Café oder nicht Café…

(Ort: Ein kleines italienisches Eiscafé in Wuppertal-Elberfeld. Wie schon oft in der Vergangenheit treffe ich mich dort mit meinem alten Freund Arno Schmidt, um mit ihm über Kunst zu debattieren. Über die Bilanz des Lebens, Träume und andere Ausweglosigkeiten. Arno Schmidt bestellt wie üblich einen Espresso, ich bekomme einen Cappuccino.)

Detlef: Arno, ich habe das Gefühl, du lässt als Künstler aber niemanden so richtig an dich ran. Sehe ich das richtig?

Arno: Ja!

Detlef: Ja? Einfach so „Ja“?

Arno: Die großen Spaziergänge durch die Heide, das ist die Kulisse, die ich brauche.

Detlef: Kühe in Halbtrauer?

Arno: Auch die.

(Arno blickt kurz aus dem Fenster)

Arno: Ich würde gerne noch 2 große Bücher schreiben.

Detlef: Aber?

Arno: Ich muss ja leider immer wieder Brotarbeiten einschieben. Ich kann mir nicht leisten 3 bis 5 Jahre mich nur der Niederschrift eines Buches zu widmen.

Detlef: Na, du bist mir ja ein ulkiger Vogel. Meinst du ich kann mich jahrzehntelang in mein Atelier verkriechen und nur so lustig vor mich hin malen? Das Atelier als Kaninchenbau? Einfach so, um neue Formen zu finden… Ich mache auch Brotarbeiten. Wir leben zwar nicht, um nur zu essen. Aber wir müssen eben essen, um zu leben.

Arno: Brotarbeiten heißt für mich Texte übersetzen.

Detlef: Und für mich sind das Portraitaufträge. Akt und Portrait! Aber ich unterrichte auch in meinem Atelier. Zeichnen zum Beispiel. (Das stimmt sogar! Siehe dazu die Menüleiste Atelierkurse)

Arno: Und Akt?

Detlef: Sicher, sicher… Akt auch. Denn Kunst kann niemals keuch sein!

Arno: Vielleicht hab ich doch den falschen Beruf.

(Beide verlassen wir kurz daraus das Café. Wir müssen weiter, immer weiter, unserem Glück hinterher.)

„Zettel´s Traum“

Einer meiner Lieblingsautoren ist und bleibt Arno Schmidt. Sein bekanntestes und zugleich kaum gelesenes Werk heißt „Zettel’s Traum“.

Mit über 1.000 Seiten im Atlasformat gilt es als deutsche Antwort auf James Joyce. Einst wurde der Sonderling als Avantgardist gefeiert, außerhalb seiner treuen Fangmeinde geriet er jedoch etwas in Vergessenheit. Schmidt schildert in „Zettel´s Traum“ einen Tag im Leben eines Ehepaares, das Werke des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe übersetzt. Gemeinsam mit seiner 16-jährigen Tochter Franziska macht es einen Ausflug in die Lüneburger Heide.

Die drei sind dort zu Gast bei Daniel (Dän) Pagenstecher, einem Poe-Experten. Dieser deutet Poe als Voyeur mit absurden Neigungen, verliebt sich jedoch – wie einst der Dichter – in die minderjährige Franziska. Diese dialogorientierte Geschichte hat Arno Schmidt mit über 16.000 Anmerkungen angereichert. Schon das macht klar: „Zettel’s Traum“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch.

Nun, ich habe „Zettel´s Traum“ von Arno Schmidt mit Genuss durchgeblättert. Durchgeblättert! Nicht gelesen! Ich muss mich hier ganz klar auf die Seite von Pierre Bayard stellen. Dieser kämpft in „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ gegen schlechtes Gewissen und überkommene Bildungsideale. Darin stellt Bayard zunächst die Arten vor, in denen man zu einem Buch in Beziehung stehen kann, ohne es wirklich gelesen zu haben: Die pure Ignoranz, das Querlesen, das Kennen vom Hörensagen und das Vergessen.

