Kultur ist nicht, was man sich an die Wand hängt.

Heute las ich folgendes Zitat: „Jede Wunde hat ihr eignes Blut.“ Die Worte von Stefan Schütz berührten mich sehr. Dann fiel mein Blick auf ein Bild, das ich vor einiger Zeit angefertigt hatte…

Düstere Träume. Zerschnittene Seelen. Die verwirrende Vielfalt der Welt. Die Gedichte eines melancholischen Sanguinikers. Nichts, was man sich an die Wand hängen möchte. Aber die Unverkäuflichkeit solcher Wunden erscheint mir, wenn ich ehrlich bin, fast als ein schönes Privileg und Auszeichnung.

Was dagegen gefällt, sieht man beim Stil- und Luxusmagazin „Deluxe – Alles was Spaß macht.“ Dort ist der Name Programm: Es dreht sich alles nur noch um die exquisiten Dinge, die das Leben schöner machen: My crib, my cars, my clothes, my jewels / Look, I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (Yeah, yeah)…

Jede Wunde hat ihr eigenes Blut. Ich bin zufrieden mit meiner.

Ein Bild meiner unerforschten Zeit

Wo wird unsere Lebenszeit aufbewahrt? In einem kleinen Tresors, der künstlerisch gestaltet ist? In älteren Kirchengesprächen, heißt es, sie sei in den Altaraufbau eingelassen. In neueren Kirchenworten weht die Zeit oft frei über einer Stele. Manchmal ist für die Zeit andernorts auch ein eigener Nebenraum vorgesehen, ein Ort der Stille und der Anbetung. Manchmal steht dort ein Bild? Ein Bild über Handreichung. Ein Bild über einem Totenbett. Ein Bild, das sich selber malt.

Beim Prüfen von Bildern

„Beim Prüfen von Bildern: können sie der Einwirkung von Schatten standhalten?“, fragt John Cage. Und Sylvia Plath antwortet ihm ohne zu zögern: „Sterben ist eine Kunst, wie alles andere auch. Ich kann es besonders gut.“ O, Seele, denke ich, was wiegst du? Am Ende waren es nur cirka 30 Kilo. Nicht mehr. Ein Lufthauch nahm dich hinfort… Zurück bleiben Spuren von Farben und Formen, die uns immer an dich erinnern werden, Jana.

Der Flüsterton meines Blutes

Die Nacht denkt in Bildern. Der Tag denkt in Wörtern. An beiden Orten ahne ⎨⎬ fühle ich mich zu Hause. Geborgen? Zu Gast? Wer lud mich ein? An beiden Orten schau ich mich um, entdecke, erfreue mich, bin verwundert. Lausche. Wer kommt? „Wer da?,“ rufe ich. Stille. Mein Blut antwortet mir im Flüsterton.

Entblößungen, Wiederholungen und Pietās

Es wird ihm keine Mühe gemacht haben, die Pietà in einem Block aus Carrara zu erblicken. Beim wegmeißeln der störenden Marmorteile wird Michelangelo jedoch mit Sicherheit geschwitzt haben. Wer aber schnitzte später dieses schicke Holzhäuschen?

Die Welt ist eine Zumutung. Behauptet jedenfalls Wilhelm Genazino. Und er fragt sich: „Könnte ich Schriftsteller sein, wenn außer mir niemand wüsste, dass ich Schriftsteller bin? Und: Könnte ich Schriftsteller sein, wenn meine Bücher zwar geschrieben, aber nicht verlegt würden? (Ich selber könnte hier fragen, ob ich mich Künstler nennen darf, wenn mein Marktwert gleich gegen null geht?) Der Erfolg ist eine Art Betäubung, die dazu führt, dass sich der Erfolgreiche kaum noch für seinen Erfolg interessiert. Der Erfolgreiche hält seinen Erfolg für ein Naturereignis, das nicht ausbleiben konnte. Am Ende bleiben beide, der Erfolgreiche und der Erfolglose, auf ihren Rätseln sitzen…“

„Der erwachsene Mensch, ein Wesen mit Gedächtnis, Bewusstsein und Biographie, kann kaum ein Scheitern vergessen; im Gegenteil, es macht aus jedem einzelnen Misserfolg ein bleibendes inneres Vorkommnis… Wir können unser Scheitern nicht ausdrücken und nicht kommunizieren; schlimmer ist: Wir verheimlichen es sogar vor uns selbst. Ich bin es gewohnt, im Scheitern weiterzumachen…“

„Von Samuel Beckett stammt der Satz: Künstler sein heißt scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt. Der Satz dringt zum Kern des Problems vor, weil der Künstler oft sein ganzes Leben lang die Nähe zum scheiternden Existieren aushält. Anders gesagt: Der Künstler kann mit Scheitern nicht aufhören… Jeder Fehlschlag, der uns vorübergehend aus dem Tritt bringt, stößt uns in ein inneres Warten hinein, in dem wir nicht nur erschrecken, sondern auch – zu denken anfangen. Wer scheitert, schaut zurück, und wer zurückschaut, sinnt nach… Jeder Schriftsteller (= Künstler) ist ein Amateur seiner selbst; ein Amateur seiner Lebensführung und seiner (bloß vermuteten) Fähigkeiten… Dabei wird nicht klar, ob (seine) Werke eine Entblößung, eine Verausgabung, eine Selbstverzehrung oder eine Opferung sind oder sein wollen.“

Vielleicht sind die Werke jedes Künstler nichts weiter als Erinnerungen, so frage ich mich.

Genazino gibt zu bedenken: „Erinnerungen ähneln einem Fotoalbum, das stets die gleichen Bilder zeigt.“ Sind die Erinnerungen an unsere Welt am Ende nicht zugleich auch „Trugbilder“, die aus solch unendlichen Wiederholungen bestehen und die Ordnung unseres gesunden Menschenverstands unterlaufen? Und wäre dies nicht tatsächlich eine ungeheure Zumutung? Ich weiß es nicht.

Ich bin allerdings von etwas zutiefst überzeugt: Alles ist real. Nur die Welt ist es nicht.

Madonna hinter den Spiegeln

Ein Zeichen ist etwas, was für etwas anderes steht. Prüfe ich also mal nach, was der Spiegel mir wahrhaftig zeigt:

Es ist mit Sicherheit richtig, dass wir offensichtlich nicht nur allein verschiedene Identitäten besitzen, sondern dass wir auch ganz unterschiedliche Vorstellungen von diesem Begriff haben. Was bedeutet es eigentlich eine eigene Identität zu haben? Können zum Beispiel Bild und Wort nicht eine Identität sein? Unsere subjektive, aber auch unsere kulturelle Identität, so kann man sagen, stehen doch immer auch in einem Widerspruch zueinander. Mit anderen Worten: unsere IDENTITÄT ist ein umkämpfter Begriff. Tagtäglich. Das Bild, wie auch das Wort, ist das stets Kämpfende, das Umkämpfte und zugleich der Kampfplatz. Und mein Ich ist nichts weniger und anderes als Bild und Wort. Es gibt hier keine Spaltung, eher etwas Janusköpfiges. Kein Betrachter kann Bild und Wort zur gleichen Zeit wahrnehmen. Und doch ist dieses besondere und zweite Gesicht immer zugegen. Selbst wenn ich es nicht sehe, so gibt es doch seine Gegenwart.