Die Wollust Marsyas

Des öfteren wurde geäußert, dass meine Werke Angst und Unbehagen beim Betrachter erzeugen würden. Einmal sagte dies meine Galeristin zu mir, als sie über den kargen Zustrom der Besucher ihres Ausstellungsortes enttäuscht war; dann bestättigte mir das auch ein guter Freund. Über diese Kritik dachte ich nach und mir wurde bewußt: Was immer sich hinter dem Schleier der Kunst verbirgt, es hat mit unserer Freiheit, unserer Verantwortung, dem Sinn des Lebens, die Frage der Isolation und dem eigenen Tod zu tun.

Unsere Modernität ist ständig bemüht, sich diesen fünf Aspekten zu entziehen, etwas Einfaches, etwas Oberflächiges soll die Tiefe ersetzen, Abgründe werden planiert und zur Untermalung dieser Tragödie dient seichte Hintergrundmusik; die angeberische Realität siegt, so scheint´s, über die Lust der Kunst… ich aber sehe, dass Apollon sein Spiel spielt. Ich sehe, dass er sieht, dass ich sehe, dass er nur sein Spiel spielt… dafür wird er mich vielleicht versuchen zu bestrafen. Es ist aber seine Angst, die er in den Bildern wiedererkennt, nicht meine.

Bizarrerien

… Kunst ist für mich eine liebgewonnene Konfusion eigener, wie auch fremdartiger Gefühle. Bizarrerien. Annulierte Beichten. Ein Berauschen an Silben und Formen. Bibeltexte auf Seiten aus Esspapier. Stumme Lieder, Blumen vergleichbar, die jemand über mein Leben streut. Aufgeblüht durch die Kraft des Absurden. Mit einer Seltsamkeit als auffälligste Charaktereigenschaft. „Mysterien erfunden, um uns von der eigenen Wirklichkeit abzulenken.“ (Charles Berthonzoz)

The Stigmata of St. Francis

Dort wo ein Spalt in der Realität sich auftut, wo zuvor noch feste Fugen auseinander brechen, dort treten Triebe an die Oberfäche, die man nicht erwartet hat. Zarte Pflänzchen brechen sich Bahn oder Absonderlichkeiten, die man mal mit Freude, mal mit Abscheu zur Kenntnis nimmt. Manch einer spricht von Unkraut, andere sagen Kunst dazu. Meine botanischen Kenntnisse sind mehr als bescheiden, aber ein Bild wie „The Stigmata of St. Francis“ ist mir auf seine ganz eigentümliche Art und Weise sehr vertraut; fiebrige Formen, übersatte Farben, ein halluzinatorisches Gebilde:

„Francis, geh und baue dein Atelier wieder auf, das, wie du weißt, ganz und gar in Verfall geraten ist,“  mag ich angesicht des Bildes ausrufen. Augenblicklich wird mir bewußt, dass dieses Bild nicht jeden ansprechen wird – kein Kuss der ganzen Welt! – nein, nein, ein Kuss auf ein neugieriges Augenpaar… und schon wird (s)eine Seele gesund – & das reicht mir völlig.

Belagerung der Hochkultur

Der Dichter kräht, flucht, seufzt, stottert, jodelt, wie es ihm paßt. Seine Gedichte gleichen der Natur. Nichtigkeiten, was die Menschen so nichtig nennen, sind ihm so kostbar wie eine erhabene Rhetorik; denn in der Natur ist ein Teilchen so schön und wichtig wie ein Stern, und die Menschen erst maßen sich an, zu bestimmen, was schön und was häßlich sei.

„Écriture automatique“ nannten die Surrealisten (wie zum Beispiel Hans Arp im obigen Zitat) das automatische Schreiben, das frei und ohne Sinnkontrolle vonstattengehen sollte. Im „Cadavre Exquis“ wurde zum automatischen Schreiben ein visueles Gegenstück gefunden. Ich halte mich nun wirklich nicht für einen Surrealisten und ebenso wenig ist nicht eins meiner Bilder ein „Köstlicher Leichnam“. Und doch kommt es mir oft so vor, als würden meine Bilder einer „Niederschrift“ gleichen. Wie bei einem Gedächtnisprotokoll (oder noch besser wie in meinen Tagebüchern) zeichne ich auf, halte ich fest, was mir zu einem bestimmten Zeitpunkt, am Tag (oder in der Nacht), wichtig erscheint. Dabei krähe, fluche, seufze, stottere, ja, ich jodel auch, wenn mir danach ist, und spucke sogar darauf, ob mein Protokoll eine positive oder negative Beweiskraft besitzt. Das ist doch das wunderbare, das zauberhafte an der Kunst: alles gleicht einem Versuchsprotokoll, bei dem ich gegebenenfalls Beobachtungen und visuelle Erklärungen zu einer Beobachtung wiedergebe, wie hier zur Belagerung der Hochkultur. Giottos „Vertreibung der Teufel aus Arezzo“ gefiel mir… ebenso mein fiebriger Identifikationsgedanke, dass unsere Zeit vielleicht all die guten Geister aus der Kultur vertreibt, die wir uns so mühsam errichtet haben. Aber, ach, wer bin ich, dass…? … Laut Protokoll bin „Ich…(angeblich nicht) Arnaut, der den Wind liebt / und Hasen jagt von einem Ochsenkarren aus / Und schwimmt gegen die Strömung.“ (Dante)

Wer bin ich dann?

Ich bin und bleibe einzig und allein der Protokollant meiner Täume.

Höhenlinien-Madonna

Dem Bild, das ich vor einigen Tagen anfertigte, gab ich recht intuitiv den Titel: „Vision einer Höhenlinien-Madonna“.

Erst jetzt, wo ich den Text hier schreibe, weiß ich: Ein Bild aus uralten Zeiten, das kam mir in den Sinn… Eine Frau (gemalt von Hans Holbein d.Ä.) betrachtet Linien, die sich hell in der Dunkelheit abzeichnen, in die sie zu blicken scheint. Diese Vision, diese wundersame Erscheinung, dieser Anblick einer Marienfigur (wie es mir erscheinen will) im Zentrum all dieser Linien, das Zentrum als der Ursprung der eigenen Welt, schenkt der Frau, so denke ich, ein subjektives bildhaftes Erleben. Etwas sinnlich nicht Wahrnehmbares, etwas das aber denoch real erscheint und in einem religiösen Sinne auf die Einwirkung einer jenseitigen Macht zurückgeführt werden kann, tut sich vor ihr auf…

Ich mag an meine Kunst, an unser Kulturverständnis denken…