Über die Neigung die Realität neu zu gestalten

Unsere Kunstauffassungen haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Damit sind, in meinen Augen, allerdings nur die unterschiedlichen Einfassungen der jeweiligen Spiegel gemeint, durch den die Betrachter ins Wunderland der Kunst oder der Träume zu treten vermögen. Es gibt Barockrahmen, Jugendstilrahmen, Spiegel mit Rahmen im Art Deco Stil oder Kinderzimmer-Spiegel von Edelstahl umrankt in Form eines Kaninchens. Manchmal erscheint uns ein Spiegel blind, wenn er längere Zeit zu starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Oder der normale Alterungsprozess kann zu solch blinden Stellen führen.

Aber der Spiegel bleibt immer das Nichts als Widerstand für Alles. Er bleibt die Demarkationslinie zwischen angenommener Wirklichkeit und wirklicher Angenommenheit. Wir lassen den Makel der Abbildung hinter uns, wenn wir durch ihn hindurch auf eine andere Seite treten. Wer jedoch mit analytischen Blick am erdenschweren Material festhält, an Öl auf Leinwand, an Acryl auf Pappen, der wird nie eine Welt betreten, in der Bienen in einem Löwenskelett ihren Bienenstock errichtet haben. Derjenige, welcher den Honig in dieser Welt mit der bloßen Hand begreift, beginnt mit den Augen eines Künstlers zu sehen.

Damals / Heute / Wer ist der Ärmste

»Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer. Der Reiche versetzte: »Lümmel, was gäb ich darum, wär ich so hungrig, als Er!« So schrieb einst der Dramatiker und Lyriker Heinrich von Kleist über das Künstlertum.

Und dieser Text soll antiquiert sein? Als ich vor einiger Zeit bei einer Millionärsgattin zu Gast war, um ihr meine Werke präsentieren zu dürfen, hatte diese es so wunderbar im Geiste von Kleist formuliert, als sie mir erklärte: „Du bist ja auch nur so einer, der darauf wartet, dass Brotkrümel von meinem Tisch fallen.“ Wie gut, dass ich so oft eine Kappe oder (noch besser) einen Hut trage, da darf jeder mal was reinwerfen.

Schwarzfilm (Repríse)

Eigentlich war ich ganz fest entschlossen, kein Bild mehr zur aktuellen Corona-Pandemie zu schaffen. Aber meine Beschäftigung mit Texten des Dramatikers Heiner Müller lässt mich heute (noch einmal) eine kleine Ausnahme machen. Aufmerksam und nachdenklich lese ich seine folgenden Zeilen, die fürchterlich aktuell klingen: „Andererseits ist durch nichts erwiesen, dass der Mensch auf der Erde das herrschende Lebewesen ist. Vielleicht sind es ja die Viren, und wir sind nur Material, eine Art Kneipe für die Viren. Der Mensch als Kneipe…

– auch das ist nur eine Frage der Optik.“

(Heiner Müller; aus: Da trinke ich lieber Benzin zum Frühstück (1989))

Schwarzfilm

Es gibt keine Pause im Bilderfluss.

Also wäre es gut, damit man die Bilder überhaupt wieder sieht, daß sie ab und zu durch Schwarzfilm unterbrochen werden, wo man also nichts sieht.

Und die Funktion von heutiger Kunst wäre die, diesen Bilderfluss – aber das sind ja inzwischen alles Klischees – mit einer Störung der Sehgewohnheit zu unterbrechen.

( Zitat: Heiner Müller; aus: Fünf Minuten Schwarzfilm (1988) )

Die Liebe zum autonomen Spiegelbild

Mein eigenes Spiegelbild ist längst so autonom geworden, wie ich es seit Jahren in meiner Kunst schon bin. Da verwundert es mich auch nicht, wenn es mir aus reiner Lust oder künstlerischer Überzeugung ab und an ein Bild präsentiert, dass mir nicht bis aufs Haar gleicht, aber zugleich meine Seele widerspiegelt. Das muss Liebe sein.

 

Stiller Reichtum…

„Unter andern öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die ich nicht nennen, der ich aber auch andrerseits keinen erdichteten Namen beilegen möchte, befand sich ein…, wie es wohl die meisten Städte, ob groß oder klein, besitzen, nämlich ein Wohnraum (von lieben Freunden); und in diesem wurde jüngst Kunst hineingeboren, der Name von diesem Bild lautet: Stiller Reichtum einer imaginären Landschaft.“

(…frei zitiert aus „Oliver Twist“. Von Charles Dickens)

Camass (als ein Barde)

Liebste, wenn Du wissen willst, warum ich Dir Tag für Tag meine Bilder zu Füßen lege, dann lass Dir sagen: Gen Himmel schauend greift, im Volksgedränge, der Barde (und das bin ich) fromm in seine Saiten ein. Jetzt trösten, jetzt verletzen seine Klänge (denk nur an die abenteuerlichen Galerieabende und seine Gespräche), und solcher Antwort kann er sich nicht freun.

Doch eine denkt er in dem Kreis der Menge, der die Gefühle seiner Brust sich weihn (und das bist Du): sie hält den Preis in den Händen, der ihm falle, und krönt ihn die, so krönen sie ihn alle. Du fragst Dich, ob das von mir ist. Aber natürlich. Nur kann es sein, dass Heinrich von Kleist das schon einmal vor mir gesagt hat.

Seelen tanzen entkleidet

Meine Bilder erscheinen mir freudenreich, lichtreich, schmerzhaft, manchmal auch geradezu obszön, aber immer unglaublich trostreich. Als wären sie Perlen an meinem ganz persönlichen Rosenkranz. Oft beginne ich meinen täglichen Rosenkranz (oder Rosentanz) in meinem Atelier mit Rezitationen von Texten der beiden grandiosen Heimatdichter Sodom und Gomorra. Beide, Eva-Maria Sodom und Lars-Friedrich Gomorra, sind in den Zeiten unseres bigotten Wertefundamentalismus leider und zu Unrecht in Vergessenheit geraden.

Die beiden Seelen tanzen entkleidet zusammen und wie Nichtstuer am Randgeschehen eines Rummels. So hätte Lawrence Ferlinghetti die beiden Dichter beschrieben. Weil Ferlinghetti gestern verstarb, er wurde sagenhafte 101 Jahre alt, übernehme ich die Lobhudelei für Sodom und Gomorra. Das alltägliches kleine Glück fanden die beiden beim Schwimmen in Flüssen und bei wilder Liebe. Wir sollten es ihnen gleichtun. Und tagtäglich ein neues Bild ins Poesiealbum des Lebens schreiben oder malen.