Die Liebenden (Venus & Adonis)

Mit Purpurantlitz, eilt‘ Adonis schon, / Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;  / Jagd liebt‘ er, doch der Liebe lacht‘ er Hohn. Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen / Und wirbt um ihn, wie kecke Werber pflegen. »Du, dreimal schöner, als ich selbst,« begann / Die Liebliche (Venus) mit buhlerischem Kosen, / »Süß über alles, holder als ein Mann, / Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen; / Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet, / Sagt die Natur, dass mit dir alles endet…“  Er (Adonis) drückt die Nas‘ ihr, gibt ihr Backenschläge, / Krümmt ihre Finger, ruft: »o woll‘ erwachen!« / Reibt ihre Lippen, sinnt auf tausend Wege, / Was er verdorben, wieder gut zu machen; / Küsst sie – und sie, geschäh‘ nur ihr Gelüste, / Erhöbe nie sich, dass er immer küsste…

Wenn man das Schweigen nicht hören kann, hört man auch keinen Text.

Wir wollen doch alle nackte Götter, Bacchantinnen, olympische Spiele und die Glieder lösende, böse Liebe. Gut, wenn man weiß, wo das alles geschrieben steht. Du sagst es. Das finden nur literarische Trüffelschweine heraus. Wenn`s ihnen Spaß macht. Nur dann. Mit viel Daseinstrunkenheit. Ja, sie werden in Folianten ihre Schnauze vergraben müssen. Oder tief in sich gehen und auf das Echo ihres Gewissens hören. Versteh´ ich nicht. Das verstehen die meisten nicht mehr, weil sie kein Ohr dafür haben. Lieber schreien sie herum und warten das Echo erst gar nicht mehr ab. Oder wenn, korrigieren sie es, wie es ihnen in den Kram passt. Selbsthilfegruppen für missverstandene Echos? Wäre eine schöne Idee. Aber zu poetisch, nicht wahr? Nicht wahr? Wie ein Wettlauf der Nachtwandler. Ich würde ihnen gerne zusehen. Ich würde ihnen sogar folgen. Wohin? In die Nacht. Und darüber hinaus. Was soll da sein? Verirrungen ergeben dort bestimmt ein Muster, eine verwickelte Gewissheit…  Die da lautet? Kunst. Ist das nicht zu einfach? Wäre das denn zuviel verlangt?

Das Sittlichkeitsdelikt

Die Sonne stach. Er wankte durch die Wälle / Und sehnte sich nach Allem, was er sah. Die Philosophin Svenja Flasspöhler ist schwer beunruhigt. Über die, wie sie sagt: „Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten…

(…) die Kunstwerke selbst müssen (…) rein sein, weil man sich sonst belästigt fühlt. Wann tangiert mich etwas? Was verletzt mich? Wird durch dieses oder jenes meine Würde angetastet? An diesen Formulierungen merkt man schon, wie zentral das Fühlen und Empfinden für uns ist. Sensibilität ist der Motor des Anerkennungskampfes von unterdrückten Gruppen. Aber sie kann eben auch vom Progressiven ins Regressive kippen und zu moralischem Totalitarismus führen…(…) Es gibt eine Angst davor, als reaktionär dazustehen, wenn man in die Differenzierung geht.“ (Nachzulesen in der taz / FUTURZWEI Nr.9 ) Dann war es, dass die Hände streicheln mussten / Und dass das Kind bösartig hässlich schrie… Und Hunde heulten hinter jedem Tor. (Max Hermann-Neisse)

Auf dem leben das jetzt nur in trümmern liegt lag einmal tau

Was ist Kunst denn anderes, als in fremden Zungen reden? Die Fähigkeit, ohne Kenntnis derselben, in einer fremden Sprache zu sprechen… wie zum Beispiel: Es ist gar lieb und meinem Herzen rühmlich, den Eltern eine Trauerpflicht zu leisten… Ich weiß doch, auch meiner Mutter starb eine Mutter, der ihre, und ich, der Nachgelassne, soll nach kindlicher Verpflichtung einige Zeit die Leichentrauer halten. Doch zu beharren in eigenwilligen Klagen (und Bildern) ist das Tun gottlosen Starrsinns, ist unmännlich Leid, zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt, ein unverschanztes Herz, störrisch Gemüt, zeigt blöden, ungelehrigen Verstand. Wovon man weiß, es muss sein; was gewöhnlich wie das Gemeinste, das die Sinne rührt: Weswegen das in mürrischem Widerstande zu Herzen nehmen?

Weswegen?

Liebe.

(nach Shakespeare; »Hamlet«)

Ich bin jemand

 

Ich bin jemand. Aber wie würde ich mich, bei Interesse, beschreiben wollen? Vielleicht so: Ich bin ein Wanderer durch ein freies Feld. Ich mag nicht weiter. Ich mag in dieser Stille mit dem Geplauder meiner Schritte und dem Keuchen meines Atems nicht Lärm machen. Ich setze mich nieder, mache eine Pause.

Ich sehe was, das du nicht siehst

Unser Leben, ein Kinderspiel? Ein Spiel, bei dem die Teilnehmer sich abwechselnd die Aufgabe stellen, Gegenstände in der Umgebung herauszufinden, die durch einen Satz nach dem Schema „Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist…“ beschrieben werden? Es sieht fast so aus…

Der zu beratende Gegenstand kann bis zum Erraten durch einen Mitspieler durch die Nennung immer weiterer Eigenschaften zunehmend genauer beschrieben werden. Der ratende Spieler darf dann meist als nächstes einen zu erratenden Gegenstand auswählen. Die Spielregeln sind jedenfalls simpel:

Klein anfangen

Loslassen lernen

Harmonie und Nachhaltigkeit leben

Die Freude an kleinen Dingen entdecken

Im Hier und Jetzt sein

Aber wer spielt schon mit?

(Den exakten Wortlaut der Spielregeln habe ich gefunden in: „Ikigai“ von Ken Mogi; Die japanische Lebenskunst.)