Bayard macht dafür stark, dass man nur über die Bücher reden sollte und kann, in die man sich nicht zu sehr versenkt hat, weil sonst die eigene Person im Werk untergeht. Das höchste ist, sie auszudrücken und für Bayard heißt das: Selbst mit dem Schreiben zu beginnen. And Now for Something Completely Different:

Die Arroganz alter Muster

(Ort: Ein kleines italienisches Eiscafé in Wuppertal-Elberfeld. Wie schon oft in der Vergangenheit treffe ich mich dort mit meinem alten Freund Arno Schmidt, um mit ihm über Kunst zu debattieren. Über die Bilanz des Lebens, Träume und andere Ausweglosigkeiten. Arno Schmidt bestellt wie üblich einen Espresso, ich bekomme einen Cappuccino.)

Detlef: Arno, vielleicht solltest du einfachere Sachen schreiben. So Dinge, die jeder Depp sogleich versteht. Das verkauft sich auch besser.

Arno: Ich kann nicht sagen, dass ich einfache, leicht verständliche Literatur schreiben kann. (Arno schüttelt heftig den Kopf) Nein, das könnte ich eben nicht!

Detlef: Verstehe. So geht es mir mit den Bildern. Das Leichtverständliche, es liegt mir offensichtlich nicht so richtig.

Arno: Meine Schriftstellerei fordert vom Leser eine Vertiefung in mein Werk.

Detlef: Na, dann schrumpft deine Fan-Gemeinde aber schnell gegen Null. Oder etwa nicht?

Arno: Das mag arrogant und überheblich klingen, aber ich habe noch so viel von den großen, alten Mustern zu lernen, dass ich für anderes keine Zeit mehr finde…

Detlef: Erinnert mich an Marcel Reich-Ranicki. „Ich nehme diesen Preis nicht an“. Mit dieser Äußerung hatte Marcel Reich-Ranicki Schlagzeilen gemacht, als er 2008 den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk bekommen sollte – aber er lehnte ihn in einer flammenden Rede ab und kritisierte stattdessen den „täglichen Blödsinn“.

Arno: … ich möchte lieber neue Formen entwickeln.

Detlef: Aber wer versteht das schon?

Arno: Na, ich!

Detlef: Herrlich. Dein Selbstbewusstsein müsste man haben.

(Beide verlassen wir kurz daraus das Café. Wir müssen weiter, immer weiter, unserem Glück hinterher.)

Verständliche Unverständlichkeit

(Ort: Ein kleines italienisches Eiscafé in Wuppertal-Elberfeld. Wie schon oft in der Vergangenheit treffe ich mich dort mit meinem alten Freund Arno Schmidt, um mit ihm über Kunst zu debattieren. Über die Bilanz des Lebens, Träume und andere Ausweglosigkeiten. Arno Schmidt bestellt wie üblich einen Espresso, ich bekomme einen Cappuccino.)

Detlef: Arno, mal so unter uns beiden Kirchenschwestern: Du bist es doch, der so unverständlich für so viele Mitmenschen ist. Bedarf es gleich einer literarischen Vorbildung, um dich zu lesen? Ich meine, dich lesen zu können?

Arno: Das darf durchaus sein. Nur weil ein Leser lesen kann, kann er ja noch nicht gleich jedes Buch lesen! Leg ich dagegen jemandem eine Partitur vor, würde der Laie sofort zugeben, dass er davon überhaupt nichts versteht.

Detlef: Naja, das ist ja auch Musik. Aber bei der Schriftstellerei? Oder bei Bildender Kunst. Ich bitte dich! Was soll denn daran schwierig sein? Jeder ist doch heutzutage ein Künstler. Oder sogar ein Superstar.

Arno: Die Annäherung an den Fachmann ist schwierig.

Detlef: Ja, das kenn ich. Vor allen, wenn ich im Baumarkt mal eine Frage an den Fachverkäufer habe. Zum Beispiel wegen Laubfangkörbchen.

Arno: Man muss sich zur Kunst hinbemühen.

Detlef: Wie in einen Baumarkt ohne Personal.

Arno: Unermüdliches Bemühen, das ist Studium!

Detlef: Das sagst du, obwohl du nur wenig verkaufst?

Arno: Ja, natürlich. Aber man muss ja am Ende das tun, wozu man sich gedrängt fühlt.

Detlef: Schönes Schlussplädoyer. Ich verlange Freispruch, Euer Gnaden!

(Beide verlassen wir kurz daraus das Café. Wir müssen weiter, immer weiter, unserem Glück hinterher.)

