Wahrnehmungshypothesen

In dem Buch „On The Move“ von Oliver Sacks stolpere ich über die Überlegung, dass unser Gehirn stets mit Ideen spiele. Und das, was wir Wahrnehmung nennen eventuell nur Wahrnehmungshypothesen seien. Unser Gehirn konstruiere diese, um mit ihnen zu spielen. Dieser Gedankengang gefällt mir. Verwandelt schaue ich auf meine eigenen Bilder.

… während ich so spiele – mein Gehirn sich an neuen Ideen erfreut – kommt mir auch das in den Sinn: eine weitere Wahrnehmungshypothese, ein neuer Versuch Kunst zu erklären.

gezeichnet collagiert gemalt… ein Liebesbrief

Der Dichter Reiner Kunze wußte es, ein Brief, ob gezeichnet, collagiert, gemalt oder geschrieben, er bedeutet: „eine hoffnung sein, das unüberbrückbare überbrücken mit jedem schritt“.

Für mich gleicht jedes Bild, das ich male, einem Liebesbrief. Der Kunst zu verfallen heißt, an sich selbst eine Neubestimmung zu erfahren. Kunst und Liebe bedeuten, dass ich die eigenen Bedürfnisse neu zu definieren lerne.

Ein zauberhafte Zugabe

Es ist ein leichtes und absolut legitimes Spiel, den Dingen einen Sinn zu verleihen. Doch das wird niemals der eigentliche Sinn des Tun sein. Es kann mir durchaus Sinn bereiten eine riesige Bleirakete zu basteln und sie mir in eine gigantische Garage zu stellen. Aber der eigentliche Sinn dahinter bleibt schleierhaft. Ebenso kann ich Sinn darin finden, das größte Auto in Form einer Banane zu bauen, um ins Guinness-Buch der Rekorde zu gelangen. Es existiert nun einmal eine Diskrepanz zwischen Sinn geben und Sinn sein. Martin Heidegger hat sich zeitlebens immer auf die Seite des Sein geschlagen und war sich seiner Wahl führerhaft sicher. Ich bleibe in meinem Tun unsicher und höre deshalb lieber auf mein Herz. Es schlägt sich mit mir auf die Seite von Glenn Gould, der einst behauptete: Ein Künstler nimmt nichts weg. Ein Künstler gibt stets dazu. Genau darin sehe ich meinen Sinn: ich gebe etwas zu. Und ich tue das mit Worten und mit meinen Bildern: etwas zugeben. Ich gebe also bewusst zu, meine Kunst hat nur Sinn, weil Kunst mir Sinn gibt. Mit anderen Worten: mit Kunst mache ich mir selbst eine Freude.

Mein Eintrag ins Atelierbuch

Seit dem 1. Januar 2025 gibt es bekanntlich keine Meldepflicht mehr für deutsche Staatsangehörige in den Hotels in Deutschland. Ein handschriftlich unterschriebener Meldeschein ist für niemanden mehr erforderlich. Für mich bleibt diese Meldepflicht allerdings bestehen; ich meine, ich muß mich weiterhin mit einer kleinen Zeichnung oder Collage ausweisen, wenn ich mein Atelier betrete. Das Atelierbuch liegt direkt an der Rezeption für mich bereit. Und gerne komme ich meiner Pflicht nach und hinterlasse darin ein kleines Kunstwerk. Nur so kann ich später dort nachschauen, um zu registrieren, ob ich auch tatsächlich vor Ort war.

Gestengleiche Kunst

Was ich vorhabe, ist nicht einmal nicht richtig, es wird nicht einmal falsch sein. Mit anderen Worten: es ist schlich und einfach Kunst. Also ein Geflecht von Spiegelungen, von Ichkristallen, die sich zu der Landschaft meiner Seele auftürmen. Kunst ist schließlich das, was meine Welt wird. Nur dort sehe ich mich im Spiegelbild eines Wassers, was gerade im Begriff ist zu gefrieren. Blasen steigen noch in Schneckentempo empor, bevor sie zum endgültigen Stillstand kommen. In jedem dieser kleinen Bläschen erkenne ich dann meine Biografie, kleine Anekdoten nach einer wahren Begebenheit, die komplett von mir erfunden wurde. Und zwar vor langer Zeit und aus Eis oder auch Porzellan (s.o.)modelliert.

