Das Phantom des Realen

Als Prämisse oder Vordersatz bezeichnet man in der Logik eine Voraussetzung oder Annahme. Die Prämisse ist eine Aussage, aus der eine logische Schlussfolgerung gezogen wird. Mag ja sein. Aber wenn wir genug bedeutende und ernste Dinge getan haben, was bleibt uns dann überhaupt noch? Vielleicht nur die Kunst als ein Phantom des Realen.

Honigsüße Gedanken Bilder

Warum so viele Bilder? Ständig und drei Tage. Nun, oft wird ein neues Zettelchen mir ins Haar geflochten oder ein neuer Knopf angenäht. Ich höre etwas, dass nicht mir gilt, dann lese ich etwas, was exakt zu mir passt. Dann vergesse ich das aber alles wieder. Und kleide mich neu. Schlüpfe in Klamotten, die mir zu groß sind, trage Wäsche des anderen Geschlechts oder ziehe mich aus bis aufs Mark. Mein Spiegel weiß sich oft kein Bild von mir zu machen. Und ich kann ihm dabei auch nicht recht helfen. Ist er blind oder nur alt geworden? So frage ich den Spiegel und er mich. Beide bekommen wir stumpfe Flecke. „Verstehe“ nickt mein Gegenüber und fügt als Ratschlag hinzu: „Wenn unser rastlos Grübeln endlich schläft und ruht! / Schick etwas Honig, der das Haus versüße…“ So ist das eben mit der Kunst.

Da Ya Think It´s Sexy?

It is very hard for abstraction, or abstract figuration, to be sexy, and if it’s not sexy, it’s not art. Everyone knows that. (Frank Stella and Rod Stewart talk about a picture of me.)

New Pics On The Blog

Es war einmal eine Boyband, die so bezaubernde Zeilen sang wie: Don’t worry ‚bout nothin‘ ‚cause it won’t take long ; übersetzt heißt das ungefähr soviel wie: Mach dir keine Sorgen um nichts, denn es wird nicht lange dauern. Und ich mach mir auch keine Sorgen, es wird nämlich nie lange dauern, dann poste ich weitere new pics on the blog.

Die vergessenen Ahnen

Der Dichter Heiner Müller schreitet im Atelier mit mir zusammen die Bilder ab, die ich in den letzten Wochen geschaffen habe. Er pafft dabei eine Zigarre, pustet ihren schamanenhaften Rauch ab und an in den Raum, wobei der Dichter seinen Kopf stets leicht nach oben reckt…

Plötzlich hält er im Gehen inne und flüstert, halb sich, halb mir zu: „Mein Weg nach oben ist ein Weg in die Vergangenheit, der Abgrund unter mir heißt Zukunft. Was ich suche, ist die Blutspur der VERGESSENEN AHNEN. Übrigens kann von oben oder unten, von Vergangenheit und/oder Zukunft keine Rede sein, der Raum hat keine Richtung in der Zeit.“ Wieder fällt mir auf, das eine dichterische Sprache am ehesten für eine sinnvolle Übersetzung von Bild in Text taugt. Wie oft habe ich das nicht schon gesagt und geschrieben. Gut tausend Artikel auf dem Blog geben Zeugnis davon. Heiner Müller lächelt und als würde er meine Gedanken lesen, sagt er: „Wenn man schreibt…“ -so viele Artikel- „…ist man ein Tausendfüßler.“

Todes- und Erinnerungstage

Vor zwei Jahren verstarb meine Mutter, während ich sie noch in meinen Armen halten durfte. Sie strich mir ein letztes Mal über den Rücken, als wolle sie mir sagen „Es ist alles gut“, dann ging sie von mir. Auch bei meinem Vater war ich in den letzten Minuten an seiner Seite. Unfähig die Situation irgendwie rational begreifen und fassen zu können, blickte ich meinen Vater an, wie er dalag, fast schon dieser Welt entrückt, und forderte ihn auf: „Stell dich jetzt nicht tot. Sag mal was.“

Inzwischen weiß ich, dass beide Eltern nicht wirklich von mir gegangen sind. Im Gegenteil.

Sie sind in mich eingezogen; wir alle haben uns in meinem Herzen eingerichtet. Dort umarme ich sie tagtäglich so pausbäckig, wie ich als Kind meine Lieblingspuppe umarmt habe. Bestimmte Rituale verändern sich eben nie. Wenn man die Augen schließt und liebevoll nach innen schaut.

