Cä-ci-li-a / famu-la tu-a / Do-mi-ne / qua-si a-pis ti-bi ar-gu-men-to-sa de-servit

Cäcilia + Deine Dienerin + dient Dir + o Herr + wie eine emsige Biene + Denk Dir doch, wie schön das wird, ich kanns genügend kaum erläutern / Wenn sie uns aufs offene Meer zusammen mit den Hummern schleudern!

(Alles eine große Lüge!? Ja, sicher. Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich aber nicht schweigen. Nein! Darüber kann ich ein Bild malen. Auch das eine Lüge. Das Bild ist nicht wahrer als die Sprache. Ein Bild macht mich verwundbarer; ich will ihm sofort glauben, bringe ihm nicht das Misstrauen entgegen, dass ich bei der Sprache habe, die erst behaupten muss: was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das glaube ich nie und nimmer. Meine Bilder sind beredt. Sie erzählen indes nicht von Worten, sie erzählen von Taten.)

Mutter mit Kind

Novalis behauptet, dass Sprache sich einzig und allein um sich selber kümmert. Jegliches Gespräch drehe sich nicht um Dinge und irgendwelche Ereignisse. Vielmehr sei das Eigentümliche der Sprache das Selbstspielerische. Die Sprache spielt ein Spiel, in dem sie ihre Möglichkeiten erkundet und somit zugleich die unterschiedlichsten Geschichten dieses einen Spiels. Novalis billigt der Sprache eine schöpferische Freiheit zu, eine Macht, die sich dem Menschen aufdrängen kann. Wenn dieser ein Herz dafür hat. Novalis nennt dies die Selbstentbergung des Seins. Der Sprechende müsse sich seiner inneren Natur stellen. Und er müsse begreifen, dass jeder von uns etwas Albernes sagt, wenn man etwas ganz bestimmtes und spezielles sagen möchte. So würde niemals Poesie entstehen. Sprache, ihr eigentliches Wesen, so der Dichter weiter, sei „geheim… aber gleichzeitig im höchsten Maße…fruchtbar.“

So interpretiert es auch Ernesto Grassi in „Kunst und Mythos“, bei dem ich die Ausführungen von und zu Novalis finde. „Darum… wenn einer  bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht.“ (Novalis) „Staunenswert“ sei die Sprache, die spielt. Genau. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich staune ebenfalls. Und finde das wundervoll. Ich erfreue mich an diesen Gedankengängen, sehe ich doch auch einen Schlüssel zu meinem eigenen Werk, zu meiner Kunst, in ihnen verborgen. Sprechen, um zu sprechen. Malen, um zu malen. Bilder, um der Bilder willen. Göttliches Gestammel & göttliches Gekritzel… Technische Raffinesse war noch nie die Quelle der Kunst. Sondern Begeisterung und Besessenheit.

Auch diese Überzeugungen finde ich bei Ernesto Grassi. Dichter – ich möchte ab hier vom Künstler reden, schaffen ihre Werke „im Zustand des Außer-sich-Seins“. Sie schöpfen aus „honigströmenden Quellen“. Nur in einem Zustand der Bewusstlosigkeit sei der Künstler fähig überhaupt tätig zu werden. In-spiration und Ein-gebung, darum gehe es. Grassi spricht von einem Wahn, der den Künstler erfasst haben muss, um seine Schöpfungen zu vollbringen. Würde dieser Wahn verschwinden, verstünde der Künstler selber nicht mehr, was er da vollbracht habe. Wie wahr, wie wahr, denke ich. Schon sehe ich mich in einer Talkshow sitzen und all das oben Beschriebene zum Besten geben. Das Publikum wird sich wälzen vor Vergnügen. Entweder weil es Vorurteile bestätigt bekommt oder auch, weil es nichts, aber auch gar nichts versteht. Was ich verstehen kann. Denn wie sagte der eingangs erwähnte Novalis: „Das Gespräch, es ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, dass die Leute meinen, sie sprechen um der Dinge willen…“

