Heilige Schriftzeichen

O ja, ich erinnere  mich: Die Bezeichnung „Hieroglyphen“ bedeutet soviel wie „heilige Schriftzeichen“, also KUNST. Zu voreilig denkt man, wenn über Hieroglyphen geredet wird, nur an das alte Ägypten. Ich dagegen sehe Hieroglyphen tagtäglich auf dem Boden, an den Wänden meines Ateliers. Wie groß der Anteil der eigentlichen Schriftkundigen an der Bevölkerung des alten Ägyptens war, ist bis dato unklar, es dürfte sich nur um wenige Prozent gehandelt haben. So verhält es sich heute auch noch, wenn wir auf wahre Künstler zu sprechen kommen. Auch deren Anteil ist im Verhältnis zur Besamtbevölkerung schätzungsweise sehr gering. Schriftkundige sind Künstler, sind einfach nur „Schreiber“…diese Bezeichnung, diese Gleichsetzung gefällt mir. Sie stehen synonym für ein Spiel, was ich als Kind spiele, um die Erwachsenen in mir aufzuwecken, indem ich über eine weiße Planke tanze…

Der eigene Abgrund

Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn?… Man muß wissen, was man will und daß man will. (Friedrich Nietzsche)

Der Schriftsteller Umberto Eco schreibt über seine Troubadour-Verse, dass sie reine Onanie seien. Weil die Angebetete, die darin besungen wird, bloß reine Phantasie wäre und rosige, nackte Haut in einem imaginären Harem. Wenn dem nicht so wäre, dann, so Eco weiter, hätte ein völliger Trottel die Verse geschrieben. Weil dieser Idiot hätte einer Frau aus Fleisch und Blut nur Gedichte schrieben. Und mehr nicht.

Geht denn mehr? Ich meine schon: Reine Phantasie und zugleich ein Bild aus Fleisch und Blut. Kunst ist immer Welle und auch Teilchen. Was sich widerspricht, hier existiert es.

 

Die Symmetrie der Träume

Das größte Organisationsprinzip in der Natur unterliegt der Symmetrie. Die geniale Physikerin Emmy Noether hat uns diese Poesie geschenkt: Wasser und und Gas besitzen die gleiche Symmetrie, doch durch das Abkühlen von Wasser unter den Gefrierpunkt bricht die Symmetrie.

Ergriffen, versunken, hingebungsvoll, an etwas denkend, eingedenk, andächtig forme ich meine Bilder zu Kristallträumen, jeder Traum mit seiner eigenen Symmetrie, und dann breche ich sie ein wenig… dank meiner Kunst, diesem geheimnisvollem Spielzeug.

…wo sie eins gewesen waren

… bevor sie auseinandergespalten wurden? Heißt?: Bildende Kunst ist von jeher ein Ritual gewesen. Eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung. Wie könnte ich sonst auf die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux schauen? 17.000 und 15.000 v. Chr. wurden die Felzzeichnungen dort hinterlassen. Der erste der Ersten malte dort seine Wildpferde und Auerochsen. Aber nicht, um sie auszustellen. Oder glauben wir wirklich, er hätte zuvor 50 € für eine Anmeldungsgebühr bezahlt, um an einer Ausstellung teilnehmen zu dürfen? Nein, er malte, weil es dafür ein Bedürfnis gab. Vernissagebesucher waren im Programm nicht vorgesehen. Niemand stöckelte vor den steinzeitlichen Wandzeichnungen umher. Niemand richtete sich den Pelzschal seiner Steinzeit-Kultur, nahm einen Schluck Brackwasser und begutachtete die Wandzeichnungen. 

Diejenigen, die nach meinem Tod durch mein Atelier schlürfen, werden niemals sofort sehen oder verstehen können, was mich zu meinen Bilder getrieben hat. Ich habe keine Stiere auf einer Felswand hinterlassen. Gleichwohl vereinfacht mir mein künstlerisches Ritual die Bewältigung komplexer Lebenssituationen wie Trauer und Angst, wie Einsamkeit oder Flucht vor der Heuchelei des Kapitalismus. Wir Menschen haben unsere Urhöhlen inzwischen verlassen, manche von uns witterten da draußen ein echtes Geschäft für Fels- oder Kreidezeichnungen. Deshalb überschwemmen uninspirierte Possenreißer inzwischen die Szene. Marktschreierei ist eine olympische Disziplin geworden. Ich aber halte an meinen Bildern fest, begleite es mit Wortformeln. So versuche ich immer noch aus meinem emotionalen Höhlen-Labyrinth herauszufinden. Oder wenigstens mich selber im Jetzt zurecht zu finden. 

Im Dunkel einer Höhle, im Verborgenen liegt die Quelle zur Kunst. Früher bewachte der Minotaurus den Zugang zu dieser Quelle. Das Mischwesen hauste in unser aller Seelen-Labyrinth…

Das Bild, das mich träumt.

Künstler müssen auch Dichter sein. Das war mir immer schon bewußt. Es wird mir immer klarer. WortBild = BildWort, Mut zur Originalität, Originalität als Alleinstellungsmerkmal. Eine autonome Originalität, der die Kunst sich verpflichtet fühlen sollte, intuitiv, nicht so sehr einer Logik folgend oder einer Grammatik. Die Kunst, die mir vorschwebt, sie erzählt eine Geschichte ohne Ende oder einen präzisen Anfang. Wo genau würde meine Kunst denn beginnen? In welchem Alter? Bei welcher Gelegenheit? Nur rückblickend kann ich evtl. einen Anfang be-nennen. Wie bei einer Taufe. Am nächsten Tag sehe ich das vielleicht schon wieder anders. Die Räume haben sich verschoben, die Zeit ist, so scheint es mir, eine andere geworden. Ich bin ebenfalls ein Anderer geworden. Auch dadurch, dass ich einen Blick zurück wagte und somit ein Zucken meiner Zukunft wahrnehmen konnte. Ein Zucken, so immens kurz, dass ich gewillt bin anzunehmen, dass es gar nicht wirklich stattfand. Doch der Künstler in mir verlängert dieses unglaubliche Zucken. Es führt dann meine Hand, ich setze so den ersten Strich auf einer Leinwand. So betrachtet dauert es Jahrzehnte, es dauert auf diese Weise (m)ein ganzes Leben, bis das Bild, das mich träumt, vollendet ist.