Die Schöne und das Biest

„In der Kindheit glaubt man, was erzählt wird, und zweifelt nichts an. Man glaubt, dass wenn man eine Rose pflückt, der Familie ein Unglück widerfährt. Man glaubt, dass die Hände einer Bestie anfangen zu dampfen, sobald sie jemanden tötet, und dass sich die Bestie dafür schämt, wenn ein junges Mädchen in ihrem Hause wohnt. Man glaubt noch tausend andere naive Sachen. Ein wenig von dieser Naivität erbitte ich mir jetzt von ihnen, und sage – um uns allen Glück zu bringen – die drei magischen Worte. Das wahre „Sesam öffne dich“ unserer Kindheit: Es war einmal … “ ( *)  Die traurige Wahrheit ist jedoch: Krankenschwestern und Pfleger fühlen sich schon seit Wochen wie in einem Krieg, in dem sie mit „Wasserpistolen“ kämpfen müssen: schutzlos einem Feind namens Corona ausgeliefert und mit schweren Verlusten in den eigenen Reihen; viele fühlen sich wie Kamikaze-Kämpfer, müssen zum Teil mit einfachen OP-Masken arbeiten. Es fehlt an Schutzkleidung und Desinfektion. Eine Krankenschwester schreit: „Ihr könnt euch euer Geklatsche sonst wohin stecken. Wir sind keine Helden. Wir sind die Idioten der Nation!“ … Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute (oder: Und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende).

*Jean Cocteaus Vorwort zum Film „La Belle et la Bête“ (die Schöne und das Biest).

Grauen, Grausen oder Gruseln?

Grauen, Grausen oder Gruseln sind Ausdrucksweisen der gehobenen Umgangssprache für ein gesteigertes Gefühl der Angst oder des Entsetzens. Dieses ist meist mit der Wahrnehmung von etwas Unheimlichem, Ekligem oder Übernatürlichem verknüpft. Wie dem Junk-Food. Minderwertigem Essen, das ungesund ist, weil es zu viel Fett, Zucker und Salz enthält, wie z.B. Pommes, Burger, Chips, Würste oder Schokoriegel. Ich frage mich jetzt aber ernsthaft, was dieses Corona-Virus dann bloss an uns findet?

Das Gebet

Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen, / Und Träume schlagen so die Augen auf, / Wie kleine Kinder unter Kirchenbäumen, / Aus deren Krone den bassgoldnen Lauf / Der Vollmond anhebt durch die große Nacht. / Nichts anders tauchen unsre Träume auf. / Sind da und leben, wie ein Kind das lacht, / Nicht minder gross im Auf- und Niederschweben / Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht. / Das Innerste ist offen ihrem Weben, / Wie Geisterhände im versperrten Raum / Sind sie in uns und haben immer Leben. / Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum. (Hugo von Hofmannsthal)

„Das dünkt mich seltsam“

Corona führt nicht nur zu einer Atemwegserkrankung mit Symptomen wie Husten und Fieber. In schwereren Fällen kann es sogar zu schweren Atembeschwerden kommen. Aber Corona infiziert auch meine Träume: Langsam, in leisen Selbstgesprächen voll lüstern−listigen Bildern kommen die Corona-Träume in einer ewigen Gedanken-Möbiusschleife daher. Sie sind nicht orientierbar; ich kann nicht zwischen unten und oben, nicht zwischen innen und außen unterscheiden. Einmal fügen sie mich zusammen, einmal nehmen sie mir den Kopf. „Es läuft der Frühlingswind / Durch kahle Alleen, / Seltsame Dinge sind / In seinem Wehn. / Durch die glatten / Kahlen Alleen / Treibt sein Wehn / Blasse Schatten. / Er schüttelte nieder / Akazienblüten / Und kühlte die Glieder, / Die atmend glühten.“ (Hugo von Hofmannsthal)

Im Totalzusammenbruch der Ordnung bildet sich lustvolle, erotische Anarchie*

Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten? Ach, nein, ich träume… und im Traum wird mir klar, wie wir alle Corona besiegen könnten. Ich stelle mir Corona schlicht und einfach wie eine Orange vor, gespickt mit Gewürznelken. Der Virus sieht dann aus wie ein alter schwedischer Weihnachtsbrauch. Es werden immer 24 Nelken in eine (Virus-)Orange gesteckt. Pro Tag entfernt man eine Nelke bis schließlich an Heiligabend die letzte Nelke gezogen wird. Und dann sind wir alle wieder gesund. Gleichzeitig verströmen die präparierten Orangen so einen taumelnd-berauschenden Duft, den viele von uns sicherlich mit der Weihnachtszeit verbinden. Das wäre doch herrlich. (…) Und der erotische Akt? Was hat der mit der Bekämpfung der Krise zu tun? Ach, der?! Der stellt hier nicht weniger als ein wunderbares Zeichen meiner lustvollen Anarchie dar.

(*Matthias Horx)

In der Nachricht entferne ich mich von meinem Alltag, um von Ferne zu ihm zurückzukehren.

