Jugendliche Aneignung fremder Schönheit

Mit dem Begriff Aneignung können verschieden akzentuierte Bedeutungen bzw. Konzepte in Philosophie, Soziologie, Psychologie und Religion gemeint sein. Mit dem erweiterten Begriff Kulturelle Aneignung wird die Übernahme eines Bestandteils einer Kultur von Mitgliedern einer anderen Kultur oder Identität bezeichnet. Die Menschen einer dominanten Gesellschaftsgruppe bedienen sich aus der Kunstgeschichte, den Slang-Wörtern oder sonstigen kulturellen Elementen einer Minderheitskultur, einfach weil sie es cool finden… Ich entschuldige mich für solch eine schandhafte Unreflektiertheit.

Ich war jung und brauchte einst die Kraft eines Symbols für Leichtigkeit, um überhaupt voller schamhafter Neugier auf das vor mir drapierte Göttliche schauen zu können. Lächelte die Schönheit mich an, herab aus einem nach meinem (Kinder-)Glauben gestalteten Himmel, dann hob ich errötend meinen Blick schnell auf die weit über mir schwebenden Vögel. All das ist nun natürlich vorbei. Längst habe ich Federn lassen müssen. Als Bübchen mit heißem Verlangen sah oft ich zur Nachbarin hin. Dort sah einen Kirschbaum ich prangen. Der lud mich zum Naschen ein. Aber mir ist bewußt geworden: All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. Ich weiß zu genau, was mir ansonsten droht… ach, die Kirschen auf fremdem Revier, die sind viel zu süß und zu rot…

Heldentaten der Selbstkasteiung

Wenn ich es recht bedenke, dann formen sämtliche Bilder meines Werkes ein Raster, das sich über die Dinge der Welt legt. Solch ein Raster, es gilt bekanntlich als eine Sonderform der Struktur. Es ist jene normgebundene Flächengliederung, bei der u.a. Punkte streng geometrisch gereiht auf einer Fläche angeordnet sind. Meine Rasterfreude entflammt sich im Spiel u.a. an gelben Rasterfolien, die ich über jene Teile der Welt lege, die mir interessant und würdig erscheinen. Augenscheinlich erwacht dabei eine barocke Lust am Fabulieren in mir. Eine Lust, gesteigert zur wahren Rasterleidenschaft und gespeist aus einem Gefühl, das einem überbordenden barocken Minimalismus zuzurechnen ist. Dieses ausufernde und berauschende Gefühl sprengt am Ende stets meine mich begrenzende Rasterzelle, damit ich mich im Raum, völlig verwandelt, entfalten kann… immer und immer wieder. So fällt mein eigenes Zeitraster in sich selbst zusammen… und ich atme frei. 

Nachtidyll

Mir war bis dato gar nicht bewußt, dass ich auf einem meiner neuen Bilder die Buchstabenkombination CAE lesen kann, die Abkürzung für Computer-aided engineering. Dieses Kürzel steht also (auf gut deutsch) für eine rechnergestützte Entwicklung, was jetzt wiederum hervorragend zu einer Spezifikation all meiner „New Digital Paintings“ passen könnte. Allerdings ist CAE schlichtweg kein schöner Titel für ein Bild. Denn „gern von meinem Fenster schau ich / Träumend in die schönen Nächte, / Wenn Selenes Silbernadeln / Emsig stickend, leis erklingen…“ Ob rechnergestützt oder nicht, ich „fühle vor der feinen Arbeit / Immer mich als wie vor Wundern / Und die flügelmüde Seele / Läßt sich still zur Ruhe nieder.“ *

(*Hugo Ball)

