Traditionelle Ästhetik in mehrere Richtungen

Nicht alles im Leben lässt sich bildhaft darstellen. Die eigene Geburt. Der eigene Tod. Meine Kunst leistet hier schlicht Nacharbeit bzw. Vorarbeit. Die eigene Werke machen mir mein Leben auf diese Weise anschaulich. Nicht unbedingt verständlich in einer volkstümlichen Sichtweise. Mein Werk, mein Œuvre, mein Kosmos, eingepfercht in meinem kleinen BLOG. Oder wie Arno Schmidt es sagen würde in „wirr=gekalkten Kellern (= Mäusefarmen!)“.

Fotos, Briefe, Dokumente (wie z.B. mein Fahrtenschwimmer-Abzeichen oder die gewonnenen Urkunden der Bundesjugendspiele), meine TV-Lieblingssendungen („moderne Schriftsteller müssten gesetzlich dazu angehalten werdn, zu notiren, was für Sendungen sie=sich so täglich angesehen habn“, forderte Arno Schmidt stets vehement), so vieles fehlt auf meinem BLOG. Wahre Bilder der Liebe, in denen sich der Mensch buchstäblich nackt zeigt? Die eigenen Abgründe, die Ängste, die Offenheit, das Intimste vom Intimen?! Mea culpa.

„Was ich fühle, wie drücke ich es aus? Der Mensch ist doch immer, selbst auch auf seinem BLOG, allein“ (frei nach Heinrich von Kleist, der leise vor sich hin singt: „Happiness Is a Warm Gun“.)

 

Die Mutter mit dem Rosenkranz

Es ist mir, als ob ich nun aus einem dunklen Tunnel ans Licht zurückkehre. Vor mir offenbart sich ein ganz „einfaches“ Bild: „Die Mutter mit dem Rosenkranz“.

Der Rosenkranz der Mutter bestand, wie alle anderen Rosenkränze auch, aus einem Kreuz und 59 Perlen. 55 davon – 50 kleinere und fünf größere – sie bildeten diese ganz besondere zusammenhängende Kette. Eine der größeren Perlen diente als Verbindungsglied zu einer weiteren Kette mit drei kleineren Perlen, einer größeren und einem Kreuz. Über dem Kreuz befand sich eine einzelne große Perle. Wenn wir diese Perle gemeinsam berührten, dann sprachen wir dazu „Erinnerung in Dämmerlicht verglühend / Zittert und loht am fernen Himmelsrand / Der Hoffnung, die geheimnisvoll bald fliehend / Bald wachsend flammt, wie eine Scheidewand.“ Die drei Perlen, die dann folgten, waren ganz besondere: Wir beteten, indem wir sie berühren, je ein „Schwermütiges Sinnen / Wiegt flüsternd mich ein, / Mein Herz zu umspinnen / Im scheidenden Schein“. Fügten aber nach dem Wort „Schein“ gerne noch etwas dazu. Bei der ersten Perle war das vielleicht ein „Fremde Träume“, bei der zweiten Perle ein „Rotflimmernd und weich“ und bei der dritten Perle eventuell zusammenfasend „Endlos durch die Räume / Ziehn sonnengleich / Die Träume über das Reich / Der Heiden und Bäume“. Es folgte dann vor der ersten Perle der zusammenhängenden Kette gerne das „Herbstlied“ von Paul Verlaine und dann sein „Nevermore“. Dies galt auch für die vier weiteren, etwas größeren Perlen des Rosenkranzes. Nach jeder großen Perle folgten für die Mutter zehn „Zu Gott hin dringe deines Lieds verjüngter Klang, / Lass, heis’re Orgel, das Tedeum mächtig tönen“.

Das liebte ich. Je zehn Perlen des mütterlichen Rosenkranzes bildeten ein Gesätz. In einem Gesätz sprachen wir jedes Mal zusammen „Mein weltentrückter Traum ward Wahrheit, es umschlingt / Mein froher Arm das Glück, den Fremdling, leicht beschwingt.“ Wie herrlich war das denn? Oja – dies waren die „Geheimnisse“ des freudenreichen, des lichtreichen, des schmerzhaften, die glorreichen, zugleich aber auch die sehr wankelmütigen Geheimnisse des Rosenkranzes der Mutter.

Einer Mutter, die immer so gerne für mich sang: „Gedanken, Haupt und Herz umspielt vom Abendwind. / Der nächt’ge Hauch zerreisst der Wolken grau Gewimmel / Und kupfern segeln sie, zerstreut im toten Himmel, / Und eines Heil’gen Haupt trifft an dem Domportal / Mit rotem Kuss der Abendsonne letzter Strahl.“ Ich höre sie noch heute. Immer wieder. So hatte sie mir Paul Verlaine und die Kunst ans Herz gelegt. Ich hörte und liebte beides. Auch heute noch. Immer wieder.

