Tagsüber ins Museum, abends allein mit dem Virus.

Hurra: Spielplätze, Museen und Zoos sollen wieder öffnen. Und in einem Glückskeks finde ich den Spruch „ Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Na, und es ist der 1.Mai. Die Sonne strahlt, als ob es kein Coronavirus gäbe. Es ist, als würde ich aus einem merkwürdigen Traum aufwachen. Ich sitze auf einer Edelstahl-Rutsche, die sich in die Tate-Modern-Turbinenhalle hinab schwingt, vorbei an allen Bildern dieser Welt. Im Arm halte ich einen Biber, mein Totemtier, das mir während der Fahrt im Museum einen Martini reicht, geschüttelt, nicht gerührt.

Es ist also alles wieder normal. Spielplätze, Museen und Zoos sind wieder offen.

Das Corona-Paradoxon

In der Welt vor Corona war die Zukunft ein beschriebenes Blatt. Wir konnten uns bis dato an den ewigen Standardverheißungen des Zukünftigen orientieren, die da hießen: Digitalisierung, Klimawandel, Wachstum, Kapitalismus. Nun — durch Corona initiiert — erleben wir einen dramatischen Bedarf an einer ganz neuen Zukunft. Tatsächlich nimmt diese andere Zukunft gerade Gestalt an. Paradoxerweise existiert diese jedoch schon längst. Denn so wie alles an seinem richtigen Ort existiert, so existieren auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schon seit Anbeginn, nur jeweils in anderen Zeiten. Nichts ändert sich wirklich, außer wir verändern uns.

 

 

Ein neues Jetzt

Falls es jemals ein Gestern gab, so hat es sich meinem Zugriff vollends entzogen. Es existiert nur ein Jetzt, das mich definiert. Ein Augenblick, der sich grenzenlos auszudehnen vermag und gleichzeitig auf ein Nichts zusammen schrumpft. Ich schnippe mit meinen Fingern und ein neues pulsierendes Jetzt entsteht. Ich ist stets ein anderer, haben die Dichter dieses Phänomen beschrieben. Und jedes Ich besitzt sein eigenes Jetzt. Mit unzähligen Geschichten und Andenken. Je älter ich werde, umso mehr stelle ich in meinem Jetzt die Erinnerungen in Frage, die sich in mir angesammelt haben. Woher kamen sie? Gehören sie alle zu mir? Sind sie wahr oder bloße Hirngespinste? Zuflüsterungen, denen ich mich einst entziehen wollte? Die ich dann aber nur allzu gerne verinnerlichte und ihnen Glauben schenkte.

Bin ich tatsächlich dem Meer entstiegen? Bei meinem ureigentlichen Anfang spielte Nässe jedenfalls eine entscheidende Rolle. Alles was ursprünglich war, war feucht. Diese grenzenlose Anwesenheit von Wasser definierte nicht nur mich selbst, sondern zugleich auch den Raum um mich herum. Ich selber war dieser Raum, angefüllt mit erregender Nässe. Aus der Feuchtigkeit heraus erhoben sich kleine Wassertröpfchen. Zunächst drückten die Tropfen sehr langsam und behutsam ihre durchsichtigen Buckel nach oben, bevor sie sich dann endgültig, mit einem Körper, den sie auf einer Seite zu einer Spitze verformt hatten, sich von einem Nichts abstießen, um dann quer zum Raum an mir vorbei zu fliegen. Millionenfach vollzogen die Tröpfchen auf diese Art ihre Geburt und verwandelten sich in einen Nebel, der sich vor meine Sinne schobt. Wegen der völligen Windstille, die um mich herum herrschte, sanken die Nebeltröpfchen ab und schlugen sich allmählich in und auf meinem Ich nieder.

Jetzt.

Der mächtigste von allen Herrschern sei der Augenblick, heißt es. Meine Augen sind auch heute noch mit diesen Nebeltropfen überzogen. In jedem bricht sich das Licht der Zeit, dessen Farbspektrum bekanntlich von Rot zu Violett bis in alle Ewigkeit reicht.

Ablenkung (Return to sender, address unknown).

