Verehrt. Geliebt. Vergessen?

„Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau“ oder „liebe, werte Magd“ (?!) „Ich sehe sie dreidimensional vor mir … richtig als Person.“ Die Madonna habe wunderschöne dunkle Haare und himmelblaue Augen. Sie trage ein schlichtes weißes Gewand „… wo durchsichtig ist“. Aber sie sei inzwischen durch eine Wolke unseren Blicken entzogen, einer Wolke „aus Glaube, Liebe und Hoffnung, aus Mythos, Sehnsucht und archetypischen Vorstellungen, aus Weisheit und kindlicher Einfalt, aus Traum und Gebet.“ Aus geerbten Bildern setze ich sie mir, einem spielenden Kind gleich, an meinem Nebenhimmel wieder neu zusammen.

Nebenhimmel

Aus dem Leben ein Werk machen. Darum geht es. Bei mir. Oder wie zum Beispiel bei Shai Maestro. Der Jazzpianist Shai Maestro erhielt eine klassische Ausbildung. Er lernte Bach zu spielen, von dem er sagt, er sei wie eine Bibel für ihn. Tja, das habe ich den ganzen lieben langen Tag: von Geburt an, lernte ich Bach zu spielen, Bach zu sein. Ohne das mich dies Schicksal sogleich bibelschwer bedrückte. Es war leicht. Es war schwer. Es war normal. Früher. Aber auch jetzt, heute, ist es halbwegs erträglich Bach zu sein. Denn ich bin nicht allein. Ich bin so viele. Oder auch rimbaudhaft formuliert: „Ich ist ein anderer“, immer auch ein anderer. Ich bin, denke ich, jene Wirklichkeit, die vorgibt wahr zu sein…

(Texte: Octavio Paz, Wolfgang Bach, Vasko Popa, Friedrich Schiller und Lupo, alias Rolf Kauka.)