Im Land der unbekannten Möglichkeiten

Meine Kunst ist mir, frei nach Hans Blumenberg, keine geschlossene Kathedrale, sondern ein offenes Haus mit mehreren Eingängen…

…& Du weißt, dass der Tag die Nacht zerstört / Die Nacht zerteilt den Tag / Habe versucht, zu rennen / Habe versucht, mich zu versteckenBreak on Through (To the Other Side)… THE DOORS

Taxe zum Schafott

Das Bild „Triptych Inspired by the Oresteia of Aeschylus“ des britisch-irischen Künstlers Francis Bacon (1909-1992) hat bei einer Online-Auktion in New York rund 85 Millionen Dollar eingebracht. Zwei Bieter – einer online aus China und einer am Telefon von Gregoire Billault (Senior Vice-Präsident von Sotheby’s) – haben sich einen zehnminütigen Wettstreit geliefert. Am Ende erhält der Telefonbieter, der zunächst anonym blieb, für rund 84,6 Millionen Dollar den Zuschlag. Die Taxe für das Francis Bacon Werk lag laut Auktionshaus bei „nur“ 60 Millionen Dollar.

(Foto: Monopol Magazin)

„Ist es Satzung ja, dass der mörderische Geld-Strom,

Vergossen zur Erd, aufs neue verlangt

Nach Geld. Ruft doch soviel Geld die Erinys [die Rachegöttin] auf,

Die zur Taxierung an vordem Verkauften führt,

Immer wieder herbei ruft neue Vermögens-Spekulanten.“

– nach Aischylos.

Auf der Suche nach der Präsentation meiner eigenen Zeit

Der Schlaf der Zeit. Zusammengeklebte Erinnerungsreservoirs, Selbstverbergungen am Ursprung der Welt. Abbilder eines reduzierten Daseins. Kindermännerträume, einem Wunschbild gehorchend. Experimentelle Zeit, unverwundbar, unüberwindbar, unheimlich gradlinig und unermesslich verzweigt zugleich. In diese künstlerischen Bilder habe ich mein eigenes Gedächtnis implantiert. So dass die Bilder am Ende glauben, sie besäßen eine eigene Geschichte. Eine Geschichte von sich ganz allein.

Für sich allein.

All das sind Spiegelbilder vor einer Existenzprüfung. Denn auch die eigene Zeit erleidet ihren Tod. In ihrer permanenten Auferstehung.

Der Wille zum Bild

Die heutige (Kunst)Geschichte hat das moderne Bild mundtot gemacht, bedauerlicherweise zum Schweigen gebracht. Ich fand dieses Vorgehen von jeher sehr bedauerlich. Mir geht es in diesem Punkt wie Giacomo Casanova, der behauptete, es hätte für ihn keinen Sinn gehabt mit einer Frau zu schlafen, mit der er sich nicht auch hätte unterhalten können. Mir geht das mit Bildern ähnlich. Mit einem Bild, das nicht mit mir reden will, würde ich auch nicht ausgehen wollen. Ich bin einfach kein Künstler nur für eine Nacht.

„Die Neurose ist dadurch charakterisiert“, flüstert mir zärtlich mein Bild ins Ohr, „dass sie auf Gedanken ebenso ernsthaft reagiert, wie das die normalen Menschen auf die sogenannte Wirklichkeit tun.“ „Ach, ist das so?“ will ich wissen. „Aber wie wirklich ist denn die Wirklichkeit nun wirklich?“ „Wirklich interessant“, diagnostiziert mein Bild. Und küsst mich auf mein erregtes Herz.

Tagsüber ins Museum, abends allein mit dem Virus.

Hurra: Spielplätze, Museen und Zoos sollen wieder öffnen. Und in einem Glückskeks finde ich den Spruch „ Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Na, und es ist der 1.Mai. Die Sonne strahlt, als ob es kein Coronavirus gäbe. Es ist, als würde ich aus einem merkwürdigen Traum aufwachen. Ich sitze auf einer Edelstahl-Rutsche, die sich in die Tate-Modern-Turbinenhalle hinab schwingt, vorbei an allen Bildern dieser Welt. Im Arm halte ich einen Biber, mein Totemtier, das mir während der Fahrt im Museum einen Martini reicht, geschüttelt, nicht gerührt.

Es ist also alles wieder normal. Spielplätze, Museen und Zoos sind wieder offen.

Hermaphroditos (oder die Mandel, die keine Apfelsine werden möchte)

Seit der Ausbreitung des Corona-Virus stellen sich viele Menschen die Frage nach dem Geschlecht des Virus: männlich oder weiblich? Hier eine mögliche Antwort dazu – mit überraschenden Erkenntnissen. Ursprünglich war Hermaphroditos eine als Gottheit verehrte männliche Form der Aphrodite, Aphroditos genannt. Erst später erhält er den Namen Hermaphroditos. Er steht in der Mythologie für den Jüngling, den die Göttin Aphrodite dem Gott Hermes geboren hatte. Durch das Wirken der Götter wird er mit einer Nymphe verschmolzen, wodurch sein Körper nun männliche als auch weibliche Merkmale aufweist.

Hermaphroditos bedeutet mir die Gestaltfindung einer neuen/alten Vision: die Wildheit zweier Leben. Manche Männer bekommen Angst, sobald sie nur an sich die ersten Anzeichen bemerken, die wir fälschlicherweise den „Wilden Mann“ nennen. Sie hören dann mit jeglicher Wildheit auf und empfehlen auch anderen Schüchternheit und angepasstes Verhalten. Einige dieser Männer werden später Lehrer, Soziologen, Geschäftsleute, protestantische Geistliche, Bürokraten und Therapeuten. Andere werden lieber Dichter oder Künstler. Künstlertum ist die «Weigerung» einer Mandel, die keine Apfelsine werden möchte. Das bedeutet: Künstler sind Frauen, wie andere auch. Beim Robert Koch-Institut heißt es hierzu in einer Stellungnahme „es ist (…) nicht auszuschließen, dass sich das Virus weiterverbreitet“.