Into Darkness

Die Pornographie, so scheint es, ist salonfähig geworden. Erstmals äußerte sich dieser Wille zur Lust in den Schriften des Marquis de Sade. Seitdem ist die Pornographie in viele Bereiche des Alltags vorgedrungen und zu einem prägenden Element westlicher Kultur geworden. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler zeichnet in ihrem Buch „Der Wille zur Lust“ diese Entwicklung nach und erläutert auch, warum insbesondere der Film geeignet ist, unser Bedürfnis nach selbstgenügsamer Erregung zu stillen. Die bewegten Bilder zeigen uns etwas vermeintlich »Reales« und erregen uns fast wie auf Knopfdruck…

„Was ich gleich tun werde, macht keinen Sinn, es ist nicht logisch. Es ist einfach ein Bauchgefühl.“

(Zitat aus: Star Trek – Into Darkness. Hätte aber auch der Künstler Franz von Stuck sagen können, als er seine „Salome“ malte.)

Suche nach einer gegenwärtigen Vergangenheit

Es steckt so viel mehr lebendige Vergangenheit unter der alltäglichen, uns einlullender Oberfläche der Gegenwart, als wir gemeinhin wahr haben möchten. Um allerdings an das ewig währende, vierblättrige Delta der Vergangenheit zu gelangen, dafür ist es wichtig sie korrekt aus- bzw. aufzunehmen. Nur so können wir das meiste von ihren Träumen, ihren Sehnsüchten, ihren Irrtümern und auch Wirrungen aus ihr herauszuholen, ohne dabei unsere eigene Gegenwart zu kontaminieren. Setzen wir die Vergangenheit auf einen Stuhl.

Oder legen wir sie ruhig auf den Rücken. Und durchtrennen wir dann als erstes das bunte Band der Zeit, teilen wir die sporenblitzenden Fluten, die sich am Fuß jedes Erlebnishorizontes in die Tiefe stürzen. Darunter wird sicherlich ein Liebesbrief mit zauberhaften Ausdrucksmängeln freigelegt. Um ihn richtig zu entziffern, müssen wir zuerst seine dünne Papierschicht durchtrennen. Nur wenig später singen wir dann gegen den jähen Wind der Abend-, wie auch der Morgenzärtlichkeiten an. Dies erfordert durchaus ein wenig poetische Übung… ist aber machbar. Im weichen Sand der Vergangenheit suchen wir schließlich alle nach unseren tief in uns vergrabenen Namen.

 

kein Laut

kein Laut; doch ich, ich bin der Schrei / Schreibende & Zeichnende / das Herz brennt mir / allein mit mit selbst *…

(*frei nach Guiseppe Ungaretti)

Wenn Insekten mir Briefe schreiben

Mit neugieriger Freude betrachten zwei meiner Augen, den Brief, den ich in meiner Hand halte, während ich mit meinen anderen Augen zugleich den Himmel über mir studiere.

„Lieber Freund“, schreibt mir ein Insekt, „wir turnen in höchsten Höhen herum, / selbstredend und selbstreimend, / von einem Individuum / aus nichts als Worten träumend. / Was uns bewegt – warum, wozu? – / den Teppich zu verlassen? / Ein nie erforschtes Who is who  / im Sturzflug zu erfassen … / Wer von so hoch zu Boden blickt,  / der sieht nur Verarmtes, Verirrtes.“ Ein Gedicht von Peter Rühmkorf, ich erkenne es. Und klappe meine eigenen Flügel mehr als glücklich über meinem Rücken hoch.

„Ghost Light“

Das „Ghost Light“ – eine brennende nackte Glühlampe auf einem schmalen Eisenständer. Ein Licht, das die Bühnengeister wieder wecken soll…

Mein Bild/meine Collage: inspiriert durch ein Ballett von John Neumeier. Der Choreograf spricht in einem Interview über Ängste, Humor und Liebe, aber auch die Angst, diese Liebe zu verlieren… seine Kunst sei in Corona-Zeiten nun „berührend ohne Berührungen“. Ich muss an die Lieben denken, die ich malte, weil ich sie nie berühren konnte.

