Nacht auf dem Monte Verità

In Deinem Atelier, so behauptet mein guter Freund Andy Dino Iussa, „malst Du (…) nicht das, was Du vom Leben erwartest, sondern das, was Du ihm zuschreibst. Das, was Du in ihm siehst und fühlst. Das sind keine Erwartungen, das sind Wahrheiten, die geleugnet werden. Wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden. Aber bei Dir, in Deinem Atelier, auf Deinem persönlichen Monte Verità, da oben, da könnte man ihnen ins Auge schauen. Jedoch, das wagt ja kaum jemand. Zu gewagt, zu überbordend, zu grenzüberschreitend und beängstigend sind diese Wahrheiten.“ *

*Andy Dino Iussa, seines Zeichens Theatermacher, Liebhaber von kräftigem Wein, katholischer Spurensucher und Geheimniskrämer.

Seelenskizze

Dieses Bild, herausgefischt aus einem lebhaften Traum, jener Verbindung zwischen kaleidoskopischen Empfindungen und ineinander gefügten Erinnerungen, vergleichbar wundersamen Seelen-Linien, die auf eine erleuchtete Fläche gestreut werden, mir selber zum Geschenk.

Ein Übermaß von Welt

Ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt?

O, die Antwort darauf ist kompliziert. Denn Du schaust in die Ferne. Und ich? Nun, ich poste eine weitere kleine Grafik. Hier. Jetzt. Was ist je zum Abschluss gelangt? Weißt Du, Du hast mir seit unzähligen Monaten, gar Jahren, nicht mehr geschrieben. Du hast Dich nicht mehr gerührt. Kein Lebens-Zeichen. Nur bodenloses Schweigen. Ich brachte Dir einst Blumen mit, Du bemerktest traurig: „Es ist alles ganz einfach.“ Dabei ist nichts ganz einfach mit einem Künstler. „Das ist bestimmt aufregend“, sagst Du in einem Gespräch. „Aber sicherlich ist das auch sehr anstrengend. Mit einem Künstler.“ Ja. Vielleicht. Genau. Und die Troubadoure singen weiter ihre Lieder. Sie singen und erzählen von unerhörten Geschichten. Das heißt: sie träumen von unerzählbaren Geschichten. Sie träumen von uns Liebenden.

Baby You’re a Rich Man

„Sind ihre Bilder etwas wert?“ fragte mich einmal ein potentieller Käufer. Als ich spaßeshalber das Lied zitierte „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ hatte mein Gast sofort jegliche Kauflust an meinen Bildern verloren. Von einer Sekunde zur anderen wechselte sein Gesicht von Neugier zu Mitleid. Nicht einmal mein Kaffee, den ich anbot, konnte den Menschen wieder erwärmen. Er suchte wohl etwas, was ich nicht bieten konnte.

Mein Atelier ist, ich schwöre, vollgestopft mit poetischen Entdeckungen für das Willkürliche, doch mein Gast war wohl eher auf der Suche nach Gewinnoptimierung. Er ließ den Kaffee kalt werden und mich nachdenklich zurück. Hätte ich auf die Eingangsfrage antworten sollen „Baby, you`re a rich man“? Aber damit hätte ich am Ende nur mich gemeint. Und ich wollte nicht zu viel von mir reden… ich male eh schon so viel.

Lieblingswahn

Kreative Energie wird dann frei, wenn die Welt auch wieder völlig anders gedacht werden darf. Das fällt mir ein, als ich das Bild zu meinen Füßen erblicke, so als sähe ich dieses Werk heute zum allerersten Mal…

Was mich beim Verfassen all meiner Blog-Einträge stets fasziniert hat, auf eine absonderliche Art und Weise, war und ist, dass ich mich hier stets gegen die Zeit bewege. Ich meine, sollte der erste Eintrag nicht vor dem zweiten stehen? Beginnt das Leben nicht mit der Geburt? So hatte man mir das einmal erklärt. Auf dem Blog hört oder liest man dagegen das Schlussgebet direkt am Anfang. Und dieses Gebet lautet: „Lebe jeden Tag als wäre er dein letzter“. Es müsste eigentlich umformuliert werden in: „Schreibe den Artikel auf dem Blog als wäre er dein letzter“. Das Jahr 2021 platziert sich in dieser Realität also vor dem Jahr 1963. Und der aktuellste Artikel kann deshalb nicht der Anfang, sondern muss das Ende sein. „The end of our elaborate plans / The end of ev’rything that stands / The end“. Aber ist es das wirklich? Der Physiker Brian Greene beschreibt in seinem Buch „Bis zum Ende der Zeit“ die Wissenschaft und die Kunst als die berühmten zwei Flügel der Kreativität. Vielleicht können wir uns mit diesem Flügelpaar in die Höhe schwingen und aus einer übergeordneten Perspektive auf die Wirklichkeit blicken und nur so ein vollständigeres Bild von ihr erhalten. „Your inside is out when your outside is in. Your outside is in when your inside is out.“ Jetzt habe ich schon The Doors erwähnt, Brian Greene und The Beatles, da fällt mir noch ein Zitat von Arno Schmidt ein. Vielleicht bringt dies ein wenig Licht in das Dunkel meiner Überlegungen; das Zitat lautet…

Vorhang auf

Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist…

…dann suche dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht.

William Shakespeare

Blick zurück nach vorn

„Den Boden, den wir nicht gehabt haben, schaffen wir uns selber. Mit Buchstaben und Wörtern“…

… als auch mit Zeichnungen, mit Bildern, füge ich hinzu…

… „die wir zu Geschichten verfugen, geben wir dem Ich einen Grund, machen das Nichts begehbar und steigen an Orte, wo kein Boden mehr nötig ist.“ So schreibt Christian Haller, Schweizer Dramaturg und Schriftsteller. Dem schließe ich mich gerne an. Winke noch einmal. Und schreite mit Lust und Freude hinüber ins nächste Jahr…

Veröffentlicht unter Kunst

Ich liebe alle dunklen Fragen, die die Wahrheit hinterm Auge tragen.

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende / (auch) voller Glück und Sonnenschein. / Ich leg‘ mein Herz in deine lieben Hände, / denn wo du bist, kann die Welt nicht schöner sein. / Vergessen sind heut‘ all meine Sorgen, alles Leid, …

… hab‘ Dank für die Stunden, / die ich bei dir gefunden, /… tja, dies besondere Jahr geht nun zu Ende… / Es winkt und spricht zu mir: „Es war einmal…“ (& gleichzeitig sind all seine Bilder wie ein Gedanke wieder da.)

„Das Leben floß. Doch ein Gebet / trat auf die Lippen mir: / O, Gott, schick einen, der dort geht, / schick einen doch zu mir! Ich kenn dich, Bild, ich war bei Dir einst einmal im Traum…

… ich kenn dich, Dein strahlender Blick drang tief ins Herz mir hinein / doch ich weiß, es war ein Traum, der hält nicht, was wir erhofft…

Da kam der Pharmazeut, / der führte mich zum Traualtar. / Wie das die Eltern freut! / Und doch weiß ich es, ich weiß, was geschieht / Du hältst mich im Arm, so wie Du’s getan / einmal im Traum. / Ich hofft´, mein Herz sollt´ endlich Ruhe haben. / Ich fand es nicht…

Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende.“