Barocke Kinder

Meine Kunst schmeckt nach frischgemähten Gras, nach Tautropfen in langem Haar. Die Sprache der Kunst versteht nicht zu lügen, weil sie gar nicht wahr sein will. Die Sprache der Kunst ist eher ein Gurren, ein Zirpen, ein Brummen oder Schnurren, ein Magengrummeln oder ein Herzklopfen … klopf klopf an meinem Herzensgrund entlang.

 

Kunstwerke als Erinnerungen

Kunstwerke sind die Reste von unwillkürlichen Erinnerungen, Bilder, die nicht gerplant sind, die wie von selbst entstehen, die dem Unterbewusstsein entspringen. Meine Kunstwerke sind aber ebenso Überreste meiner willentlichen Erinnerungen. Sie gleichen Puzzleteilen, die zusammengelegt mein Lebensbild ergeben würden…

Kunst, An Deinem Busen Let Me Rest.

Zahnloser Gott

Vielleicht ist es zu hoch gegriffen? Ein Gott? Wer bin ich, dass…?

Genug!? Okay, ich behaupte ja gar nicht: Ihr alle seid meiner nicht würdig. Keinesfalls. Doch bin ich schon kein Gott, so lasse ich mich dennoch nicht mehr malträtieren… d.h. anbeten.

Meine Kunst ist und bleibt autonom.

„Die autonome Kunst bekommt (…) eine neue Qualität. Als etwas, das sich nicht den Logiken der Sozialen Medien anpasst, sondern unabhängig davon entsteht und präsentiert wird. Sie mag vergleichsweise ein zahnloser Tiger sein, da sie sich nicht auf die Macht der Algorithmen einlässt, nicht zur Waffe wird, aber sie ist eben doch ein Tiger, kann groß und erhaben sein und Perspektiven verändern, Stoff zur Reflexion bieten, die Erinnerung daran hochhalten, dass Bilder auch etwas ganz anderes sein können als zynisch-instrumentelle Biester.“ So mein Freund und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich. So meine Kunst.

Du bist mir so vertraut

Du warst eine Andere, so wie ich jetzt ein Anderer bin. Und doch sind wir uns immer noch vertraut. In diesem bestimmten unendlichen Augenblick. Jener Moment, indem sich die Ewigkeit unserer Vergangenheit mit der Ewigkeit unserer Zukunft kreuzt.

Patient und Dichter zugleich.

Was ist Kunst bloß für ein Tic, an dem der Künstler „leidet“?

All meine Bilder, sind sie bloß neckische Spielereien? Alles bloß ein primitives Spiel mit Farben und Formen? Oder doch vielleicht ein Spiel mit einem tieferen kreativen Sinn? Vom Spiel zur Realität und wieder zurück. Ermöglicht die Kunst mir nicht meiner Fesselung an die eigenen Instinkte zu entkommen? Diese zu überwinden? Kunst könnte (auch) Kontrollverlust bedeuten, kann peinlich wirken und Betrachter schnell verschrecken. Ich reagiere darauf gerne mit Witz und Humor, so etwas beruhigt die Menge wieder, man schnunzelt dann: „Seht mal, er will nur spielen. Er erzählt doch nur einen Witz.“

Doch in diesem Punkt werde ich völlig falsch verstanden. Ich meine, ich erzähle zwar einen Witz, aber dann meine ich es sehr ernst mit meiner Kunst. Ich bin zwanghaft spielerisch, bin oft in erregten Gemütsverfassungen, male scheints provokative Bilder oder bringe spielerisch haarsträubende Geschichten auf Papier und Leinwand zu Gesicht. So ähnlich schreibt Oliver Sacks, in einem seiner unzähligen Briefe, auch über Patienten, die das Tourettesyndrom haben. Tourette bezeichnet eine ungeheure Bandbreite von Erscheinungen. Es reicht von einfachen Formen bis zu kompliziertesten Verhaltensstörungen. Fast lustig mutet es an, wenn ein Touretter an einem überfüllten Strand laut das Wort „Hai“ ausrufen muß. Ist das ein Spiel? Ist das ein Drang? Vielleicht ist es beides? Für Oliver Sacks ist Spiel die höchste Form menschlicher Betätigung, eine kreative Form höherer Ordnung. So will ich es auch mit meiner Kunst halten. Das ist mein Verständnis von ihr: eine kreative Form allerhöchster Ordnung. Manch einem mag das als ein Witz erscheinen, doch ich meine es todernst damit.

Da ist mir wirklich nicht zu lachen zumute. Wenn, dann nur, weil ich einem dunklen Wald herumgeistere und gegen meine Angst ansinge verloren zu gehen. Ob all das, was ich über meine Bilder und mich schreibe Richtigkeit besitzt? Bin ich nicht zu sehr in meiner Perspektive des Künstlers eingesperrt, des Spielers, dessen Interesse zu keinem Zeitpunkt dem möglichen Gewinn oder Streben nach dem Gewinnbetrag gilt? Wer bin ich denn, dass ich behaupten könnten, dass…? Ich bin Patient und Dichter. Leichter wird die Situation dadurch für mich nicht unbedingt. Wäre ich Patient und Arzt, könnte ich mir Medizin verabreichen. Als Patient und Dichter bleibt mir nur die Kunst.

Je größer das Leid / desto kleiner der Dichter / Umso härter die Arbeit / Umso tiefer der Sinn / Je grösser das Unheil / desto härter der Kampf / Umso ärger der Verlust / desto irrsinniger die Verdammten    steht in einem alten Zeitungsartikel über die legendäre Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg. Das abgedruckte Gedicht trägt den Titel: Patient und Dichter.

Mein Outsider-Traum

In einem uralten Artikel über Outsider-Künstler beschreibt Paolo Bianchi, Autor und Gastherausgeber der Zeitschrift Kunstforum International, diese außergewöhnlichen Kreativen als Seher, Lehrer, Lebenshelfer, Erkenntnis-, Wahrheitssucher oder gar Mystiker; vielleicht seien sie auch Erweckungsprediger, Befeuerer oder Beatmer, so Bianchi. Ihre Werke können auf uns ‚fremd’ oder vertraut wirken, immer werden ästhetische Konventionen überschritten, eigenwillige Systeme und fiktive Welten imaginiert, doch Konventionen auch bewahrt. Diesen Zusatz leihe ich mir aus einem Bericht über die legendäre Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg. Beides, Outsiderkunst, wie auch die Prinzhorn-Sammlung, haben mich seit meinem Studium immer wieder begleitet. Ein vergilbter Zeitungsartikel, den ich vor erst Tagen in meinem Atelier wiederfand, inspirierte mich zu einem Bild. Der Traum, heißt es in dem Gedicht zu der Zeichnung von August Klett, ist ein Papier / der Traum ist zur Nacht / da kam der Pförtner / der die Tore aufmacht…

O, ich kenne diese Träume gut. Ich träume sie jeden Tag.