Irritierende Leidenschaft

Es gibt irritierende Ereignisse, die ein Mittel sind, zu irritieren, wie zum Beispiel die Ereignisse zwischen zwei Ereignissen und Ereignisse, die solche irritierende Ereignisse erkennen lassen. (Thomas Bernhard)

Ebenso gibt es irritierende Bilder, die ein Mittel sind, zu irritieren.

Zum Tode von Stan Lee

Stan Lee revolutionierte die Comic-Welt durch seine komplexen Charaktere. Und ich verdanke ihm unzählige Bilder und Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Vor Egon Schiele, vor Wassily Kandinsky, vor Friedrich Hölderlin gab es für mich Reed Richards, Charles Xavier und Bruce Banner. Am 12.November starb Stan Lee, der Dostojewskij der Comic-Literatur im Alter von 95 Jahren in Los Angeles. R.I.P.

 

Mein Wahn & Sinn

Worte sind nichts als kleine, missverstandene Leben. Und ich frage Sie, wird ihr Klang, das Hörbare, überhaupt in Bildern sichtbar? Na, was meinen Sie? Sie, als Künstler?

Wer bin ich, dass…? Ich bin ein Kind. In einem Spielzimmer. Auf einem Karussell… Und dann und wann, Sie wissen schon, ein weißer Elefant. Oder ein Löwe. Er hat einen tiefen Riss im Rücken. An seinen prächtigen Tatzen blättert die goldene Farbe ab. Ein Schmetterling hat längst einen seiner Flügel eingebüsst. Und das Nilpferd im rosa Tutu knarzt, wenn ich mich auf es setze. Mein geliebtes Kinder-Karussell, an dem die Tiere mit Eisenstangen befestigt sind, ist mehr als viele 100 Jahre alt. Und es geht hin und eilt sich, dass es endet, und kreist und dreht sich und hat nur ein Ziel… meinem Glück hinterher.

 

Entblößungen, Wiederholungen und Pietās

Es wird ihm keine Mühe gemacht haben, die Pietà in einem Block aus Carrara zu erblicken. Beim wegmeißeln der störenden Marmorteile wird Michelangelo jedoch mit Sicherheit geschwitzt haben. Wer aber schnitzte später dieses schicke Holzhäuschen?

Die Welt ist eine Zumutung. Behauptet jedenfalls Wilhelm Genazino. Und er fragt sich: „Könnte ich Schriftsteller sein, wenn außer mir niemand wüsste, dass ich Schriftsteller bin? Und: Könnte ich Schriftsteller sein, wenn meine Bücher zwar geschrieben, aber nicht verlegt würden? (Ich selber könnte hier fragen, ob ich mich Künstler nennen darf, wenn mein Marktwert gleich gegen null geht?) Der Erfolg ist eine Art Betäubung, die dazu führt, dass sich der Erfolgreiche kaum noch für seinen Erfolg interessiert. Der Erfolgreiche hält seinen Erfolg für ein Naturereignis, das nicht ausbleiben konnte. Am Ende bleiben beide, der Erfolgreiche und der Erfolglose, auf ihren Rätseln sitzen…“

„Der erwachsene Mensch, ein Wesen mit Gedächtnis, Bewusstsein und Biographie, kann kaum ein Scheitern vergessen; im Gegenteil, es macht aus jedem einzelnen Misserfolg ein bleibendes inneres Vorkommnis… Wir können unser Scheitern nicht ausdrücken und nicht kommunizieren; schlimmer ist: Wir verheimlichen es sogar vor uns selbst. Ich bin es gewohnt, im Scheitern weiterzumachen…“

„Von Samuel Beckett stammt der Satz: Künstler sein heißt scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt. Der Satz dringt zum Kern des Problems vor, weil der Künstler oft sein ganzes Leben lang die Nähe zum scheiternden Existieren aushält. Anders gesagt: Der Künstler kann mit Scheitern nicht aufhören… Jeder Fehlschlag, der uns vorübergehend aus dem Tritt bringt, stößt uns in ein inneres Warten hinein, in dem wir nicht nur erschrecken, sondern auch – zu denken anfangen. Wer scheitert, schaut zurück, und wer zurückschaut, sinnt nach… Jeder Schriftsteller (= Künstler) ist ein Amateur seiner selbst; ein Amateur seiner Lebensführung und seiner (bloß vermuteten) Fähigkeiten… Dabei wird nicht klar, ob (seine) Werke eine Entblößung, eine Verausgabung, eine Selbstverzehrung oder eine Opferung sind oder sein wollen.“

Vielleicht sind die Werke jedes Künstler nichts weiter als Erinnerungen, so frage ich mich.