Arno & Me

(Ort: Ein kleines italienisches Eiscafé in Wuppertal-Elberfeld. Wie schon oft in der Vergangenheit treffe ich mich dort mit meinem alten Freund Arno Schmidt, um mit ihm über Kunst zu debattieren. Über die Bilanz des Lebens, Träume und andere Ausweglosigkeiten. Arno Schmidt bestellt wie üblich einen Espresso, ich bekomme einen Cappuccino.)

Detlef: Was ist los, Arno, geht`s dir nicht gut?

Arno: Also mit Verlaub, Detlef, ich bin nur alt.

Detlef: Sind wir das nicht alle? Handle danach.

Arno: Das muss du mir nicht sagen.

Detlef: Aber ich sag doch gar nichts. Du etwa?

(Arno Schmidt starrt eine kleine Weile vor sich hin)

Arno: Wenn wir überhaupt etwas sagen wollen, über das was ein Schriftsteller „soll“, dann hat er bestenfalls die eine Aufgabe, ein Bild seiner Zeit zu geben.

Detlef: Hört, hört. Wahrlich gut gesprochen.

Arno: Ein Historiker kann nur das Messtischblatt einer Zeit geben…

Detlef: Messtischblatt? Eine topografische Karte im Maßstab 1:25.000 ?

Arno: … aber Wolken flogen über diese Landschaft! Das ist es, was der Schriftsteller festhalten kann.

Detlef: Ich würde nie auf die Idee kommen Wolken zu malen. Wolkenmaler. (Ich schnalze verächtlich mit der Zunge) Sie sind wieder mal ganz herunter, Überflüssige, Abtrünnige, Betrogene in jedem Sinne. Jeder fängt bei sich selber an und verachtet so weiter nach oben und nach unten.

Arno: Ein Schriftsteller gibt auch das Portrait eines Denkprozesses mit. Auch darum habe ich mich bemüht.

Detlef: Aber ich doch auch. Ich auch! Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich bemühe.

Arno: Wir vergessen heutzutage die Assoziationsketten wiederzugeben.

Detlef: Das stimmt. Vom Hölzchen zum Stöckchen kommen. Abschweifen, um zu verstehen. Von Bob Dylan zu WATCHMEN, zu Nietzsche, zum Lieben Gott und wieder zurück. Nur Menschen mit Rückgrat zeigen auch in den Kurven des Lebens ihre Geradlinigkeit.

Arno: Ich möchte nicht abschildern wie ein Fotograf.

Detlef: Wer will das schon?

Arno: Ansel Adams. David Bailey. Thomas Karsten. Irving Penn…

Detlef: Ach komm… lass uns lieber zahlen, bevor noch jemand ein Foto von uns beiden macht.

(Wir verlassen wir kurz daraus das Café. Wir müssen weiter, immer weiter, unserem Glück hinterher.)

Kunst und Pinguine

„O, mein Gott! Was soll das denn sein?“ (siehe unten)

Eine Frage, so vorschnell gestellt und auf mich niedergesaust wie ein Richtschwert. Seine Schärfe verfehlt mich nur knapp. Ich atme erleichtert auf. Meine Antwort, denke ich, darf nach diesem Schock jetzt aber ruhig etwas langmutiger ausfallen. Milder. Nachsichtiger. Bunter. (siehe unten; rechts) Lebendiger.

Die Gesellschaft braucht moderne Kunst aus demselben Grund, aus dem es in den meisten Zoos dieser Welt Pinguine zu sehen gibt!

Der Mensch findet nun einmal Gefallen an Dingen, die auf ihn, auf unerklärliche Weise, gleichzeitig anziehend, als auch absolut widersinnig wirken! Würde man Pinguine nicht mit eigenen Augen sehen, im Zoo zum Beispiel, man würde ihre Existenz nicht für möglich halten. Denn ein völlig aberwitziges Design zeichnet diese Winterkreaturen aus. Fast möchte man geneigt sein zu glauben, Philippe Stark hätte hier seine Hand angelegt. Und so ähnlich ergeht es uns mit und oder bei moderner Kunst.

Ich meine hier unser heftiges Kopfschütteln, unseren nervösen Unglauben, angesichts der möglichen und unmöglichen Formen, die Kunst uns darbietet. Pinguine und moderne Kunst schenken unseren Augen, dies darf hier vorweg genommen werden, auf alle Fälle eine Menge Freude. Darin besteht kein Zweifel. Aber das Wichtigste ist: Ein Kunstwerk, wie auch einen Pinguin, betrachtet man immer um der Erfahrung selbst willen.

