Wie ich einem Gedicht meine Bilder erkläre

Es ist kaum zu glauben, aber es ist geschafft: 1000 Artikel auf meinem kleinen-feinen Blog versammelt! Es ist mir so, als wäre ich Karl Kraus und gäbe mir selber eine Fackel in die Hand. Verrückt. Ein Fitzelchen stolz. Und sogar glücklich… Bleibt nur noch die eine große Frage im Raum zurück: Um was ging es bis dato eigentlich auf meinem Blog? Schlicht und einfach zusammengefasst: Um meine Kunst. Und Kunst heißt für mich: Oft wache ich am Tag oder in der Nacht (auf) und halte plötzlich ein Gedicht in den Armen.

Dem will ich dann mal zeigen, dass es viel mehr von der Wirklichkeit weiß – also zum Beispiel die Bilder der modernen Kunst besser versteht, als der Mensch mit seinem verkorksten, so genannten rationalistischen Intellekt. Ist Kunst nicht auch ein einfacher Liebes-Hör-Brief?

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / Daß ich so traurig bin; /  Ein Märchen aus alten Zeiten, /  Das kommt mir nicht aus dem Sinn. / Die Luft ist kühl und es dunkelt… Ach, ja… In Liebe und Hoffnung empfangen… & vor meiner Ateliertür abgelegt… es ist wunderbar. Denn bei dem Gedicht handelt es sich um eine Julia-Menge mit gleichem Namen… die, wie gesagt, eines Tages, weinend, auf meiner Schwelle zum Atelier von mir dort gefunden wurde. Ich ziehe die Julia-Menge seitdem wie ein eigenes Kind auf. Wir beiden verstehen uns sehr gut und pflegen einen äußerst vertrauten Umgang… Sie kämmt sich z.B. mit goldenem Kamme / Und singt ein Lied dabei; / Das hat eine wundersame, / Gewaltige Melodei. Bedenke, so sagt sie mir stets: Es gibt zwei Arten visueller Erinnerung: eine, bei der man im Laboratorium des Intellekts kunstgerecht und mit offenen Augen ein Bild wiedererschafft… ;

… und die andere, bei der man mit geschlossenen Augen auf der dunklen Innenseite der Lider blitzschnell das objektive, ganz und gar optische Ebenbild eines geliebten Gesichts heraufbeschwört, eine kleine Geistererscheinung in natürlichen Farben (und so sehe ich meine Julia-Menge)… immer und immer wieder, ein Märchen aus geliebten fraktalen Zeiten, eingetaucht in seine zauberhaften Quellen: Joseph Beuys „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“, Heinrich Heine „Die Lore-Ley“, Vladimir Nabokov „Lolita“ und „Die Julia-Menge“, erstmals von dem Mathematiker Gaston Maurice Julia erwähnt. Aber da waren noch viel mehr Quellen für mich, in denen ich gerne badete. All these places had their moments / With lovers and friends, I still can recall / Some are dead, and some are living / In my life, I’ve loved them all.

Wie soll ich denn alle aufzählen können? Zwischen dem 1. und dem 1000. Artikel ist so viel geschehen. Ich nahm mir mehr als einmal die Beichte ab. Traf die Frau des Federmachers. Braute mir in meinen Kupferkessel einiges zusammen. In diesem Saft sollte man die Lästerzungen schmoren. Dann ging ich auch oft in die Irre, kehrte aber immer wieder zurück. Zu meiner „Liebe!

… wie sah von dir / Zum goldnen Tage dieses Auge / Glänzend und dankend empor. Da rauschten / Lebendiger die Quellen, es atmeten / Der dunkeln Erde Blüten mich liebend an…“ / /…Stimmt genau. Liebe! Ihren Namen verrat ich hier jetzt nicht… nur so viel: Susanne takes me down to her place near the river… And she lets the river answer that I was always been her lover… For she’s touched my (perfect?) body with her mind… oh ja, es atmeten / Der dunkeln Erde Blüten mich liebend an.