Genazino gibt zu bedenken: „Erinnerungen ähneln einem Fotoalbum, das stets die gleichen Bilder zeigt.“ Sind die Erinnerungen an unsere Welt am Ende nicht zugleich auch „Trugbilder“, die aus solch unendlichen Wiederholungen bestehen und die Ordnung unseres gesunden Menschenverstands unterlaufen? Und wäre dies nicht tatsächlich eine ungeheure Zumutung? Ich weiß es nicht.

Ich bin allerdings von etwas zutiefst überzeugt: Alles ist real. Nur die Welt ist es nicht.

Brustbeerensaft: Woraus der wohl gemacht wird?

Brustbeerensaft aus Leidenschaft hergestellt, aus einem emotionalem, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Verhalten und Verlangen heraus, einem äußernden Gemütszustand, aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt, ein Ziel verfolgt wird, eine dämonische, eine schöpferische, eine blinde Leidenschaft… aus Liebe zu „Der Frau des Federmachers“ heraus… & aus Liebe zu einem ganz besonderen Menschen; Du gleichst der Welt, so weit und willig, wie du dich mir immer wieder hingibst. Leib meines Weibes. Du.

„Melencolia“ (nach Dürer)

…ein zauberhafter Sommer neigt sich allmählich dem Ende zu. Fast könnte ich trübsinnig werden. Aber ich sehe stattdessen eine hoffende und strebende, eine suchende Melancholie vor mir, die mich mit Freude erfüllt. Sie zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen.

Schrei der Stille (Reprise)

„I am what I am // I am my own special creation // So come take look // Give me the hook or the ovation.“ Mit anderen Worten: „Ich hasse die farblose Feinheit // Erklügelter Nervenkultur. // Ich liebe die bunte Gemeinheit // der schamlosen, nackten Kultur.“  Aber was soll das alles? Sind Worte am Ende nicht doch völlig unwirklich, gerade wenn es um Bilder geht? Das ganze Expertenwissen also nur ein spinnertes Gewebe aus Sprache? Nein, Worte „sind die Schritte im Nebenzimmer // die Vögel die zurückkehren // der Baum…der uns beschützt.“ Und in seinen Zweigen hängen meine Bilder. (Gloria Gaynor, Alfred Lichtenstein, Octavio Paz und ich)

Über die barocke Entspanntheit der Träumenden

Kunst blüht hinter dem Ur-Grund der Welt. Im Verrücken der Dinge wird die Welt enträumlicht: der gesicherte Raum sich auf, gibt keinen Halt mehr. Wir werden ver-rückt. Ich werde verrückt, Damit ich ruhen möge; denn süss Wär´ unter Schatten der Schlummer. Mein durchsichtiges Segel bläht sich und treibt mich über den Horizont weit hinaus.

Geborgtes Land.

Manchmal denke ich bei mir, ich bin gar nicht zwischen zwei Schenkeln zur Welt gekommen, sondern zwischen zwei Buchseiten. Kurz nach meiner Geburt, in der sogenannten sensiblen Phase, wurde ich auf das geprägt, was ich zuerst sah. In der Regel sind das ja bekanntlich die Eltern. Wenn man aber zwischen Buchseiten zur Welt kommt, dann ist es eben die Schrift-Sprache. Schriften, genauer gesagt deren ganz spezielle Anmutung, erkannte ich sofort. Sie richtig unterscheiden und zu deuten, sie sinnvoll zu interpretieren, das konnte ich erst nach etlichen Jahren des Studiums. Seitdem gehört indes jedes treffende Wort, mag es kommen von wem es will, zu mir, so wie mein Name. Bilder, Zeichnungen, Collagen, die traurigerweise nicht vom Reden begleitet werden können, verlieren, so finde ich, einen bedeutenden Teil ihres Offenbarungscharakters.

Aber keine Sorge, ich begleite meine Arbeiten durch die Sprache stets nach Hause. Über geborgtes verwitterndes Land immer nach Hause.