Aber beides, Tierart und eigentümliches Kulturgut – unterschiedlicher könnten die Bereiche nicht sein – bedürfen, damit wir Gefallen an ihnen finden können, richtiger Augen oder Ohren. Kunstaffin müssen unsere Sinnesorgane schon sein. Böse Lästerzungen ergänzen an dieser Stelle voreilig und gerne, man müsse die Augen dann aber recht eng beieinander stehen haben. Nur so könne man moderne Kunst ernsthaft begutachten: Augen dicht beieinander und die Ohren am besten weit am Hinterkopf!

Eine böse Verleumdung! Ich behaupte nämlich kühn, dass es schon ausreicht, wenn man sich einfach mal umgekehrt auf einen Stuhl setzt, um moderne Kunst genießen zu können. Das geht dann eventuell aufs Kreuz, öffnet aber den Geist! Und zwar recht weit. Je nachdem welche kamasutra-artige Position man auf dem Stuhl eingenommen hat. Und um welches Objekt es sich handelt, das man betrachten möchte.

Und weil es bloß um das Betrachten geht, kein anderes höhere Ziel wird anvisiert, deshalb ist solch eine ästhetische Erfahrung schlicht einzigartig. (Bei Pinguinen bin ich mir – ich gestehe das bekennend kleinlaut – nicht so sicher, ob solch eine gymnastische Übung ausreicht, um ein neues, ästhetisches Schönheitsideal zu entwickeln. Selbst wenn man diese Viecher über eine längere Zeit studiert. Ich denke, die bleiben für uns Menschen immer nur eigentümlich komisch.) Nun gut… Sitzposition und Objekt müssen stimmen, damit es zu einer Erkenntnis kommt.

Schon hier wird man an die Struktur der Heiligen Messe erinnert und das Problem des Glaubens. Das Objekt, um das es meist in der Religion geht, es ist, wie auch in der Kunst, einfach unbeschreiblich. Auf eine ganz bestimmte Weise nicht begreifbar. Wie ein Pinguin! Aber zwischen mir und diesem Objekt kann etwas entstehen. Und dieses geheimnisvolle Dritte, das ist die eigentliche Kunst.

Man fühlt sich von dem Kunst-Gegenstand stets auf eine ganz bestimmte Weise angesprochen. Und wenn man seine Sprache versteht, darf man sich gerne für einen Dr. Doolittle der Modernen Kunst halten. Ein Kunstflüsterer. (Wenn man die Sprache von Pinguinen versteht, empfehle ich, sich anderswo Rat und Hilfe zu holen.)

Um Kunst mit seinem inneren Ohr lauschen zu können, kann man zum Beispiel zu einer Kunst-Messe fahren. Und sich dort an allen möglichem Krempel erfreuen. Wenn Kunst draußen dran steht, dann wird wohl auch Kunst drin sein. Aber das ist eigentlich zu einfach gedacht, finde ich. Diese Herangehensweise stellt keine richtige Herausforderung dar. Bei einem Juwelier anklopfen und schauen, ob dieser auch Ringe anbietet, wo sollte da die Abenteuerlust sein?

Schlendert man auf einer Kunst-Messe nicht in Wahrheit wie bei einem Marken-Discounter umher? Und studiert Preise und Schnäppchen und die Kunst-Artikel der Saison, wie andernorts Angebote von Hühnersuppe und Bratlingen? Nein, nein, das ist für mich Pauschal-Kultur. All inclusive. Bespaßung in jeder Koje, all you can eat… or see. Ehrlich, manchmal möchte man das ganze Elend gar nicht wirklich betrachten müssen. Das heißt: der Besuch einer Kunstmesse kann, wenn man vegetativ übersensibel ist, wie ein Besuch am Nacktbadestrand wirken. Dort sieht man bekanntlich auch nicht immer nur Schönes.

Ich will jetzt aber nicht als ein mieser Kulturpessimist verstanden werden. O, nein! Aber, wissen Sie was: für jemanden wie mich, den die Kunstszene bis dato noch nicht einmal wie ein lästiges Kaugummi unter ihren Pradastiefelchen angesehen hat, für mich war es bis dato immer wichtiger zu glauben und/oder einfach davon zu träumen, dass die bloße Anwesenheit von Objekten jeglicher Couleur auf einer Kunstmesse nichts, aber auch gar nichts mit dem Feuer zu tun hat, das mich bei moderner Kunst stets wärmte.

