Ein Künstlerrequiem

„Ich verkaufe mich nicht.“

Andere meiner Zunft verkaufen sich gut und gerne. Gerhard Richter zum Beispiel. 2,6 Millionen Euro erhielt er für ein angeblich nicht übermäßig schönes Bild. Aber, bitte, 2,6 Millionen Euro. Wie viel Fantasie und wie viel Zauber liegen in diesen Worten? Und wie wundersam sind die Geschichten, die der Kunstmarkt schreibt, dieser unglaubliche Dschungel. „Verrat‘ mir das Geheimnis, wie die Menschen ASCHE machen… Das möchte ich so gerne wissen, es war doch abgemacht, sei nicht gemein, von ASCHE träum‘ ich die ganze Nacht. Nun sag‘ mir schon das Geheimnis, komm schon und dann lass‘ ich dich in Ruh, die ASCHE gibt mir die Macht genau zu sein wie du…“, stöhne ich; aber kein Richterspruch erlöst mich von all meinen Zweifeln. „People think I’m crazy, ´cause I worry all the time, if you paid attention, you’d be worried too, you better pay attention, or this world we love so much might kill you, i could be wrong now, bit I don’t think so, `cause it’s a jungle out there…“ Ich könnte Monk sein, ein Mönch, so wie Antonius einer war. Ich ziehe mich in meine Atelierhöhle zurück und verkaufe mich nicht. Nachdenklich lausche ich dem Requiem von Brahms. „Herr Richter, lehre doch mich, ich hoffe auf dich, denn des Herrn Richter Wort bleibet in Ewigkeit…“

#ErschaffungAdams

Die Zeiten ändern sich. Das ahnte schon Bob Dylan, als er schrieb: The times they are a-changin’ / Come writers and critics / Who prophesize with your pen / And keep your eyes wide / The chance won’t come again / And don’t speak too soon…

Aber was genau wollte uns der Nobelpreisträger damit verkünden? Das die Erschaffung Adams in einer Zeit sensibler Erkenntnisse auch nicht mehr das sein sollte, für das sie mal stand? Wir dürften uns gerne einmal ein ganz anderes Bild davon machen, ja, die Erschaffung Adams, sie könnte auch ganz anders verlaufen sein.

Man könnte alles aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Es bliebe dennoch geheimnisvoll, nicht leicht zu interpretieren…

Und warum auch nicht? Wir leben schließlich in der neuen Welt, tief in uns wissen oder spüren wir: As the present now / Will later be past / The order is rapidly fadin’ / And the first one now / Will later be last / For the times they are a-changin’.

On Air

Das Air, die Aria, benennt die Nebenform eines Liedes, es kann aber auch Teil aus einem zurückliegenden Traum sein. Ein Traum, in dem ich umhergeistere und an zukünftig Vergangenes denke, indem meine Toten, und auch die Lebenden, die ich liebe, mir allesamt in den Sinn kommen…

Ein geschriebenes Buch wird vorgebracht werden / In welchem alles enthalten ist / Aus dem die Welt gerichtet werden soll. / Wenn sich dann der Richter setzen wird / Wird alles an den Tag kommen, was verborgen ist / Nichts wird ungerächt bleiben. / Was werde ich Unglücklicher dann sagen, / Welchen Heiligen werde ich bitten, / Da kaum der Gerechte sicher sein wird? / Und das Buch wird den Titel tragen: „Dies alles gibt es also“ – Ein autobiographischer Bericht …

… das Fundament des Lebens, welches mit beiden Händen gespielt wird. Die linke Hand spielt die vorgeschriebenen Noten, die rechte greift nach Dissonanzen, damit alles zusammen eine wohl klingende Harmonie ergibt… während ich begreife, aus Einsamkeit…

Erinnerungen einer in Fetzen gegangenen Wirklichkeit

Wir sind also verschiedene Farben und wir sind verschiedene Glaubensbekenntnisse / So we’re different colours and we’re different creeds / Und verschiedene Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse / And different people have different needs / Es ist offensichtlich, dass du mich hasst, obwohl ich nichts falsch gemacht habe / It’s obvious you hate me though I’ve done nothing wrong / Ich habe dich noch nie getroffen, also was hätte ich tun können? / I’ve never even met you, so what could I have done? / Ich kann es nicht verstehen / I can’t understand  / Was einen Mann ausmacht / What makes a man / Hasse einen anderen Mann / Hate another manSie lachte: „Du, um keinen Preis.“Es ist falsch, zu sagen, Ich denke. Es müßte heißen: Man denkt mich. (Lyrics: Depeche Mode; Gedichtzeilen: Arthur Rimbaud.) 

Ausweglose Liebe

Der Mythos erzählt uns von der Nymphe Liriope, die Narziss gebiert, nachdem sie in einem Bach vergewaltigt worden ist. Narziss wird ein langes Leben prophezeit, aber nur, wenn er sich zeitlebens selber fremd bleibt.

Auf dem Bild „Ausweglose Liebe“ ist ein älterer Mann um die 58 Jahre dargestellt, der vornübergebeugt auf einem Atelierboden kniet und selbstvergessen eine Zeichnung betrachtet, das im unteren Bildteil sichtbar wird. Es handelt sich um den Künstler, der sich, so könnten wir es deuten – vergleichbar dem antikem Mythos – in sein Selbstbildnis verliebt. Aber ist der Künstler tatsächlich der Liebende oder ist er nicht wohlmöglich auch der Geliebte? Noch scheint er das Wesen auf der Zeichnung nicht erkannt zu haben. Er ist, wie wir alle, an einem Ort gefangen, unfähig zu erkennen, in welcher Zeit er sich bewegt und darüber hinaus blicken zu können…

„Mein Bild ist mir deutlich“, sagt er zu sich selbst und zerrinnt scheinbar vor lauter Sehnsucht… Nur so könnte sich jeder von uns selber erkennen.

Wenn ich mich täusche, dann bin ich.

Was mich seit Jahren umhertreibt, das ist die Suche nach etwas, was es vielleicht gar nicht geben kann. Was es nie gegeben hat? Solch ein Zweifeln unterscheidet den Künstler vom schnörkellosen Macher. Kunst ist eventuell jenes Stückchen Lehm, dass auf meinen Atemhauch wartet; vielleicht nur eine verschmähte Pappe, die mir aufzeigen kann, was meine Träume bedeuten könnten.

Der komische Held als coole Sau

Würden wir hinhören, wenn ein Bild uns seine Wahr- und Wahnheiten zuflüstert, dann könnten wir vernehmen, wie es von seinen Bedürfnissen erzählt. Sein Bedürfnis sei zum Beispiel, so das Bild, ein reines Bedürfnis, das bedurft werden möchte. Bei dieser Bemerkung würde das Bild kurz zu schmunzeln beginnen, weil es mit Sicherheit bemerken könnte, wie sehr wir von solch einer Äußerung eines einzelnen Bildes irritiert wären. Sein Verlangen, würde das Bild weiter hinzufügen, ohne uns aus den Augen zu lassen, wäre ein brennendes, durchdringendes Verlangen, nach dem es ihm verlangt. „Ich agiere,“ könnte das Bild uns zuflüstern, „um das, wofür ich mich selber halte, tief in etwas zu installieren, was ihr so leichtgläubig für euer Herz haltet.“

„Cool“, könnten wir als Resümee staunend von uns geben, wenn wir das Bild wahrhaftig angeblickt und hingehört hätten.