…wo sie eins gewesen waren

… bevor sie auseinandergespalten wurden? Heißt?: Bildende Kunst ist von jeher ein Ritual gewesen. Eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung. Wie könnte ich sonst auf die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux schauen? 17.000 und 15.000 v. Chr. wurden die Felzzeichnungen dort hinterlassen. Der erste der Ersten malte dort seine Wildpferde und Auerochsen. Aber nicht, um sie auszustellen. Oder glauben wir wirklich, er hätte zuvor 50 € für eine Anmeldungsgebühr bezahlt, um an einer Ausstellung teilnehmen zu dürfen? Nein, er malte, weil es dafür ein Bedürfnis gab. Vernissagebesucher waren im Programm nicht vorgesehen. Niemand stöckelte vor den steinzeitlichen Wandzeichnungen umher. Niemand richtete sich den Pelzschal seiner Steinzeit-Kultur, nahm einen Schluck Brackwasser und begutachtete die Wandzeichnungen. 

Diejenigen, die nach meinem Tod durch mein Atelier schlürfen, werden niemals sofort sehen oder verstehen können, was mich zu meinen Bilder getrieben hat. Ich habe keine Stiere auf einer Felswand hinterlassen. Gleichwohl vereinfacht mir mein künstlerisches Ritual die Bewältigung komplexer Lebenssituationen wie Trauer und Angst, wie Einsamkeit oder Flucht vor der Heuchelei des Kapitalismus. Wir Menschen haben unsere Urhöhlen inzwischen verlassen, manche von uns witterten da draußen ein echtes Geschäft für Fels- oder Kreidezeichnungen. Deshalb überschwemmen uninspirierte Possenreißer inzwischen die Szene. Marktschreierei ist eine olympische Disziplin geworden. Ich aber halte an meinen Bildern fest, begleite es mit Wortformeln. So versuche ich immer noch aus meinem emotionalen Höhlen-Labyrinth herauszufinden. Oder wenigstens mich selber im Jetzt zurecht zu finden. 

Im Dunkel einer Höhle, im Verborgenen liegt die Quelle zur Kunst. Früher bewachte der Minotaurus den Zugang zu dieser Quelle. Das Mischwesen hauste in unser aller Seelen-Labyrinth…

Das Bild, das mich träumt.

Künstler müssen auch Dichter sein. Das war mir immer schon bewußt. Es wird mir immer klarer. WortBild = BildWort, Mut zur Originalität, Originalität als Alleinstellungsmerkmal. Eine autonome Originalität, der die Kunst sich verpflichtet fühlen sollte, intuitiv, nicht so sehr einer Logik folgend oder einer Grammatik. Die Kunst, die mir vorschwebt, sie erzählt eine Geschichte ohne Ende oder einen präzisen Anfang. Wo genau würde meine Kunst denn beginnen? In welchem Alter? Bei welcher Gelegenheit? Nur rückblickend kann ich evtl. einen Anfang be-nennen. Wie bei einer Taufe. Am nächsten Tag sehe ich das vielleicht schon wieder anders. Die Räume haben sich verschoben, die Zeit ist, so scheint es mir, eine andere geworden. Ich bin ebenfalls ein Anderer geworden. Auch dadurch, dass ich einen Blick zurück wagte und somit ein Zucken meiner Zukunft wahrnehmen konnte. Ein Zucken, so immens kurz, dass ich gewillt bin anzunehmen, dass es gar nicht wirklich stattfand. Doch der Künstler in mir verlängert dieses unglaubliche Zucken. Es führt dann meine Hand, ich setze so den ersten Strich auf einer Leinwand. So betrachtet dauert es Jahrzehnte, es dauert auf diese Weise (m)ein ganzes Leben, bis das Bild, das mich träumt, vollendet ist.

Meine Kunst, meine autonome Kunst

All meine Kunst… in ihrer Autonomie… und versteckt in meinem Atelier. Ein Kunstwort fällt mir dazu ein: „Autonymität“, meine Verbindung von „Autonom“ und „Anonymität“… one secret marriage… ich bin Bräutigam und Braut in einer Person. Ich vermähle mich und nehme mir selber die Beichte ab. Das ist meine Kunst, meine autonome Kunst.

Ohne Zweifel…

Ich mag, wie die Kunst sich bewegt, wie sie spricht. Ich mag ihre Sprunghaftigkeit, das Geheimnisvolle an ihr. In ihr erkenne ich einen anbrandenden Ozean, der sämtliche Lehrtafeln in einem Museum mit sich reißt. In den Armen der Kunst fühle ich mich geborgen. Kunst ist mir ein Schutzraum geworden. Und doch…

Die Kunst soll neu gezüchtet werden, von der Geschichte isoliert werden, so fordern Scheinheilige. Die Kunst soll gesellschaftlichen Bedürfnissen angepasst werden. Sie soll zahm sein, nützlich, sie soll Erträge bringen.

Ich mag die Kunst, so wie sie ist: Sie hockt in einer Glasmurmel / Zwischen Sternen / Und Blumen / Mal ist sie HIGH / Mal ist sie LOW / Mal ist sie alt / Dann wird sie jünger / Mit jedem Jahr / Das ihr noch bleibt

Die Kunst, die mir etwas sagt, sie gleicht all meinen Erinnerungen, die meine Hoffnung nähren. Sie ist weit weg von einer Realität, die selbstherrlich zwischen Oben und Unten zu unterscheiden versteht. Sie bewegt sich weit weg von einer Realität, die an Kausalitäten festhält, wie an einem abgegriffenen Rosenkranz. Solch eine Kunst ist für mich zauberhaft wertlos. Und dadurch kostbar. Unbezahlbar. In dem Augenblick, in dem ihr irgendwer, aus Lust und Laune heraus, einen immens großen Preis zugesteht, wird sie völlig sinnlos.

Und vergeht.