Meine Mutter mit ihrem kleinen Hermelin

Das Bild, das ich zur Trauerbewältigung von meiner Mutter und mir angefertigt habe, zeigt sie als eine junge Frau in kostbarem Gewand. Ihr glatt gescheiteltes Haar ist mit einer durchsichtigen Haube aus Gaze bedeckt, deren Goldrand knapp oberhalb der Augenbrauen zu sehen ist und deren Träger unterhalb des Kinns verlaufen. Gehalten wird die Haube von einem horizontalen schmalen Band. Am Hinterkopf trägt sie einen kurzen Zopf. Um ihren Hals verläuft eine zweifach lang-kurz gewickelte Perlenkette aus dunkelblauen verzierten Perlen, die möglicherweise aus Ebenholz bestehen. Auf ihrem linken Arm hält sie einen weißen Hermelin, auch Großes Wiesel bzw. Kurzschwanzwiesel genannt. Oder schlichter und einfacher: „Detlef“. (Mutti dehnte das erste „e“ von Detlef gerne, wenn sie mich rief. Oder mir sanft den Kopf tätschelte.)

Das Wiesel ist ein leiser Jäger, der in den kleinsten Zwischenraum gelangt und über ein feines Gespür verfügt. Er ist ein flinker Helfer in der Not (wie z.B. bei Verdacht auf zentrales BC am ehesten SCLC – Infiltration wachsenden mediastinalen/rechts hilären Raumforderung mit Obstruktion des apikalen Unterlappensegmentbronchus und des posterioren Oberlappensegmentbronchus – entsprechend ausgedehnte Atelektasen, als auch Lymphknotenmetastasen und anderen Unlustigkeiten wie hirneigenem Tumor etc…) Die rechte Hand meiner Mutter liegt leicht unterhalb meines/seines Halses. Eine poetische Geschichte besagt, dass das Wiesel lieber sterbe, als sich schmutzig zu machen (Naja…). Deshalb versinnbildlicht es für Christen wohl am Besten Reinheit und Keuschheit. Ein anderer Mythos besagt, dass das Wiesel sogar in der Lage sei, die eigenen toten Junge wieder zurück ins Leben zu holen. Ich wünschte, es wäre so einfach gewesen. Ich hätte Mutti ins Leben zurückgeholt. Aber leider… Es war komplizierter. 

Mir als Wiesel ist übrigens die Rune Eiwaz zugeordnet, welche bei Reisen durch die Anderswelt behilflich ist, die eigenen Schattenseiten aufdeckt und an das Licht bringt. Diese Rune weist darauf hin, dass es eine Blockade auf dem Weg zu geben scheint, aber auch eine Verzögerung könnte nützlich sein. Keine Hektik, kein Tun oder Gieren nach einem gewünschten Resultat ist nötig – Geduld heißt der Rat. In Verbindung mit dem Wiesel als Krafttier werden die Träumenden, die Künstler, in das Große Geheimnis von Leben und Tod eingeweiht und bekommen so neue Wege aufgezeigt. Ein Leben, das nun ohne meine Mutti weitergeht… & „werd ich einmal nicht mehr sein, schaue in dich selbst hinein, in dir selbst, findest du mich, mein kind, mein sohn, ich liebe Dich“

So wie die Dichterin Hanka Lindstaedt es in einfachen und schönen Worten formuliert, so sehe ich es auch: Ich liebe Dich, Mutti. Immer und ewig.

Abschied von Mutti

Die Linien des Lebens sind verschieden / Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. / Was wir hier sind, kann dort ein Gott ergänzen / Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden. (Hölderlin)

Bild über die Unverständlichkeit des Lebens

„Das Werk, das man malt, ist eine Art, Tagebuch zu führen.“ Schreibt Picasso. Und er hat recht. Tag für Tag wird Verständliches und Unverständliches von mir notiert und aufgezeichnet. Das heißt, ich nenne einiges beim Namen, anderes ist mir selber fremd… Aber das wunderbar Rätselhafte am Unverständlichen wird von mir nicht plump gelöst und schnellstmöglich in illusorische Verständlichkeit (rück)überführt. Warum sollte ich auch? Die große Unverständlichkeit des eigenen Lebens wird schlicht als unlösbar von mir akzeptiert und anerkannt. Sie spiegelt sich in meinen Augen deshalb liebevoll und wahrhaftig rätselhaft wider.

Beglückende Venus

Ich sah, ich errötete, ich erblaßte. Meinen Geist ergriff unendliche Verwirrung; finster ward’s vor meinen Augen, mir versagt‘ die Stimme. Ich fühlte mich durchschauert und durchflammt, der Venus furchtbare GESTALT erkannt‘ ich. Und alle Qualen, die sie zürnend sendet?

