Gedanken über das Auswaiden

Das Auswaiden des Wildes geschieht stets nach gewissen Regeln: Zum Aufbrechen des Wildes wählt man einen freien, berasten Platz. In Ermangelung desselben bestreut man sich einen unberasten Platz mit frischen Laubbrüchen und streckt hier das Wild so aus, dass es auf dem Rücken zu liegen kommt und die Läufe gen Himmel gekehrt hat. Den Hals und Kopf legt man in dieselbe Richtung, wie den Corpus. Beim gehörnten Wild zieht man das Geweih gegen den Corpus zurück, so dass es zu beiden Seiten des Halses zu liegen kommt, und dass der Unterkiefer mit dem Hals eine Linie bildet.

Hatten meine Eltern deshalb das berühmt-berüchtigte Bild mit dem Hirsch in ihrer Wohnung? Weil sie wussten, dass eines Tages alles so kommen würde. Und wenn nicht sie, dann aber am Ende mit Sicherheit ihre geliebte Wohnung ausgewaidet wurde. So geschehen am 9. April, im Jahre des Herrn, 2019.

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Die Mutter mit dem Rosenkranz

Es ist mir, als ob ich nun aus einem dunklen Tunnel ans Licht zurückkehre. Vor mir offenbart sich ein ganz „einfaches“ Bild: „Die Mutter mit dem Rosenkranz“.

Der Rosenkranz der Mutter bestand, wie alle anderen Rosenkränze auch, aus einem Kreuz und 59 Perlen. 55 davon – 50 kleinere und fünf größere – sie bildeten diese ganz besondere zusammenhängende Kette. Eine der größeren Perlen diente als Verbindungsglied zu einer weiteren Kette mit drei kleineren Perlen, einer größeren und einem Kreuz. Über dem Kreuz befand sich eine einzelne große Perle. Wenn wir diese Perle gemeinsam berührten, dann sprachen wir dazu „Erinnerung in Dämmerlicht verglühend / Zittert und loht am fernen Himmelsrand / Der Hoffnung, die geheimnisvoll bald fliehend / Bald wachsend flammt, wie eine Scheidewand.“ Die drei Perlen, die dann folgten, waren ganz besondere: Wir beteten, indem wir sie berühren, je ein „Schwermütiges Sinnen / Wiegt flüsternd mich ein, / Mein Herz zu umspinnen / Im scheidenden Schein“. Fügten aber nach dem Wort „Schein“ gerne noch etwas dazu. Bei der ersten Perle war das vielleicht ein „Fremde Träume“, bei der zweiten Perle ein „Rotflimmernd und weich“ und bei der dritten Perle eventuell zusammenfasend „Endlos durch die Räume / Ziehn sonnengleich / Die Träume über das Reich / Der Heiden und Bäume“. Es folgte dann vor der ersten Perle der zusammenhängenden Kette gerne das „Herbstlied“ von Paul Verlaine und dann sein „Nevermore“. Dies galt auch für die vier weiteren, etwas größeren Perlen des Rosenkranzes. Nach jeder großen Perle folgten für die Mutter zehn „Zu Gott hin dringe deines Lieds verjüngter Klang, / Lass, heis’re Orgel, das Tedeum mächtig tönen“.

Das liebte ich. Je zehn Perlen des mütterlichen Rosenkranzes bildeten ein Gesätz. In einem Gesätz sprachen wir jedes Mal zusammen „Mein weltentrückter Traum ward Wahrheit, es umschlingt / Mein froher Arm das Glück, den Fremdling, leicht beschwingt.“ Wie herrlich war das denn? Oja – dies waren die „Geheimnisse“ des freudenreichen, des lichtreichen, des schmerzhaften, die glorreichen, zugleich aber auch die sehr wankelmütigen Geheimnisse des Rosenkranzes der Mutter.