Kunst entsteht laut Grassi nicht aus Wissen. Vielmehr aus Gespanntsein. Wie auch Aufmerksamkeit, das bedeutet einem nach-etwas-trachten. Und dieses Trachten sei nur möglich, wenn eine Spannung vorherrsche. Grassi geht noch weiter und spricht von einer absichtslosen Gespanntheit. Vergleichbar dem Zen, wenn dieser Vergleich akzeptabel ist. Wie dem auch sei: ich finde in der Lektüre die Definition einer Gelassenheit, die mich aufhorchen lässt. „Solche Gelassenheit“ heißt es im Text „führt vom Individuum-Sein zum ursprünglichen, unableitbaren Sein.“ Eine Aussage, die mich zu meinen „Mutter mit Kind“-Bildern treibt. Meine Kunst, so möchte ich es gerne formulieren, verwandelt sich in ihnen vom Individuum-Mutti hin zum ursprünglichen, unableitbaren Mutter-Sein. Das schreibe ich, um es zu schreiben. Danach möchte und werde ich alles wieder vergessen. Wenn ich Glück habe, dann weiß ich vielleicht noch „von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt…“

Nie sollst Du mich befragen?

Boote oder Mauern. Klimaerwärmung. Flüchtlingsdramen zu Lande, zu Wasser. Als Thema. Grenzenloses, unindividuelles, weil tausendfaches Leid. Das geht in der zeitgenössischen Kunst ohne Schwierigkeit als Motiv durch. Aber der Tod der Mutter? „Wie sonderbar! Träumt er? Ist er entrückt?“

Der Journalist  Andreas Keablitz beschreibt in der F.A.Z.Edition, dass der Philosoph Michel Foucault viel über den Begriff des Autors und dessen Verhältnis zum Text gesprochen habe. Der Autor ist bei Foucault in einer seiner vielfältigen Facetten und Funktionen auch als eine empirische Instanz zu fassen, in der die unterschiedlichen Ego-Rollen des Diskurses ihren gemeinsamen Ermöglichungsgrund besitzen.

Von dieser weithin noch zu leistenden Arbeit dürfte nicht zuletzt die noch immer wie ein Glaubenssatz gehandhabte, allzu simple literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler profitieren…

Es ist die für Foucault so typische Verwischung der Grenze zwischen Wörtlichkeit und Metaphorik, die bei ihm als Philosophen zum Tragen kommt. Foucaults Modell der Theoretisierung des Autors bietet letztlich aber die Möglichkeit, den Produzenten von bildender Kunst oder Musik ähnlich zu befragen und Voraussetzungen für einen Vergleich der verschiedenen Urheber von Kunstwerken zu schaffen.

Dabei wird man nicht zuletzt zu klären haben, warum man dem Autor und seinem Verhältnis zu seinem Werk so viel mehr Interesse als einem Maler oder Komponisten und ihrer Beziehung zu dem ihren entgegengebracht hat…

& Nun sei bedankt, mein lieber Schwan! / Zieh durch die weite Flut zurück, / dahin, woher mich trug dein Kahn, / kehr wieder nur zu unsrem Glück! / Drum sei getreu dein Dienst getan! / Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!…

Kultur und Gespenster

Bazon Brock meinte einmal: „Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ Eine gute Idee. Aber wer macht schon mit? Wie viele Tode werden auf den Bühnen der Welt immer wieder aufs Neue gestorben, um nach dem letzten Vorhang wieder aufzuerstehen? Von Literatur, Film, Musik und Tanz zu diesem Thema einmal ganz zu schweigen. Der Tod, heißt es, lächelt uns alle an, das einzige was man machen kann ist zurück lächeln! Ich nicht. Ich lächle nicht. Nein, ich spucke ihm ins Gesicht, weil er mir einen geliebten Menschen nahm. Am liebsten würde ich ihm seine hässliche Visage zerkratzen. Stattdessen schnippel ich herum, an Bildern, die aus dem Erinnerungsbaum fielen, an Fotos, die ich vor Tagen in alten Kladden fand, muffig vom Staub der Schränke. Bockig wie ein kleines Kind, das nicht begreifen will, gebe ich dem Tod nicht die Hand. „Mein Name ist Max“, hatte der Tod gesagt. Ich weiß. Mutti hatte den Tod, ihren Krebstumor, mit Max angeredet, als er ihr im Krankenhaus vorgestellt wurde, so als hieße sie den eigenen Scharfrichter in ihrer Wohnung herzlich willkommen. Und Max nistete sich ein, er machte es sich bequem. Von Anfang an konnte ich Max nicht leiden. Er sprach kein Sterbenswörtchen. O, nein. Er ließ nur sterben. So ein Gast war Max. Und als er endlich ging, nahm er meine Mutter gleich mit. So jemandem gebe ich zum Abschied nicht die Hand. Ich schmeiße die Tür hinter ihm mit Wucht ins Schloss. Und starre dann selbst erschrocken in die Leere der Wohnung. Mutters Stimme vernehme ich in dieser möblierten Öde nur noch wie ein fernes Blätterrauschen. Es kommt von dem Baum, der unweit vor dem Balkon steht. Die Sonne hat sich in den Zweigen verfangen und lässt die längst ausgehauchten Worte meiner Mutter in mir aufleuchten. Sie spricht von und mit Liebe zu mir. Weinend hocke ich mich nieder und bastel mir kleine Trostbilder.