Baby You’re a Rich Man

„Sind ihre Bilder etwas wert?“ fragte mich einmal ein potentieller Käufer. Als ich spaßeshalber das Lied zitierte „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ hatte mein Gast sofort jegliche Kauflust an meinen Bildern verloren. Von einer Sekunde zur anderen wechselte sein Gesicht von Neugier zu Mitleid. Nicht einmal mein Kaffee, den ich anbot, konnte den Menschen wieder erwärmen. Er suchte wohl etwas, was ich nicht bieten konnte.

Mein Atelier ist, ich schwöre, vollgestopft mit poetischen Entdeckungen für das Willkürliche, doch mein Gast war wohl eher auf der Suche nach Gewinnoptimierung. Er ließ den Kaffee kalt werden und mich nachdenklich zurück. Hätte ich auf die Eingangsfrage antworten sollen „Baby, you`re a rich man“? Aber damit hätte ich am Ende nur mich gemeint. Und ich wollte nicht zu viel von mir reden… ich male eh schon so viel.

Ich liebe alle dunklen Fragen, die die Wahrheit hinterm Auge tragen.

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende / (auch) voller Glück und Sonnenschein. / Ich leg‘ mein Herz in deine lieben Hände, / denn wo du bist, kann die Welt nicht schöner sein. / Vergessen sind heut‘ all meine Sorgen, alles Leid, …

… hab‘ Dank für die Stunden, / die ich bei dir gefunden, /… tja, dies besondere Jahr geht nun zu Ende… / Es winkt und spricht zu mir: „Es war einmal…“ (& gleichzeitig sind all seine Bilder wie ein Gedanke wieder da.)

„Das Leben floß. Doch ein Gebet / trat auf die Lippen mir: / O, Gott, schick einen, der dort geht, / schick einen doch zu mir! Ich kenn dich, Bild, ich war bei Dir einst einmal im Traum…

… ich kenn dich, Dein strahlender Blick drang tief ins Herz mir hinein / doch ich weiß, es war ein Traum, der hält nicht, was wir erhofft…

Da kam der Pharmazeut, / der führte mich zum Traualtar. / Wie das die Eltern freut! / Und doch weiß ich es, ich weiß, was geschieht / Du hältst mich im Arm, so wie Du’s getan / einmal im Traum. / Ich hofft´, mein Herz sollt´ endlich Ruhe haben. / Ich fand es nicht…

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende.“

Des Alltags fette Ausbeute

Anormale, Irre und Freaks sind die historischen Zerrfiguren der Normalität. Da will ich mal keine Ausnahme machen, setze mich also in meinem Atelier nieder und zeichne wie irre vor mich hin und her…

Wenn ich dann so zeichne, wie all die letzten Tage schon, summe ich gerne ein paar Liedchen. Am liebsten: „I’m Gonna Sit Right Down and Write Myself a Letter“. Und mein Freund Dean Martin singt dann stets schön schmalzig für mich weiter: „And make believe it came from you / I’m gonna write words, oh, so sweet / They’re gonna knock me off my feet / Kisses on the bottom…“  Er singt es und ich zeichne es für ihn.

Zeichnen ist für mich von jeher wie das Schreiben von Liebesbriefen. Ab Seite 10 und einer guten Flasche Rotwein, nähert sich das Schriftbild meines Liebesbriefes dann dem, was man gemeinhin als „Freie Grafik“ bezeichnen würde.

Angebliche Wahnsinnige wie Friedrich Hölderlin oder sich bekennende Wahnsinnige wie Ernst Stavro Blofeld, die, wie unser Blofeld, eine Welt schrecklicher Wunder­waffen erfinden, oder Personen, die mit Gott schlafen, die Heerscharen von Spionen und Überwachungsmaschinen phantasieren, mit Kaisern und Königen korrespondieren, Geschlechtsumwand­lungen am eigenen Körper beschreiben, gelehrte Trak­tate verfassen – an all diese so herrlich Wahnsinnige adressiere ich tagtäglich meine Liebesbriefe. Oder ich fordere sie alle keck zum Tanz auf! Denn wenn das Zeichnen dem Schreiben gleicht, dann gleicht das Malen natürlich dem Tanz. Heute erst forderte ich gleich drei Bilder auf mit mir herum zu wirbeln. Ein Herr Paris hätte nicht unsicherer seien können, wenn er hätte entscheiden sollen, welches das schönste Bild ist, was da so offen vor ihm liegt. Ist es dieses…

… oder ist es jenes Bild?

Es ist schier verrückt, aber so sieht mein Alltag einfach aus: schreiben…

… und tanzen.

***

P.S.: Einige der obigen Passagen, ich gestehe, habe ich mir für diesen Brief stibitzt… aus: „Cicero – online, Magazin für politische Kultur“. Wichtiger als das, ist aber eh nur das Schreiben, wie das Tanzen. Und mein Weg dahin… dank meiner Kunst.