Gedanken bei der Betrachtung eines Bildes

Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei. Schreibt Arthur Schopenhauer.

Und doch, so allein vor diesem Bild… was wird ich geben, ihre Stimmen noch einmal zu hören?

Das zweifelnde Herz

„Dein Herz“, fragt mich mein Spiegelbild. „Was soll damit sein?“ „Spuckt es noch Blut?“, will das Bild von mir wissen.

Nun ja. Ich fühle Einsamkeit in mir aufkeimen. Heimsuchende Dämonen, möchte ich meinem Gegenüber so gerne erklären, sie banne ich tagtäglich durch meine Texte und oder meine Bilder…  In meinem Atelier zurückgezogen, seine Tür stets von innen verschlossen… wie mein Herz, das ich so vor Kummer schütze… „Das bezweifle ich,“ sagt das Spiegelbild mit seiner kalten Stimme.

Das Bild ist meine Reflexion auf mich selbst. Ich wirbel herum, versuche mein Bewusstsein zu verlieren, weil es nicht mit dem betrachtenden Bild übereinstimmt. Nicht das Bild spricht mit mir, nur ich spreche. Ich rede das Bild fast tot, bis ich verstehe=fühle, das nur meine Vorurteile, meine Vorannahmen, über das Bild sprechen. Im selben Augen=Blick, indem ich das begreife, beginnt auf der anderen Seite das Bild mit mir zu reden. Es hat seine eigene Sprache. Es spricht zu mir. Und nicht ich zu ihm. Ich habe mein Bewusstsein verloren und bin zum Selbstbewusstsein gelangt.

„Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.“ (Christian Morgenstern)

Die Liebenden (Susanne & Detlef)

Susanne: Wenn mein Mann mich drängte, ihm einen Grund anzugeben, warum ich ihn liebe, könnte ich nur folgende Antwort geben: weil er es ist, weil ich es bin. Detlef (grinst überglücklich): Die Liebe will nicht, dass man sich anders als durch sie allein gebunden fühlt, sie hängt nur lose mit solchen Bindungen zusammen, die, wie die Ehe, unter anderen Gesichtspunkten geknüpft worden sind und zusammengehalten werden… Susanne: Verwandtschaft und Besitz beanspruchen dabei ebenso viel Berücksichtigung wie Anmut und Schönheit. Detlef: Die Liebe ist wie der Mond: Wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab. Susanne: Und das bedeutet? Susanne und Detlef (gemeinsam): Wenn wir uns haben, haben wir alles.

Die Liebenden (Amor & Psyche)

Die Liebe ist ein Zauber. Sie ist wie ein Märchen.

Es war einmal: Psyche, die jüngste von drei Töchtern eines Königs, die wegen ihrer Schönheit verehrt wird. Auf Befehl der Göttin Venus soll Amor Psyche durch eine Ehe mit dem niedrigsten aller Sterblichen bestrafen. Psyche wird dafür auf einem Felsen ausgesetzt. Amor verliebt sich jedoch in Psyche und macht sie heimlich zu seiner Frau. Seine Bedingung: Psyche darf ihn niemals sehen… Die verzweifelte Psyche durchirrt auf der Suche nach Amor die ganze Welt… Am Ende beendet Amor das Versteckspiel und setzt bei Jupiter durch, dass Psyche zur (Halb-)Göttin erhoben wird und seine Frau werden kann. Psyche und Amor bekommen eine Tochter, der sie den Namen Voluptas (lat.: Lust, Wonne, auch Göttin der Lust) geben.

Die Liebenden (Venus & Adonis)

Mit Purpurantlitz, eilt‘ Adonis schon, / Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;  / Jagd liebt‘ er, doch der Liebe lacht‘ er Hohn. Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen / Und wirbt um ihn, wie kecke Werber pflegen. »Du, dreimal schöner, als ich selbst,« begann / Die Liebliche (Venus) mit buhlerischem Kosen, / »Süß über alles, holder als ein Mann, / Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen; / Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet, / Sagt die Natur, dass mit dir alles endet…“  Er (Adonis) drückt die Nas‘ ihr, gibt ihr Backenschläge, / Krümmt ihre Finger, ruft: »o woll‘ erwachen!« / Reibt ihre Lippen, sinnt auf tausend Wege, / Was er verdorben, wieder gut zu machen; / Küsst sie – und sie, geschäh‘ nur ihr Gelüste, / Erhöbe nie sich, dass er immer küsste…

Wenn man das Schweigen nicht hören kann, hört man auch keinen Text.

