Was ist Kunst bloß für ein Tic, an dem der Künstler „leidet“?
All meine Bilder, sind sie bloß neckische Spielereien? Alles bloß ein primitives Spiel mit Farben und Formen? Oder doch vielleicht ein Spiel mit einem tieferen kreativen Sinn? Vom Spiel zur Realität und wieder zurück. Ermöglicht die Kunst mir nicht meiner Fesselung an die eigenen Instinkte zu entkommen? Diese zu überwinden? Kunst könnte (auch) Kontrollverlust bedeuten, kann peinlich wirken und Betrachter schnell verschrecken. Ich reagiere darauf gerne mit Witz und Humor, so etwas beruhigt die Menge wieder, man schnunzelt dann: „Seht mal, er will nur spielen. Er erzählt doch nur einen Witz.“
Doch in diesem Punkt werde ich völlig falsch verstanden. Ich meine, ich erzähle zwar einen Witz, aber dann meine ich es sehr ernst mit meiner Kunst. Ich bin zwanghaft spielerisch, bin oft in erregten Gemütsverfassungen, male scheints provokative Bilder oder bringe spielerisch haarsträubende Geschichten auf Papier und Leinwand zu Gesicht. So ähnlich schreibt Oliver Sacks, in einem seiner unzähligen Briefe, auch über Patienten, die das Tourettesyndrom haben. Tourette bezeichnet eine ungeheure Bandbreite von Erscheinungen. Es reicht von einfachen Formen bis zu kompliziertesten Verhaltensstörungen. Fast lustig mutet es an, wenn ein Touretter an einem überfüllten Strand laut das Wort „Hai“ ausrufen muß. Ist das ein Spiel? Ist das ein Drang? Vielleicht ist es beides? Für Oliver Sacks ist Spiel die höchste Form menschlicher Betätigung, eine kreative Form höherer Ordnung. So will ich es auch mit meiner Kunst halten. Das ist mein Verständnis von ihr: eine kreative Form allerhöchster Ordnung. Manch einem mag das als ein Witz erscheinen, doch ich meine es todernst damit.
Da ist mir wirklich nicht zu lachen zumute. Wenn, dann nur, weil ich einem dunklen Wald herumgeistere und gegen meine Angst ansinge verloren zu gehen. Ob all das, was ich über meine Bilder und mich schreibe Richtigkeit besitzt? Bin ich nicht zu sehr in meiner Perspektive des Künstlers eingesperrt, des Spielers, dessen Interesse zu keinem Zeitpunkt dem möglichen Gewinn oder Streben nach dem Gewinnbetrag gilt? Wer bin ich denn, dass ich behaupten könnten, dass…? Ich bin Patient und Dichter. Leichter wird die Situation dadurch für mich nicht unbedingt. Wäre ich Patient und Arzt, könnte ich mir Medizin verabreichen. Als Patient und Dichter bleibt mir nur die Kunst.
Je größer das Leid / desto kleiner der Dichter / Umso härter die Arbeit / Umso tiefer der Sinn / Je grösser das Unheil / desto härter der Kampf / Umso ärger der Verlust / desto irrsinniger die Verdammten – steht in einem alten Zeitungsartikel über die legendäre Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg. Das abgedruckte Gedicht trägt den Titel: Patient und Dichter.














