Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle die tiefsten Einsichten doch mühelos hervorzuholen… Irgendwie steckt die Angst hinter allen Symptomen, aber bald nimmt sie lärmend das Bewusstsein ganz für sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich vollkommen, daß wir genötigt sind, von unbewusster Angst – oder wenn wir ein reineres psychologisches Gewissen haben wollen, da ja die Angst zunächst nur eine Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten zu reden. (Zitiert aus „Das Unbehagen in der Kultur“ von Sigmund Freud.)

Goya, Kominsky, Anima & ich.

Gaukler küssen meine Stirn

„Les Saltimbanques“ (… zu deutsch „Die Gaukler“ oder auch „Die Gauklerfamilie“ ); dieses Bild wirkt wie eine kleine Zusammenfassung von Themen und Charakteren, denen ich in den letzten Jahren meine Aufmerksamkeit gewidmet habe… „in Ländern, die ich nie geschaut.“ (Emily Dickinson). Unreife Künstler mögen entlehnen, ich meine, dass reife Künstler stehlen, kopieren, übernehmen, imitieren und zitieren. Und „zitieren“ bedeutet hier, Originale betrachtet, sie gehört, sie gelesen zu haben. „Das Seltsame ist ja, dass sogar Bücher, an die wir uns nicht mehr bewusst erinnern können, Teil von uns sind und wie eine vergessene Melodie plötzlich wiederkehren können.“ (Siri Hustvedt; „Leben, Denken, Schauen„)

Augen schweigen nicht

Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist. Ihr Götter – habt ihr doch jene Verwandlungen bewirkt –, beflügelt mein Beginnen und führt meine Dichtung ununterbrochen vom allerersten Ursprung der Welt bis zu meiner Zeit!

(Ovid, „Die Metamorphosen“.)

Der Atem der Eltern / Mein Handtaschen-Requiem

Der Geist von Mutter, der Atem von Vater, alltäglich zu spüren in den zurückgelassenen Taschen…

Vater, dir drohet nichts, / Siehe, es schwindet schon, / Mutter, das Ängstliche, / Das dich beirrte! / Wäre denn je ein Fest, / Wären nicht insgeheim / Wir die Geladenen, / Wir auch die Wirte? („Gesang der Ungeborenen“ von Hugo von Hofmannsthal.)

Othello to go

Das grünäugige Ungeheuer: So wird die Eifersucht in Shakespeares Othello bezeichnet. Und zwar von Jago, dem Fähnrich des schwarzen Generals Othello. Er will seinen Herrn in das klebrige Netz jenes grünäugigen Monsters locken…

Und was sagt Othello? Er sagt: Unser Körper ist ein Garten, und unser Wille der Gärtner, so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Ysop (ein Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler) aufziehen oder Thymian ausjäten; (…), ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten – das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserem freien Willen.

Mich erinnert dieses Gartenbild natürlich sofort wieder an meine Kunst. Ich kann nicht anders…

… meine Kunst, ein einziger Nutz- und Ziergarten.

LOVERBOY

Als er, den wir uns vor die Seele rufen, die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Anhänger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie: „Ooh love ooh loverboy / What’re you doin‘ tonight, hey boy / Set my alarm, turn on my charm / That’s because I’m a good old-fashioned lover boy…“

Gott, wenn du mich einst in deinem Himmel empfängst, mach, dass ich auf die Frage „Hast du genug geliebt?“ mit einem strahlenden Lächeln antworte.

***

(Textzeilen u.a. aus „Good OldFashioned Lover Boy“ von Freddie Mercury und aus „Paradies der Traurigkeit“ von Oliver Py)

Nachtmahr-Triptychon

Albträume werden meist besser erinnert als schöne Träume. Schlimme Erlebnissen festigen bestimmte neuronale Verbindungen im Gehirn stärker als schöne Ereignisse. Schreckliches brennt sich sozusagen ein im Gedächtnis. Zehn Prozent der Erwachsenen haben gelegentlich Albträume, fünf Prozent regelmäßig, das heißt ein Mal im Monat oder häufiger, sagt der Psychologe Reinhard Pietrowsky von der Universität Düsseldorf.

Was, wenn der Alptraum nun aber ein Jahr oder noch länger dauert?

„… in den letzten Jahren mehren sich (…) die Annahmen, oder es gibt auch Theorien, dass Albträume auch eine Funktion haben können, dass die Albträume auch dazu dienen können, sich mit schwierigen Situationen, mit belastenden Situationen auseinander zu setzen und quasi so im Schlaf, im Traum, auch den Umgang mit ganz schrecklichen Situationen irgendwie zu üben, irgendwie zu trainieren, mit solchen schlimmen Situationen umzugehen.“ „Man nimmt die Elemente, die wirklich ganz schlimm sind, aus dem Albtraum heraus und ersetzt sie durch weniger bedrohliche Elemente. Und so wird dann quasi eine neue Traumgeschichte entwickelt, die eben nicht mehr ängstlich, nicht mehr bedrohlich ist, und diese Traumgeschichte wird immer wieder vorgestellt. Diese wiederholte Vorstellung führt dann dazu, dass sich dieser neue, nicht mehr bedrohliche Traumverlauf dann im Gedächtnis auf den Albtraum legt. Und das führt dann dazu, dass der ursprüngliche Albtraum seltener oder im günstigsten Fall gar nicht mehr geträumt wird.“ (Quelle: Deutschlandfunk, Montag, 23.03.2020, Autor: Jochen Steiner)

Ach! der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt.

Oja, es stimmt! der Menge gefällt nur, was auf dem Marktplatz taugt. Und wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen. Voll von feierlichen Possenreißern ist der Markt – und das Volk rühmt sich seiner großen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde, die krakeelen: „Ich werde eine große Mauer bauen – und niemand baut Mauern besser als ich, glauben Sie mir – und ich baue sie sehr kostengünstig. Ich werde eine große, große Mauer an unserer südlichen Grenze bauen und ich werde Mexiko für diese Mauer bezahlen lassen.“ Es ist zum Verrücktwerden. Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was groß an dir ist – das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter. Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein… ja, fliehe. Wie ich geflohen bin. Schon längst. Zwischen Farben und Formen verborgen, zwischen Zeilen versteckt. Dort wo jede Sprache eine Leerstelle hinterlassen muss, dort habe ich mich eingenistet.