vom Individuum-Sein zum ursprünglichen, unableitbaren Sein.“ Eine Aussage, die mich zu meinen „Mutter mit Kind“-Bildern treibt. Meine Kunst, so möchte ich es gerne formulieren, verwandelt sich in ihnen vom Individuum-Mutti hin zum ursprünglichen, unableitbaren Mutter-Sein. Das schreibe ich, um es zu schreiben. Danach möchte und werde ich alles wieder vergessen. Wenn ich Glück habe, dann weiß ich vielleicht noch „von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt…“

„das gibt’s net“

Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! / Spann’ Deine weiten, sanften Flügel aus / und leg’s auf meine Fieberaugen! / Bitte, hol‘ mich weg von da! / Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein, / in a neue Zeit, in a neue Welt. / Und ich werd‘ singen, ich werd‘ lachen, / ich werd‘ „das gibt’s net“, schrei’n, / weil ich werd‘ auf einmal kapieren / worum sich alles dreht. (Tim Fischer)

Es geht in meinen Bilder um Liebe. Um Trauerverarbeitung. Ich kann und ich will es nicht anders haben, möchte es zulassen, möchte es fühlen. Und freue mich, wenn ich dann zum Beispiel von meinem Freund Volker Belghaus höre: „… bin Deinem Link zum Blog gefolgt, habe mit einem Kloß im Hals, aber zunehmend mit einem kleinen Lächeln gelesen – einfach, weil das so traurig ist, aber auch alles so sehr Du, so detlefbachig und so angemessen ist, das zu verarbeiten und damit umzugehen.“ Danke für all die tröstenden Worte. Ich werd‘ wieder singen, ich werd‘ wieder lachen! Ich weiß, worum sich alles dreht.

Die liebende Mutter

Die liebende Mutter bringt ihrem Kind das Laufen bei. Sie ist gerade so weit von ihm entfernt, dass sie es nicht mehr halten kann. Sie streckt ihre Arme aus; ihr Gesicht wirkt ermutigend. Das Kind strebt ständig nach einer Zuflucht in Mamas Armen, ohne auch nur zu ahnen, dass es im gleichen Augenblick den Beweis erbringt, dass es auch ohne sie aus kommt. Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller.

Stimmt. Das Kind kommt ohne Mutti aus. Aber es tut mir weh.

Irritierende Leidenschaft

Es gibt irritierende Ereignisse, die ein Mittel sind, zu irritieren, wie zum Beispiel die Ereignisse zwischen zwei Ereignissen und Ereignisse, die solche irritierende Ereignisse erkennen lassen. (Thomas Bernhard)

Ebenso gibt es irritierende Bilder, die ein Mittel sind, zu irritieren.

Zum Tode von Stan Lee

Stan Lee revolutionierte die Comic-Welt durch seine komplexen Charaktere. Und ich verdanke ihm unzählige Bilder und Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Vor Egon Schiele, vor Wassily Kandinsky, vor Friedrich Hölderlin gab es für mich Reed Richards, Charles Xavier und Bruce Banner. Am 12.November starb Stan Lee, der Dostojewskij der Comic-Literatur im Alter von 95 Jahren in Los Angeles. R.I.P.

 

Mein Wahn & Sinn

Worte sind nichts als kleine, missverstandene Leben. Und ich frage Sie, wird ihr Klang, das Hörbare, überhaupt in Bildern sichtbar? Na, was meinen Sie? Sie, als Künstler?

Wer bin ich, dass…? Ich bin ein Kind. In einem Spielzimmer. Auf einem Karussell… Und dann und wann, Sie wissen schon, ein weißer Elefant. Oder ein Löwe. Er hat einen tiefen Riss im Rücken. An seinen prächtigen Tatzen blättert die goldene Farbe ab. Ein Schmetterling hat längst einen seiner Flügel eingebüsst. Und das Nilpferd im rosa Tutu knarzt, wenn ich mich auf es setze. Mein geliebtes Kinder-Karussell, an dem die Tiere mit Eisenstangen befestigt sind, ist mehr als viele 100 Jahre alt. Und es geht hin und eilt sich, dass es endet, und kreist und dreht sich und hat nur ein Ziel… meinem Glück hinterher.

 

Entblößungen, Wiederholungen und Pietās

Es wird ihm keine Mühe gemacht haben, die Pietà in einem Block aus Carrara zu erblicken. Beim wegmeißeln der störenden Marmorteile wird Michelangelo jedoch mit Sicherheit geschwitzt haben. Wer aber schnitzte später dieses schicke Holzhäuschen?

Die Welt ist eine Zumutung. Behauptet jedenfalls Wilhelm Genazino. Und er fragt sich: „Könnte ich Schriftsteller sein, wenn außer mir niemand wüsste, dass ich Schriftsteller bin? Und: Könnte ich Schriftsteller sein, wenn meine Bücher zwar geschrieben, aber nicht verlegt würden? (Ich selber könnte hier fragen, ob ich mich Künstler nennen darf, wenn mein Marktwert gleich gegen null geht?) Der Erfolg ist eine Art Betäubung, die dazu führt, dass sich der Erfolgreiche kaum noch für seinen Erfolg interessiert. Der Erfolgreiche hält seinen Erfolg für ein Naturereignis, das nicht ausbleiben konnte. Am Ende bleiben beide, der Erfolgreiche und der Erfolglose, auf ihren Rätseln sitzen…“

„Der erwachsene Mensch, ein Wesen mit Gedächtnis, Bewusstsein und Biographie, kann kaum ein Scheitern vergessen; im Gegenteil, es macht aus jedem einzelnen Misserfolg ein bleibendes inneres Vorkommnis… Wir können unser Scheitern nicht ausdrücken und nicht kommunizieren; schlimmer ist: Wir verheimlichen es sogar vor uns selbst. Ich bin es gewohnt, im Scheitern weiterzumachen…“

„Von Samuel Beckett stammt der Satz: Künstler sein heißt scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt. Der Satz dringt zum Kern des Problems vor, weil der Künstler oft sein ganzes Leben lang die Nähe zum scheiternden Existieren aushält. Anders gesagt: Der Künstler kann mit Scheitern nicht aufhören… Jeder Fehlschlag, der uns vorübergehend aus dem Tritt bringt, stößt uns in ein inneres Warten hinein, in dem wir nicht nur erschrecken, sondern auch – zu denken anfangen. Wer scheitert, schaut zurück, und wer zurückschaut, sinnt nach… Jeder Schriftsteller (= Künstler) ist ein Amateur seiner selbst; ein Amateur seiner Lebensführung und seiner (bloß vermuteten) Fähigkeiten… Dabei wird nicht klar, ob (seine) Werke eine Entblößung, eine Verausgabung, eine Selbstverzehrung oder eine Opferung sind oder sein wollen.“

Vielleicht sind die Werke jedes Künstler nichts weiter als Erinnerungen, so frage ich mich.

Genazino gibt zu bedenken: „Erinnerungen ähneln einem Fotoalbum, das stets die gleichen Bilder zeigt.“ Sind die Erinnerungen an unsere Welt am Ende nicht zugleich auch „Trugbilder“, die aus solch unendlichen Wiederholungen bestehen und die Ordnung unseres gesunden Menschenverstands unterlaufen? Und wäre dies nicht tatsächlich eine ungeheure Zumutung? Ich weiß es nicht.

Ich bin allerdings von etwas zutiefst überzeugt: Alles ist real. Nur die Welt ist es nicht.