Narretei (als autonomes Kunstverständnis)

Torheiten begangen, Torheiten gemacht, / Ich mache deren noch immer. / Ich hab sie gemacht bei Tag und bei Nacht, / Die nächtlichen waren weit schlimmer. / Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land, / Im Freien wie im Zimmer. / Ich machte viele sogar mit Verstand, / Die waren noch viel dümmer. (Heinrich Heine)

Schmerzensschrei des Bewusstseins

„Ich schreibe dir einen Brief damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche“. So lautet ein Gedichttitel von Zdena Holubova, den ich mir wie eine geweihte Hostie zwischen meine Lippen schiebe. Erregt dichte ich den Titel um in „Ich male Bilder, schaffe meine Kunst, damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche.“ Eine feierlich selige Gänsehaut ziert daraufhin sofort meinen ganzen Körper. „Der Fäulniszustand meiner Träume“ (Jindrich Styrsky), Äpfel in einer Schublade unter meiner Zunge. „Der Eiter der Poesie“ (Karel Sebek), Salz auf der nackten Haut unter einem Porzellanhimmel. „Das Firmament schläft, und irgendwo hinter dem Gebüsch wartet eine Frau auf dich, die aus rohem Fleisch modelliert ist. Wirst du sie mit Eis füttern?“ (…noch einmal Jindrich Styrsky). Ich reiche ihr das Eis auf meiner prallen Eichelspitze. Und ich singe dabei „ein Lied in der wahnsinnigen Tonleiter der Sterne“ (Vladimir Reisel). Auf das „man sieht, wie ich Aufstellung nehme für die Nacht die Wache der Verwandlungen der Bilder und Gleichnisse; oder wie ich arbeite und um mich herum die Hände bewege so nur deshalb weil ich hier dort und anderswo bin in alledem (Vratislav Effenberger). Genau so.

Eine tiefe Wunde

Eine tiefe Wunde im Himmel macht eine tiefe Wunde in der Erde / Nachts rauscht inmitten der Wälder ein Flügel, der die Bäume streift, er fliegt und lässt die Geheimschrift seines Rußes zurück.  (Gedichtzeilen aus „TOYEN“ von Jindrich Heisler)

Schwarze Spiegel

Gibt es Rückkopplungen zwischen Bildern im Traum und den Bilder, die ich tagsüber im Atelier anfertige? Weisen sie eine fraktale Ähnlichkeit auf. In dergleichen Gedanken versunken, spiele ich mit zwei Katzen, einer schwarzen und einer weißen, vor dem Kamin in meinem Atelier und philosophiere, wie die Welt wohl auf der anderen Seite eines Spiegels aussehen würde. Die Bilder, die ich Nachts im Schlaf, im Traum erblicke, sind weit realer als meine „Autonomen Spiegelbilder“, die ich seit geraumer Zeit male, sage ich zu mir selbst. Die „Autonomen Spiegelbilder“ sind abstrakt, losgelöst von Natur und realen Gegenständen, aber ein „schicklichstes Symbolum von Mensch im All [..], in dem sich Alles spiegelt… Schwarze Spiegel lagen viel umher“, zitiere ich leise Arno Schmidt. Sein Buch „Schwarze Spiegel“ ist geprägt vom inneren Konflikt des Erzählers, der hin- und hergerissen ist zwischen der Genugtuung darüber, endlich allein zu sein, und der Sehnsucht nach Gesellschaft. Ich verstehe Ihn nur zu gut. Und erblicke mich in einem weiteren schwarzen Spiegel…

Kein Spiegel kann dem Menschen ansehen, wer er ist.

Dünner Seelenstoff? Aus kalten, harten Blicken eines Spiegels geformt, die dich nicht in sich eindringen lassen? = autonome Spiegelbilder?

Der Spiegel ist an sich eine leere reflektierende Fläche, die durch die Reflexion von Licht Abbilder gegenüberliegender Objekte entstehen lässt und diese dadurch verdoppelt. Als Projektionsfläche ist der Spiegel immer an die Anwesenheit eines Referenten gebunden, denn das Wesen des Spiegels besteht darin, dass er an sich eigenschaftslos, also Nichts, ist und erst durch die Präsenz eines Objektes zu etwas wird, das eng an die Eigenschaften dieses Objektes gebunden ist. Dies setzt die Gleichzeitigkeit von dem gespiegelten Objekt und dem Objekt des Spiegels voraus, denn der Spiegel ist kein Speichermedium und somit stetiger Revision unterzogen. Folglich kann sich das Spiegelbild durch Bewegung jederzeit verändern und bleibt demnach kurzlebig, flüchtig und vergänglich.

Spiegel sind Werkzeuge, um die Neugierde zu befriedigen, denn sie gewähren zum Beispiel Einblicke in Räume ohne selbst in dem Raum anwesend zu sein. Der Spiegel macht dadurch eigentlich Nicht-sichtbares für den Betrachter sichtbar.

Was aber, wenn ein Spiegel sich an das alles nicht mehr halten und lieber autonom sein möchte? Nicht mehr an all die ästhetischen oder moralischen Konventionen gebunden, die ihm ständig vorgehalten werden…

Porträt des Künstlers als Hofnarren

Jemanden zum Narren halten, zum Narren haben – jemanden narren, foppen, veralbern. Der Narr, er soll fassen und fürchtet sich davor…

Ein seltsamer, fast gespenstischer Geist beherrscht ihn. Verloren in den Abgründen der Mutlosigkeit gewinnt er oft das Beste: sich selbst; und vertieft in große Gedanken verliert er sich wie Spreu in den Wind geworfen… Außer Gebrauch gekommen ist für ihn die allgemeine Bezeichnung als ein „Künstler“, der „künstlerische“, verdrehte, einfältige Dinge tut, halb mutwillig, halb wahnsinnig… so lebt er in fortlaufenden überzarten Sorgen, die ihm die gesunden Sinne zu verrücken drohen. Er ist eine Figur, die keinen festen Platz in der ständischen Ordnung und somit in der Gesellschaft hat, die sich keinerlei Normen verpflichtet fühlt und in ihrer menschlichen Gegebenheit aus dem System fällt. Mit sich selbst stets im Unklaren, dünkt es ihn fürchterlich, auch nur von ferne irgendwelches Vertrauen zu sich zu haben und strotzt doch zugleich von Vertrauen zu sich selber. Sein Gefühl der Erleichterung beim Urinieren zeigt, dass der Narr/Künstler daran arbeitet, Empfindungen für sich selbst zu klären… aber er traut es sich nur dann, wenn er mitten im Fieber des Schaffens begriffen ist. (☛ siehe/lese hierzu u.a. „Über den Charakter des Künstlers“ von Robert Walser.)

Mutter ohne Kind / Kind ohne Mutter

eine geste zu einer figur geronnen dahingekauert von großem leid von schmerz und verlust gepeitscht gekrümmt in trauer von tränen nieder gedrückt von tränen die das gesicht wegwuschen als wäre es niemals dort gewesen hätte nie geschmunzelt geredet nie geküsst ausgelöscht durch traurigkeit nicht mal mehr im stande flehend die arme zu heben

 

Meine Geschichte

Bekehrungen, Wiederzufügungen, Exkommunikationen, Versöhnungen, Abspaltungen, Verleugnungsschwüre, Zickzack der Dämonendienerei und Menschendienerei, der Behexungen und Verirrungen: meine Geschichte – die Geschichten eines Irrtums?

(Verdammt! Mir ist plötzlich, als ob Octavio Paz mich kennen würde.)