1st. Nervous Breakdown

Die junge Theresa von Avila erfährt ihre erste Ekstase…

„Unmittelbar neben mir sah ich einen lüsternen Engel in vollkommener körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön, und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, er sprach zu mir, er sang zu mir: Du wurdest immer mit tausend Spielsachen verwöhnt, aber trotzdem hast du die ganze Nacht geweint / You were always spoiled with a thousand toys but still you cried all night. In der Hand des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang… süßeste Liebkosung: Hier kommt es, hier kommt es, hier kommt es, hier kommt es /  Here it comes, here it comes, here it comes, here it comes /  Hier kommt dein erster Höhepunkt / Here comes yours first climax…

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle die tiefsten Einsichten doch mühelos hervorzuholen… Irgendwie steckt die Angst hinter allen Symptomen, aber bald nimmt sie lärmend das Bewusstsein ganz für sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich vollkommen, daß wir genötigt sind, von unbewusster Angst – oder wenn wir ein reineres psychologisches Gewissen haben wollen, da ja die Angst zunächst nur eine Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten zu reden. (Zitiert aus „Das Unbehagen in der Kultur“ von Sigmund Freud.)

Goya, Kominsky, Anima & ich.

Die Atempause geht so sanft wie möglich in den Zielmodus über, damit mein Kunst-Schuss nicht verrissen wird.

Kann denn die Künstler keiner lehren, wie man spricht? Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht…. Wo bleibt die Sprache, die Kunst den Menschen näher bringt? Vor fünf Jahren schrieb ich, dass mein Reichtum in den Handtaschen meiner Mutter verborgen läge. Nun, einige Jahre später, schaue ich auf die zahlreichen Bilder, die ich auf dem Atelierboden ausgebreitet habe…

Mutters Handtaschen, ich habe sie allesamt ausgewaidet, habe sie zerrissen, zerschnitten (O, Psychologen aller Länder, vereinigt euch, um mir das zu erklären!). Wie erlegte Beute habe ich die Taschenüberbleibsel auf präparierten Pappen ausgelegt und dort arrangiert. Ist das getroffene Bild vor mir nur verwundet und ein Nachschuss nötig? Solch eine Situation im Atelier könnte schnell gefährlich werden. Meine Reaktionsschnelligkeit ist stets gefordert und der entscheidende Schuss sollte sitzen, insbesondere in einer Lage, in welcher ein Deutschuss (Schüsse ohne genaues Anvisieren des Ziels) erforderlich ist und meine Waffen, meine Farben und Lacke, aus kurzer Distanz abgefeuert werden.

Durch gezielt-erträumte Fangschüsse habe ich am Ende die Taschen zur Strecke gebracht…

Sollte ich ihnen nun noch Zweige ins „Reißverschluss-Maul“ stecken? Meine Kunst der Hirschjagd: Taschenkadaver warten bzw. erleben in meinem Atelier ihre Auferstehung. Ein einfaches „Erhebt euch,“ rufe ich ihnen zu. O, wer lehrt uns Künstlern das, was unästhetisch klingt, dazu noch phonetisch ein Schreck für jedes Ohr? Und da, plötzlich richten die Taschen zum wahren Leben ihren Flug / Und schwinden wie ein Leichenzug / In Lüften, die von Wollust zittern…

Die Oper des kleinen Mannes

In einem Märchen fühlt eine Prinzessin eine einzelne Erbse unter einem Berg von Matratzen. Dies macht sie für den Prinzen attraktiv und er nimmt sie zur Frau.

Im „wahren“ Leben deuten Psychologen solche Feinfühligkeit als Hochsensibilität. Die Erbse steht dabei für Klänge, Geräusche, Farben, Gerüche oder Stimmungen, für die ein hochsensibler Mensch empfänglich ist. Je nach Charakter kann diese Feinfühligkeit, das Talent, für ihn als Last oder als eine kreative Gabe empfunden werden. Belastet hat mich diese Art von Erbse eigentlich nie. Bin ich jetzt also auch eine Prinzessin? Oder ein Erbsenzähler. Ein Erbsen-Erzähler? Im Traum stehen Erbsen gerne als ein Symbol für einen Gewinn durch Redlichkeit. Sie deuten auf gedeihliche Geschäfte hin, die viel Geld einbringen. Na, das finde ich doch spitze! Gekocht bringen Erbsen allerdings Ärger. Sagt der Traum. Gut, dann lass ich die Finger davon. Und leg sie mir weiterhin roh unter meine Matratze. So liege ich dann da, auf einem Berg aus Naturlatex und mache mir ein Bild dazu… meine Oper trägt den Titel: „Die Prinzessin auf der Erbse“.

Sinnbild weiblicher Macht

„Befürchtest du Gefahr von mir? – Warum? / Macht denn ein Küßchen deine Lippen schlechter? / Sprich, doch sprich sanft, sonst bleibe lieber stumm. / Gieb mir ’nen Kuß, ich will ihn wiedergeben, / Und einen zweiten noch als Zins daneben… Well, I’m your Venus / I’m your fire / At your desire …“