Zahlen musst du, / Schlag um Schlag

„Ein gottverhasstes, götterhassendes Haus. / Ja! Mitwisser von vielerlei: / Verwandtenmord, durchschnittene Kehlen – / ein Menschenschlachthaus, / und sein Boden schwimmt im Blut.“

(Kassandra über das Haus der Atriden, S. 64, in „Die Orestie“ von Aischylos …)

„Zahlen musst du, / Schlag um Schlag…“

(… Kassandra ist aufgewühlt, so als wäre sie in einem Auktionshaus.)

Taxe zum Schafott

Das Bild „Triptych Inspired by the Oresteia of Aeschylus“ des britisch-irischen Künstlers Francis Bacon (1909-1992) hat bei einer Online-Auktion in New York rund 85 Millionen Dollar eingebracht. Zwei Bieter – einer online aus China und einer am Telefon von Gregoire Billault (Senior Vice-Präsident von Sotheby’s) – haben sich einen zehnminütigen Wettstreit geliefert. Am Ende erhält der Telefonbieter, der zunächst anonym blieb, für rund 84,6 Millionen Dollar den Zuschlag. Die Taxe für das Francis Bacon Werk lag laut Auktionshaus bei „nur“ 60 Millionen Dollar.

(Foto: Monopol Magazin)

„Ist es Satzung ja, dass der mörderische Geld-Strom,

Vergossen zur Erd, aufs neue verlangt

Nach Geld. Ruft doch soviel Geld die Erinys [die Rachegöttin] auf,

Die zur Taxierung an vordem Verkauften führt,

Immer wieder herbei ruft neue Vermögens-Spekulanten.“

– nach Aischylos.

Ein Traum von großer Magie (oder: Die Hochzeit)

Viel königlicher als ein Perlenband / Und kühn wie junges Meer im Morgenduft, / So war ein großer Traum – wie ich ihn fand. / Durch offene Glastüren ging die Luft. / Ich schlief im Pavillon zu ebner Erde, / Und durch vier offne Türen ging die Luft – / Und früher liefen schon geschirrte Pferde / Hindurch und Hunde eine ganze Schar / An meinem Bett vorbei. Doch die Gebärde / Des Magiers – des Ersten, Großen – war / Auf einmal zwischen mir und einer Wand: / Sein stolzes Nicken, königliches Haar… // Dann warf er sich mit leichtem Schwang der Lenden – / Wie nur aus Stolz – der nächsten Klippe zu; / An ihm sah ich die Macht der Schwere enden. / In seinen Augen aber war die Ruh / Von schlafend- doch lebendgen Edelsteinen…

(Hugo von Hofmannsthal)

Kein Bild von Traurigkeit

„Die Wüste durchqueren mit Resten einiger Bilder von einst im Sinn“. Eine freie Arbeit für das Grabmal der Zeit. Die Zeit auf dem Schoß einer Frau, die dem Alter her kaum eine Mutter sein kann. Eine Zeit, die erstarrt im Augenblick der Frau. Sie weiß: Wenn du lange in die Zeit zurück blickst, dann erfindet diese Zeit auch dich … wieder und wieder und wieder … neu. Du bist dann Zeit ohne Ziel, ganz nur Spiel. Eins wird zwei, so wie zwei eins wird mit den Resten einiger Bilder.

Wenn Corona ein Herz hätte

In Kalk, noch ungelöscht, in Eisenbrei, / in Salz, Salpeter, Phosphorgluten, / in dem Urin von rossigen Eselsstuten, / in Schlangengift und in Altweiberspei, / in Rattenschiß und Wasser aus den Badewannen, / in einem Saft von Krötenbauch und Drachenblut, / in Wolfsmilch und dem sauren Rest der Rotweinkannen, / in Ochsengalle und Latrinenflut: / In diesem Saft soll man Corona schmoren. / In eines Katers Hirn, der nicht mehr fischt, / im Geifer, der aus den Gebissen / der tollen Hunde träuft, mit Affenpiß vermischt, / in Stacheln, einem Igel ausgerissen, / im Regenfaß, drin schon die Würmer schwimmen, / krepierte Ratten und der grüne Schleim / von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen, / in Pferderotz und heißem Leim: / In diesem Saft soll man Corona schmoren. / In dem Gefäß, drin alles reingerät, / was so ein Medikus herausholt aus dem schwieren / Gedärm an Eiter und verpestetem Sekret, / in Salben, die sie in den Schlitz sich schmieren, / die Hurenmenschen, um sich kalt zu halten, / in all dem Schmodder, den die Lust / zurückläßt in den Spitzen und den Spalten / wer hätte nicht durch solchen Schiet hindurchgemußt!: / In diesem Saft soll man Corona schmoren.

