Sacrifice

Was genau „sagt“ mir das Bild? Während ich noch nach Fragen forsche, die ich an das Werk richten könnte, höre ich es schon zu mir sprechen: „Früher gab es die Liebe, oder ihre Möglichkeit; / Es gab Anekdoten, Abzweigungen und stille Momente / … / Aber das ist vorbei… / – / Wir leben heute in einer ganz neuen Ordnung, / Und die Verflechtung der Umstände umhüllt unsere Körper, / Umströmt unsere Körper / Mit einem Strahlenkranz der Freude / … / Jetzt, da das Licht um unseren Körper greifbar geworden ist, /… / Können wir uns / Heute / Zum erstenmal / Das Ende der alten Ordnung vergegenwärtigen.“ * 

(*Michel Houellebecq; aus: „Der Sinn des Kampfes“ und „Elementarteilchen“)

Das Küßkind

 

Der Schriftsteller James Joyce war noch davon überzeugt, dass sein Werk Generationen von Literaturwissenschaftlern Nahrung bieten würde. Heute wissen wir, dass wir unsere Kunst für uns alleine machen. Das eigene Werk entsteht auf ganz eigenes Risiko. Es gibt tatsächlich niemanden, der irgendwo und irgendwie auf meine Kunst wartet. Viele Kolleg*innen stößt diese Tatsache, dass jeder seine Kunst für sich allein machen muß, vor den Kopf. Es wird ihnen schwindelig bei dieser Erkenntnis.

Ich schlage vor: den Kopf in Fahrtrichtung halten, sich anlehnen, Augen offen halten, die Bewegungen des Lebens mitverfolgen. Kunst ist wie Karussell fahren: wir sollten versuchen zu genießen, vertrauensvoll wie ein Kind – wie ein Küßkind.

Geliebte Irrfahrten

Kunst bedeutet nichts anderes als eine Irrfahrt durch die eigene Seele; Tage und Nächte verbringt man mit endlosen Spaziergängen durch Labyrinthe, nur um an einem fernen, neuen Erkenntnishorizont hoffentlich feinen, aufsteigenden Rauch erkennen zu können. Dies gilt es dann zu erkunden. Wie in einem fiebrigen Traum treffe ich dort vielleicht auf einen Komplex von Gebäuden, errichtet aus ziselierten Steinen. Eine liebreizende Frau bittet mich sicherlich freundlich in ihr Anwesen. Aber nur wenig später vermischt sie eine Speise mit seltsamen Kräutern, die sie mir mit einem äußerst gewinnenden Lächeln anbietet und verwandelt mich… in mir schägt nun ein neues Herz und sagt: „Jederzeit muß man in dieser Welt auf der Hut sein vor den Anschlägen irgendwelcher Götter, Dämonen und Zauberwesen, die einen nach Belieben in einen Bären,“ oder „in ein Schwein … verwandeln können und die die Macht haben, das Leben zu versteinern oder zu einer Karikatur seiner selbst zu erniedrigen.“ *1 

Oder auch: „Wie man immer genauer sieht / die Begierde … drückt ihre Formen in den Strom des Körpers ein / in den heißen Quellen der Haare / und der Spiegel“ *2

(*1 aus: Eugen Drewermann; Tiefenpsychologie und Exegese 1 / Die Wahrheit der Formen / Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. // *2 Gedichtzeilen von Toyen)

… „ältere“ Bilder, nicht weniger wahr … „Überall sind Augen in Federknäueln und ein leises Pochen im Innern gesprenkelter Eier“ (noch einmal Toyen) … und diese gesprenkelten Eier beinhalten das, was wir Zeit nennen.

Nachtidyll

Mir war bis dato gar nicht bewußt, dass ich auf einem meiner neuen Bilder die Buchstabenkombination CAE lesen kann, die Abkürzung für Computer-aided engineering. Dieses Kürzel steht also (auf gut deutsch) für eine rechnergestützte Entwicklung, was jetzt wiederum hervorragend zu einer Spezifikation all meiner „New Digital Paintings“ passen könnte. Allerdings ist CAE schlichtweg kein schöner Titel für ein Bild. Denn „gern von meinem Fenster schau ich / Träumend in die schönen Nächte, / Wenn Selenes Silbernadeln / Emsig stickend, leis erklingen…“ Ob rechnergestützt oder nicht, ich „fühle vor der feinen Arbeit / Immer mich als wie vor Wundern / Und die flügelmüde Seele / Läßt sich still zur Ruhe nieder.“ *

(*Hugo Ball)

Mein Spiel mit Kreuz- und Querverweisen

Gerne sage ich zu mir: Klassiker sollten Humor besitzen. Egal welcher Klassiker. Name ist Schall und Rauch, Christian Daniel Rauch.

Nun sag‘, wie hast du’s mit der Kunst? Meinetwegen nenn’ es ruhig wie du willst, / Nenn’s Glück! Herz! Liebe! … / Ich habe keinen Namen / Dafür! …

Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut. (Goethe; Faust)