Denn dieses Feuer, lodert an den unterschiedlichsten Orten und in den unglaublichsten Augenblicken auf. Was ich damit sagen will: ich finde beim Discounter mit Sicherheit etwas zu essen. Aber wahnsinnig glücklich werde ich, wenn ich während einem Spaziergang plötzlich und unerwartet Himbeeren an einen Strauch entdecke. Vielleicht ist es aber auch nur eine kleine Blume, die mich plötzlich erfreut. Ein Stein. Ein Zweig.

Vielleicht

Der verwundete Heiler

Chiron. Cheiron. Oder auch: Der verwundete Heiler :

Es gibt immer wieder Bilder, zu denen ich eine ganz besondere Bindung habe. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Oft entstanden sie zu bestimmten Zeiten, an denen sich für mich künstlerisch oder auch menschlich wichtige Dinge änderten. Solche Bilder, davon träume ich, würde ich gerne einmal in einem Buch zusammen führen, auch um ihre jeweils ganz spezielle, eigene kleine (Kunst-) Geschichte zu beschreiben. So würde bestimmt eine ungewöhnliche, bebilderte Biografie von mir selbst entstehen.

Ich zeige mir meine Bilder und sage mir, wer ich bin.“  Bilder als Seinsspuren? So ungefähr. Denn zwischen dem Menschen und seiner Kunst zu unterscheiden, so behauptet man gerne, dies wäre sehr leicht. In meinen Augen ist das aber nicht so einfach umzusetzen. Denn bestimmt nicht die Kunst gleichzeitig die Wahrnehmung meines ganzen Lebens? Oder umgekehrt: bestimmt meine Art zu leben, zu denken, zu sprechen, zu schreiben am Ende nicht meine ganze Kunst? Es lohnt sich darüber nachzusinnen… (…)

Und wenn ich das tue, meine ich stets, es wäre einfach schön, wenn am Ende um die 50 Arbeiten (Leinwände, Grafiken, Collagen, Zeichnungen…) zusammen kämen, die ich als Landmarken meines künstlerischen Weges bezeichnen könnte. Warum diese spezielle Zahl? Warum exakt 50 Arbeiten? Ich weiß es nicht. Aber wie dem auch sei: In der imaginären Liste, die ich mit großem Eifer in meinem Kopf von Zeit zu Zeit zusammenstelle, wechseln sich die wichtigen Bilder ständig ab. „Alle Dinge wenden sich um “ schrieb Gottfried Benn, „alle Begriffe und Kategorien verändern ihren Charakter in dem Augenblick, wo sie unter Kunst betrachtet werden…“  Ich will aber meine besonderen Bilder (bzw. meine Arbeiten) weniger unter dem Kunstblickwinkel betrachten, als vielmehr als meine (Lebens-)Beweise. Ich betrachte sie viel eher als „Keime des Glücks und Keime der Trauer “ (Benn). Nur wenige meiner Arbeiten, die mir für mein Projekt einfielen, blieben bis dato hartnäckig auf der Liste stehen. So zum Beispiel „Der Gott meiner Liebe war sterblich“. Oder „Die Männer mordende Sopranistin“ [Klingt wie ein Roman von Simenon]. „Lauf, Pferdchen, lauf!“, einige Arbeiten aus der Werkreihe der „Schönen Hermaphroditinnen“ oder eben auch „Der verwundete Heiler“ :

(Internet-Screenshot: Wikipedia)

Mein Wort zum Sonntag

Es steht geschrieben: Mike Tyson vs. Alfred Ayer. (BachKünstlerbrief 5,12-21  249) Und wer wahrhaft spricht, ist des ewigen Lebens voll (Novalis). Nun gut: Alfred Ayer (1910-1989) war eine ziemliche Berühmtheit. Der britische Philosoph galt als gesellig und außerordentlich unterhaltsam. Auf Empfängen und Partys war Ayer daher ein gern gesehener Gast. In den späten 1980er wurde der weit über 70-Jährige auf einer Party Zeuge, wie Mike Tyson die damals noch recht unbekannte Naomi Campbell belästigte. Der Philosoph ging unerschrocken dazwischen und stellte den aufdringlichen Boxer zur Rede. Tyson fand das gar nicht lustig und fuhr Ayer an: „Wissen Sie, wer ich bin? Ich bin Boxweltmeister im Schwergewicht!“ Doch Ayer ließ sich nicht einschüchtern und antwortete gelassen: „Und ich bin der ehemalige Wykeham-Professor für Logik. Ich schlage vor, dass wir darüber wie vernünftige Menschen reden.“

Mike Tyson vs. Alfred Ayer. Oder anders formuliert: Pinky vs. Brain.

