Nachtidyll

Mir war bis dato gar nicht bewußt, dass ich auf einem meiner neuen Bilder die Buchstabenkombination CAE lesen kann, die Abkürzung für Computer-aided engineering. Dieses Kürzel steht also (auf gut deutsch) für eine rechnergestützte Entwicklung, was jetzt wiederum hervorragend zu einer Spezifikation all meiner „New Digital Paintings“ passen könnte. Allerdings ist CAE schlichtweg kein schöner Titel für ein Bild. Denn „gern von meinem Fenster schau ich / Träumend in die schönen Nächte, / Wenn Selenes Silbernadeln / Emsig stickend, leis erklingen…“ Ob rechnergestützt oder nicht, ich „fühle vor der feinen Arbeit / Immer mich als wie vor Wundern / Und die flügelmüde Seele / Läßt sich still zur Ruhe nieder.“ *

(*Hugo Ball)

Mein Spiel mit Kreuz- und Querverweisen

Gerne sage ich zu mir: Klassiker sollten Humor besitzen. Egal welcher Klassiker. Name ist Schall und Rauch, Christian Daniel Rauch.

Nun sag‘, wie hast du’s mit der Kunst? Meinetwegen nenn’ es ruhig wie du willst, / Nenn’s Glück! Herz! Liebe! … / Ich habe keinen Namen / Dafür! …

Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut. (Goethe; Faust)

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle die tiefsten Einsichten doch mühelos hervorzuholen… Irgendwie steckt die Angst hinter allen Symptomen, aber bald nimmt sie lärmend das Bewusstsein ganz für sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich vollkommen, daß wir genötigt sind, von unbewusster Angst – oder wenn wir ein reineres psychologisches Gewissen haben wollen, da ja die Angst zunächst nur eine Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten zu reden. (Zitiert aus „Das Unbehagen in der Kultur“ von Sigmund Freud.)

Goya, Kominsky, Anima & ich.

Gaukler küssen meine Stirn

„Les Saltimbanques“ (… zu deutsch „Die Gaukler“ oder auch „Die Gauklerfamilie“ ); dieses Bild wirkt wie eine kleine Zusammenfassung von Themen und Charakteren, denen ich in den letzten Jahren meine Aufmerksamkeit gewidmet habe… „in Ländern, die ich nie geschaut.“ (Emily Dickinson). Unreife Künstler mögen entlehnen, ich meine, dass reife Künstler stehlen, kopieren, übernehmen, imitieren und zitieren. Und „zitieren“ bedeutet hier, Originale betrachtet, sie gehört, sie gelesen zu haben. „Das Seltsame ist ja, dass sogar Bücher, an die wir uns nicht mehr bewusst erinnern können, Teil von uns sind und wie eine vergessene Melodie plötzlich wiederkehren können.“ (Siri Hustvedt; „Leben, Denken, Schauen„)

Augen schweigen nicht

Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist. Ihr Götter – habt ihr doch jene Verwandlungen bewirkt –, beflügelt mein Beginnen und führt meine Dichtung ununterbrochen vom allerersten Ursprung der Welt bis zu meiner Zeit!

(Ovid, „Die Metamorphosen“.)

Der Atem der Eltern / Mein Handtaschen-Requiem

Der Geist von Mutter, der Atem von Vater, alltäglich zu spüren in den zurückgelassenen Taschen…

Vater, dir drohet nichts, / Siehe, es schwindet schon, / Mutter, das Ängstliche, / Das dich beirrte! / Wäre denn je ein Fest, / Wären nicht insgeheim / Wir die Geladenen, / Wir auch die Wirte? („Gesang der Ungeborenen“ von Hugo von Hofmannsthal.)

Othello to go

Das grünäugige Ungeheuer: So wird die Eifersucht in Shakespeares Othello bezeichnet. Und zwar von Jago, dem Fähnrich des schwarzen Generals Othello. Er will seinen Herrn in das klebrige Netz jenes grünäugigen Monsters locken…

Und was sagt Othello? Er sagt: Unser Körper ist ein Garten, und unser Wille der Gärtner, so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Ysop (ein Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler) aufziehen oder Thymian ausjäten; (…), ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten – das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserem freien Willen.

Mich erinnert dieses Gartenbild natürlich sofort wieder an meine Kunst. Ich kann nicht anders…

… meine Kunst, ein einziger Nutz- und Ziergarten.

LOVERBOY

Als er, den wir uns vor die Seele rufen, die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Anhänger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie: „Ooh love ooh loverboy / What’re you doin‘ tonight, hey boy / Set my alarm, turn on my charm / That’s because I’m a good old-fashioned lover boy…“

Gott, wenn du mich einst in deinem Himmel empfängst, mach, dass ich auf die Frage „Hast du genug geliebt?“ mit einem strahlenden Lächeln antworte.

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(Textzeilen u.a. aus „Good OldFashioned Lover Boy“ von Freddie Mercury und aus „Paradies der Traurigkeit“ von Oliver Py)