Über die Neigung die Realität neu zu gestalten

Unsere Kunstauffassungen haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Damit sind, in meinen Augen, allerdings nur die unterschiedlichen Einfassungen der jeweiligen Spiegel gemeint, durch den die Betrachter ins Wunderland der Kunst oder der Träume zu treten vermögen. Es gibt Barockrahmen, Jugendstilrahmen, Spiegel mit Rahmen im Art Deco Stil oder Kinderzimmer-Spiegel von Edelstahl umrankt in Form eines Kaninchens. Manchmal erscheint uns ein Spiegel blind, wenn er längere Zeit zu starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Oder der normale Alterungsprozess kann zu solch blinden Stellen führen.

Aber der Spiegel bleibt immer das Nichts als Widerstand für Alles. Er bleibt die Demarkationslinie zwischen angenommener Wirklichkeit und wirklicher Angenommenheit. Wir lassen den Makel der Abbildung hinter uns, wenn wir durch ihn hindurch auf eine andere Seite treten. Wer jedoch mit analytischen Blick am erdenschweren Material festhält, an Öl auf Leinwand, an Acryl auf Pappen, der wird nie eine Welt betreten, in der Bienen in einem Löwenskelett ihren Bienenstock errichtet haben. Derjenige, welcher den Honig in dieser Welt mit der bloßen Hand begreift, beginnt mit den Augen eines Künstlers zu sehen.

Die Liebe zum autonomen Spiegelbild

Mein eigenes Spiegelbild ist längst so autonom geworden, wie ich es seit Jahren in meiner Kunst schon bin. Da verwundert es mich auch nicht, wenn es mir aus reiner Lust oder künstlerischer Überzeugung ab und an ein Bild präsentiert, dass mir nicht bis aufs Haar gleicht, aber zugleich meine Seele widerspiegelt. Das muss Liebe sein.

 

Camass (als ein Barde)

Liebste, wenn Du wissen willst, warum ich Dir Tag für Tag meine Bilder zu Füßen lege, dann lass Dir sagen: Gen Himmel schauend greift, im Volksgedränge, der Barde (und das bin ich) fromm in seine Saiten ein. Jetzt trösten, jetzt verletzen seine Klänge (denk nur an die abenteuerlichen Galerieabende und seine Gespräche), und solcher Antwort kann er sich nicht freun.

Doch eine denkt er in dem Kreis der Menge, der die Gefühle seiner Brust sich weihn (und das bist Du): sie hält den Preis in den Händen, der ihm falle, und krönt ihn die, so krönen sie ihn alle. Du fragst Dich, ob das von mir ist. Aber natürlich. Nur kann es sein, dass Heinrich von Kleist das schon einmal vor mir gesagt hat.

Über meine Welt hin ziehn Wolken voller Wörter

Was wird am Universum durch Bezeichnungen oder Beschreibungen wirklich für uns fassbar? Seit Tausendundeiner Nacht und Tag gibt es das Bild-Geschlecht und das Wort-Geschlecht. Es gab einst auch das aus beiden zusammengesetzte Geschlecht der Kunst…

Die Neurowissenschaft behauptet, das der Mensch über visuelle Eindrücke nur dann nachzudenken vermag, wenn er diese visuellen Erlebnisse in Worte umwandelt. Gerne würde ich hier nicht von Umwandlung sprechen, sonder eher von einer Übersetzung. Bild und Wort stellen für mich von jeher eigenständige Sprachen dar, mit ganz eigenen Fragen nach Selbst-, Fremd- und Weltverstehen. Mit beiden Sprachen beschreibe/bezeichne ich ständig meine Wirklichkeit. Oder versuche es zumindest. Das eigentliche Umwandeln=Übersetzen der Bildsprache in eine Wortsprache ist kompliziert, allein schon aufgrund der strukturellen Divergenzen zwischen dem Paar. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen Wort und Bild führen doch meist nur zu unverständlichen Formulierungen, wie man sie aus staubtrockenen Katalogvorworten zu irgendeiner Ausstellung von Gemälden kennt. Meine Übersetzungspraxis ist daher eher eine Verständnispraxis. Bild und Wort bleiben ihr Leben lang differenziert, rücken aber durch ihr aktives (Ein-)Wirken auf meine Wirklichkeit sehr eng zusammen. Worte und Bilder wollen mir einen Weg in den Himmel bahnen. Es geht das Gerücht, das vor Urzeiten beide zusammen eine Gestalt besaßen, aber dann in zwei Hälften zerschnitten wurden. Seitdem beschreiten beide Teile getrennt voneinander ihre/meine Wege…

Rendezvous mit der Zeit

„Künstlertum bedeutet warten lernen.“

„Auf was warten?“

„Auf dieses »Jetzt«.“                                                                                                                                                (Eines meiner aktuellen Werke trifft auf einige Zeilen aus Mutters alten Poesiealbum. Und sie überbrücken gemeinsam die Zeit.)

Sinn-Lichtkeit

Kunstwerke, Kunstworte. Was kommt zur Sprache? Kommt Sprache zum Bild, wie die Jungfrau zum Kinde? Jede Sprache ist ein Vielfaches, sie ist Wort, wie auch Bild. In Wörtern und Bildern (zugleich) liegt ein Reichtum an Weltdeutungen verborgen. Wort und Bild können uns auf verschiedene Weise mit der inneren und äußeren Welt vertraut machen. Gemeinsam bilden sie für mich dann… Zarte Ranken, / blasse Schatten / … / Lautlos fliegt ein Falter. / Ich wandle wie trunken durch sanftes Licht… (Arno Holz)

Snark sei Dank

Es war, glaube ich, Immanuel Kant, der behauptete, eine strenge Disziplin beschneide dem Genie viel zu schnell die Flügel seiner Kreativität. Famose Überlegung. Ich male ja so undiszipliniert, es hat schon fast wieder etwas soldatisches an sich… Einfach locker und drauf los…

Kant meinte allerdings weiter, dass dem Genie durchaus die Flügel gestutzt werden sollten, um es dadurch auf die unerschöpfliche Bahn des Sinnhaften schicken zu können. Ansonsten würde das Genie nämlich Gefahr laufen Un-Sinn zu produzieren. Quatsch, der alte Senfhersteller, zu viel Philosoph, zu wenig Künstler. Natürlich stutzt das Leben uns ständig die Flügel; aber ich klebe sie mir immer wieder an. Basta. Und drehe damit meine Runden im Atelier. Meine Künstlerarabesken erzeugen ein stetes Angebot an höheren Unsinn und lächerlichem Tiefsinn zugleich:

Dem Snark sei Dank. Wie der berühmte Snark, so vereinigt auch jeder Künstler in sich außergewöhnliche Eigenschaften. Er ist, ähnlich wie der Snark, hilfsbereit beim Anzünden von Lichtern, er hat die Gewohnheit erst am Nachmittag aufzustehen und versteht wenig von Finanz-Wesen. Außerdem liebt er Gedankensprünge auf der Kante eines sich aussprechenden Vulkans. Wer glaubt des Künstlers reine Seele irgendwann einmal gefunden zu haben, in einem seiner Bildern, in seinen Selbstaussagen und -verleugnungen, der wird enttäuscht sein, denn der Künstler ist, wie der Snark auch, ein: boojum