Wiederbelieben

„Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne / Für ein Abgrund, für ein Schmerz. Ja, du bist es! meiner Freuden / Süßer, lieber Widerpart; Eingedenk vergangner Leiden, Schaudr ich vor der Gegenwart. Als die Welt im tiefsten Grunde / Lag an Gottes ewger Brust, Ordnet‘ er die erste Stunde / Mit erhabner Schöpfungslust, Und er sprach das Wort: Es werde! Da erklang ein schmerzlich Ach! Als das All mit / Machtgebärde / In die Wirklichkeiten brach. Auf tat sich das Licht: so trennte / Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente / Scheidend auseinanderfliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen / Jedes nach der Weite rang, Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang. Stumm war alles, still und öde, Einsam Gott zum ersten Mal! Da erschuf er Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual; Sie entwickelte dem Trüben / Ein erklingend Farbenspiel, Und nun konnte wieder lieben, Was erst auseinanderfiel. Und mit eiligem Bestreben / Sucht sich, was sich angehört, Und zu ungemeßnem Leben / Ist Gefühl und Blick gekehrt. Sei’s Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält! Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt. So, mit morgenroten Flügeln, Riß es mich an deinen Mund, Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund. Beide sind wir auf der Erde / Musterhaft in Freud und Qual, Und ein zweites Wort: Es werde! Trennt uns nicht zum zweitenmal.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

(Siehe hierzu auch nochmal die Artikel vom 14. und 15. Mai 2014. Als auch den Artikel vom 20. Mai 2014)

Meine Mutter mit ihrem kleinen Hermelin

Das Bild, das ich zur Trauerbewältigung von meiner Mutter und mir angefertigt habe, zeigt sie als eine junge Frau in kostbarem Gewand. Ihr glatt gescheiteltes Haar ist mit einer durchsichtigen Haube aus Gaze bedeckt, deren Goldrand knapp oberhalb der Augenbrauen zu sehen ist und deren Träger unterhalb des Kinns verlaufen. Gehalten wird die Haube von einem horizontalen schmalen Band. Am Hinterkopf trägt sie einen kurzen Zopf. Um ihren Hals verläuft eine zweifach lang-kurz gewickelte Perlenkette aus dunkelblauen verzierten Perlen, die möglicherweise aus Ebenholz bestehen. Auf ihrem linken Arm hält sie einen weißen Hermelin, auch Großes Wiesel bzw. Kurzschwanzwiesel genannt. Oder schlichter und einfacher: „Detlef“. (Mutti dehnte das erste „e“ von Detlef gerne, wenn sie mich rief. Oder mir sanft den Kopf tätschelte.)

Das Wiesel ist ein leiser Jäger, der in den kleinsten Zwischenraum gelangt und über ein feines Gespür verfügt. Er ist ein flinker Helfer in der Not (wie z.B. bei Verdacht auf zentrales BC am ehesten SCLC – Infiltration wachsenden mediastinalen/rechts hilären Raumforderung mit Obstruktion des apikalen Unterlappensegmentbronchus und des posterioren Oberlappensegmentbronchus – entsprechend ausgedehnte Atelektasen, als auch Lymphknotenmetastasen und anderen Unlustigkeiten wie hirneigenem Tumor etc…) Die rechte Hand meiner Mutter liegt leicht unterhalb meines/seines Halses. Eine poetische Geschichte besagt, dass das Wiesel lieber sterbe, als sich schmutzig zu machen (Naja…). Deshalb versinnbildlicht es für Christen wohl am Besten Reinheit und Keuschheit. Ein anderer Mythos besagt, dass das Wiesel sogar in der Lage sei, die eigenen toten Junge wieder zurück ins Leben zu holen. Ich wünschte, es wäre so einfach gewesen. Ich hätte Mutti ins Leben zurückgeholt. Aber leider… Es war komplizierter. 

