Versteckspiel-Pietà

Maskenschichten auf einem einzigen Antlitz / Urgebirge Primärformation Sekundärformation des Ausdrucks / Tertiär und so weiter / Der große Karneval im Gesicht / Nur die Seismographen der Augen könnten / Das ferne Trauerbeben notieren / Nur die Lippenküste könnte / Die weißen Hochwasser der fröhlichen Meere auffangen / Nur vom Aussichtsturm der Nase wäre es möglich / Die maskierten Umzüge der Frauenparfüms zu betrachten / Jedoch / Maskenschicht bedecken das Antlitz /… Warten wir bis Mitternacht

(Gedicht: „Etwas für Geologen“ von Zdena Holubova)

Legende

Eine Legende ist u.a. eine kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder auch das Martyrium von Heiligen…

In meinem Fall bedeutet das…

Den Bildern eine Stimme geben

Als Künstler zeige ich meine Wunden. Das bedeutet ich zeichne/male/schreibe mein Innerstes auf. In einem winzigen Atelier der Stille, der Zurückgezogenheit, das man nur tief in einem kleinen provinziellen Wald von paradiesischer Traurigkeit finden kann… will sagen:

Poesie ist die allerhöchste Stufe der Freiheit. Und Kunst, denke ich, stellt eine Form dieser Poesie da. Meine Kunst beinhaltet also auch, dass ich den Bildern eine Sprache gebe. Jeder Mensch verkümmert, wenn er sich nicht mitteilen kann. Bei Bildern ist es ähnlich. Wenn ihnen niemand mehr richtig zuhört, dann verkümmern sie. Und wer ihre Sprache nicht aufschreibt, der nicht an ihre Sprache glaubt, der ihnen ihre Sprache verweigert, dieser Mensch wäre und bliebe … kümmerlich.

„Es hat mich so gefreut, in dem Raum zu spüren, von was für unterschiedlichen Menschen Sie geschätzt werden. Und die Aufmerksamkeit war großartig, der Beifall für Sie kam aus tiefstem Herzen aller Anwesenden. Denn Sie haben uns auf vielen Ebenen angesprochen, haben sozusagen alle Saiten Ihres Instruments gleichmäßig zum Klingen gebracht…

Ich mag besonders, wie Sie es schaffen, einen Geist von Leichtigkeit zu erzeugen, der aber nichts von Banalität an sich hat. Immer wieder großartig!“ So schrieb mir Wolfgang Ullrich (stellvertretend auch für andere Zuhörer, will ich meinen).

Und ich verneige mich nun, bin gerührt. 5 Tage, 5 Bilder, 5 Lesungen liegen hinter mir. Es waren ganz, ganz tolle Abende mit ganz, ganz tollen Freunden. Danke an alle, die mich diese fünf Tage begleitet haben.

… denn Leben, sagte mal jemand, sei das Spiegelbild einer leidenden Seele. Das stimmt wohl. Mein ganzes künstlerisches Werk ist das Spiegelbild einer leidenden Seele; zugleich aber auch einer lachenden, einer weinenden und einer liebenden Seele. Genauso ist es: Mein Werk ist einzig und allein Zeugnis meiner Autorenschaft an meiner ganz eigenen Biografie. Die Welt kann ich nicht verändern. Aber ich verändere mich tagtäglich durch meine Bilder. Meiner ewigen Frage „Wer bin ich?“ stellen mir meine Bilder augenscheinlich die Frage gegenüber „Wer willst du sein?“ Und ich antworte dann klar und deutlich: „ Ich will Ich sein.“

„Ich kann nur sagen: Regelmäßige Gäste wurden belohnt! Damit, dass sie bemerken konnten, wie kunstvoll die einzelnen Reden aufeinander bezogen sind, wie Sie mit Leitmotiven arbeiten, mit Resonanzen, mit Anspielungen auf an einem früheren Abend Gesagtes.“ (noch einmal Wolfgang Ullrich)

