New Pics On The Blog

Es war einmal eine Boyband, die so bezaubernde Zeilen sang wie: Don’t worry ‚bout nothin‘ ‚cause it won’t take long ; übersetzt heißt das ungefähr soviel wie: Mach dir keine Sorgen um nichts, denn es wird nicht lange dauern. Und ich mach mir auch keine Sorgen, es wird nämlich nie lange dauern, dann poste ich weitere new pics on the blog.

Die vergessenen Ahnen

Der Dichter Heiner Müller schreitet im Atelier mit mir zusammen die Bilder ab, die ich in den letzten Wochen geschaffen habe. Er pafft dabei eine Zigarre, pustet ihren schamanenhaften Rauch ab und an in den Raum, wobei der Dichter seinen Kopf stets leicht nach oben reckt…

Plötzlich hält er im Gehen inne und flüstert, halb sich, halb mir zu: „Mein Weg nach oben ist ein Weg in die Vergangenheit, der Abgrund unter mir heißt Zukunft. Was ich suche, ist die Blutspur der VERGESSENEN AHNEN. Übrigens kann von oben oder unten, von Vergangenheit und/oder Zukunft keine Rede sein, der Raum hat keine Richtung in der Zeit.“ Wieder fällt mir auf, das eine dichterische Sprache am ehesten für eine sinnvolle Übersetzung von Bild in Text taugt. Wie oft habe ich das nicht schon gesagt und geschrieben. Gut tausend Artikel auf dem Blog geben Zeugnis davon. Heiner Müller lächelt und als würde er meine Gedanken lesen, sagt er: „Wenn man schreibt…“ -so viele Artikel- „…ist man ein Tausendfüßler.“

Todes- und Erinnerungstage

Vor zwei Jahren verstarb meine Mutter, während ich sie noch in meinen Armen halten durfte. Sie strich mir ein letztes Mal über den Rücken, als wolle sie mir sagen „Es ist alles gut“, dann ging sie von mir. Auch bei meinem Vater war ich in den letzten Minuten an seiner Seite. Unfähig die Situation irgendwie rational begreifen und fassen zu können, blickte ich meinen Vater an, wie er dalag, fast schon dieser Welt entrückt, und forderte ihn auf: „Stell dich jetzt nicht tot. Sag mal was.“

Inzwischen weiß ich, dass beide Eltern nicht wirklich von mir gegangen sind. Im Gegenteil.

Sie sind in mich eingezogen; wir alle haben uns in meinem Herzen eingerichtet. Dort umarme ich sie tagtäglich so pausbäckig, wie ich als Kind meine Lieblingspuppe umarmt habe. Bestimmte Rituale verändern sich eben nie. Wenn man die Augen schließt und liebevoll nach innen schaut.

Baby You’re a Rich Man

„Sind ihre Bilder etwas wert?“ fragte mich einmal ein potentieller Käufer. Als ich spaßeshalber das Lied zitierte „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ hatte mein Gast sofort jegliche Kauflust an meinen Bildern verloren. Von einer Sekunde zur anderen wechselte sein Gesicht von Neugier zu Mitleid. Nicht einmal mein Kaffee, den ich anbot, konnte den Menschen wieder erwärmen. Er suchte wohl etwas, was ich nicht bieten konnte.

Mein Atelier ist, ich schwöre, vollgestopft mit poetischen Entdeckungen für das Willkürliche, doch mein Gast war wohl eher auf der Suche nach Gewinnoptimierung. Er ließ den Kaffee kalt werden und mich nachdenklich zurück. Hätte ich auf die Eingangsfrage antworten sollen „Baby, you`re a rich man“? Aber damit hätte ich am Ende nur mich gemeint. Und ich wollte nicht zu viel von mir reden… ich male eh schon so viel.

Ich liebe alle dunklen Fragen, die die Wahrheit hinterm Auge tragen.

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende / (auch) voller Glück und Sonnenschein. / Ich leg‘ mein Herz in deine lieben Hände, / denn wo du bist, kann die Welt nicht schöner sein. / Vergessen sind heut‘ all meine Sorgen, alles Leid, …

… hab‘ Dank für die Stunden, / die ich bei dir gefunden, /… tja, dies besondere Jahr geht nun zu Ende… / Es winkt und spricht zu mir: „Es war einmal…“ (& gleichzeitig sind all seine Bilder wie ein Gedanke wieder da.)

„Das Leben floß. Doch ein Gebet / trat auf die Lippen mir: / O, Gott, schick einen, der dort geht, / schick einen doch zu mir! Ich kenn dich, Bild, ich war bei Dir einst einmal im Traum…

… ich kenn dich, Dein strahlender Blick drang tief ins Herz mir hinein / doch ich weiß, es war ein Traum, der hält nicht, was wir erhofft…

Da kam der Pharmazeut, / der führte mich zum Traualtar. / Wie das die Eltern freut! / Und doch weiß ich es, ich weiß, was geschieht / Du hältst mich im Arm, so wie Du’s getan / einmal im Traum. / Ich hofft´, mein Herz sollt´ endlich Ruhe haben. / Ich fand es nicht…

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende.“

Des Alltags fette Ausbeute

Anormale, Irre und Freaks sind die historischen Zerrfiguren der Normalität. Da will ich mal keine Ausnahme machen, setze mich also in meinem Atelier nieder und zeichne wie irre vor mich hin und her…

Wenn ich dann so zeichne, wie all die letzten Tage schon, summe ich gerne ein paar Liedchen. Am liebsten: „I’m Gonna Sit Right Down and Write Myself a Letter“. Und mein Freund Dean Martin singt dann stets schön schmalzig für mich weiter: „And make believe it came from you / I’m gonna write words, oh, so sweet / They’re gonna knock me off my feet / Kisses on the bottom…“  Er singt es und ich zeichne es für ihn.