Da, zwei Königskinder!… & alle Menschen gehen ihre Wege (in meinem letzten Traum). / Und süße Früchte werden aus den herben / und fallen nachts wie tote Vögel nieder / und liegen wenig Tage und verderben. / Und immer weht der Wind, und immer wieder / vernehmen wir und reden viele Worte / und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder. / Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen? / Was frommt das alles uns und diese Spiele, / die wir doch groß und ewig einsam sind / und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? / Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben? / Und dennoch sagt der viel, der (in meinem Fall) „LIEBE“ sagt, / ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt / wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

Im Hier und Jetzt – Ein Intermezzo zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Zeitreisen, das habe ich in letzter Zeit durch das Studium einschlägiger Literatur zu diesem Thema erfahren, seien logisch durchaus möglich. Wohlgemerkt: Zeitreisen können logisch, das heißt ohne inneren logischen Widerspruch, argumentiert werden. Was aber nicht heißt, dass sie auch einen Sinn ergäben. Kritiker meinen sogar vehement, dass Zeitreisen überhaupt keinen Sinn machen würden.

Warum sollte ich denn sterben wollen in einer Zeit, die vor meiner Geburt liegt? Gutes Argument. Selbst wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte, z.B. in die vor-Corona-Zeit, so ist doch „alles bereits passiert“. Und somit könnte ich die Corona-Gegenwart, die uns jetzt gefangen hält, überhaupt nicht abändern. Logisch(?!). Bleibe ich also hier sitzen. Und träume mich allenfalls zurück… zu „vergangenen=gegenwärtigen“ Bildern.

 

Die Zungen kreuzen.

Wie die Leute, die sich intensiv mit sich selbst befassen, bin ich ein Mensch des Monologs. Eine Tatsache, die ich durchaus erkenne, für die ich aber eine Erklärung habe: Die Leute um mich herum, sie sagen zur Zeit niemals etwas. Anscheinend will man nur hören, was ich zu sagen habe. Deshalb bin ich es auch, der hier redet und redet und redet und…  O ja, ich weiß, was mir in dieser Corona-Zeit so sehr fehlt. Es ist das Zungenkreuzen! Nicht etwa das weltweite Säbelrasseln… o nein… ich vermisse das Zungenkreuzen. Das Austauschen von Wörtern, von Sprache. Die Wörter, die ich benutze, sie bedeuten schließlich immer mehr als ich meine, wenn ich sie benutze. Zum Beispiel das Wort „Tröpfcheninfektion“.

Ein Wort, dass man nicht aufsaugen sollte oder schlürfen wie ein Getränk, nicht einatmen(!) wie den Duft einer Blume. Sprechen, so sagt man, führt zu einer ganz besonderen Form des Verlustes. Über etwas sprechen bedeutet zugleich, dass man das Objekt verschwinden lässt. Okay?! Gut! Wir reden und reden zur Zeit ja permanent über Corona… aber ist es verschwunden? Na, bitte! Nun, ich rede hier bewusst nur über das Zungenkreuzen. Und das ist zur Zeit tatsächlich verschwunden. Ein absolutes Verbrechen finde ich das! Einfach bekloppt. Als ob das Schreiben meines Blogs ein Verbrechen darstellt, das mit der Zunge begangen wird… das ist doch völlig irre…  aber, was soll es, so leide ich nun also stumm vor mich hin. Tag für Tag.

 

Rede, denn dein Knecht hört.

Alle Tradition ist wie eine Laterne. Die Dummen halten sich daran fest, den Klugen weist sie ihren Weg, schreibt George Bernhard Shaw. Aber der Weg des Menschen ist bekanntlich lang. Vor allem bis zu seiner Selbstfindung. Oder der Begegnung mit seinem Gott. „Es kann nicht richtig sein,“ meinte Eugen Drewermann einst, „den Menschen Angst zu machen vor einem strafenden Gott. Erst Recht nicht, um ihren Geldbeutel zu leeren.“ Der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann meinte seinerzeit den Handel mit Ablassbriefen. Heute würde er wohl den Handel mit Atemmasken und Desinfektionsmitteln anprangern. Denn immer mehr Kriminelle nutzen die Angst vor dem Corona-Virus schamlos für ihre Machenschaften aus. Aber keine Bange: Können sie schon den Menschen entlaufen, so haben sie doch keine Flügel um Gott zu entfliehen.(Shakespeare)

P.S.: Es ist wahrlich unglaublich, wie mein kulturelles Gedächtnis in Form von „Fight Club“, George Bernhard Shaw, Eugen Drewermann, William Shakespeare und last but not least Gott funktioniert. Soapoperas, Superhelden-Comics, Rock- & Popmusik, alles vereint sich zum gemeinsamen „Willen zum Welt-Bauen“ (Georg Seeßlen). Oder schlicht: um mein Corona-Tagebuch zu führen. Sagte ich „schlicht“? „Was bin ich doch heute wieder für ein Schelm!“ (Heinz Erhardt)