Es ist gar nicht so anstrengend und schwierig, wie man glaubt, sich der inneren und äußeren Ablenkungen (auch und gerade in Zeiten von Corona) bewusst zu werden. Es bedarf dazu nur eines Liebesbrief, vergleichbar mit dem, den ich z.B. gestern im Briefkasten vorfand: „Ich bedanke mich herzlich für Ihre Einsendungen und bedauere es, Ihnen leider keine positive Rückmeldung geben zu können. Herzliche Grüße und weiterhin alles Gute für Ihr künstlerisches Schaffen! Ihr Kulturbüro“

Ach, geben mir die Götter nur ein stilles Plätzchen, wo ich für mich ungeschoren leben kann. Schauen und schaffen möchte ich und mich fern von allem Kunstgesindel halten. Denn solange ich meinen Geist durch solche „Liebesbriefe“ von meinen wahren Träumereien ablenken lasse, wird er, das ist wahr, nicht fertig damit. Ich werde dann nur der ewige Spielball von tausend, süssen Phantomen sein, deren Natur ich nicht wirklich begreife… aber deren Name ich kenne: Kunst. Und was ist nun mit dem Liebesbrief? Ich will es mit den Worten von Elvis Presley sagen: Return to sender, address unknown.

Music Must Change

Alltagsfetzen, Visionen, Erinnerungen, alles vermischt sich am Tag X in der Corona-Krise und der daraus resultierenden Ausgangssperre zu einem nebelhaften Gebilde, es scheinen die alten Weiden so grau: Donald Trump setzt die WHO unter Druck. Jetzt droht er damit, die Zahlungen der USA auszusetzen. Die WHO würde sich zu stark auf China konzentrieren und habe in der Corona-Krise falsche Empfehlungen gegeben. Tja, phantasiere ich, träge auf der Couch liegend, Vulkane explodieren durch den Schnee / Der Mückenstich bringt einen Traum / Aber das Gift ist verrückt / Die Musik muss sich ändern / Denn wir kauen einen Knochen / WHO ARE YOU… Das ist die Frage. The Who, ich seh‘ es genau, zeigten mit WHO ARE YOU ein letztes Mal in voller Besetzung, warum sie eine der größten Bands der Rockgeschichte waren. Nach dem Ausscheiden von Keith Moon waren The Who de facto Geschichte. WHO ARE YOU war ihr letztes starkes Album. Die Songs von Pete Townshend und John Entwistle, das immer noch unbestreitbare Können aller Bandmitglieder in ihren jeweiligen Fächern – all das machte WHO ARE YOU zu einem Triumph. Wer bisher anderer Meinung war, sollte dieser Platte doch noch mal eine Chance geben, so wie ich es gerade mache… The Who sind The Who. Donald Trump ist und bleibt also ein Idiot. Seine ewigen, immer wiederkehrenden Kränkungen sind, sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!, nur eine „Legitimation jedweden Verhaltens, das sich nicht an die demokratischen, aber auch nicht an die Regeln des Marktes halten will. Der rücksichtslose Erfolgsmensch… und das gekränkte Opfer… sind […] zwei Seiten ein und desselben Phänomens… Ein rücksichtsloser… Gewinner wie Trump… findet die größte Gefolgschaft stets in einer Armee der Gekränkten.“ (Georg Seeßlen) Ein schäbiges Verhalten am Rande zur Paranoia. MUSIC MUST CHANGE. Unbedingt. Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll. MUSIC MUST CHANGE… & die Quarantäne geht in die nächste Runde.

 

Das unbekannte Kunstwerk

„Falls es jenseits wahnhafter Selbstüberschätzung und künstlerischer Hybris überhaupt darstellerische Wahrhaftigkeit gibt, dann ist sie letztlich nur für den erkennbar, der um die schmerzhafte Beziehung zwischen Wirklichkeit und künstlerischer Imagination weiß.“ (Kritik zu „Die schöne Querulantin“, einem Film von Jacques Rivette, frei nach „Das unbekannte Meisterwerk“ von Honoré de Balzac.)

Mein Corona-Tagebuch

Die Kunst gibt mir meinen Namen. Und sie hilft mir nicht „Opfer der vollständigen Auflösung [meiner] Psychose zu werden“ (frei nach Jacques Lacan wäre das jedenfalls so). Aber ob das nun stimmt oder nicht, soll hier nicht von Bedeutung sein. Interessant ist mir hier und heute nur, wie ich bis dato, über 1000 Artikel lang, die angebliche Realität aus meiner Kunstwelt heraushielt. Indirekt wenigstens. Aber dann verfasste ich am 12.2.2020 in einem meiner Tagebücher folgende kleine Notiz: 12 Monkeys in Wuhan, China. Das Virus breitet sich weiter aus… [& dann ging es weiter]

24.2.2020 – …Erneuter Corona-Toter in Italien. Also vor unserer Haustür. Gewässer aber rieseln herab und sanft / Ist hörbar dort ein Rauschen den ganzen Tag…

2.3.2020 – In 10 von 16 Bundesländern sind inzwischen Coronafälle dokumentiert. Und Tag zu Tag werden es mehr. Faszinierend wie ein Virus uns zeigt, das niemand mehr behaupten kann, er habe mit dem Rest der Welt nichts zu tun, der Sack Reis in China, der umkippt, der interessiere nicht…

