Dies alles gibt es also

Meine Atelierwand könnte ich durchaus als Salonhängung bezeichnen. Also eine besonders enge Reihung von Gemälden oder, wie in meinem Fall, von Fotografien, Postkarten, Zeichnungen und diversen Objekten. Die Salonhängung zielt, so sagen Kritiker, bekanntlich darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten Kunstwerke zu beeindrucken. Objekt der Bewunderung ist letztlich nicht das einzelne Bild, sondern derjenige, der über die Mittel verfügt, sich so eine Sammlung zusammenstellen zu können. Die heute gebräuchliche, weitaus sparsamere Hängung von Bildern lässt das Einzelkunstwerk (und den Künstler) stärker hervortreten. Was absolut okay ist.

Wie dem auch sei: ich finde es schlicht schön, wenn´s so üppig ist. Als barocker Minimalist liebe ich meine kleine Atelierhängung. Es ist, als ob ich (m)eine Geschichte vor mir sehe. Manchmal denke ich, die Atelierwand verrät viel über mein eigentliches Werk.

Verehrt. Geliebt. Vergessen?

„Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau“ oder „liebe, werte Magd“ (?!) „Ich sehe sie dreidimensional vor mir … richtig als Person.“ Die Madonna habe wunderschöne dunkle Haare und himmelblaue Augen. Sie trage ein schlichtes weißes Gewand „… wo durchsichtig ist“. Aber sie sei inzwischen durch eine Wolke unseren Blicken entzogen, einer Wolke „aus Glaube, Liebe und Hoffnung, aus Mythos, Sehnsucht und archetypischen Vorstellungen, aus Weisheit und kindlicher Einfalt, aus Traum und Gebet.“ Aus geerbten Bildern setze ich sie mir, einem spielenden Kind gleich, an meinem Nebenhimmel wieder neu zusammen.

Nebenhimmel

Aus dem Leben ein Werk machen. Darum geht es. Bei mir. Oder wie zum Beispiel bei Shai Maestro. Der Jazzpianist Shai Maestro erhielt eine klassische Ausbildung. Er lernte Bach zu spielen, von dem er sagt, er sei wie eine Bibel für ihn. Tja, das habe ich den ganzen lieben langen Tag: von Geburt an, lernte ich Bach zu spielen, Bach zu sein. Ohne das mich dies Schicksal sogleich bibelschwer bedrückte. Es war leicht. Es war schwer. Es war normal. Früher. Aber auch jetzt, heute, ist es halbwegs erträglich Bach zu sein. Denn ich bin nicht allein. Ich bin so viele. Oder auch rimbaudhaft formuliert: „Ich ist ein anderer“, immer auch ein anderer. Ich bin, denke ich, jene Wirklichkeit, die vorgibt wahr zu sein…

(Texte: Octavio Paz, Wolfgang Bach, Vasko Popa, Friedrich Schiller und Lupo, alias Rolf Kauka.)