Die Kultur kennt viele Gespenster, die uns als Publikum faszinieren. Mag sein. Als Künstler lasse ich Dinge erscheinen und wieder verschwinden. Ich zerstöre Dinge und stelle sie auf magische Weise wieder her. Ich spiele mit Illusionen. Meine Bilder werden auf Rauch projiziert, sie erscheinen schwerelos und schweben als Geist vor unseren Augen. Und auch das niedliche weiße Kaninchen taucht wieder auf. Ein künstliches Kaninchen, so täuschend echt, dass es sich bewegen kann wie ein richtiges Kaninchen. Man kann diese Kaninchenpuppen so zucken und zappeln lassen, dass im Publikum die Illusion entsteht, da ist ein wirkliches Kaninchen aus dem Hut gezaubert worden. All das kann ich machen. Mit Leichtigkeit. Nur meine Mutter, das wird mir mit jedem neuen Tag schmerzlich bewusst, sie kommt nie mehr zum Vorschein. Nie mehr.

Kultur ist nicht, was man sich an die Wand hängt.

Heute las ich folgendes Zitat: „Jede Wunde hat ihr eignes Blut.“ Die Worte von Stefan Schütz berührten mich sehr. Dann fiel mein Blick auf ein Bild, das ich vor einiger Zeit angefertigt hatte…

Düstere Träume. Zerschnittene Seelen. Die verwirrende Vielfalt der Welt. Die Gedichte eines melancholischen Sanguinikers. Nichts, was man sich an die Wand hängen möchte. Aber die Unverkäuflichkeit solcher Wunden erscheint mir, wenn ich ehrlich bin, fast als ein schönes Privileg und Auszeichnung.

Was dagegen gefällt, sieht man beim Stil- und Luxusmagazin „Deluxe – Alles was Spaß macht.“ Dort ist der Name Programm: Es dreht sich alles nur noch um die exquisiten Dinge, die das Leben schöner machen: My crib, my cars, my clothes, my jewels / Look, I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (Yeah, yeah)…

Jede Wunde hat ihr eigenes Blut. Ich bin zufrieden mit meiner.

Ein Bild meiner unerforschten Zeit

Wo wird unsere Lebenszeit aufbewahrt? In einem kleinen Tresors, der künstlerisch gestaltet ist? In älteren Kirchengesprächen, heißt es, sie sei in den Altaraufbau eingelassen. In neueren Kirchenworten weht die Zeit oft frei über einer Stele. Manchmal ist für die Zeit andernorts auch ein eigener Nebenraum vorgesehen, ein Ort der Stille und der Anbetung. Manchmal steht dort ein Bild? Ein Bild über Handreichung. Ein Bild über einem Totenbett. Ein Bild, das sich selber malt.

Beim Prüfen von Bildern

„Beim Prüfen von Bildern: können sie der Einwirkung von Schatten standhalten?“, fragt John Cage. Und Sylvia Plath antwortet ihm ohne zu zögern: „Sterben ist eine Kunst, wie alles andere auch. Ich kann es besonders gut.“ O, Seele, denke ich, was wiegst du? Am Ende waren es nur cirka 30 Kilo. Nicht mehr. Ein Lufthauch nahm dich hinfort… Zurück bleiben Spuren von Farben und Formen, die uns immer an dich erinnern werden, Jana.