11.3.2020 – Das Corona-Virus hält die Presseberichtemeute in Atem…

12.3.2020 – Die USA lässt keine Flüge aus good old europe mehr ins Land der nur scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Grund ist die Corona-Epidemie. Donald Trump wird von einem Virus in die Knie gezwungen…

13.3.2020 – Der taumelnde Präsident…

15.3.2020 – Donald Trump ist NICHT an Corona erkrankt. Fake News?! Alle Alphamännchen bitte in Quarantäne schicken…

16.3.2020 – Wie gut, dass Mutti die Corona-Pandemie nicht mehr miterleben musste. Sie wäre hysterisch geworden. Wer hätte einkaufen sollen für sie? Na, ich; aber sie hätte mich mit Sicherheit nicht mehr in die Wohnung gelassen. Wegen der Ansteckungsgefahr. Wahrscheinlich hätte ich wie blöde „stundenlang“ im Flur stehen müssen, um durch die Tür mit Ihr zu reden und sie zu beruhigen…/ / … Friedrich Engels. Ludwig van Beethoven. Friedrich Hölderlin. Die Namen der Jubilare sind exquisit. Ludwig Van wird wahrscheinlich den Vogel abschießen. Wenn er noch zu Gehör kommt. Wegen der Virus-Krise werden überall Konzerte abgesagt. Da lieb ich mir doch Hölderlin. Seine Gedichte kann ich mir selber

17.3.2020 – Zur Krise der Liebe, schreibt Byung-Chul Han, führt nicht so sehr eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern die zunehmende Narzissifizierung des Einzelnen. Byung-Chul Han spricht nicht explizit von Donald Trump, Boris Johnson & Co., aber ich muss sofort an diese Personen denken. Für den Narzissten verschwindet der Andere, das Gegenüber… Und genau das sieht man in der Corona-Krise. Wie sollen Trump und Johnsonn reagieren können, spüren sie den anderen Menschen, ihre Mitbürger doch gar nicht… // Igor Levit streamt gegen die Einsamkeit an. Gegen unsere Vereinzelung, Kleinmut und Ratlosigkeit in Zeiten, in denen tatsächlich die Freiheit eingeschränkt wird wie nie zuvor…

19.3.2020 – Ich denke über die Liebe in den Zeiten von Corona nach… Susanne fragt mich, ob ich nicht ein „Corona-Tagebuch“ anfangen könnte… Ein Freund fragt mich, per Email, ob ich künstlerisch auf Corona reagieren würde und könnte…

20.3.2020 – Ich kombiniere in einem Artikel zwei, drei kurze Gedichtzeilen von Friedrich Hölderlin und das Bild des Corona-Virus (≈ Gottvater Zeus?) … […]

Anmuth (in einem Café)

Meine Frau liebt es, sich meine neuesten Arbeiten auf ihrem Smartphone anzuschauen, wenn wir in einem Café sitzen. Von wegen immer nur ins Museum, um gute Kunst zu schauen. Nein, wir gehen dafür auch ins Café unserer Wahl. Und da sitzen wir dann – zwei Liebende! … Wir trinken Cappuccino, reden über Ästhetik und Weiber*… Ja, das alles: in einem Gespräch mit meiner Frau im Café!  Das Café ist … kein Kaffeehaus, wie andere Kaffeehäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren erster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Hernach geht er, der Künstler / Auf Feldern froh umher und heimatlichen Auen, / Er weiß: Die Einsamkeit vor einem weißen Blatt Papier ist hart. Ich hob die Augen, ich überzeugte mich, daß die Menschen existierten. Das ermutigte mich, Wörter aufzuzeichnen, die vielleicht eines Tages jemand anrühren würden. / So vergeht die Zeit, das Jahr… (*Alfred Polgar, Erich Mühsam, Simone de Beauvoir und Friedrich Hölderlin. Detlef & Susanne.)

Der alte weiße Mann unter dem Meer

„Ich weiß, was das Mädchen braucht“, glaubt der alte Mann… „Die Rhythmen und Delirien, das Blau im rauchigen Schleier, verfärbt sind sie im Nu hier, versengt sind sie, verzehrt: so brannte noch kein Branntwein, kein Lied und keine Leier, wie hier das bittre Rostrot der Liebe brennt und gärt! / Liebling, es ist besser / Unten wo es nasser ist / Nimm es von mir / Oben am Ufer arbeiten sie den ganzen Tag / Draußen in der Sonne versklaven sie sich / Während wir uns hingeben / Vollzeit zum Schwimmen / Unter dem Meer – manchmal sah mein Auge, was Menschenauge träumt…“  Träum weiter, Mann!