Promenade durch meine Asservatenkammer

Meine Atelier- oder Salonhängung bezeichnet eine besonders enge Reihung von Postkarten, Fotos, Grafiken und Krimskrams. Häufig reichen diese bis an die Decke, die Rahmen meiner Werke hängen dicht beieinander. Sie ist auch bekannt als Petersburger Hängung. Diese Bezeichnung geht auf die üppig behängten Wände der Sankt Petersburger Eremitage zurück. Diese Form der Präsentation der Gemälde reicht bis zur Spätrenaissance zurück, als vermehrt Ölgemälde hergestellt und erworben wurden. Sie bringt eine veränderte Intention bei der Ausstellung von Kunstwerken zum Ausdruck, die sich im Lauf der Geschichte vollzogen hat…

So eine Salon- oder Atelierhängung zielt darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten „Kunstwerke“ zu beeindrucken. Objekt der Bewunderung ist letztlich nicht das einzelne Bild, sondern derjenige, der über die Mittel verfügt, eine große Kunstsammlung zusammenstellen zu können. „Je üppiger die Pläne blühen, um so verzwickter wird die Tat“. (Erich Kästner) Die heute gebräuchliche, weitaus sparsamere Hängung von Bildern lässt das Einzelkunstwerk und den Künstler stärker hervortreten. In meinem Atelier ficht mich das aber nicht an.

Hier bin ich ein dienstbarer Schatten, einer Archivar, ein Diener meiner Werke.

Reines Lebensgut: kein Werden, kein Vergehen, kein Sein.

Was bin ich anderes als eine wahrgenommene Form der Veränderungen und-oder die Abfolge von zurückliegenden Ereignissen. Doch gefühlt bin ich der Zeit voraus. Und niste mich ein in alten Bildern mit ganzen Kaskaden von Reizen und Berechnungen hinter dem Rücken dessen, der Ich ist; gespiegelt in einem Kristall (aus Zeit), der von einem einmal vorkommenden Gegenstand Hunderte von kleinen Abbildern zeigt, ohne dass der Gegenstand dadurch wirklich vervielfacht würde.

Großartiges Theater mit König*innen, Worten und Bildern.

Wenn alle Könige ihre Königinnen auf dem Thron hätten / Wir würden Champagner knallen lassen und einen Toast trinken / An alle Königinnen, die alleine kämpfen / Baby, du tanzt nicht alleine…

Jegliche Art von Kultur ist Spiel. Nur im Spielen kann der Mensch kreativ sein und als Individuum sein eigenes Selbst entdecken, im unzusammenhängenden, strukturlosen Funktionieren. Ein Spiel, direkt ins Herz der Kunst. Und der Erkenntnis: Ich bin König*in.

Tagsüber ins Museum, abends allein mit dem Virus.

Hurra: Spielplätze, Museen und Zoos sollen wieder öffnen. Und in einem Glückskeks finde ich den Spruch „ Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Na, und es ist der 1.Mai. Die Sonne strahlt, als ob es kein Coronavirus gäbe. Es ist, als würde ich aus einem merkwürdigen Traum aufwachen. Ich sitze auf einer Edelstahl-Rutsche, die sich in die Tate-Modern-Turbinenhalle hinab schwingt, vorbei an allen Bildern dieser Welt. Im Arm halte ich einen Biber, mein Totemtier, das mir während der Fahrt im Museum einen Martini reicht, geschüttelt, nicht gerührt.

Es ist also alles wieder normal. Spielplätze, Museen und Zoos sind wieder offen.

Das Corona-Paradoxon

In der Welt vor Corona war die Zukunft ein beschriebenes Blatt. Wir konnten uns bis dato an den ewigen Standardverheißungen des Zukünftigen orientieren, die da hießen: Digitalisierung, Klimawandel, Wachstum, Kapitalismus. Nun — durch Corona initiiert — erleben wir einen dramatischen Bedarf an einer ganz neuen Zukunft. Tatsächlich nimmt diese andere Zukunft gerade Gestalt an. Paradoxerweise existiert diese jedoch schon längst. Denn so wie alles an seinem richtigen Ort existiert, so existieren auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schon seit Anbeginn, nur jeweils in anderen Zeiten. Nichts ändert sich wirklich, außer wir verändern uns.

 

 

Ein neues Jetzt

Falls es jemals ein Gestern gab, so hat es sich meinem Zugriff vollends entzogen. Es existiert nur ein Jetzt, das mich definiert. Ein Augenblick, der sich grenzenlos auszudehnen vermag und gleichzeitig auf ein Nichts zusammen schrumpft. Ich schnippe mit meinen Fingern und ein neues pulsierendes Jetzt entsteht. Ich ist stets ein anderer, haben die Dichter dieses Phänomen beschrieben. Und jedes Ich besitzt sein eigenes Jetzt. Mit unzähligen Geschichten und Andenken. Je älter ich werde, umso mehr stelle ich in meinem Jetzt die Erinnerungen in Frage, die sich in mir angesammelt haben. Woher kamen sie? Gehören sie alle zu mir? Sind sie wahr oder bloße Hirngespinste? Zuflüsterungen, denen ich mich einst entziehen wollte? Die ich dann aber nur allzu gerne verinnerlichte und ihnen Glauben schenkte.

