Eine Hölderlin-Menge

Täglich geh´ ich heraus und such´ ein Anderes immer, / Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands; / Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch´ ich /… / Nicht die Wärme des Lichts und nicht die Kühle der Nacht hilft / Und in Woogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst… (Friedrich Hölderlin)

(Neue und ältere Aspekte im Werk schenken mir, so will ich meinen, den Beginn einer neuen Werkreihe: Die Hölderlin-Mengen)

Den Bildern eine Stimme geben

Als Künstler zeige ich meine Wunden. Das bedeutet ich zeichne/male/schreibe mein Innerstes auf. In einem winzigen Atelier der Stille, der Zurückgezogenheit, das man nur tief in einem kleinen provinziellen Wald von paradiesischer Traurigkeit finden kann… will sagen:

Poesie ist die allerhöchste Stufe der Freiheit. Und Kunst, denke ich, stellt eine Form dieser Poesie da. Meine Kunst beinhaltet also auch, dass ich den Bildern eine Sprache gebe. Jeder Mensch verkümmert, wenn er sich nicht mitteilen kann. Bei Bildern ist es ähnlich. Wenn ihnen niemand mehr richtig zuhört, dann verkümmern sie. Und wer ihre Sprache nicht aufschreibt, der nicht an ihre Sprache glaubt, der ihnen ihre Sprache verweigert, dieser Mensch wäre und bliebe … kümmerlich.

„Es hat mich so gefreut, in dem Raum zu spüren, von was für unterschiedlichen Menschen Sie geschätzt werden. Und die Aufmerksamkeit war großartig, der Beifall für Sie kam aus tiefstem Herzen aller Anwesenden. Denn Sie haben uns auf vielen Ebenen angesprochen, haben sozusagen alle Saiten Ihres Instruments gleichmäßig zum Klingen gebracht…

Ich mag besonders, wie Sie es schaffen, einen Geist von Leichtigkeit zu erzeugen, der aber nichts von Banalität an sich hat. Immer wieder großartig!“ So schrieb mir Wolfgang Ullrich (stellvertretend auch für andere Zuhörer, will ich meinen).

Und ich verneige mich nun, bin gerührt. 5 Tage, 5 Bilder, 5 Lesungen liegen hinter mir. Es waren ganz, ganz tolle Abende mit ganz, ganz tollen Freunden. Danke an alle, die mich diese fünf Tage begleitet haben.

… denn Leben, sagte mal jemand, sei das Spiegelbild einer leidenden Seele. Das stimmt wohl. Mein ganzes künstlerisches Werk ist das Spiegelbild einer leidenden Seele; zugleich aber auch einer lachenden, einer weinenden und einer liebenden Seele. Genauso ist es: Mein Werk ist einzig und allein Zeugnis meiner Autorenschaft an meiner ganz eigenen Biografie. Die Welt kann ich nicht verändern. Aber ich verändere mich tagtäglich durch meine Bilder. Meiner ewigen Frage „Wer bin ich?“ stellen mir meine Bilder augenscheinlich die Frage gegenüber „Wer willst du sein?“ Und ich antworte dann klar und deutlich: „ Ich will Ich sein.“

„Ich kann nur sagen: Regelmäßige Gäste wurden belohnt! Damit, dass sie bemerken konnten, wie kunstvoll die einzelnen Reden aufeinander bezogen sind, wie Sie mit Leitmotiven arbeiten, mit Resonanzen, mit Anspielungen auf an einem früheren Abend Gesagtes.“ (noch einmal Wolfgang Ullrich)

Den Bildern eine Sprache geben…

Die Sprache meiner Bilder malt Spuren auf eine Haut aus Leinwand, sie funkelt wie Glühwürmchen, die ein unterirdisches Universum aufleuchten lassen, sie vermehren ihre eigene Unendlichkeit. Sie sind Bernstein und Sonne. Sie sind Wellen, die an der Küste meiner Seele sich brechen. Sie übernachten in kleinen Schächtelchen, umschwirren das Licht der Nacht, sie flüsternd, seufzen, stöhnen mir zu, ins innere Ohr. Die Bilder sind Auswüchse einer Tragödie, eine Wunde am Himmel quer. Das inspiriert mich… wie wenn die Sonne ihre Lippen öffnet. Die Sterne klopfen an meine Tür, die Sonne kommt zum Tee vorbei, der Mond bleibt über Nacht… wenn die Bilder es sagen.

Und Vorhang. Alle ab.

Die Liebenden (Susanne & Detlef)

Susanne: Wenn mein Mann mich drängte, ihm einen Grund anzugeben, warum ich ihn liebe, könnte ich nur folgende Antwort geben: weil er es ist, weil ich es bin. Detlef (grinst überglücklich): Die Liebe will nicht, dass man sich anders als durch sie allein gebunden fühlt, sie hängt nur lose mit solchen Bindungen zusammen, die, wie die Ehe, unter anderen Gesichtspunkten geknüpft worden sind und zusammengehalten werden… Susanne: Verwandtschaft und Besitz beanspruchen dabei ebenso viel Berücksichtigung wie Anmut und Schönheit. Detlef: Die Liebe ist wie der Mond: Wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab. Susanne: Und das bedeutet? Susanne und Detlef (gemeinsam): Wenn wir uns haben, haben wir alles.

Die Liebenden (Tristan & Isolde)

Isolde: Darf ich dich fassen? – Tristan: Kann ich mir trauen? –  Isolde: Endlich! Endlich! – Tristan: An meiner Brust! – Isolde: Fühl ich dich wirklich? – Tristan: Seh ich dich selber? Isolde: Dies deine Augen? – Tristan: Dies dein Mund? – Isolde: Hier deine Hand? – Tristan: Hier dein Herz? – Isolde: Bin ich’s? Bist du’s?…

verhalten verzichten drücken unterwerfen hinnehmen verdrängen betäuben schmerz unempfindlich machen

Mein Bild

…den phantomen enthoben von denen wir umgeben sind… dem digitalen morphing und dem photoshop die bloss noch bilder produzieren die keinem körper mehr gehören imaginäre unsterblichkeiten mit denen wir diese feige sterbensangst wie einen lautlos in der glasglocke hallenden schrei anästhetisieren… (aus: „ERSTE ERDE EPOS“; Raoul Schrott)