Jenseits des Realitätsprinzips

„Jenseits des Realitätsprinzips? Was meinst du damit?“ fragte der Kunstkritiker mich streng, „erkläre dich genauer!“ „Ich kann mich leider nicht erklären, Sir,“ antwortete freundlicherweise und an meiner Stelle die Alice auf bzw. aus dem Bild, „denn ich bin gar nicht ich, verstehen Sie?“ Alice hatte recht. Denn erst durch eine vollständige Identifikation mit einem Bild, wie diesem hier zum Beispiel, würde sich auch mein eigentliches Ich bilden. Und die Einheit von all meinen Bildern, so sah ich es, sie ersetzte meine ansonsten fragmentarische Wahrnehmung des eigenen Körpers. Aber solch eine Aussage war dem Kunstkritiker offensichtlich zu verrückt. Er verließ genervt den Ort des Geschehens. Ich stand noch eine kleine Weile da, winkte ihm freundlich hinterher; immer kleiner wird ihm wahrscheinlich meine Hand mit dem Taschentuch erschienen sein. Und am Ende glaubte er sicherlich, ich sei ein äußerst seltsamer Vogel mit nur einem Flügel. Als der Kritiker dann hinter seinem begrenzten Horizont verschwand, flog ich tatsächlich heimwärts… mitten in ein Bild hinein.

THINK PINK

Mit einem zarten Altrosa verweist man auf etwas Traditionelles, auf etwas Unschuldiges, unschuldige Liebe oder gar auf Sentimentalität. Dagegen wirken helle, aber rötlichere Rosatöne eher jugendlich und sehr romantisch… Tja…

Ein kräftiges Pink jedoch wirkt stark auffordernd, geradezu aufreizend, sein Bild vermittelt uns eine sehr große Energie, zeugt von Selbstbewusstsein & I LOVE IT. Pink, it’s my new obsession / Pink, it’s not even a question / Pink on the lips of your lover  / ‚Cause pink is the love you discover / Pink as the bing on your cherry… *

(*Aerosmith) 

Orte unheimlich und Orte sehr vertraut

Im Prinzip sind meine Träume immer recht üppig…

Nur in meinem letzten zurückliegenden Traum bezog ich überraschenderweise eine eher schlichte Wohnung. Alles in ihr wirkte karg, wenig opulent, sondern vielmehr minimalistisch. Die einzige Ausnahme bildete in meinem Traum ein kleines Zimmer, das, im Gegensatz zu der übrigen Wohnung, radikal vollgestopft war. Dort stapelten sich bis unter die Decke sicherlich 40.000 Seiten Papier.

Handgeschriebene Manuskriptseiten, die sich im Zimmer zu schmalen Türmen formten, sie waren alle in einer seltsamen Kurzschrift verfasst, deren Inhalt, so war mir augenblicklich klar, nur die wenigsten Menschen verstehen würden. Zunächst war ich fest davon überzeugt davon, dass jemand mir im Traum mein gesamtes Werk offenbarte. Wirklich alles von mir, Leinwände, Zeichnungen, Collagen, Tagebücher, Objekte, schienen in einen einzigen Raum zusammen gepfercht.

Dann dämmerte mir allerdings, das ich mich in der Wohnung des Philosophen Edmund Husserl befand. Ein fleißiger Kerl, dachte ich so bei mir. Nun gut, man kann sich die Leute nicht aussuchen, von denen man träumt. Karl Kraus wäre nett gewesen. Er hätte sicherlich für mich an eine Wand meiner Wohnung die Zeilen hinterlassen: „Du bist berühmt. Die anderen wissen es nur noch nicht.“

Aber von Husserl zu träumen war auch okay. Jedes Ich hat seine „Lebenszeit“, schrieb er einmal. Und er hatte absolut recht damit.

Zufrieden tauchte ich deshalb aus meiner Traumzeit auf, um dann auf der anderen Seite des Spiegels meiner ganz eigenen Lebenszeit nachgehen zu können. Das bedeutet… so verstehe ich meine Kunst: Bilder malen, Texte schreiben, Objekte anfertigen, und alles in ein kleines Atelier stopfen.