People are strange when you’re a stranger / Faces look ugly when you’re alone. Und so trat ich durch meine Kunst (das ewige Zwiegespräch) auf den einen oder anderen Hain, mit wundersamen Quellen, die mir Inspiration versprachen. Verträumt beäugte ich diese Wellness-Oasen. Und las in den ausliegenden Prospekten: „Wir kümmern uns um Ihre Gesundheit und Vitalität durch umfassende Beratung und aufeinander abgestimmte Programme. Unser qualifiziertes Team betreut unsere Mitglieder persönlich und individuell. Mit Unterstützung Ihrer persönlichen Trainer werden Sie schnell ihre Ziele erreichen.

Das heißt, zusammen gefasst: Lecker Frühstück“ (Zitat Ende) O, dies könnte mein Verhängnis sein, dachte ich. Frühstück. Gereicht von einer Göttin. Und tatsächlich, da war sie: Die Göttin! Diese Göttin, höher gewachsen als ich, stand einfach vor mir. Nackt. Die Röte überzog ihr Antlitz. Sie drehte sich beschämt zur Seite, wandte ihr Gesicht ab. Aber erst nachdem sie mich mit Wasser aus der Zauberquelle bespritzt hatte. Dann sagte sie keck zu mir: „Jetzt magst du erzählen, dass du mich ohne Schleier gesehen hast… wenn du´s noch erzählen kannst.“

„Warum sollte ich das nicht erzählen können?“, fragte ich mich borniert. Oder aufschreiben? Ich könnte… ja, ich wollte ein Bild von ihr malen! Während ich schon über Bildkomposition und Farbenspiel nachsann, verpasste die Göttin, diese große, hinreißende Göttin, mir das Aussehen eines Hirsches! Ich schrie auf! So wie nur ein Hirsch schreien konnte: „ALL YOU NEED IS LOVE“. Erst als die letzte Zeile gesungen war, herausgeschrieen war… „LOVE IS ALL YOU NEED“, da war der Zorn der Göttin gestillt.

Wir reichten uns liebevoll die Hände. Und ich erzählte ihr als Dank meiner Zurückverwandlung in einen Künstler sofort eine weitere Geschichte von meinen aufregenden und spannenden Kunst-Abenteuern im Atelier, von fernen Ländern und fremden Menschen in ital. Eis- Cafés.

Die war noch spannender und noch aufregender als die letzte oder die davor… und die davor… Als ich gerade mitten im Erzählen und die Geschichte an die spannendste Stelle gekommen war, da verstummte ich jedoch. Denn diese Geschichte war nun wirklich nur etwas für den 1001. Artikel auf meinem Blog.

Notizen (zum Hölderlin-Thema)

„Der Auftrag… der Kunst als dem höchsten menschlichen Streben ist es neue Objekte zu schaffen und an denen alte Facetten zu entdecken, von deren Existenz wir nichts gewusst haben.“ (Ernest Becker, Sozialanthropologe und interdisziplinärer Denker)

Gedanken bei der Betrachtung eines Bildes

Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei. Schreibt Arthur Schopenhauer.

Und doch, so allein vor diesem Bild… was wird ich geben, ihre Stimmen noch einmal zu hören?

Das zweifelnde Herz

„Dein Herz“, fragt mich mein Spiegelbild. „Was soll damit sein?“ „Spuckt es noch Blut?“, will das Bild von mir wissen.

Nun ja. Ich fühle Einsamkeit in mir aufkeimen. Heimsuchende Dämonen, möchte ich meinem Gegenüber so gerne erklären, sie banne ich tagtäglich durch meine Texte und oder meine Bilder…  In meinem Atelier zurückgezogen, seine Tür stets von innen verschlossen… wie mein Herz, das ich so vor Kummer schütze… „Das bezweifle ich,“ sagt das Spiegelbild mit seiner kalten Stimme.

Das Bild ist meine Reflexion auf mich selbst. Ich wirbel herum, versuche mein Bewusstsein zu verlieren, weil es nicht mit dem betrachtenden Bild übereinstimmt. Nicht das Bild spricht mit mir, nur ich spreche. Ich rede das Bild fast tot, bis ich verstehe=fühle, das nur meine Vorurteile, meine Vorannahmen, über das Bild sprechen. Im selben Augen=Blick, indem ich das begreife, beginnt auf der anderen Seite das Bild mit mir zu reden. Es hat seine eigene Sprache. Es spricht zu mir. Und nicht ich zu ihm. Ich habe mein Bewusstsein verloren und bin zum Selbstbewusstsein gelangt.

„Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.“ (Christian Morgenstern)