Und tanze!

… die Verfolgung Deines Bildes und die Pfeile, mit denen Du es durchlöcherst, ohne es zu berühren, mit denen Du es verletzt und es aufblühen läßt, – so wird das Ganze zu einem Fest. (aus Jean Genet: „Der Seiltänzer“)

Kunst ist tausendmal schöner

Große Bühnenshows mit vielen Darstellern auf der Bühne sind in der Corona-Krise nicht erlaubt. Aber man kann ja Künstler, die nun dringend Geld zum Überleben brauchen, zur Belustigung der Massen in Castingshows und Kunstbattles aufeinander hetzen. Titel der Sendung: „Wer ist der Beste im ganzen Land?“  Heute mit Adam Elsheimer und dem Zauberer von Roos. Unsere Kandidaten malen vor laufender Kamera miteinander und dann gegeneinander…

Schweißgebadet schrecke ich aus meinem Alptraum hoch. Und ich lege beiden Künstlern Bilder auf ihre Lider, Bilder, die sie malten, um zu leben. Vielleicht tritt in ihre Augen, die noch blau sind, eine zweite, fremdere Bläue, und ich, der zart „du“ zu beiden sagt, träumt mit ihnen: Wir.*

(*frei nach Paul Celan)

Father and Son

Oh it’s not time to make a change / Just relax, take it easy / You’re still young that’s your fault / There’s so much you have to know / Find a girl, settle down / If you want you can marry / Look at me, I am old, but I’m happy… (Cat Stevens)

Was uns bleibt

Wir kommen aus einer Welt, in der wir Vollkommenheit von unglaublichsten Ausmaßen gesehen haben, und dunkel erinnern wir uns an Schönes, das wir nie mehr gefunden haben… Die Öffentlichkeit, für die Meisterwerke bestimmt sind, ist nicht auf dieser Erde zu finden (Thornton Wilder). Was uns bleibt, ist nur noch die Asche unserer Götter.

Verstaubte Biografie (nicht nur in schwarz und weiß getaucht)

Etwa 11.000 Meter unterhalb des Meeresspiegels liegt die tiefste Stelle des Marianengraben. Doch diese Tiefe ist nichts im Vergleich zum eigenen Urgrund, zu dem ich seit 57 Jahren versuche vorzustoßen…

Allerdings ist dieses Unterfangen in Misskredit geraten. Ein Künstler, der heutzutage etwas auf sich hält, muss schon über Tage eine Haltung zeigen, um sich ernsthaft authentisch nennen zu dürfen. Er sollte soziale Schlaghosen tragen bzw. geschlechtsneutrale Designerstücke für den kompostierbaren Modeschrank sammeln.

Zudem sollte er über ein recycelbares Gewissen für die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Schnee verfügen. Die Einsamkeit der Suche in der Tiefe der eigenen noch verbleibenden Zeit, das Aufsuchen und Begreifen der eigenen wahnhaften Abgründen, dies gilt es gegen den Tanz auf dem Parkett der Eitelkeiten einzutauschen, um die nötigen Kultur-Bonuspunkte zu erhalten. Alles schön und gut.

O tempora, o mores! Für einen für mich, der weder einen Führerschein, oder schlimmer noch, kein Smartphone besitzt, der sogar noch antiquiert mit dem Hammer malt, für den stellt sich die Frage, ob es sich lohnt aufzutauchen, um die Tiefe einer anderen Oberfläche erkunden zu wollen?

Oder ob’s edler im Gemüt, die Pfeil‘ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, im Widerstand zu enden? Die Frage muss nicht beantwortet werden. Es geht am Ende doch immer nur darum, der sein zu dürfen, der man ist. Und diese Erkenntnis zu schmecken mit der Zunge der Sehnsucht.

Wenn Insekten mir Briefe schreiben

Mit neugieriger Freude betrachten zwei meiner Augen, den Brief, den ich in meiner Hand halte, während ich mit meinen anderen Augen zugleich den Himmel über mir studiere.

„Lieber Freund“, schreibt mir ein Insekt, „wir turnen in höchsten Höhen herum, / selbstredend und selbstreimend, / von einem Individuum / aus nichts als Worten träumend. / Was uns bewegt – warum, wozu? – / den Teppich zu verlassen? / Ein nie erforschtes Who is who  / im Sturzflug zu erfassen … / Wer von so hoch zu Boden blickt,  / der sieht nur Verarmtes, Verirrtes.“ Ein Gedicht von Peter Rühmkorf, ich erkenne es. Und klappe meine eigenen Flügel mehr als glücklich über meinem Rücken hoch.

skarabäus mikrobe fiebriger heiland

frag mich um meinen namen / ich will ihn dir beichten / kein ort ist mir ähnlich: / bin honig unter kanditen / bin vergoldeter zuckerhut / eigentlich bin ich biene / wabengebilde immenhäusle / eigentlich bin ich brief…

(Insekten klauen bekanntlich wie die Elstern. Hier legt sich mein fiebriges Insekt ein Gedicht von H.C. Artmann unter sein Kopfkissen.)

Wunderhorn-Insekten

O, ich hör’ dich singen, / Das Herz möcht’ mir im Leib zerspringen…

Wer von Insekten träumt, ist in aller Regel über etwas besorgt, denn Insekten stehen symbolisch für Ängste und Befürchtungen. Sie können allerdings auch eine starke emotionale Bindung, gar eine Obsession mit einer bestimmten Aktivität bedeuten…

Kunst zum Beispiel? Ich frag bloß nur.

Insekten stehen, laut Traumdeutung, gleichzeitig für sexuelle Gedanken. Ja, ja… das kennen wir schon. Sigmund Freud, ick hör dir strapsen.

Was aber, wenn Insekten mal von uns träumen? An dem Bächlein thust du saufen, / Du tunkst dein klein Schnäblein ein, / Meinst, es wär der beste Wein?…

Diese Bilder will ich sehen.

 

„Ghost Light“

Das „Ghost Light“ – eine brennende nackte Glühlampe auf einem schmalen Eisenständer. Ein Licht, das die Bühnengeister wieder wecken soll…

Mein Bild/meine Collage: inspiriert durch ein Ballett von John Neumeier. Der Choreograf spricht in einem Interview über Ängste, Humor und Liebe, aber auch die Angst, diese Liebe zu verlieren… seine Kunst sei in Corona-Zeiten nun „berührend ohne Berührungen“. Ich muss an die Lieben denken, die ich malte, weil ich sie nie berühren konnte.