Einer Mutter, die immer so gerne für mich sang: „Gedanken, Haupt und Herz umspielt vom Abendwind. / Der nächt’ge Hauch zerreisst der Wolken grau Gewimmel / Und kupfern segeln sie, zerstreut im toten Himmel, / Und eines Heil’gen Haupt trifft an dem Domportal / Mit rotem Kuss der Abendsonne letzter Strahl.“ Ich höre sie noch heute. Immer wieder. So hatte sie mir Paul Verlaine und die Kunst ans Herz gelegt. Ich hörte und liebte beides. Auch heute noch. Immer wieder.

Mutter mit Kind

Novalis behauptet, dass Sprache sich einzig und allein um sich selber kümmert. Jegliches Gespräch drehe sich nicht um Dinge und irgendwelche Ereignisse. Vielmehr sei das Eigentümliche der Sprache das Selbstspielerische. Die Sprache spielt ein Spiel, in dem sie ihre Möglichkeiten erkundet und somit zugleich die unterschiedlichsten Geschichten dieses einen Spiels. Novalis billigt der Sprache eine schöpferische Freiheit zu, eine Macht, die sich dem Menschen aufdrängen kann. Wenn dieser ein Herz dafür hat. Novalis nennt dies die Selbstentbergung des Seins. Der Sprechende müsse sich seiner inneren Natur stellen. Und er müsse begreifen, dass jeder von uns etwas Albernes sagt, wenn man etwas ganz bestimmtes und spezielles sagen möchte. So würde niemals Poesie entstehen. Sprache, ihr eigentliches Wesen, so der Dichter weiter, sei „geheim… aber gleichzeitig im höchsten Maße…fruchtbar.“

So interpretiert es auch Ernesto Grassi in „Kunst und Mythos“, bei dem ich die Ausführungen von und zu Novalis finde. „Darum… wenn einer  bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht.“ (Novalis) „Staunenswert“ sei die Sprache, die spielt. Genau. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich staune ebenfalls. Und finde das wundervoll. Ich erfreue mich an diesen Gedankengängen, sehe ich doch auch einen Schlüssel zu meinem eigenen Werk, zu meiner Kunst, in ihnen verborgen. Sprechen, um zu sprechen. Malen, um zu malen. Bilder, um der Bilder willen. Göttliches Gestammel & göttliches Gekritzel… Technische Raffinesse war noch nie die Quelle der Kunst. Sondern Begeisterung und Besessenheit.

Auch diese Überzeugungen finde ich bei Ernesto Grassi. Dichter – ich möchte ab hier vom Künstler reden, schaffen ihre Werke „im Zustand des Außer-sich-Seins“. Sie schöpfen aus „honigströmenden Quellen“. Nur in einem Zustand der Bewusstlosigkeit sei der Künstler fähig überhaupt tätig zu werden. In-spiration und Ein-gebung, darum gehe es. Grassi spricht von einem Wahn, der den Künstler erfasst haben muss, um seine Schöpfungen zu vollbringen. Würde dieser Wahn verschwinden, verstünde der Künstler selber nicht mehr, was er da vollbracht habe. Wie wahr, wie wahr, denke ich. Schon sehe ich mich in einer Talkshow sitzen und all das oben Beschriebene zum Besten geben. Das Publikum wird sich wälzen vor Vergnügen. Entweder weil es Vorurteile bestätigt bekommt oder auch, weil es nichts, aber auch gar nichts versteht. Was ich verstehen kann. Denn wie sagte der eingangs erwähnte Novalis: „Das Gespräch, es ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, dass die Leute meinen, sie sprechen um der Dinge willen…“

Kunst entsteht laut Grassi nicht aus Wissen. Vielmehr aus Gespanntsein. Wie auch Aufmerksamkeit, das bedeutet einem nach-etwas-trachten. Und dieses Trachten sei nur möglich, wenn eine Spannung vorherrsche. Grassi geht noch weiter und spricht von einer absichtslosen Gespanntheit. Vergleichbar dem Zen, wenn dieser Vergleich akzeptabel ist. Wie dem auch sei: ich finde in der Lektüre die Definition einer Gelassenheit, die mich aufhorchen lässt. „Solche Gelassenheit“ heißt es im Text „führt vom Individuum-Sein zum ursprünglichen, unableitbaren Sein.“ Eine Aussage, die mich zu meinen „Mutter mit Kind“-Bildern treibt. Meine Kunst, so möchte ich es gerne formulieren, verwandelt sich in ihnen vom Individuum-Mutti hin zum ursprünglichen, unableitbaren Mutter-Sein. Das schreibe ich, um es zu schreiben. Danach möchte und werde ich alles wieder vergessen. Wenn ich Glück habe, dann weiß ich vielleicht noch „von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen lässt…“

