Aus meinem Poesiealbum

Wenn die eigene Rede ins Stocken gerät, dann greift jeder von uns gerne schon einmal auf den einen oder anderen Klassiker zurück, auf deren schon vorverdaute Weisheiten. Ob ich mir damit Autorität verschaffe oder nur den Magen verderbe, ich will es nicht selber beurteilen müssen. Das könnten mir vielleicht auch nur die drei Klassiker gemeinsam erklären, die ich hier und heute in meinem Poesiealbum harmonisch vereint vorfinde. Es handelt sich um Ikarus, Goethe… und die Zeit.

 

Für Allezeit*

Ohne ein Gran von Ungeduld geh ich ans Träumen, / mache mich an die Arbeit, / die nicht mehr enden kann, / und nach und nach, an der Spitze, / tun sich den wiedergeborenen Armen / hilfreiche Hände auf, / … tauchen die Augen auf, wieder, spenden Licht, aufs neue… 

(* Giuseppe Ungaretti)

On Air

Das Air, die Aria, benennt die Nebenform eines Liedes, es kann aber auch Teil aus einem zurückliegenden Traum sein. Ein Traum, in dem ich umhergeistere und an zukünftig Vergangenes denke, indem meine Toten, und auch die Lebenden, die ich liebe, mir allesamt in den Sinn kommen…

Ein geschriebenes Buch wird vorgebracht werden / In welchem alles enthalten ist / Aus dem die Welt gerichtet werden soll. / Wenn sich dann der Richter setzen wird / Wird alles an den Tag kommen, was verborgen ist / Nichts wird ungerächt bleiben. / Was werde ich Unglücklicher dann sagen, / Welchen Heiligen werde ich bitten, / Da kaum der Gerechte sicher sein wird? / Und das Buch wird den Titel tragen: „Dies alles gibt es also“ – Ein autobiographischer Bericht …

… das Fundament des Lebens, welches mit beiden Händen gespielt wird. Die linke Hand spielt die vorgeschriebenen Noten, die rechte greift nach Dissonanzen, damit alles zusammen eine wohl klingende Harmonie ergibt… während ich begreife, aus Einsamkeit…

Liebeslied

Meine Kunst begreife ich als ein ständiges Suchen, ein Pochen, ein Wühlen in Rissen und Brüchen, als ein zauberfähiges Gebrabbel der Poesie.

Niemand kann so schön / Mit deinen Händen spielen, / Schlösser bauen, wie ich / Aus Goldfinger; / Burgen mit hohen Türmen! / Strandräuber sind wir dann. / Wenn du da bist, / Bin ich immer reich. / Du nimmst mich so zu dir, / Ich sehe dein Herz sternen… (Else Lasker-Schüler)

Königsgambit

Jeder Zug (im Leben?) sollte der Beherrschung des Zentrums, der Sicherung des Königs, der Entwicklung der eigenen Figuren, der Abwehr einer konkreten Drohung oder dem Angriff auf den gegnerischen König dienen. Und natürlich die Liebe zu meiner Königin beweisen! Denn ich werde niemals meine Königin vergessen. Niemals. Nicht in meiner Kunst. Nicht in diesem Leben. I am the king I can do anything…

Mein wundersames Groschenroman-Oratorium

Als Oratorium bezeichnet man in der musikalischen Formenlehre bekanntlich die dramatische, mehrteilige Vertonung einer zumeist geistlichen Handlung, verteilt auf mehrere Personen, eine erzählend-dramatische Komposition.

Als barocker Minimalist, als den ich mich selber gerne bezeichne, aber eben auch als Künstler, stehe ich bekanntlich recht allein am Rande und zugleich im Mittelpunkt meines Ateliers, wo ich immer wieder neue Abenteuer (ohne irgendwelche Mitstreiter) zu bestehen habe. Der Groschenroman erlangte mit solch einem Konzept oft Kultstatus. Kritiker sprechen hier allerdings schnell und hochnäsig von „Schundliteratur“. Schund. Unmoralisch. Verderbt. Aber Kunst kann niemals keusch sein, argumentierte schon Picasso. Warum sollte es dann die Literatur sein? Und warum sollte ich mich in meiner Kunst überhaupt irgendwie zurückhalten und nur wertvoll daher kommen? Selbstzensur ist die erste Untugend der Kreativität, finde ich, sie sollte nicht zum Selbstbild eines Künstlers werden. Im Dunkeln ist gut munkeln, auf Pappe gut zu oratieren. Soll heißen: Bach spielt Bach.

Die Wahrheit ist von dieser Welt

Unsere Gesellschaft bewahrt kaum eine Erinnerung daran, daß das entscheidende Kunstwerk, um das man sich bemühen, der entscheidende Bereich, auf den man ästhetische Werte anwenden muss, man selbst, das eigene Leben, die eigene Existenz ist. Der Künstler ist dafür da, um Fenster einzusetzen, wo vorher Wände waren. (Verständnisvoll nicke ich Foucault zu.)