Schwarzfilm

Es gibt keine Pause im Bilderfluss.

Also wäre es gut, damit man die Bilder überhaupt wieder sieht, daß sie ab und zu durch Schwarzfilm unterbrochen werden, wo man also nichts sieht.

Und die Funktion von heutiger Kunst wäre die, diesen Bilderfluss – aber das sind ja inzwischen alles Klischees – mit einer Störung der Sehgewohnheit zu unterbrechen.

( Zitat: Heiner Müller; aus: Fünf Minuten Schwarzfilm (1988) )

Seelen tanzen entkleidet

Meine Bilder erscheinen mir freudenreich, lichtreich, schmerzhaft, manchmal auch geradezu obszön, aber immer unglaublich trostreich. Als wären sie Perlen an meinem ganz persönlichen Rosenkranz. Oft beginne ich meinen täglichen Rosenkranz (oder Rosentanz) in meinem Atelier mit Rezitationen von Texten der beiden grandiosen Heimatdichter Sodom und Gomorra. Beide, Eva-Maria Sodom und Lars-Friedrich Gomorra, sind in den Zeiten unseres bigotten Wertefundamentalismus leider und zu Unrecht in Vergessenheit geraden.

Die beiden Seelen tanzen entkleidet zusammen und wie Nichtstuer am Randgeschehen eines Rummels. So hätte Lawrence Ferlinghetti die beiden Dichter beschrieben. Weil Ferlinghetti gestern verstarb, er wurde sagenhafte 101 Jahre alt, übernehme ich die Lobhudelei für Sodom und Gomorra. Das alltägliches kleine Glück fanden die beiden beim Schwimmen in Flüssen und bei wilder Liebe. Wir sollten es ihnen gleichtun. Und tagtäglich ein neues Bild ins Poesiealbum des Lebens schreiben oder malen.

 

Snark sei Dank

Es war, glaube ich, Immanuel Kant, der behauptete, eine strenge Disziplin beschneide dem Genie viel zu schnell die Flügel seiner Kreativität. Famose Überlegung. Ich male ja so undiszipliniert, es hat schon fast wieder etwas soldatisches an sich… Einfach locker und drauf los…

Kant meinte allerdings weiter, dass dem Genie durchaus die Flügel gestutzt werden sollten, um es dadurch auf die unerschöpfliche Bahn des Sinnhaften schicken zu können. Ansonsten würde das Genie nämlich Gefahr laufen Un-Sinn zu produzieren. Quatsch, der alte Senfhersteller, zu viel Philosoph, zu wenig Künstler. Natürlich stutzt das Leben uns ständig die Flügel; aber ich klebe sie mir immer wieder an. Basta. Und drehe damit meine Runden im Atelier. Meine Künstlerarabesken erzeugen ein stetes Angebot an höheren Unsinn und lächerlichem Tiefsinn zugleich:

Dem Snark sei Dank. Wie der berühmte Snark, so vereinigt auch jeder Künstler in sich außergewöhnliche Eigenschaften. Er ist, ähnlich wie der Snark, hilfsbereit beim Anzünden von Lichtern, er hat die Gewohnheit erst am Nachmittag aufzustehen und versteht wenig von Finanz-Wesen. Außerdem liebt er Gedankensprünge auf der Kante eines sich aussprechenden Vulkans. Wer glaubt des Künstlers reine Seele irgendwann einmal gefunden zu haben, in einem seiner Bildern, in seinen Selbstaussagen und -verleugnungen, der wird enttäuscht sein, denn der Künstler ist, wie der Snark auch, ein: boojum

 

Träum’ ich? Wach’ ich?

Leb’ ich? Bin ich bei Sinnen? O ja, ich sehe es genau, sie spielen ein bestimmtes Spiel. Sie spielen allerdings damit, kein Spiel zu spielen. Zeige ich ihnen, dass ich sie spielen sehe, dann breche ich ihre Regeln. Und dafür werden sie mich bestrafen. Ich sollte ihr verrücktes Spiel, nicht zu sehen, dass ich das Spiel sehe, vielleicht lieber mitspielen? O ja, genau das sollte ich tun; aber wer bin ich denn, dass…? Dieses Spiel nennt sich „Kunst“. Es geht dabei stets um das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit.

Ein Übermaß von Welt

Ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt?

O, die Antwort darauf ist kompliziert. Denn Du schaust in die Ferne. Und ich? Nun, ich poste eine weitere kleine Grafik. Hier. Jetzt. Was ist je zum Abschluss gelangt? Weißt Du, Du hast mir seit unzähligen Monaten, gar Jahren, nicht mehr geschrieben. Du hast Dich nicht mehr gerührt. Kein Lebens-Zeichen. Nur bodenloses Schweigen. Ich brachte Dir einst Blumen mit, Du bemerktest traurig: „Es ist alles ganz einfach.“ Dabei ist nichts ganz einfach mit einem Künstler. „Das ist bestimmt aufregend“, sagst Du in einem Gespräch. „Aber sicherlich ist das auch sehr anstrengend. Mit einem Künstler.“ Ja. Vielleicht. Genau. Und die Troubadoure singen weiter ihre Lieder. Sie singen und erzählen von unerhörten Geschichten. Das heißt: sie träumen von unerzählbaren Geschichten. Sie träumen von uns Liebenden.

Lieblingswahn

Kreative Energie wird dann frei, wenn die Welt auch wieder völlig anders gedacht werden darf. Das fällt mir ein, als ich das Bild zu meinen Füßen erblicke, so als sähe ich dieses Werk heute zum allerersten Mal…

Was mich beim Verfassen all meiner Blog-Einträge stets fasziniert hat, auf eine absonderliche Art und Weise, war und ist, dass ich mich hier stets gegen die Zeit bewege. Ich meine, sollte der erste Eintrag nicht vor dem zweiten stehen? Beginnt das Leben nicht mit der Geburt? So hatte man mir das einmal erklärt. Auf dem Blog hört oder liest man dagegen das Schlussgebet direkt am Anfang. Und dieses Gebet lautet: „Lebe jeden Tag als wäre er dein letzter“. Es müsste eigentlich umformuliert werden in: „Schreibe den Artikel auf dem Blog als wäre er dein letzter“. Das Jahr 2021 platziert sich in dieser Realität also vor dem Jahr 1963. Und der aktuellste Artikel kann deshalb nicht der Anfang, sondern muss das Ende sein. „The end of our elaborate plans / The end of ev’rything that stands / The end“. Aber ist es das wirklich? Der Physiker Brian Greene beschreibt in seinem Buch „Bis zum Ende der Zeit“ die Wissenschaft und die Kunst als die berühmten zwei Flügel der Kreativität. Vielleicht können wir uns mit diesem Flügelpaar in die Höhe schwingen und aus einer übergeordneten Perspektive auf die Wirklichkeit blicken und nur so ein vollständigeres Bild von ihr erhalten. „Your inside is out when your outside is in. Your outside is in when your inside is out.“ Jetzt habe ich schon The Doors erwähnt, Brian Greene und The Beatles, da fällt mir noch ein Zitat von Arno Schmidt ein. Vielleicht bringt dies ein wenig Licht in das Dunkel meiner Überlegungen; das Zitat lautet…