(Nach François Villon, „Die Ballade von den Lästerzungen“)

Corona ist doch ein irrer Spaß

Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, suchen sie Strategien, um damit umzugehen. Eine Strategie ist, auch da Muster zu sehen, wo keine sind. Eine Verschwörungserzählung strukturiert die Welt. Das ließ sich schon bei Aids, Zika oder selbst der Spanischen Grippe beobachten. Bei einer Studie haben 50 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie lieber ihren Gefühlen trauen als Experten. Das ist eine besorgniserregend hohe Zahl. Erklärt die Wissenschaftlerin Pia Lamberty. (Im „Der Tagesspiegel“ online vom 20.04.2020)

Ein Bild der Erkenntnis

Die Zeit ist wirklich verrückt. Sie zermürbt mich auf eine ganz eigenartige Art und Weise. Der Dichter Friedrich Hölderlin formulierte es so: „Hab` ich Armer nicht genug gelitten? / Sie ist hin- des Kämpfers Kraft.“ Okay, werden Sie sagen, Hölderlin war am Ende seines Lebens irre geworden. Aber warum? Woran? Kannte er vielleicht kein kleines italienisches Eis-Café in seiner Nähe? Kein Café, in dem er sein überhitztes Gemüt hätte kühlen können? Jedes Eis-Café ist für mich absolut systemrelevant, weil dort windige Gesellen, schlüpfrige Gestalten und Schiffbrüchige des Alltags, also Künstler, angespült werden, die sehr merkwürdigen Beschäftigungen nachgehen. Sie tun nichts. Nicht sichtbar jedenfalls. Nirgends im Café wird eine Aktennotiz gemacht, Alimente ausgerechnet oder verschoben. Irgendwer stochert vielleicht in einem Buch. Ein Anderer liest aus einem Kuchen. So wie in den letzten Wochen, Tag für Tag, schreibe ich mich hier auf meinem Blog aus meiner Lebensfurcht heraus. Und träume davon, ich säße gerade jetzt in einem Café vor einer Tasse Cappuccino. Stattdessen ziehe ich mich an meinen Sätzen aus einem Labyrinth der Gefühle zurück ans Tageslicht einer Realität, die mir angemessen erscheint. Oder mir so erscheinen soll. Lachen Sie ruhig, Außenseiter, wie wir Künstler nun einmal welche sind, wurden immer schon schief angesehen und teilweise sogar arg malträtiert. Wie Besessene wurden wir in Wannen mit Eiswasser getaucht. Man sperrte uns in muffige Schränke. Verfrachtete uns, so wie den Kollegen Hölderlin, in einen Narrenturm. Oder verwehrt uns nun schlicht die finanzielle Soforthilfe. Gut, wer ist auch schon Hölderlin? Nicht systemrelevant. Weg mit ihm! Die freie Kulturszene hier in Wuppertal, wo ich wohne? Ich selber? Weg, weg, damit! Die Kunst wird abgeschafft. Nicht systemrelevant. Also weg! Armenhäuser, anstelle von meinen so geliebten Eis-Cafés, werden gebaut und die Künstler werden dort einziehen müssen. Am Ende wird niemand von uns mehr sagen können, wer ärmer dran ist. Die Verarmten oder eine Welt ohne Kultur? Unsere Stimmen sind dann verweht. Nachdenklich geworden, mache ich ein Selfie mit meiner alten Sofortbildkamera. Das Bild was sich da vor mir entwickelt, es beunruhigt mich ein kleinwenig.

Der Name des Modells ist nicht dokumentiert und der Maler gab dem Werk keinen Titel.

Ich kann so gut verstehen, die… unglaublichen Viren, / So gut, mir ist, als könnt ich in ihre Seelen schauen. / Ich seh um ihre Stirnen die stumme Klage schweben, / Die Qual am langen, leeren, am lebenleeren Leben. / Ich seh in ihren Augen die Lust, sich aufzugeben, / Im Unergründlichen, Verbotenen zu beben / Die Lust am Spiel, die Lust das Letzte einzusetzen, / Die Lust am Sieg und Rausch, am Trügen und Verletzen. / Ich seh ihr Lächeln und die heimlichen, die Tränen, / Das rätselhafte Suchen, das ruhelose Sehnen. / Ich fühle, wie dies drängt zu törichten Entschlüssen, / Wie sie ihre Augen schließen und sich quälen müssen; / Wie sie für jedes Morgen ein jedes Heut begraben, / Und wie sie sich nicht versehen, wenn sie getötet haben. (Nach Hugo von Hofmannsthal – „Erfahrung“)