Zeichnen ist für mich von jeher wie das Schreiben von Liebesbriefen. Ab Seite 10 und einer guten Flasche Rotwein, nähert sich das Schriftbild meines Liebesbriefes dann dem, was man gemeinhin als „Freie Grafik“ bezeichnen würde.

Angebliche Wahnsinnige wie Friedrich Hölderlin oder sich bekennende Wahnsinnige wie Ernst Stavro Blofeld, die, wie unser Blofeld, eine Welt schrecklicher Wunder­waffen erfinden, oder Personen, die mit Gott schlafen, die Heerscharen von Spionen und Überwachungsmaschinen phantasieren, mit Kaisern und Königen korrespondieren, Geschlechtsumwand­lungen am eigenen Körper beschreiben, gelehrte Trak­tate verfassen – an all diese so herrlich Wahnsinnige adressiere ich tagtäglich meine Liebesbriefe. Oder ich fordere sie alle keck zum Tanz auf! Denn wenn das Zeichnen dem Schreiben gleicht, dann gleicht das Malen natürlich dem Tanz. Heute erst forderte ich gleich drei Bilder auf mit mir herum zu wirbeln. Ein Herr Paris hätte nicht unsicherer seien können, wenn er hätte entscheiden sollen, welches das schönste Bild ist, was da so offen vor ihm liegt. Ist es dieses…

… oder ist es jenes Bild?

Es ist schier verrückt, aber so sieht mein Alltag einfach aus: schreiben…

… und tanzen.

***

P.S.: Einige der obigen Passagen, ich gestehe, habe ich mir für diesen Brief stibitzt… aus: „Cicero – online, Magazin für politische Kultur“. Wichtiger als das, ist aber eh nur das Schreiben, wie das Tanzen. Und mein Weg dahin… dank meiner Kunst.

Promenade durch meine Asservatenkammer

Meine Atelier- oder Salonhängung bezeichnet eine besonders enge Reihung von Postkarten, Fotos, Grafiken und Krimskrams. Häufig reichen diese bis an die Decke, die Rahmen meiner Werke hängen dicht beieinander. Sie ist auch bekannt als Petersburger Hängung. Diese Bezeichnung geht auf die üppig behängten Wände der Sankt Petersburger Eremitage zurück. Diese Form der Präsentation der Gemälde reicht bis zur Spätrenaissance zurück, als vermehrt Ölgemälde hergestellt und erworben wurden. Sie bringt eine veränderte Intention bei der Ausstellung von Kunstwerken zum Ausdruck, die sich im Lauf der Geschichte vollzogen hat…

So eine Salon- oder Atelierhängung zielt darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten „Kunstwerke“ zu beeindrucken. Objekt der Bewunderung ist letztlich nicht das einzelne Bild, sondern derjenige, der über die Mittel verfügt, eine große Kunstsammlung zusammenstellen zu können. „Je üppiger die Pläne blühen, um so verzwickter wird die Tat“. (Erich Kästner) Die heute gebräuchliche, weitaus sparsamere Hängung von Bildern lässt das Einzelkunstwerk und den Künstler stärker hervortreten. In meinem Atelier ficht mich das aber nicht an.

Hier bin ich ein dienstbarer Schatten, einer Archivar, ein Diener meiner Werke.

Reines Lebensgut: kein Werden, kein Vergehen, kein Sein.

Was bin ich anderes als eine wahrgenommene Form der Veränderungen und-oder die Abfolge von zurückliegenden Ereignissen. Doch gefühlt bin ich der Zeit voraus. Und niste mich ein in alten Bildern mit ganzen Kaskaden von Reizen und Berechnungen hinter dem Rücken dessen, der Ich ist; gespiegelt in einem Kristall (aus Zeit), der von einem einmal vorkommenden Gegenstand Hunderte von kleinen Abbildern zeigt, ohne dass der Gegenstand dadurch wirklich vervielfacht würde.

Großartiges Theater mit König*innen, Worten und Bildern.

Wenn alle Könige ihre Königinnen auf dem Thron hätten / Wir würden Champagner knallen lassen und einen Toast trinken / An alle Königinnen, die alleine kämpfen / Baby, du tanzt nicht alleine…

Jegliche Art von Kultur ist Spiel. Nur im Spielen kann der Mensch kreativ sein und als Individuum sein eigenes Selbst entdecken, im unzusammenhängenden, strukturlosen Funktionieren. Ein Spiel, direkt ins Herz der Kunst. Und der Erkenntnis: Ich bin König*in.