Aus der Krise in die Zukunft.

„Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte…“ philosophiert Viktor Hugo. Die selbstverordnete Quarantäne, aufgrund von dem Corona-Virus, sie setzt ihm mächtig zu. Und wenn er sich am Küchentisch so umsieht, denkt er erschreckt  ´Diese entzückende faule Banane hat schon beim letzten Pokerabend hier rumgelegen´, aber er mag es nicht aussprechen. Wenn das die Gegenwart seien sollte, möchte er die Zukunft sich erst gar nicht vorstellen wollen. “Noch irgendwelche letzten Worte?!“ grätscht der Glöckner von Notre Dame in Hugos Überlegungen. Mit ihm zusammen bewohnt er eine äußerst geräumige Wohnung in der Passage de Beaujolais . Acht Zimmer habe dieses Appartement. Sie könnten hier ein Jahr zusammen hausen, ohne sich zu begegnen. „Also red nicht lange. Ich möchte, dass du zu mir ziehst“, so hatte Hugo es seinem Freund erklärt. Das war letztes Jahr, weit vor der Corona-Krise. Der Glöckner hatte das Angebot dankend angenommen. Weil Notre Dame 2019 den Flammen zum Opfer gefallen war, hatte Viktor Hugo nun also einen Untermieter. Seit Tagen diskutieren die Freunde über die Zukunft, über ihr Leben nach der Kontaktsperre. Wie wird sich die Welt danach verändert haben? Hugo versucht eine Antwort darauf zu finden, verzieht seine Lippen zu einem schmalen Strich, denen dann aber nur ein langgezogenes „Mmmmmmmm!!“ entfleucht. Der Glöckner schielt ihn von der Seite an und sagt süffisant: „Das sagen sie immer… Aber für die Tapferen ist die Zukunft eine Chance.“ Hugo schaut seinen Freund verständnislos an. Wie kann der nur so gelassen bleiben bei all den Nachrichten über die Pandemie-Krise im Fernsehen? Oder den sozialen Netzwerken. Hugo steht auf, ein Finger schiebt die verfaulte Banane über den Rand des Tisches. Sie schlägt mit einem einzigen dumpfen, matschigen Ton auf den Küchenboden und verursacht dort einen Klecks, der ihn an die wirren Details eines Jackson Pollock Gemälde erinnert. „Wo gehst du hin?“ will der Glöckner von ihm wissen. „Auf’s Klo,“ lauert die Antwort. Sie kommt monoton, ohne Emotion. „Allein?“ Die Freunde blicken sich sich an. „Da geh ich immer allein hin.“ Hugo senkt den Blick und kommentiert mit einem Seufzer den Bananenfleck zu seinen Füßen. „Wieso?“, hackt sein Freund nach. „Nur so,“ sagt Hugo leise, fast nur zu sich selbst. „Bleibst du da lange?“ „Nicht länger als nötig,“ sagt er noch, bevor er die Küche verlässt, einer, wie er findet, ungewissen Zukunft entgegen. Ihm fällt ein Zitat von Matthias Horx ein, dass er aber für sich behält: „Die Welt wird in gewisser Weise neu werden, weil wir neu werden in unserer Weltwahrnehmung.“ Als er auf dem Klo sitzt, hört er überlaut aus der Küche seinen Freund rufen: „Wenn zusehen alles ist, was du tust, dann wirst du deinem Leben dabei zusehen, wie es ohne dich vorbeizieht!“ Hugo hat indes andere Sorgen…Toilettenpapiermangel. Er sei sicher, dass das Phänomen nur kurzzeitig auftrete, hatte sein Mitbewohner versucht ihn zu beruhigen. In Gaststätten und Hotels werde derzeit nichts verbraucht. „Die Produktion muss also nur umgeleitet werden“, war das tröstende Argument gewesen. Hugo hatte umgeleitetes Toilettenpapier, so als Bild vor seinem geistigen Auge, allerdings nicht sehr beruhigen können… sein Toilettenpapier solle auch in Zukunft nur eine Richtung nehmen.

Meine Bilder, nach der Vertreibung aus dem Paradies, parallel zu Massenpsychologie und Ich-Analyse. Oder auch: Vor Hausfreunden wird gewarnt.

Freud: “Ja ja, der Frühling, das ist eine turbulente Jahreszeit. Dies ganze Geschwätz von der Wiedergeburt.“ – Ich: „Neue Nester, Corona und junges Gras, das ist einfach überwältigend.“- Freud: „Ich warne Sie, je älter man wird, desto leichter wird man überwältigt. Der Frühling ist eine gefährliche Zeit, nehmen Sie sich lieber in acht.“ – Ich: “Ach, wissen Sie, ich brauche meine Bilder unbedingt. Als Beweis, dass sich die letzten Tage wirklich ereignet haben. Ich könnte mir sonst vielleicht einreden, es war nur ein Traum… so aber nicht.“ – Freud: „Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, dass es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos heraufzuholen, zu denen wir anderen uns durch qualvolle Unsicherheit und rastloses Tasten den Weg zu bahnen haben.“

Genau! Das hätte ich nicht besser formulieren können.

Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott…

Zu lang, zu lang schon ist / Die Ehre der Himmlischen unsichtbar. Stimmt das, was der Dichter sagt? Wo befinden wir uns zur Zeit? In einem Augenblick der lichtesten Hoffnung oder doch eher in einem Augenblick der schwärzesten Verzweiflung? Friedrich Hölderlin lässt seine Hymne „Patmos“ mit den Worten beginnen: Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott…   Die ganze Welt, so wie wir sie noch vor Wochen kannten, sie steht komplett still. Aber unsere Geschichte geht weiter, sie ist und bleibt stets offen – im Guten wie im vermeintlich Bösen. Denn: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.

Die Welt braucht Friedrich Hölderlin (* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Herzogtum Württemberg; † 7. Juni 1843 in Tübingen).

Bild nach einer wahren Begebenheit

„Wahrlich“, so orakelt mir Friedrich Schlegel ins Ohr, „es würde dir bange werden, wenn die ganze Welt, wie Du es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.“ Dem stimme ich nur allzu gerne, stumm nickend zu. Allerdings… ich fordere gar nicht ein, dass die Welt verständlich wird. Unverständlich wie sie ist, ist sie doch zugleich viel inspirierender für mich.

In den Weiden

Geboren, um in Träumen und Einbildungen zu schwelgen. Geboren, um sich mit den Matten und ihren Blumen zu unterhalten. Vielleicht auf Größe verzichten, aber nicht auf solch ein Zuhause… so male ich mir das jedenfalls aus.

»Zuhause! Das meinten diese zärtlichen Rufe, jene behutsamen Streicheleien, die da durch die Luft geweht kamen, die unsichtbaren kleinen Hände, die ihn, Hölderlin, in eine ganz bestimmte Richtung zogen und zerrten.«