Wir wollen doch alle nackte Götter, Bacchantinnen, olympische Spiele und die Glieder lösende, böse Liebe. Gut, wenn man weiß, wo das alles geschrieben steht. Du sagst es. Das finden nur literarische Trüffelschweine heraus. Wenn`s ihnen Spaß macht. Nur dann. Mit viel Daseinstrunkenheit. Ja, sie werden in Folianten ihre Schnauze vergraben müssen. Oder tief in sich gehen und auf das Echo ihres Gewissens hören. Versteh´ ich nicht. Das verstehen die meisten nicht mehr, weil sie kein Ohr dafür haben. Lieber schreien sie herum und warten das Echo erst gar nicht mehr ab. Oder wenn, korrigieren sie es, wie es ihnen in den Kram passt. Selbsthilfegruppen für missverstandene Echos? Wäre eine schöne Idee. Aber zu poetisch, nicht wahr? Nicht wahr? Wie ein Wettlauf der Nachtwandler. Ich würde ihnen gerne zusehen. Ich würde ihnen sogar folgen. Wohin? In die Nacht. Und darüber hinaus. Was soll da sein? Verirrungen ergeben dort bestimmt ein Muster, eine verwickelte Gewissheit…  Die da lautet? Kunst. Ist das nicht zu einfach? Wäre das denn zuviel verlangt?

Das Sittlichkeitsdelikt

Die Sonne stach. Er wankte durch die Wälle / Und sehnte sich nach Allem, was er sah. Die Philosophin Svenja Flasspöhler ist schwer beunruhigt. Über die, wie sie sagt: „Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten…

(…) die Kunstwerke selbst müssen (…) rein sein, weil man sich sonst belästigt fühlt. Wann tangiert mich etwas? Was verletzt mich? Wird durch dieses oder jenes meine Würde angetastet? An diesen Formulierungen merkt man schon, wie zentral das Fühlen und Empfinden für uns ist. Sensibilität ist der Motor des Anerkennungskampfes von unterdrückten Gruppen. Aber sie kann eben auch vom Progressiven ins Regressive kippen und zu moralischem Totalitarismus führen…(…) Es gibt eine Angst davor, als reaktionär dazustehen, wenn man in die Differenzierung geht.“ (Nachzulesen in der taz / FUTURZWEI Nr.9 ) Dann war es, dass die Hände streicheln mussten / Und dass das Kind bösartig hässlich schrie… Und Hunde heulten hinter jedem Tor. (Max Hermann-Neisse)

Auf dem leben das jetzt nur in trümmern liegt lag einmal tau

Was ist Kunst denn anderes, als in fremden Zungen reden? Die Fähigkeit, ohne Kenntnis derselben, in einer fremden Sprache zu sprechen… wie zum Beispiel: Es ist gar lieb und meinem Herzen rühmlich, den Eltern eine Trauerpflicht zu leisten… Ich weiß doch, auch meiner Mutter starb eine Mutter, der ihre, und ich, der Nachgelassne, soll nach kindlicher Verpflichtung einige Zeit die Leichentrauer halten. Doch zu beharren in eigenwilligen Klagen (und Bildern) ist das Tun gottlosen Starrsinns, ist unmännlich Leid, zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt, ein unverschanztes Herz, störrisch Gemüt, zeigt blöden, ungelehrigen Verstand. Wovon man weiß, es muss sein; was gewöhnlich wie das Gemeinste, das die Sinne rührt: Weswegen das in mürrischem Widerstande zu Herzen nehmen?

Weswegen?

Liebe.

(nach Shakespeare; »Hamlet«)