Sich selbst verspotten kann nur ein ernstes Bild

Das Volk stand bloß da und sah stumm auf das Bild. „Mich dürstet“, dachte dies bei sich. Die Oberen verspotteten das Bild. Es verspotteten ihn auch die Feldgrauen, und traten herzu. Sie gaben ihm Wein zu trinken, mit schwarzer Tusche vermischt; ein Gefäß mit weißem Lack stand da. Sie steckten einen breiten Pinsel in den Lack und hielten ihn wie eine Lanze an seinen Mund. Nachdem das Bild von dem Lack gekostet hatte, und die Feldgrauen das Kreuz gesetzt, warfen sie das Los…

Das Bild wies eine „Seitenwunde“ auf, eine „durchbohrte“ Stelle, als Symbol für die Tatsache, daß von dem Bild jene lebendigen Ströme ausgingen, durch welche die Menschen erquickt würden und lebten. Und so sprach das Bild: „Es ist vollbracht!…“ Es neigte sein Haupt … und betete zur Nacht, hab acht! Halb neun! Halb zehn! Halb elf! Halb zwölf! Zwölf! So betete das Bild zur Nacht,  habt acht!

Das Liebesbrief-Theorem

Der Ausdruck Theorem (von theṓrēma ‚Angeschautes, Untersuchung‘), ist mehrdeutig. Er bezeichnet allgemein einen Lehrsatz, eine Lehrmeinung oder den Bestandteil einer wissenschaftlichen Theorie; spezieller „die erklärten Sätze (Aussagen, Normen) eines Systems“ bzw. die in einer Theorie bewiesene Aussage respektive einen bewiesenen Satz. Aber das wissen wir ja längst alles!

Weniger bekannt ist die famose Erklärung meines Professors Gerd Aretz, wie & wann genau „freie Grafik“ entsteht oder schlicht zu verstehen ist. Man müsse sich, so Prof. Gerd Aretz, nur einen zwanzigseitigen Liebesbrief vorstellen. Die ersten Seiten wären noch akkurat, sauber, ordentlich, aber spätestens ab Seite 9 oder 10, wenn dazu noch ein oder zwei Gläschen Alkohol ins Spiel kämen, würden die Formulierungen kühner, Worte würden keck korrigiert, ganze Sätze mit Schmiss brutal durchgestrichen, gedankentrunkene Kommentare in unterschiedlichesten Farben am Seitenrand (oder sonst wo) verwegen untergebracht… So sieht es aus: genau an dieser Schwelle beträten wir Verfasser von Liebesbriefen den Ort der „freien Grafik“, würden durch einen Spiegel schreiten und unsere Briefe in Kunst verwandeln. Exakt. „I’m gonna sit right down and write myself a letter  / And make believe it came from you“ lautet von je das Credo aller Kunstschaffenden. 

Sacrifice

Was genau „sagt“ mir das Bild? Während ich noch nach Fragen forsche, die ich an das Werk richten könnte, höre ich es schon zu mir sprechen: „Früher gab es die Liebe, oder ihre Möglichkeit; / Es gab Anekdoten, Abzweigungen und stille Momente / … / Aber das ist vorbei… / – / Wir leben heute in einer ganz neuen Ordnung, / Und die Verflechtung der Umstände umhüllt unsere Körper, / Umströmt unsere Körper / Mit einem Strahlenkranz der Freude / … / Jetzt, da das Licht um unseren Körper greifbar geworden ist, /… / Können wir uns / Heute / Zum erstenmal / Das Ende der alten Ordnung vergegenwärtigen.“ * 

(*Michel Houellebecq; aus: „Der Sinn des Kampfes“ und „Elementarteilchen“)

R.I.P. mein Freund

Lieber Freund, Du und Deine vielen Anregungen zu meiner Kunst, sie werden mir fehlen. Wo immer Du jetzt bist: Glocken erklingen, tausend Vöglein singen… singen für dich, Sonnyboy.

Das Liebessehnen

Die Begierde ist überall; im Stande der Verliebtheit aber wird sie zu jenem ganz eigentümlichen: Sehnen. (Roland Barthes)

Die Kunst kennt dieses Sehnen. Auch wenn sie sich draufstürzt… auf das, was sie liebt.

Es ist die Form, die „spricht“

Kunst ist immer die Ausnahme. Meine mich umschmeichelnde Zeit mag so mache unschuldige Blume zertreten…

Ich aber trete als Einzelner für die Dinge ein, an die ich glauben möchte. Nennt mich einen kauzigen Botanisten oder Blütensammler; ich huldige stets der Blume, von deren Blick ich plötzlich neu geboren…

Kritik der (un)reinen Vernunft

Trotz all meiner labyrinthischen Sprach-, Denk- und Kunstgebäude…

… trotz all der scheinbaren Gegensetzlichkeiten, die aber, das versichere ich hier aus ganz tiefgründigen, wie auch eigenwilligem Herzen, überaus notwendig sind…

… es gibt die Eine, „die (mich) wissen lernte, was das Leben meine“.

Durch tausend Spiegel muß ich sehen

Folgendes Bild zeichnet sich im Spiegel über mir ab: ich liege, den Kopf leicht erhöht, auf Kissen, sprich, auf einer weichen Couch gebettet. Wer auf einer Couch liegt, kann bekanntlich freier phantasieren und findet so leichter Zugang zu seinen Erinnerungen. So ist es: ich erinnere mich, dass der Schriftsteller G. K. Chesterton einmal schrieb, der Puritaner sei ein Mensch, der seine gerechte Entrüstung in die falschen Dinge fließen lässt… 

Kann aber Kunst überhaupt falsch sein?, frage ich mich. Wenn ja, dann wäre sie eine Lüge; aber eine Lüge, die uns am Ende die Wahrheit begreifen läßt… „Herr Künstler, Ihr habt ja so recht, aber wollen Sie recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht“, raunt mir der Spiegel von oben zu.