Was will uns diese Geschichte sagen? Traum und Phantasie, Gefühl, Intuition sind „ungöttlich“ und gefährlich? Nur die äußere, dem Bewusstsein zugängliche Realität soll für den Menschen erfahrbar sein? Meine lieben Brüder und Schwestern, der Mike Tyson, sowie der Alfred Ayer gehören beide zu unserem inneren Team! Sie gehören zu uns, wir sollten sie annehmen…o,ja… diese tiefe Zerrissenheit, die den Bereich des Verstandes von der Welt des Unbewussten, des Gefühls trennt. Nehmen wir sie an. Lieben wir sie. Und seien wir zugleich Pinky und Brain.

(Texte aus: Der Philosophie-Kalender 2014; Novalis: Die Lehrlinge zu Sais. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese. Fotos: Google)

Das Lachen der Mona Lisa

Über die Mona Lisa und ganz besonders über ihr Lächeln sind bekanntlich Legionen von Bücher geschrieben wurden, Legenden kreiert und dann tief ins Herz der Kunstgeschichte eingepflanzt. Die schönste Geschichte, die ich über das geheimnisvolle Schmunzeln der Mona Lisa je gelesen habe, die hat der Filmemacher Derek Jarman hinterlassen. Er schrieb, dass fragliche Dame beim Modellsitzen ständig am Reden war. Leonardo da Vinci wusste sich deshalb am Ende nicht anders zu helfen, als dass er sich einen Strichjungen von der Strasse holte, diesen anstelle der Mona Lisa Platz nehmen ließ und dann dessen einnehmendes Lächeln porträtierte. Eine wunderbare Geschichte. Ich glaube freilich nicht, dass die Mona Lisa ständig am Quasseln war. Das klingt mir viel zu sehr nach Klischee (Frauen reden immer nur etc… Leonardo wäre an mir bestimmt auch verzweifelt), das ist mir dann doch zu „billig.“ Höchstwahrscheinlich hat die Mona Lisa einfach nur herzlich gelacht, weil Leonardo so verbissen versuchte ihr Lachen in Öl festzuhalten. Sicherlich sah der alte Zausel absolut ulkig aus, etliche Pinsel zwischen den Lippen, in den Fingern und wahrscheinlich auch im Bart, wie er so vor ihr stand und ständig herumlavierte. „Sfumato“ soll übrigens nach Aussagen der Historiker jene Maltechnik sein, die Leonardo für das Gemälde der Mona Lisa benutzt hat. Wer aber etliche Pinsel im Mund hat, den sollten sie mal bitten sehr deutlich „fumando“ (rauchend) zu sagen. Wer würde da nicht lachen, wenn dem Maler dann natürlich das Wort völlig an den Pinseln zerschellt? Aber die Kunstgeschichte behauptet eh was sie will. Und sie macht auch was sie will. Mich zum Beispiel lässt sie einfach, still und leise links liegen. Aber deshalb ignoriere ich die Kunstgeschichte aus Rache auch nicht einmal mehr! Sie ist mir schnuppe. Zudem bin ich mir gewiss, dass die Mona Lisa gar nicht Lisa hieß. Ich glaube, dass die hübsche Dame auf den Namen Veronika hörte. So etwas spürt man doch. Dafür muss man sich das Bild auch einfach nur mal richtig anschauen! Wenn man mich sieht, sagt man ja auch nicht Johann Sebastian zu mir. Wie gesagt, die Kunstgeschichte macht mit uns und den Bildern, was sie will. Wird Zeit, dass wir allmählich und öfters mal herzlich zurücklachen!  HA!

(Gemälde: Leonardo da Vinci; Fotografie: Sebastian Kohtz)