Bin ich tatsächlich dem Meer entstiegen? Bei meinem ureigentlichen Anfang spielte Nässe jedenfalls eine entscheidende Rolle. Alles was ursprünglich war, war feucht. Diese grenzenlose Anwesenheit von Wasser definierte nicht nur mich selbst, sondern zugleich auch den Raum um mich herum. Ich selber war dieser Raum, angefüllt mit erregender Nässe. Aus der Feuchtigkeit heraus erhoben sich kleine Wassertröpfchen. Zunächst drückten die Tropfen sehr langsam und behutsam ihre durchsichtigen Buckel nach oben, bevor sie sich dann endgültig, mit einem Körper, den sie auf einer Seite zu einer Spitze verformt hatten, sich von einem Nichts abstießen, um dann quer zum Raum an mir vorbei zu fliegen. Millionenfach vollzogen die Tröpfchen auf diese Art ihre Geburt und verwandelten sich in einen Nebel, der sich vor meine Sinne schobt. Wegen der völligen Windstille, die um mich herum herrschte, sanken die Nebeltröpfchen ab und schlugen sich allmählich in und auf meinem Ich nieder.

Jetzt.

Der mächtigste von allen Herrschern sei der Augenblick, heißt es. Meine Augen sind auch heute noch mit diesen Nebeltropfen überzogen. In jedem bricht sich das Licht der Zeit, dessen Farbspektrum bekanntlich von Rot zu Violett bis in alle Ewigkeit reicht.

Ablenkung (Return to sender, address unknown).

Es ist gar nicht so anstrengend und schwierig, wie man glaubt, sich der inneren und äußeren Ablenkungen (auch und gerade in Zeiten von Corona) bewusst zu werden. Es bedarf dazu nur eines Liebesbrief, vergleichbar mit dem, den ich z.B. gestern im Briefkasten vorfand: „Ich bedanke mich herzlich für Ihre Einsendungen und bedauere es, Ihnen leider keine positive Rückmeldung geben zu können. Herzliche Grüße und weiterhin alles Gute für Ihr künstlerisches Schaffen! Ihr Kulturbüro“

Ach, geben mir die Götter nur ein stilles Plätzchen, wo ich für mich ungeschoren leben kann. Schauen und schaffen möchte ich und mich fern von allem Kunstgesindel halten. Denn solange ich meinen Geist durch solche „Liebesbriefe“ von meinen wahren Träumereien ablenken lasse, wird er, das ist wahr, nicht fertig damit. Ich werde dann nur der ewige Spielball von tausend, süssen Phantomen sein, deren Natur ich nicht wirklich begreife… aber deren Name ich kenne: Kunst. Und was ist nun mit dem Liebesbrief? Ich will es mit den Worten von Elvis Presley sagen: Return to sender, address unknown.

Music Must Change

Alltagsfetzen, Visionen, Erinnerungen, alles vermischt sich am Tag X in der Corona-Krise und der daraus resultierenden Ausgangssperre zu einem nebelhaften Gebilde, es scheinen die alten Weiden so grau: Donald Trump setzt die WHO unter Druck. Jetzt droht er damit, die Zahlungen der USA auszusetzen. Die WHO würde sich zu stark auf China konzentrieren und habe in der Corona-Krise falsche Empfehlungen gegeben. Tja, phantasiere ich, träge auf der Couch liegend, Vulkane explodieren durch den Schnee / Der Mückenstich bringt einen Traum / Aber das Gift ist verrückt / Die Musik muss sich ändern / Denn wir kauen einen Knochen / WHO ARE YOU… Das ist die Frage. The Who, ich seh‘ es genau, zeigten mit WHO ARE YOU ein letztes Mal in voller Besetzung, warum sie eine der größten Bands der Rockgeschichte waren. Nach dem Ausscheiden von Keith Moon waren The Who de facto Geschichte. WHO ARE YOU war ihr letztes starkes Album. Die Songs von Pete Townshend und John Entwistle, das immer noch unbestreitbare Können aller Bandmitglieder in ihren jeweiligen Fächern – all das machte WHO ARE YOU zu einem Triumph. Wer bisher anderer Meinung war, sollte dieser Platte doch noch mal eine Chance geben, so wie ich es gerade mache… The Who sind The Who. Donald Trump ist und bleibt also ein Idiot. Seine ewigen, immer wiederkehrenden Kränkungen sind, sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!, nur eine „Legitimation jedweden Verhaltens, das sich nicht an die demokratischen, aber auch nicht an die Regeln des Marktes halten will. Der rücksichtslose Erfolgsmensch… und das gekränkte Opfer… sind […] zwei Seiten ein und desselben Phänomens… Ein rücksichtsloser… Gewinner wie Trump… findet die größte Gefolgschaft stets in einer Armee der Gekränkten.“ (Georg Seeßlen) Ein schäbiges Verhalten am Rande zur Paranoia. MUSIC MUST CHANGE. Unbedingt. Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll. MUSIC MUST CHANGE… & die Quarantäne geht in die nächste Runde.

 

Das unbekannte Kunstwerk

„Falls es jenseits wahnhafter Selbstüberschätzung und künstlerischer Hybris überhaupt darstellerische Wahrhaftigkeit gibt, dann ist sie letztlich nur für den erkennbar, der um die schmerzhafte Beziehung zwischen Wirklichkeit und künstlerischer Imagination weiß.“ (Kritik zu „Die schöne Querulantin“, einem Film von Jacques Rivette, frei nach „Das unbekannte Meisterwerk“ von Honoré de Balzac.)