…wo sie eins gewesen waren

… bevor sie auseinandergespalten wurden? Heißt?: Bildende Kunst ist von jeher ein Ritual gewesen. Eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung. Wie könnte ich sonst auf die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux schauen? 17.000 und 15.000 v. Chr. wurden die Felzzeichnungen dort hinterlassen. Der erste der Ersten malte dort seine Wildpferde und Auerochsen. Aber nicht, um sie auszustellen. Oder glauben wir wirklich, er hätte zuvor 50 € für eine Anmeldungsgebühr bezahlt, um an einer Ausstellung teilnehmen zu dürfen? Nein, er malte, weil es dafür ein Bedürfnis gab. Vernissagebesucher waren im Programm nicht vorgesehen. Niemand stöckelte vor den steinzeitlichen Wandzeichnungen umher. Niemand richtete sich den Pelzschal seiner Steinzeit-Kultur, nahm einen Schluck Brackwasser und begutachtete die Wandzeichnungen. 

Diejenigen, die nach meinem Tod durch mein Atelier schlürfen, werden niemals sofort sehen oder verstehen können, was mich zu meinen Bilder getrieben hat. Ich habe keine Stiere auf einer Felswand hinterlassen. Gleichwohl vereinfacht mir mein künstlerisches Ritual die Bewältigung komplexer Lebenssituationen wie Trauer und Angst, wie Einsamkeit oder Flucht vor der Heuchelei des Kapitalismus. Wir Menschen haben unsere Urhöhlen inzwischen verlassen, manche von uns witterten da draußen ein echtes Geschäft für Fels- oder Kreidezeichnungen. Deshalb überschwemmen uninspirierte Possenreißer inzwischen die Szene. Marktschreierei ist eine olympische Disziplin geworden. Ich aber halte an meinen Bildern fest, begleite es mit Wortformeln. So versuche ich immer noch aus meinem emotionalen Höhlen-Labyrinth herauszufinden. Oder wenigstens mich selber im Jetzt zurecht zu finden. 

Im Dunkel einer Höhle, im Verborgenen liegt die Quelle zur Kunst. Früher bewachte der Minotaurus den Zugang zu dieser Quelle. Das Mischwesen hauste in unser aller Seelen-Labyrinth…

Das Bild, das mich träumt.

Künstler müssen auch Dichter sein. Das war mir immer schon bewußt. Es wird mir immer klarer. WortBild = BildWort, Mut zur Originalität, Originalität als Alleinstellungsmerkmal. Eine autonome Originalität, der die Kunst sich verpflichtet fühlen sollte, intuitiv, nicht so sehr einer Logik folgend oder einer Grammatik. Die Kunst, die mir vorschwebt, sie erzählt eine Geschichte ohne Ende oder einen präzisen Anfang. Wo genau würde meine Kunst denn beginnen? In welchem Alter? Bei welcher Gelegenheit? Nur rückblickend kann ich evtl. einen Anfang be-nennen. Wie bei einer Taufe. Am nächsten Tag sehe ich das vielleicht schon wieder anders. Die Räume haben sich verschoben, die Zeit ist, so scheint es mir, eine andere geworden. Ich bin ebenfalls ein Anderer geworden. Auch dadurch, dass ich einen Blick zurück wagte und somit ein Zucken meiner Zukunft wahrnehmen konnte. Ein Zucken, so immens kurz, dass ich gewillt bin anzunehmen, dass es gar nicht wirklich stattfand. Doch der Künstler in mir verlängert dieses unglaubliche Zucken. Es führt dann meine Hand, ich setze so den ersten Strich auf einer Leinwand. So betrachtet dauert es Jahrzehnte, es dauert auf diese Weise (m)ein ganzes Leben, bis das Bild, das mich träumt, vollendet ist.