Die Kunst ausweiden

Sehr gehrte Damen und Herren. Heute wenden wir uns im Kunst-Talk der Frage zu: „Dürfen wir die Kunst ausweiden?“

Blitzlichtartig meinen die Experten, dass dieses Wort der Jägersprache entnommen sei. Die Innereien des erlegten Wildes, also der Kunst, argumentieren die angeblichen Kunstexperten, werden den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Wer ist hier der Hund!, ereifert sich ein Gast der Runde. Mit der Öffnung der Bauchhöhle, nein!, schreit wieder jemand aufgeregt in die Talkrunde, erst mit der metaphysischen Öffnung einer imaginären Herzkammer, können Eingeweide und Innereien wirklich entfernt werden. Diese Innereien seien die Wahrheit… und nichts als die Wahrheit, die Poesie, die Träumerei, ein Gefühl von Schönheit angesicht gewaltiger Erscheinungen, sowie der zarte Wunsch nach Autonomie. Ausweiden, so sämtliche Experten erregt weiter, ist ein Synonym für ausnehmen, ausschlachten, oder auch entleeren. Wenn man so will, sagen die Experten. Und entleeren sich wortreich.

Mir wurde inzwischen ein kleiner, unbearbeiteter Pflanzenzweig auf die Zunge gelegt. Unfähig etwas zu sagen, spanne ich einen Schirm auf. Das ist mein Bild. Schön so.

Uhrmacher und Genies

Jede Uhr zeigt uns die Zeit an. Fragt uns jemand, welche Stunde geschlagen hat, wir können es dank einer Uhr beantworten. Aber wenn wir das Phänomen Zeit erklären müssten, dann wird es kompliziert. Sicherlich ist mit der Zeit nicht nur ein Zusammenspiel und Zusammentreffen von Unruh, Kugelumlauf und oder Pendel gemeint. Zeit ist höchstwahrscheinlich vielmehr als uns alle Uhren der Welt zusammen anzuzeigen vermögen…

Und ich? Ich bewege mich auf meinem Zeit-Lebens-Strahl geradeaus im Kreis, so will es mir erscheinen. Verschiedene Enden aus unterschiedlichen Zeiten werden zu neuen Anfängen verbunden, damit meine Kunst im Jetzt erblühen kann.

Unsere Augen verschaffen uns eine Menge Freude

Es gab eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Denn es war die Zeit, in der ein Anfang kein Ende suchte. Wie so vieles, so waren auch Anfang und Ende nicht voneinander getrennt wurden. Ein einzelner Keim beherbergte keine Blüte, die er bei Bedarf der Sonne präsentierte. Vielmehr war es so, dass der winzigkleine Keim selber schon eine wunderbare Blüte darstellte, ohne es recht zu begreifen. Diese Zeit, von der ich hier rede, hatte etwas Märchenhaftes an sich. Etwas, was weit vor den heutigen Geschehnissen angesiedelt war und mit den Dingen, wie wir sie zu kennen glauben, nichts gemein hat.

Das Verständnis der Dichter

Das menschliche Gedächtnis ist anfällig für Suggestion.

Jederzeit bin ich bereit, Informationen als erinnert abzuspeichern, die auf anderem Weg als durch mein eigenes Erleben gewonnen wurden; mit anderen Worten: ich ergehe mich in Kunst.

Porträt eines Hinterbliebenen (und seiner Eltern)

Als Hinterbliebener macht man sich oft so seine Gedanken. Man fragt sich zum Beispiel, ob die eigenen Eltern Heilige waren?

O, nein, lautet die sofortige Antwort. Sie waren nicht einmal richtig religiös, eher waren sie herzensgut. Und das ist weit wichtiger als irgendeine Heiligtuerei, finde ich. Tja, als wäre es erst gestern gewesen, erinnere mich gerade daran, dass meine Mutter kurz vor ihrem Tod plötzlich wissen wollte, ob es immer noch viele Störche auf der Insel Föhr gäbe. Grund genug für mich, kurz nach dem Tod meiner Mutter (Vater war schon vor fünf Jahren verstorben), auf die Nordseeinsel zu fahren. Tatsächlich existiert dort eine starke Storchenpopulation. Mit cirka 20 bis 30 Tieren. Und jedes Jahr wachsen immer neue Jungstörche heran. Viele überwintern auf der Insel. Einige fliegen im Herbst in den Süden und kehren dann vereinzelt im nächsten Jahr zurück. Wie dem aber auch sei, kaum hatte ich seinerzeit die ersten Schritte auf die Insel gesetzt, da flog auch schon ein Storchenpaar über mich hinweg. Mir war auf der Stelle klar, dass dies meine Eltern waren. Und was für ein wunderbares Bild. Spontan setzte ich mich nieder und schrieb folgende Zeilen in mein Tagebuch: Ob die Eltern den Regen spüren / Vaters Knochen vom Nass geküsst / Mutters Asche feucht durchtränkt / Oder liegen nur Reste von ihnen in der Erde / Und ihre Seelen sind längst verwandelt / Ziehen als ein verliebtes Storchenpaar / Hoch am Himmel ihre Bahn…

„Da schau,“ sagte ich zu mir „da sind sie.“ Und da waren sie… das waren meine Eltern. 

Was auch immer in Wuppertal in der Erde des Friedhofes liegen mag, es hat nichts mehr mit ihnen zu tun, denke ich heute und setze die letzten Striche unter die Zeichnung, die mich und meine Eltern in einem Bild (wieder) vereinen.