„Verzeihung“

„Unser Leben ist ein Produkt unserer Gedanken“. Schreibt Marcus Aurelius. Und wenn ich versuche aus dem Leben ein Kunstwerk zu machen, dann schließt sich der Kreis, auf dem ich ständig geradeaus laufe.

„das gibt’s net“

Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! / Spann’ Deine weiten, sanften Flügel aus / und leg’s auf meine Fieberaugen! / Bitte, hol‘ mich weg von da! / Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein, / in a neue Zeit, in a neue Welt. / Und ich werd‘ singen, ich werd‘ lachen, / ich werd‘ „das gibt’s net“, schrei’n, / weil ich werd‘ auf einmal kapieren / worum sich alles dreht. (Tim Fischer)

Es geht in meinen Bilder um Liebe. Um Trauerverarbeitung. Ich kann und ich will es nicht anders haben, möchte es zulassen, möchte es fühlen. Und freue mich, wenn ich dann zum Beispiel von meinem Freund Volker Belghaus höre: „… bin Deinem Link zum Blog gefolgt, habe mit einem Kloß im Hals, aber zunehmend mit einem kleinen Lächeln gelesen – einfach, weil das so traurig ist, aber auch alles so sehr Du, so detlefbachig und so angemessen ist, das zu verarbeiten und damit umzugehen.“ Danke für all die tröstenden Worte. Ich werd‘ wieder singen, ich werd‘ wieder lachen! Ich weiß, worum sich alles dreht.

Nie sollst Du mich befragen?

Boote oder Mauern. Klimaerwärmung. Flüchtlingsdramen zu Lande, zu Wasser. Als Thema. Grenzenloses, unindividuelles, weil tausendfaches Leid. Das geht in der zeitgenössischen Kunst ohne Schwierigkeit als Motiv durch. Aber der Tod der Mutter? „Wie sonderbar! Träumt er? Ist er entrückt?“

Der Journalist  Andreas Keablitz beschreibt in der F.A.Z.Edition, dass der Philosoph Michel Foucault viel über den Begriff des Autors und dessen Verhältnis zum Text gesprochen habe. Der Autor ist bei Foucault in einer seiner vielfältigen Facetten und Funktionen auch als eine empirische Instanz zu fassen, in der die unterschiedlichen Ego-Rollen des Diskurses ihren gemeinsamen Ermöglichungsgrund besitzen.

Von dieser weithin noch zu leistenden Arbeit dürfte nicht zuletzt die noch immer wie ein Glaubenssatz gehandhabte, allzu simple literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler profitieren…

Es ist die für Foucault so typische Verwischung der Grenze zwischen Wörtlichkeit und Metaphorik, die bei ihm als Philosophen zum Tragen kommt. Foucaults Modell der Theoretisierung des Autors bietet letztlich aber die Möglichkeit, den Produzenten von bildender Kunst oder Musik ähnlich zu befragen und Voraussetzungen für einen Vergleich der verschiedenen Urheber von Kunstwerken zu schaffen.

Dabei wird man nicht zuletzt zu klären haben, warum man dem Autor und seinem Verhältnis zu seinem Werk so viel mehr Interesse als einem Maler oder Komponisten und ihrer Beziehung zu dem ihren entgegengebracht hat…

& Nun sei bedankt, mein lieber Schwan! / Zieh durch die weite Flut zurück, / dahin, woher mich trug dein Kahn, / kehr wieder nur zu unsrem Glück! / Drum sei getreu dein Dienst getan! / Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!…