Entkleidete Sterne

Die Venus erreicht eine enorme scheinbare Größe zwischen zehn und sechzig Bogensekunden (60“) – je nach Entfernung zur Erde. Damit erscheint sie nach Mond und Sonne als größtes Objekt am Himmel und übertrifft sogar Jupiter, dessen Durchmesser in Wirklichkeit zwölfmal größer ist.

 

Im „Café Liebe“

„Was denkt der Liebende von der Liebe? Kurz gesagt, nichts,“ notiere ich mir in/auf meinen Notiz-Blog. Und füge noch hinzu: „Der dunkelste Platz ist immer unter der Lampe.“ Diese Merksätze skizzieren für mich meine tiefverwurzelte Überzeugung, dass Fantasien im „Café Liebe“ nicht schamlos ausgelebt werden, sie müssten zerplatzen wie Seifenblasen…

Fantasien erleuchten vielmehr alle Winkel meines Daseins. Nein, das Leben im „Café Liebe“ macht keine Anstalten sich wichtig zu nehmen. Es ist nicht mehr als das Löffelchen, mit dem ich verträumt meinen geliebten Espresso umrühre, während ich gleichzeitig meine Gedanken von der Leine lasse. Sie tollen herum, mit neugierig kindlicher Fröhlichkeit. Nicht auf Befriedigung bin ich aus, sondern vielmehr auf der Suche nach Vorstellungen einer mich bezaubernden Welt. Der wahre Ursprung der Welt ist kein skandalträchtiges Bild à la Gustave Courbet, ein Bild, bei dem Skeptiker gerne die Frage in den Raum stellen: „Besitzt der Akt auf dem Gemälde überhaupt einen Kopf?“ Ehrlich jetzt? So treten Sie an ein Kunstwerk heran? Formal-analytisch. Im „Café Liebe“ mach` ich mir über so etwas wahrlich keinen Kopf. Der Ursprung meiner Welt liegt für mich nämlich vielmehr in all jenen Cafés verborgen, deren Eingangstüren allesamt als Fluchttüren funktionieren und hinter denen ich mich vor der Welt der Skeptiker in Sicherheit bringen kann.

Sich selbst verspotten kann nur ein ernstes Bild

Das Volk stand bloß da und sah stumm auf das Bild. „Mich dürstet“, dachte dies bei sich. Die Oberen verspotteten das Bild. Es verspotteten ihn auch die Feldgrauen, und traten herzu. Sie gaben ihm Wein zu trinken, mit schwarzer Tusche vermischt; ein Gefäß mit weißem Lack stand da. Sie steckten einen breiten Pinsel in den Lack und hielten ihn wie eine Lanze an seinen Mund. Nachdem das Bild von dem Lack gekostet hatte, und die Feldgrauen das Kreuz gesetzt, warfen sie das Los…

Das Bild wies eine „Seitenwunde“ auf, eine „durchbohrte“ Stelle, als Symbol für die Tatsache, daß von dem Bild jene lebendigen Ströme ausgingen, durch welche die Menschen erquickt würden und lebten. Und so sprach das Bild: „Es ist vollbracht!…“ Es neigte sein Haupt … und betete zur Nacht, hab acht! Halb neun! Halb zehn! Halb elf! Halb zwölf! Zwölf! So betete das Bild zur Nacht,  habt acht!

Mehrdeutiges Konterfei

„Mein Konterfei erinnert mich an den Duft einer Farbe; es ist wankelmütig, mehrdeutig wie ein Traum. Was es mit mir macht, will es stumm herausschreien… sein innerer Gesang, entlang an orangefarbenen Rinsalen und vielgestaltigen Formen von gräulichschwarzen aufgedunsenen Stalagmiten wie auch rötlich verzauberten Stalaktiten, er formt (m)einen Körper…“ so könnte eine Übersetzung meines Bildes in Sprache lauten.

Denn was bin ich anderes als ein Übersetzer, wenn ich etwas zu und über meine Bilder sagen will? Ein Übersetzer, der sich durchaus inmitten der eigenen Sprache fremd fühlen kann. Denn jedes Bild ist Teil (m)einer anderen und der ewig fremden Sprache. Dieses Fremde muß ich versuchen mir sprachlich ständig neu anzueignen, um es, wie hier zum Beispiel, auf dem Blog überhaupt weitergeben zu können…

Das Liebesbrief-Theorem

Der Ausdruck Theorem (von theṓrēma ‚Angeschautes, Untersuchung‘), ist mehrdeutig. Er bezeichnet allgemein einen Lehrsatz, eine Lehrmeinung oder den Bestandteil einer wissenschaftlichen Theorie; spezieller „die erklärten Sätze (Aussagen, Normen) eines Systems“ bzw. die in einer Theorie bewiesene Aussage respektive einen bewiesenen Satz. Aber das wissen wir ja längst alles!

Weniger bekannt ist die famose Erklärung meines Professors Gerd Aretz, wie & wann genau „freie Grafik“ entsteht oder schlicht zu verstehen ist. Man müsse sich, so Prof. Gerd Aretz, nur einen zwanzigseitigen Liebesbrief vorstellen. Die ersten Seiten wären noch akkurat, sauber, ordentlich, aber spätestens ab Seite 9 oder 10, wenn dazu noch ein oder zwei Gläschen Alkohol ins Spiel kämen, würden die Formulierungen kühner, Worte würden keck korrigiert, ganze Sätze mit Schmiss brutal durchgestrichen, gedankentrunkene Kommentare in unterschiedlichesten Farben am Seitenrand (oder sonst wo) verwegen untergebracht… So sieht es aus: genau an dieser Schwelle beträten wir Verfasser von Liebesbriefen den Ort der „freien Grafik“, würden durch einen Spiegel schreiten und unsere Briefe in Kunst verwandeln. Exakt. „I’m gonna sit right down and write myself a letter  / And make believe it came from you“ lautet von je das Credo aller Kunstschaffenden. 

Entsetzter Liebesbrief

Mein hitziger Liebesbrief, den ich verfasst hatte, ohne es eigentlich bewußt wahrgenommen zu haben, er endete – und daran erinnere ich mich sehr genau – mit den Sätzen: Philosophen wollen zu der Erkenntnis gelangt sein, dass Sex eine Verzerrung in Zeit und Raum ist, eine Tätigkeit, die sogar asexuell sein kann. Herrje! Wenn dem tatsächlich so seien sollte, warum findet man solch einen Spruch dann nie in einem Glückskeks?