Den Bildern eine Sprache geben…

Die Sprache meiner Bilder malt Spuren auf eine Haut aus Leinwand, sie funkelt wie Glühwürmchen, die ein unterirdisches Universum aufleuchten lassen, sie vermehren ihre eigene Unendlichkeit. Sie sind Bernstein und Sonne. Sie sind Wellen, die an der Küste meiner Seele sich brechen. Sie übernachten in kleinen Schächtelchen, umschwirren das Licht der Nacht, sie flüsternd, seufzen, stöhnen mir zu, ins innere Ohr. Die Bilder sind Auswüchse einer Tragödie, eine Wunde am Himmel quer. Das inspiriert mich… wie wenn die Sonne ihre Lippen öffnet. Die Sterne klopfen an meine Tür, die Sonne kommt zum Tee vorbei, der Mond bleibt über Nacht… wenn die Bilder es sagen.

Und Vorhang. Alle ab.

Die Liebenden (Venus & Adonis)

Mit Purpurantlitz, eilt‘ Adonis schon, / Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;  / Jagd liebt‘ er, doch der Liebe lacht‘ er Hohn. Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen / Und wirbt um ihn, wie kecke Werber pflegen. »Du, dreimal schöner, als ich selbst,« begann / Die Liebliche (Venus) mit buhlerischem Kosen, / »Süß über alles, holder als ein Mann, / Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen; / Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet, / Sagt die Natur, dass mit dir alles endet…“  Er (Adonis) drückt die Nas‘ ihr, gibt ihr Backenschläge, / Krümmt ihre Finger, ruft: »o woll‘ erwachen!« / Reibt ihre Lippen, sinnt auf tausend Wege, / Was er verdorben, wieder gut zu machen; / Küsst sie – und sie, geschäh‘ nur ihr Gelüste, / Erhöbe nie sich, dass er immer küsste…

verhalten verzichten drücken unterwerfen hinnehmen verdrängen betäuben schmerz unempfindlich machen

Mein Bild

…den phantomen enthoben von denen wir umgeben sind… dem digitalen morphing und dem photoshop die bloss noch bilder produzieren die keinem körper mehr gehören imaginäre unsterblichkeiten mit denen wir diese feige sterbensangst wie einen lautlos in der glasglocke hallenden schrei anästhetisieren… (aus: „ERSTE ERDE EPOS“; Raoul Schrott)

Kunst=Reflexionen

…will sagen …“Sun sun sun / Burn burn burn / MOON, MOON, MOON / I will get you…“ denn was bedeutet mir Kunst anderes als solche schlaglichtartigen, fast irren Betrachtungen/Beschreibungen über die Bedingungen des Menschseins… „Some outlaws lived by the side of the lake / The minister’s daughter’s in love with the snake / Who lives in a well by the side of the road / Wake up, girl! We’re almost home / We should see the gates by mornin’ / We should be inside by evening / I am the lizard king / I can do anything*“… = KUNST

(* Jim Morrison)

Mein Paradies

Angeblich haben wir Menschen das Paradies verloren. Und viele von uns sehnen sich danach. Tag für Tag. Unsere Vorstellungen vom Paradies sind schon in allen Völkern des Altertums vorhanden, wenn auch nur als eine vage Erinnerung an das, was der Mensch einmal besaß. Das Wort Paradies stammt, ich hab nachgeschaut, aus dem Avestischen oder Altpersischen und ist ins Griechische und unsere europäischen Sprachen übernommen worden. Er hat die Bedeutung eines abgeschlossenen Gartens. Nun, wenn das so ist, dann kenne ich das Paradies. Will sagen: dann kenne ich mein Paradies. Es schenkt mir Wonne. Tag für Tag. Mein Paradies, es ist ein zauberhafter Nutz- und Ziergarten. Angelegt mitten in meinem Atelier. Friedrich Nietzsche schrieb: „Der Mensch ist inmitten der Natur immer das Kind an sich. Dies Kind träumt wohl einmal einen schweren beängstigenden Traum, wenn es aber die Augen aufschlägt, so sieht es sich immer wieder im Paradiese.“ Er hat so recht.