Archiv der Kategorie: Schatten
Splitter Leben
Der eigene Abgrund
Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn?… Man muß wissen, was man will und daß man will. (Friedrich Nietzsche)
Der Schriftsteller Umberto Eco schreibt über seine Troubadour-Verse, dass sie reine Onanie seien. Weil die Angebetete, die darin besungen wird, bloß reine Phantasie wäre und rosige, nackte Haut in einem imaginären Harem. Wenn dem nicht so wäre, dann, so Eco weiter, hätte ein völliger Trottel die Verse geschrieben. Weil dieser Idiot hätte einer Frau aus Fleisch und Blut nur Gedichte schrieben. Und mehr nicht.
Geht denn mehr? Ich meine schon: Reine Phantasie und zugleich ein Bild aus Fleisch und Blut. Kunst ist immer Welle und auch Teilchen. Was sich widerspricht, hier existiert es.
Mein Blick nach vorn…
Der Blick geht nach vorn. Auf den Hof. Was ich dort sehe sind Spuren aus Staub. Denn von Erde sind wir genommen, zur Erde müssen wir werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Das bedeutet mir, ein Traum reiht sich an den anderen. Und schwebt an meinem Fenster vorbei. Meine Traumwelt ist von unzähligen Partikeln bevölkert, von Ereignissen, die stattfinden werden. Ich erkenne Ungewissheiten, die mir Hoffnung schenken.
Ein Erinnerungsversprechen
Die eigenen Erinnerungsversuche an mich wurden, nein, ich korrigiere mich, sie werden immer wieder zu neuen Erklärungsversuchen meiner Existenz. Und zwar Tag für Tag. Nacht für Nacht. In jedem Traum, der auf einen neuen Traum folgt. Wenn ich, hier in der Erde liegend, von meiner möglichen Zukuft träume, dann versuche ich mich aufmerksam in diesen Träumen zu verhalten. Es fühlt sich für mich so an, als würde ich mich selber in einen Stummfilm betrachten, ich dem ich alle Rollen spiele, und den ich versuche zu vertonen, sobald ich meine Augen wieder geöffnet habe. Das heißt, ich klappere mit den Zähne vor Erregung. Bin ich damit fertigt, beginne ich, auf meinen Knien liegend, zahlreiche Traumbilder zu malen. Diese Bilder, sie dienen mir seit ich zurückdenken kann, als die Zwischentitel, die ich mir in den nächsten Traum schneiden möchte.
Zwiegespräch
Bilder, so beständig wie Rauch über einem Feuer
Für eine Existenz wie dich, liebste Schwester, haben unsere Sinneserfahrungen keine Antennen ausgebildet. Dein Tot-Sein vor einem Leben erscheint uns geradezu unlogisch. Wir haben uns als Lebende so sehr daran gewöhnt, dass der Tod erst das Ende unseres Lebens darstellt. Doch bei dir war und ist es gerade umgekehrt. Der Tod war dein Anfang.
Uns Lebenden erscheint es falsch zu behaupten, dass Tote für uns eine reale Rolle im Leben spielen sollen und können. Aber das tun sie. An jedem Tag.
Aus diesem Grund bittet Camass mich immer wieder: „Bruderherz, zeige mir, wie es ist als Mensch zu leben.“ Bestimmt schreibe ich seit Jahrzehnten deshalb auch Tagebuch. So korrespondieren wir über den Tod hinaus… Denn in den Tagebüchern verweben sich unsere Stimmen zu einem einzigen Faden, der sich durch die Unendlichkeit zieht.
Etwas zur Sprache zu bringen, ist wie etwas zur Welt zu bringen… vor allem (s)eine ganz eigene Identität.
Camass war von ihrem Unglück satt, als sich ihre Schmetterlingsflügel blau verfärbten, in einer schwindenden Helligkeit…
Mir selber sollte Blau meine Totemfarbe werden, darin ich mein Leben verändern konnte oder zurückerobern von meinen Mitmenschen, die gegenseitige Abhängigkeiten auslegten mit dem faden Geschmack von Gefängniswärtern.
Von jenseits der Gefängniswand vernahm ich die Stimme von Camass. Ich vermochte diese aber erst zu Bildern zu formen, nachdem ich gelernt hatte, Bienen, Schmetterlinge und Kolibris als die Zugtiere meiner Phantasie und Kunst zu begreifen, ein Geschirr aus Legenden, Sagen und Mythen.
Verzagte Poesie
Camass beugte sich vor und flüsterte mir zu: „Immerzu sitze da / in dir / und falte Erinnerungen zu kleinen Papierschiffchen / die ich in einer Pfütze meines Rest-Bewusstseins dahintreiben lasse / exhibitionistisch / bescheiden / wichtigtuerisch / mit dem Recht auf ein eigenes Leben / Nicht jetzt / später / allmählicher / jenseitiger / während der Wind in meinem Nacken mit seinen Fingern ein Frösteln auslöst / als würde ein Hauch von Vollendung über meine Haut streichen“
Remember Camass
Verzückt vom hübschen Gesicht der Bilder / Und der Olivenölstimme der Worte / That´s Amore / Feuchtigkeit / Wärme / Liebesbekundungen / Anblicke von unbenennbarem Glück / When the moon hits your eyes / Like a big pizza pie / Außer sich vor Wonne sein / Zwischen zwei Phänomenen eingeklemmt / Die fauchen und zärtlich kratzen / Bis alle Haut rot durchblutet schimmert / Ein Traum mit Goldrand / Vermerkt in unzähligen Bilder / Die noch folgen werden… von Camass.
Feiner Rausch im „Café Altenberg“
Cafés und Ateliers sind Zauberorte, die mich zum Träumen animieren. Die Eingangstüren dienen an beiden Quellen als Fluchttüren. Hinter der verschlossenen Tür kann ich mich vor der Welt da draußen in Sicherheit bringen. Nur hier kann ich, vor der lauten Hektik der Außenwelt, zu Atem kommen. Hier finde ich zu mir. Nur hier sehe ich die vielen Bilder in mir aufblühen. Nur hier treffe ich auf längst verstorbene Freunde. Wie zum Beispiel den Schriftsteller Peter Altenberg.
Unter einem riesigen Mond aus Milchschaum sitzend, starr träumend, wird er durch meinen inneren Blick wieder lebendig werden…Teller aus Porzellan fallen urplötzlich auf den Boden einer Ausstellung und zerspringen. Die verschieden großen Teile schlingern in unterschiedlichen Tonhöhen klingend auseinander.