Mir als Wiesel ist übrigens die Rune Eiwaz zugeordnet, welche bei Reisen durch die Anderswelt behilflich ist, die eigenen Schattenseiten aufdeckt und an das Licht bringt. Diese Rune weist darauf hin, dass es eine Blockade auf dem Weg zu geben scheint, aber auch eine Verzögerung könnte nützlich sein. Keine Hektik, kein Tun oder Gieren nach einem gewünschten Resultat ist nötig – Geduld heißt der Rat. In Verbindung mit dem Wiesel als Krafttier werden die Träumenden, die Künstler, in das Große Geheimnis von Leben und Tod eingeweiht und bekommen so neue Wege aufgezeigt. Ein Leben, das nun ohne meine Mutti weitergeht… & „werd ich einmal nicht mehr sein, schaue in dich selbst hinein, in dir selbst, findest du mich, mein kind, mein sohn, ich liebe Dich“

So wie die Dichterin Hanka Lindstaedt es in einfachen und schönen Worten formuliert, so sehe ich es auch: Ich liebe Dich, Mutti. Immer und ewig.

Bild über die Unverständlichkeit des Lebens

„Das Werk, das man malt, ist eine Art, Tagebuch zu führen.“ Schreibt Picasso. Und er hat recht. Tag für Tag wird Verständliches und Unverständliches von mir notiert und aufgezeichnet. Das heißt, ich nenne einiges beim Namen, anderes ist mir selber fremd… Aber das wunderbar Rätselhafte am Unverständlichen wird von mir nicht plump gelöst und schnellstmöglich in illusorische Verständlichkeit (rück)überführt. Warum sollte ich auch? Die große Unverständlichkeit des eigenen Lebens wird schlicht als unlösbar von mir akzeptiert und anerkannt. Sie spiegelt sich in meinen Augen deshalb liebevoll und wahrhaftig rätselhaft wider.

Geheimnis der Dinge

Wenn Wort und Bild auseinander klaffen, so bedeutet das zugleich, dass es irgendwo eine Verbindung zwischen ihnen geben muss. Dort liegt das Geheimnis der Dinge. An dieser Stelle niste ich mich ein. Und betrachte liebend gern die grünen Sonnen dieser Welt. Die Tage kommen blütenreich und milde. Der Abend blüht hinzu. Und helle Tage gehen vom Himmel abwärts, dort wo meine weiteren Lebenstage sich vermählen. Jedes neue Jahr erscheint mit seinen Zeiten wie eine Pracht… Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele. So sind die Zeichen dieser Welt, der Wunder viele… an einer Galeriewand ausgestellt. So fiebere ich. So schreibe und male/zeichne ich zu mir selbst. Hand in Hand mit Scardanelli. Am Käfig der Worte hab ich das Türchen geöffnet, damit die Bilder heraus- und emporsteigen können.

Rumble In The Jungle

4:00 Uhr Ortszeit, das Thermometer zeigt 30 °C an, die Luftfeuchtigkeit beträgt etwa 90%. Es wurde mit einem Alligator gerungen, mit einem Wal gerauft, dem Blitz Handschellen angelegt, der Donner eingekerkert und der Glaube, dass man durch einen Hurrikan laufen kann, ohne nass zu werden, der wird vom Kreuz genommen.

Oh all ihr treuen / Freundlichen Götter! Daß ihr wüsstet  / Wie euch meine Seele geliebt. / Zwar damals rief ich noch nicht / Euch mit Namen, auch ihr / Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen / Als kennten sie sich. / Doch kannt ich euch besser, als ich je die Menschen gekannt, / Ich verstand die Stille des Äthers… ähnlich wie die Wasserwellen, die sich auf einem See ausbreiten… So bewegt sich Licht im Raum, in einem Medium… die Physiker nennen das Äther. Doch Licht verhält sich nicht wie Wasserwellen. Es hat stets die gleiche Geschwindigkeit. Und das auch und egal ob man sich als Beobachter relativ zum (sogenannten) Äther bewegt, egal von welchem Bezugssystem ich sie messe. Licht ist demnach konstant und nicht relativ. Es gibt also keinen Äther, der Licht abbremst. Hatte Hölderlin deshalb aber Unrecht? Und versteh ich das richtig, bin ich nicht in all meinem Vorstellungsvermögen zu gehemmt? Götter durchqueren einen gekrümmten Raum? Götter ohne Zentralperspektive (Les Dieux d’Avignon)? Und auf der Erde wird ein Kreuz, nur ein einziges Kreuz, aufgerichtet?

Die Feldgleichung… sie prangt nun anstelle von I.N.R.I über dem Kreuz. Der König der Juden, Jesus Christ Superstar, wird ersetzt durch eine Materie, die der Raumzeit sagt, wie sie sich zu krümmen hat? Und die Raumzeitkrümmung sagt den Körpern und dem Licht, wie es sich zu bewegen hat? Oja, der Glaube wird vom Kreuz genommen. Glaube vs. Feldgleichung = Rumble In The Jungle.