Erinnern, so beschrieb es der Autor Mario Schlembach einmal, sei bekanntlich nicht, irgendwelche Denkmäler zu errichten. Das Erinnern bestünde aus einem ständig vollzogenen Akt und einem aktiven Prozess. Das stimmt. Genau aus diesem wunderbaren Grund entstehen all meine Bilder: ich erinnere mich. An das Vergangene. Als auch an das Zukünftige. Das Gegenwärtige ist der eigentliche Akt des Erinnern. Während ich male, treten von Zeit zu Zeit Menschen an mich heran und beginnen über meine Bilder zu erzählen. Sie berichten mir, welchen Bezug sie zu ihnen haben oder was sie mit anderen Bildern schon erlebt haben. Manchmal erzähle ich mir auch selber, was ich erblickt… Ich schaue; ich bin der Beglückte.

Meine klassische Moderne (Die Liegende)

Ist das modern? Wo bleibt hier die politische Brisanz? Wo verbeiß ich mich in die gesellschaftlich so irrsinnig relevanten Themen? Tja, ich weiß es nicht. Welches Lebewesen bewegt sich schon am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien fort? Da…! Arno Schmidt erscheint mir im Traum und flüstert mir zu: „Werfen Sie ja die Flinte in keine der bekannten Korn=Arten, (vor allem nicht in den Doppelkorn): Sie sind & bleiben ein begabter Mann; aber die Durststrecke dauert noch 10. Jahre.“ O, das macht nichts, antworte ich. Denn Zeit ist bekanntlich ein spitzer Kreis und Künstlertum bedeutet noch immer: warten lernen.

An den Künstler

Ob du auch bilden magst, was unvergänglich / Durch alle Zeiten wandeln soll und glänzen, / Doch wird dich die, in der du lebst, nicht kränzen, / Sie wird dir trotzen, stumpf und unempfänglich. // Die Menschheit, schon an sich so unzulänglich, / Kann sich in ihren enggesteckten Gränzen / Nicht einmal aus dem Zauberquell ergänzen, / Der aus ihr selbst hervor bricht, überschwänglich. // Beklage es, doch einzig ihrethalben, / Die mit dem Nicht-Genießen dies Verkennen / Zu theuer büßt, und nimmer deinetwegen; // Denn, wollte sie dich gleich zum König salben, / So würden dich die Zweifel nicht mehr brennen, / Durch die du zahlst für aller Götter Segen! (Friedrich Hebbel; * 18.03.1813, † 13.12.1863) Das liebe ich am wahren Künstlertum: es ändert sich nichts wirklich.

Madonna hinter den Spiegeln

Ein Zeichen ist etwas, was für etwas anderes steht. Prüfe ich also mal nach, was der Spiegel mir wahrhaftig zeigt:

Es ist mit Sicherheit richtig, dass wir offensichtlich nicht nur allein verschiedene Identitäten besitzen, sondern dass wir auch ganz unterschiedliche Vorstellungen von diesem Begriff haben. Was bedeutet es eigentlich eine eigene Identität zu haben? Können zum Beispiel Bild und Wort nicht eine Identität sein? Unsere subjektive, aber auch unsere kulturelle Identität, so kann man sagen, stehen doch immer auch in einem Widerspruch zueinander. Mit anderen Worten: unsere IDENTITÄT ist ein umkämpfter Begriff. Tagtäglich. Das Bild, wie auch das Wort, ist das stets Kämpfende, das Umkämpfte und zugleich der Kampfplatz. Und mein Ich ist nichts weniger und anderes als Bild und Wort. Es gibt hier keine Spaltung, eher etwas Janusköpfiges. Kein Betrachter kann Bild und Wort zur gleichen Zeit wahrnehmen. Und doch ist dieses besondere und zweite Gesicht immer zugegen. Selbst wenn ich es nicht sehe, so gibt es doch seine Gegenwart.

Schrei der Stille (Reprise)

„I am what I am // I am my own special creation // So come take look // Give me the hook or the ovation.“ Mit anderen Worten: „Ich hasse die farblose Feinheit // Erklügelter Nervenkultur. // Ich liebe die bunte Gemeinheit // der schamlosen, nackten Kultur.“  Aber was soll das alles? Sind Worte am Ende nicht doch völlig unwirklich, gerade wenn es um Bilder geht? Das ganze Expertenwissen also nur ein spinnertes Gewebe aus Sprache? Nein, Worte „sind die Schritte im Nebenzimmer // die Vögel die zurückkehren // der Baum…der uns beschützt.“ Und in seinen Zweigen hängen meine Bilder. (Gloria Gaynor, Alfred Lichtenstein, Octavio Paz und ich)