Heimatfront ≥ Kunstmarkt

Genauso. Und nicht anders.

(P.S. Warum ich Ausstellungen so sehr hasse? Ich bin wie Marsyas, so please be kind. Well, this is (like) my first affair, please be kind / Handle my heart with care, please be kind / This is all so grand, my dreams are on parade…  Marsyas, der Satyr, er spielte im Verborgenen. Als er an die Öffentlichkeit trat, da wurde seine Kunst blosser Wettstreit. Aber wahre Kunst entsteht nur im intimsten Raum der Zurückgezogenheit. So tell me your love’s sincere, please be kind / Tell me I needn’t fear, please be kind / ‚Cause if you leave me, dear, I know my heart will lose its mind / If you love me, please be kind / This is my first affair…)

Fahndungserfolg

Die Sonne bringt es an den Tag. Oder die Zeit.

Das kleine Gemälde (oben links im Bild) zeigt die Mutter von James Abbott McNeill Whistler. Mein Freund Ron und ich, wir studierten zusammen Illustration, mochten dieses berühmte Werk des amerikanischen Malers immer sehr gerne. Ich ließ Ron damals mehr als Jux, als ich ihn 1988 portraitierte, deshalb wohl diese besondere Pose einnehmen. An wen ich das Bild später verkaufte, weiß ich heute nicht mehr. Und ich hatte das Bild meines Freundes auch längst vergessen, bis zu dem Moment, als es via Facebook jetzt überraschenderweise mit all den Erinnerungen wieder auftauchte.

Verkündigung

Wenn Gott liest, so stets es irgendwo geschrieben, dann geschieht, was er liest: Ein Engel links im Bild und Maria rechts. Sie blättert mit der rechten Hand in einer Bibel. Der Engel hält eine Lilie in seiner linken Hand. Vor Maria ist ein kleiner Sarkophag zu sehen. Der Hintergrund besteht aus einer bergigen Landschaft mit Bäumen und einem Hafen. Und voilà: genauso ist es dann. Ein Leben, es gleicht seinem Bilderbuch. (Oder wie Jean Luc Godard es sagen würde: Ein BildBuch. Horror und Suspense, Leonardo da Vinci und ein Sonnenuntergang in Tunis; im Leben fließt alles zu einem gewaltigen Strom zusammen.) Soll ich dem lesenden Gott Glauben schenken? „Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde“, flüstert mir Nietzsche ins Ohr. Stimmt. Ekstase ist alles. Ich erhebe zufrieden mein Glas auf den Einfluss des Tanzes auf meine Kunst.

Predigt über die Hölle

Wenn ich die Frage beantworten müsste, wie ich mir die Hölle, als einen Ort der Qual, vorstelle, als einen Ort nie endender Unseligkeit, dann würde ich ohne zu zögern behaupten: „Die Hölle gleicht der heruntergekommenen Behausung des Kinderschänders Andreas V. auf dem Campingplatz Eichwald.“

O, mein heiliger Sebastian (Ein Bild im Bild im Bild)

Welches Tier soll ich anbeten? An welchem Heiligenbilde mich vergreifen? Welche Herzen soll ich zerbrechen? An welche Lüge soll ich mich halten? – In welchem Blute waten? Und darf ein Glaube überhaupt Bilder haben? Was weiß denn ich? Nach Jahrzehnten voller Gewalt ist doch (nur so zum Beispiel) ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten nicht in Sicht. Innerhalb von acht Jahren haben vier grosse Konflikte in der Region den Traum eines dauerhaften Friedens immer wieder zerstört: Eine Ruinenlandschaft bildet deshalb den Hintergrund für meine Szene über den vermeintlich heiligen Sebastian.

Einer Überlieferung zufolge [wahrscheinlich ˈfɛɪ̯k(ˈ)njuːs] hatte sich dieser Sebastian als Hauptmann seiner Garnison öffentlich zu seinem Glauben bekannt, also einer Handlungsaufforderung, die befolgt werden muss, aber nicht befolgt werden darf, um befolgt zu werden. Gleichzeitig hatte er Andersdenkenden geholfen, woraufhin ihn ein religiöses Oberhaupt zum Tode verurteilte und erschießen ließ. In der Überzeugung, er sei tot, ließ man ihn danach einfach auf der Straße liegen. Sebastian war jedoch nicht tot zu kriegen, sondern wurde vielmehr von einer Frau, die ihn eigentlich für sein Begräbnis vorbereiten wollte, gesund gepflegt. Nach seiner Genesung kehrte er zu seinem Ankläger zurück und bekannte sich erneut zu seinem „Perpétuum-móbile-Glauben“… einmal in Gang gesetzt – ohne weitere Energiezufuhr und ohne einen letztlich verständlich existierenden Grund – würde er ewig in Bewegung bleiben… wie z.B. ein Rad, das sich dreht, indem ihm Antriebsenergie aus der Wärme des Zimmers zugeführt wird. Seine Reibung erzeugt wiederum Wärme und so weiter und so fort… Tja, unsere Welt ist voller Widersprüche. Manche sind sogar unauflösbar [&hoffentlich ˈfɛɪ̯k(ˈ)njuːs].

(Im Spiel vereint: Arthur Rimbaud, Anja Niedringhaus, Felice Ficherelli & ich.)

Dies alles gibt es also

Meine Atelierwand könnte ich durchaus als Salonhängung bezeichnen. Also eine besonders enge Reihung von Gemälden oder, wie in meinem Fall, von Fotografien, Postkarten, Zeichnungen und diversen Objekten. Die Salonhängung zielt, so sagen Kritiker, bekanntlich darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten Kunstwerke zu beeindrucken. Objekt der Bewunderung ist letztlich nicht das einzelne Bild, sondern derjenige, der über die Mittel verfügt, sich so eine Sammlung zusammenstellen zu können. Die heute gebräuchliche, weitaus sparsamere Hängung von Bildern lässt das Einzelkunstwerk (und den Künstler) stärker hervortreten. Was absolut okay ist.

Wie dem auch sei: ich finde es schlicht schön, wenn´s so üppig ist. Als barocker Minimalist liebe ich meine kleine Atelierhängung. Es ist, als ob ich (m)eine Geschichte vor mir sehe. Manchmal denke ich, die Atelierwand verrät viel über mein eigentliches Werk.

Verehrt. Geliebt. Vergessen?

„Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau“ oder „liebe, werte Magd“ (?!) „Ich sehe sie dreidimensional vor mir … richtig als Person.“ Die Madonna habe wunderschöne dunkle Haare und himmelblaue Augen. Sie trage ein schlichtes weißes Gewand „… wo durchsichtig ist“. Aber sie sei inzwischen durch eine Wolke unseren Blicken entzogen, einer Wolke „aus Glaube, Liebe und Hoffnung, aus Mythos, Sehnsucht und archetypischen Vorstellungen, aus Weisheit und kindlicher Einfalt, aus Traum und Gebet.“ Aus geerbten Bildern setze ich sie mir, einem spielenden Kind gleich, an meinem Nebenhimmel wieder neu zusammen.