Mein Wohlgefallen

Junge Menschen altern links und rechts an mir vorbei. Gleichaltrige verurteilen mich und weisen mir allenfalls noch einen Platz an einem Katzentisch zu. „Nein“, sage ich. „Dahin kehre ich nicht zurück“. Ich werde nämlich garnicht, wie gerne behauptet wird, inzwischen von jedem x-beliebigen Achilles (oder wem auch immer) überholt. Mitnichten, ich werde nicht einmal eingeholt. Viel eher ist es so, dass man an mir förmlich vorbeirast, mit einem heiseren und gekeuchten „Too late, too late,“ auf den spröden Lippen. Für das menschliche Auge habe ich meine Bewegungen scheint´s so verlangsamt, dass ich unsichtbar für die Anderen geworden bin. Jedes Bild von mir erscheint deshalb nur regungslos zu sein. Nein, es dauert an…

Vielleicht ist es auch so, dass ich mich noch nicht entschieden habe, einer bestimmten Realität anzugehören. Und genau deshalb bin ich, wie meine Bilder, paradoxerweise an allen möglichen Orten vermutbar. Und das mit jedem Wimpernschlag. Für die meisten Menschen währt solch ein bloßer Augenblick bekanntlich nur eine sehr kurze Zeitspanne, dann ist alles wieder vorbei. Dabei dehnt jedes Bild von mir solch einen einzigen, kurzen Augenblick bis in alle Ewigkeit aus.

Fortsetzung

Ihr, die ihr behauptet, ich käme aus dem Maul eines Drachen gekrochen, ihr findet mich abstoßend? Meint ihr, ich könnte nur im Schlamm existieren? Um dort der Blasphemie zu frönen. Ja?! I`m the King, I can do anything. Einst zählte ich zu den geliebten Gottheiten, aber ihr stelltet mich als teuflischen Verführer hin, als einen Künstler. O, keine Sorge, ich werde das Spiel fortsetzen, werde durch jeden Spiegel schreiten und auferstehen, wann immer ich es will.

Die wunderschöne Witwe (oder: Zwischen-Göttinnen)

Ich wurde in eine Zeit hineingeboren, in der Kunst noch geholfen hatte, den großen Anderen kennen zu lernen und ich versuchen durfte ihn zu töten: in Bildern, Zeichnungen, Texten, Ritualen unterschiedlichster Art und Weise. Ich nahm mir selbst die Beichte ab, während ich eine Vivisektion an meiner Seele betrieb. Hatten meine Eltern noch geglaubt, ich würde eine Beamtenlaufbahn einschlagen, nun war es zu spät. Nur für mich allein stieg eine Venus aus ihrem Bett. Sie lächelte mich an in einem intimen Museumsmoment. Erregt pilgerte ich fortan zu ihr, ging vor ihr auf die Knie… betete vor ihrem Muschelgrund. Viele Male traf ich sie dann an ganz unterschiedlichen Orten wieder. Und verliebte mich Hals über Kopf in solche wahr- wie auch wahnhaftigen Unmöglichkeiten… das alles als einen wichtigen Teil meiner Analyse.

Zwischenspielzeit

Das Thalia Theater in Hamburg wirbt zur Zeit u.a. mit dem Slogan „Zusammenkunst“ für die kommende Spielzeit. Dieser Begriff gefiel mir, als ich vor Tagen in Hamburg war, auf Anhieb. Denn meine Kunst ist mir mehr denn je eine wahre Zusammenkunst. Bild, Text, Collage, Zeichnung, Heiliges und Profanes, all das fließt zusammen. Gehört zusammen. So etwas schlicht nur „Kunst“ nennen zu wollen, ist mir zu kurz gedacht. Meine Vision ist eher großes Theater.

Der Abgrund als Grund

… wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Doch mich ficht das nicht an. Der Schatten, der aus dem Abgrund zu mir hinaufschaut, er hat ein holdes Gesicht. Er winkt mir zu. Herauf oder hernieder? Ich bin nicht klug genug, um geschlossene oder offene Zeiten zu unterscheiden, die den Abgrund längst geflutet haben. Ich bin mir eine Märchenfigur, ein geschwätziger Narr aus einem Sumpf; einem Sumpf, der einen in Frosch und Kröte verwandelt, wenn man zu lange in ihm lebt. Doch bei mir ist das jetzt so: und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich auch heute.