Edel sei der Mensch. Und seine Kunst „divers“.

War das ein Fluch, war das ein Flüstern? Zweimal geboren. Entblösst, verwandelt. Wie Teiresias war ich erst das eine und dann das andere.

Bitte, singe jetzt, o Muse, die Geschichte über die Tücken der Wahrheit: längst wissen wir, dass ich auf einem Berg zwei Schlangen erblickte, die gerade damit beschäftigt waren, sich fortzupflanzen. Ich war ganz allein, dort auf dem Berg Kyllene, der von einer einzelnen Eiche gekrönt wurde. Mein Versteck lag so hoch, dass ich weit unten neunzehn kleinere Gemeinden mit dem bloßen Auge sehen konnte, und vielleicht dreißig oder vierzig, wenn das Wetter schön war…(…) Nachdem ich die Schlangen (aus einem mir nicht mehr nachvollziehbaren, plausiblem Grund) verletzt hatte, wurde ich in eine Frau verwandelt. Später sah ich die beiden Schlangen erneut und wurde wieder zu einem Mann. Eine alte Überlieferung besagte, dass eine Königin mich einst küsste, aber ich selber weiß das nicht mehr mit Sicherheit zu sagen. Die Königin, so hieß es, vergaß mich jedoch nie. Die ganze Fruchtbarkeit eines Sommerabends war um meinen Körper gewebt. So fing meine besondere Reise an. Meine Beine, die Hände, meine Haltung waren die eines Jünglings, aber kein Jüngling hatte einen Mund wie meinen, kein Jüngling hatte diese Brüste, kein Jüngling hatte diese Augen, die aussahen, als seien sie vom Grund des Meeres gefischt… Wenn Menschen mit solch offenen Augen hinsehen, werden sie möglicherweise das Leben anders sehen. Denn der große Koitus mit der himmlischen Atmosphäre wird durch die Laufbahn der Erde um die Sonne bestimmt. So klang mein Flüstern.

(Textcollage: Die Rezeption des Teiresias, „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides, „Orlando“ von Virginia Woolf, Zitate von George Bataille.)

Schmerzensschrei des Bewusstseins

„Ich schreibe dir einen Brief damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche“. So lautet ein Gedichttitel von Zdena Holubova, den ich mir wie eine geweihte Hostie zwischen meine Lippen schiebe. Erregt dichte ich den Titel um in „Ich male Bilder, schaffe meine Kunst, damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche.“ Eine feierlich selige Gänsehaut ziert daraufhin sofort meinen ganzen Körper. „Der Fäulniszustand meiner Träume“ (Jindrich Styrsky), Äpfel in einer Schublade unter meiner Zunge. „Der Eiter der Poesie“ (Karel Sebek), Salz auf der nackten Haut unter einem Porzellanhimmel. „Das Firmament schläft, und irgendwo hinter dem Gebüsch wartet eine Frau auf dich, die aus rohem Fleisch modelliert ist. Wirst du sie mit Eis füttern?“ (…noch einmal Jindrich Styrsky). Ich reiche ihr das Eis auf meiner prallen Eichelspitze. Und ich singe dabei „ein Lied in der wahnsinnigen Tonleiter der Sterne“ (Vladimir Reisel). Auf das „man sieht, wie ich Aufstellung nehme für die Nacht die Wache der Verwandlungen der Bilder und Gleichnisse; oder wie ich arbeite und um mich herum die Hände bewege so nur deshalb weil ich hier dort und anderswo bin in alledem (Vratislav Effenberger). Genau so.

Legende

Eine Legende ist u.a. eine kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder auch das Martyrium von Heiligen…

In meinem Fall bedeutet das…

Studiere die Vergangenheit, um die Zukunft zu erkennen*

Studiere die Vergangenheit, um die Zukunft zu erkennen*… so werden aus kiesel faustgrosse steine: konglomerate aus kristallen reiskügelchen und stäuben die um eine blaue sonne kreisen… ( *Meister Lie. Und Raoul Schrott; „ERSTE ERDE EPOS“) … eine blaue Vergangenheit… meine Vergangenheit, eine Landschaft aus Bildern unter einem unendlichen Nebenhimmel.

Nebenhimmel * Kosmogonie * Versuch an einem lebenden Tierherzen

Oja, mein Nebenhimmel ist gespickt mit Zitaten. Oft fällt mir aber leider gar nicht mehr ein, wer dieses oder jenes Bonmot sagte. War es Albert Einstein, Niklas Luhmann oder vielleicht Marie Luise Kaschnitz? Oje… all diese Intellektuellen. Ein leibhaftiger Verstoß gegen die Demokratie, denn torpedieren sie nicht durch ihre immense Bildung den Gleichheitsgedanken unserer Demokratie? Das wär ja blöd, dumm gelaufen. Stimmt; alle Menschen sind gleich. Bestimmte entwickeln sich weiter, werden zu einem Bergmassiv der Ästhetik, an dem viele von uns abzustürzen drohen. Oder sich die Zähne ausbeißen.

Wer Grips hat, verliert auch schonmal den Verstand. Aber das Risiko gehe ich allzu gerne ein, wenn ich mich auf meinen Weg mache…

 

Kalendersprüche / Weisheiten für jeden Tag des Jahres

Tagebücher (wie dieser Blog) archivieren mir die Last/Lust der Vergangenheit, die sich schamlos mit der eigenen Gegenwart einlässt. Mein Ich beschreibt, wie es in Position geht. Ein späteres Ich stellt dann fest, wie falsch oder richtig es ist/war, positioniert sich selber neu und so fort… Eigene Texte verschwimmen im Dunkeln. Jedes Ich schreibt sich blind. Vom Anfang bis Ende kuscheln sich Bilder unter meinen Lidern, die ohnmächtig an einer Wand herunterrutschen, wie zähflüssiger Honig. Meine Zunge rudert durch die Worte, die meine Finger choreografieren, so als wären es Bälle, Keulen, Bänder, die ich zur Hand nehme, um anzugeben vor mir selbst. Ich gehe von Schweigen zu Schweigen. Und schubse mich weiter von Wort zu Wort. Satzniederschläge lassen schnell den Keller voll laufen, der all meine Bilder beinhaltet. In Gläsern regaleweit eingemacht für dürre Zeiten.

Kunst=Reflexionen

…will sagen …“Sun sun sun / Burn burn burn / MOON, MOON, MOON / I will get you…“ denn was bedeutet mir Kunst anderes als solche schlaglichtartigen, fast irren Betrachtungen/Beschreibungen über die Bedingungen des Menschseins… „Some outlaws lived by the side of the lake / The minister’s daughter’s in love with the snake / Who lives in a well by the side of the road / Wake up, girl! We’re almost home / We should see the gates by mornin’ / We should be inside by evening / I am the lizard king / I can do anything*“… = KUNST

(* Jim Morrison)