Kunst als Weckung meiner ewigen Neugier

… den obigen Text vermag man nur zu lesen, wenn man ganz nah an das Bild herantritt. So nah, wie sich sonst nur Liebende kommen. Die Worte gleichen sanften Spuren, die niemand kennt, außer die sich zärtlich Liebenden.

Ein Betrachter der Szene stürzt, wenn er sich mehr und mehr vom Bild entfernt über den Rand des Werkes, in die Runde tastend, hungernd nach dem Umriss einer Erkenntnis.

Das Gegenständliche, das Verständliche hat sich dann seinen Definitionen entzogen, es zerfällt in scheinbar Abstraktes. Die Liebesworte sind verklungen. Und doch spricht das Bild weiter…

Nun aber steht das Erzählen nicht mehr oder weniger im Vordergrund als das stumme und erregende Zeigen.

Die Wunderkammer der Nerds

Die Theaterregisseurin Angela Richter schrieb einmal, dass die Nerds, jene stigmatisierten und gleichzeitig erfolgreichen Außenseiter, die eigentliche Avantgarde unserer Zeit bilden werden. Angela Richter behauptet, dass die Nerds sogar den Künstlern den Rang ablaufen werden. Das will ich doch nicht hoffen. Tatsächlich ist der Nerd nach der Glorifizierung des Home Office und dem heutigen Erreichbarkeits-Fetischismus derjenige, der seine Freizeit und Privatsphäre im Netz vollends verkauft hat. Ich als Künstler mache mir zu diesen Aspekten der Gesellschaft aber ganz andere Gedanken. Und verehre nach wie vor andere Vorbilder…

Mein Wille zur Lust

Zu meinem Bild „Der Wille zur Lust“ fällt mir ein Text von Pablo Neruda ein. In dem Gedicht „Das Insekt“ heißt es: „Ich schweife über Hügel, hell schimmernd wie der Hafer, bedeckt mit zarten Spuren, die keiner kennt, nur ich, versengte Zentimeter, dämmrige Perspektiven… da ein Krater, eine Rose aus feuchtem Feuer!“ So ist es auch bei meinem Werk. Der Betrachter kriecht mit seinen Blicken über das Bild, ergötzt sich an Linien, versenkt sich in Täler und Spalten, bis er zum Schluss über den Rand fällt, zurück in eine andere, eine züchtigere Wirklichkeit. Dieses neue Bild will mir wie ein unerhörter Liebesbrief erscheinen. Nur falte ich ihn nicht zusammen und stecke ihn in ein entsprechendes Kuvert, sondern lege ihn auf einen Stapel, zu all den anderen Liebesbriefen, die ich im Laufe der Jahre verfasst habe. Ach, das Herz ist mir so voll! Was für eine Freude empfindet es, wenn meine Augen die Zeilen wiedersehen können… Allesamt unerhört und an die Kunst adressiert. Und ihre Antworten? Die Bilder sind zugleich durchzogen von ihrer Schrift. Das ist ihr Herz…

Die Liebesbriefe der Kunst beweisen: Wir sind glücklich durch unsere Irrtümer.

Nacht auf dem Monte Verità

In Deinem Atelier, so behauptet mein guter Freund Andy Dino Iussa, „malst Du (…) nicht das, was Du vom Leben erwartest, sondern das, was Du ihm zuschreibst. Das, was Du in ihm siehst und fühlst. Das sind keine Erwartungen, das sind Wahrheiten, die geleugnet werden. Wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden. Aber bei Dir, in Deinem Atelier, auf Deinem persönlichen Monte Verità, da oben, da könnte man ihnen ins Auge schauen. Jedoch, das wagt ja kaum jemand. Zu gewagt, zu überbordend, zu grenzüberschreitend und beängstigend sind diese Wahrheiten.“ *

*Andy Dino Iussa, seines Zeichens Theatermacher, Liebhaber von kräftigem Wein, katholischer Spurensucher und Geheimniskrämer.

Seelenskizze

Dieses Bild, herausgefischt aus einem lebhaften Traum, jener Verbindung zwischen kaleidoskopischen Empfindungen und ineinander gefügten Erinnerungen, vergleichbar wundersamen Seelen-Linien, die auf eine erleuchtete Fläche gestreut werden, mir selber zum Geschenk.

Ein Übermaß von Welt

Ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt?

O, die Antwort darauf ist kompliziert. Denn Du schaust in die Ferne. Und ich? Nun, ich poste eine weitere kleine Grafik. Hier. Jetzt. Was ist je zum Abschluss gelangt? Weißt Du, Du hast mir seit unzähligen Monaten, gar Jahren, nicht mehr geschrieben. Du hast Dich nicht mehr gerührt. Kein Lebens-Zeichen. Nur bodenloses Schweigen. Ich brachte Dir einst Blumen mit, Du bemerktest traurig: „Es ist alles ganz einfach.“ Dabei ist nichts ganz einfach mit einem Künstler. „Das ist bestimmt aufregend“, sagst Du in einem Gespräch. „Aber sicherlich ist das auch sehr anstrengend. Mit einem Künstler.“ Ja. Vielleicht. Genau. Und die Troubadoure singen weiter ihre Lieder. Sie singen und erzählen von unerhörten Geschichten. Das heißt: sie träumen von unerzählbaren Geschichten. Sie träumen von uns Liebenden.