Identität und Freiheit

Ein Name gibt mir Identität. Ein Bild schenkt mir Freiheit. Der Name lautet „Bach“. Das Bild trägt indes keinen Titel am Revier. Es ist frei von solchen Zuordnungen und Einweisungen.

Mein Ich dagegen scheint gefangen in meiner/seiner Identität, zurückgeworfen auf ein banales, ganz einfaches Ich. Nur ein Ich? Im Bild bin ich von dieser Fragestellung befreit. In seiner grenzenlosen Freiheit kann ich baden, dort kann ich eintauchen als Anna Magdalena, als Johann Sebastian, als Detlef Walter… So viele… sie bezeichnen mich als AMJSDW, aber ich bin mehr als eine Summe von Buchstaben. Der Erscheinungsgestus meiner Identität schimmert als Illusion durch die Realität durch. Genauso wie die Realität eine Illusion für meine wahre Identität ist. Was stimmt? Was könnte stimmen? Ein inneres Chaos drängt in ein äußeres Chaos vor…

Fragen Sie die Schneeeule der Minerva

Die „Eule der Minerva“ gilt als ein positives Symbol von Klugheit und Weisheit. Aber als „Nachteule“ stellt sie eine negative Metapher der philosophischen Erkenntnistheorie dar.

Die Bedeutung der „Schneeeule“ ist in der Kunst, soweit ich das weiß, bis dato noch nicht hinlänglich erforscht wurden. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass sich niemand ernsthaft für ein Thema interessieren kann, in dessen Wort drei kleine „e“ auf einander folgen. Das sieht einfach nicht schön aus… Mich macht so ein Anblick immer nur schlapp. Das gleiche gilt für kunstphilosophische Untersuchungen zu Brennnessel, Schifffahrt, Hawaiiinseln, Flusssand, Schnellläufer oder Teeei. So etwas kann mich niemals wirklich befriedigen.

Was ich erbeute sind Bilder

Ein Beutebild (bitte nicht verwechseln mit Beutekunst) ist ein Werk, das zum Zweck meiner geistigen Erbauung in der farbigen Tiefe meiner Seele, im Dickicht meiner sprachlichen Verwirrungen gefangen wird. Es wird von mir gehegt und gepflegt, es wird „groß gedacht“, um dann in eine andere Realität ausgebildert zu werden. Kurz davor blickt es mich noch einmal an und fragt mich „Hast du genug?“… erst wenn ich ihm stumm zu genickt habe, dreht es sich um und geht seinen ganz eigenen Weg.

#ErschaffungAdams

Die Zeiten ändern sich. Das ahnte schon Bob Dylan, als er schrieb: The times they are a-changin’ / Come writers and critics / Who prophesize with your pen / And keep your eyes wide / The chance won’t come again / And don’t speak too soon…

Aber was genau wollte uns der Nobelpreisträger damit verkünden? Das die Erschaffung Adams in einer Zeit sensibler Erkenntnisse auch nicht mehr das sein sollte, für das sie mal stand? Wir dürften uns gerne einmal ein ganz anderes Bild davon machen, ja, die Erschaffung Adams, sie könnte auch ganz anders verlaufen sein.

Man könnte alles aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Es bliebe dennoch geheimnisvoll, nicht leicht zu interpretieren…

Und warum auch nicht? Wir leben schließlich in der neuen Welt, tief in uns wissen oder spüren wir: As the present now / Will later be past / The order is rapidly fadin’ / And the first one now / Will later be last / For the times they are a-changin’.

Against Interpretation

Über die Kreuzigungsgruppe des „Isenheimer Altars“ von Mathias Grünewald meinte Pablo Picasso: „Ich liebe dieses Bild und habe versucht, es zu interpretieren… Aber so wie ich anfange zu zeichnen, wird etwas ganz anderes daraus.“ Und ich versuche es erst garnicht richtig. Das hat „auch damit zu tun, das pluralistische Gesellschaften aufgehört haben, von ihren Dichtern und Denkern irgendwelche Heilsbotschaft zu erwarten.“ (Hans Magnus Enzensberger). Wer wäre ich denn, daß…? Ich mache mir allenfalls flüchtige Skizzen, fertige Nebenversionen an, ziehe kurze Schlüsse. Wenn, dann wäre ich wohl eher ein delirio interpretativo.

Besondere Vereinigungen

Die Mannigfaltigkeit der Küsse… Lippenpaare, mehr wert als alle Beredsamkeit der Welt…

… sie erzeugen Bilder des Verlangens: das Kamasutra meiner Hermaphroditen … Kunst ist und bleibt eben meine große Lustmaschine.

A simple plan

It’s such a simple, simple plan: Wenn die Wolken ziehen und die Schiffe segeln, dann muss ich wohl die Ur-Suppe auslöffeln, die ich mir selber eingebrockt habe? O, nein. Denn ich löffel nicht, ich schlürfe meine Kunst…

Nur einmal fing ich an zu schrei’n : „Ich esse keine Suppe! Nein! Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!“ … I hope you understand / It’s so simple… (Struwwelpeter, Klaus Nomi & ich)

Monster des Alltags

Jedes meiner Bilder ist ein von mir geliebtes Monster des Alltags, gespeist aus Versuchungen, Geständnissen des Fleisches und des Geistes, gefüttert mit Verlockungen wider jede Vernunft, ein Geschöpf entsprungen einer annullierten Beichte, all ihre Metastasen flüstern: sammel dich.

Wenn ich mich täusche, dann bin ich.

Was mich seit Jahren umhertreibt, das ist die Suche nach etwas, was es vielleicht gar nicht geben kann. Was es nie gegeben hat? Solch ein Zweifeln unterscheidet den Künstler vom schnörkellosen Macher. Kunst ist eventuell jenes Stückchen Lehm, dass auf meinen Atemhauch wartet; vielleicht nur eine verschmähte Pappe, die mir aufzeigen kann, was meine Träume bedeuten könnten.

Schwarzfilm

Es gibt keine Pause im Bilderfluss.

Also wäre es gut, damit man die Bilder überhaupt wieder sieht, daß sie ab und zu durch Schwarzfilm unterbrochen werden, wo man also nichts sieht.

Und die Funktion von heutiger Kunst wäre die, diesen Bilderfluss – aber das sind ja inzwischen alles Klischees – mit einer Störung der Sehgewohnheit zu unterbrechen.

( Zitat: Heiner Müller; aus: Fünf Minuten Schwarzfilm (1988) )