Realität findet im Kopf statt

Ludwig Wittgenstein bemängelte zeitlebend einen gedankenlosen Sprachgebrauch. Wir seien, so der Philosoph, von bestimmten natürlichen Bildern gefangen. Alles würde zu einer Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache führen. Solche Sprachverwirrungen würden auf etwas Krankhaftes in unserer Lebensführung hindeuten.

Künstlerisches Schaffen, würde ich behaupten, trägt immer die Merkmale einer Krankheit. O ja. Ich spreche aus, was man nicht sieht: ich habe ein Kakteenherz, spiele mit dem Bogen auf jedem seiner Stachel Musik; meine Zuhörerin, Frau Scholz vom Schiefen Turm von Pisa, ist (m)eine Seerosendompteuse. Sie weiß, dass in guter Kunst gute Gedanken verborgen sind: gegenstandslose Bilder regen zum Sprechen an, fordern zum Schreiben auf. Und der Schreibweg führt mich hinauf zum Bild, dorthin, wo Störche Fische und Fische das Schabraken-Tapier durchs Dorf jagen. Der Dorfteich weist ein weiches Muster auf und kann mit Autoscootern umrundet werden. Gegen den Uhrzeigersinn, immer nur gegen diesen Sinn. Zwischen Zeichnung und Schrift, zwischen Dichtung und Malerei hindurch zu meiner wahren Realität…

Von seinen Engeln träumen

Wer will behaupten, dass Engel nicht weinen können? (Paul Claudel)

Wie in der Zoologie bedarf auch ein Engel, wenn man denn daran glauben möchte, einem morphologisch klar abgegrenzten, meist fast oder völlig bewegungslosen Übergangsstadium zwischen einer sogenannten Engel-Larve (Puppe) und dem geschlechtsneutralen (eigentlichen) Engel. Das Puppenstadium geht nach einer Häutung aus dem letzten Larvenstadium hervor und häutet sich selbst zur Imago, der sogenannten Adultform. Jeder Engel wird danach als das „Bild seiner Art“ gedacht.

„Hoch über allem Grau / Liegt ihm die Welt zu Füßen /… / Wir aber sagen: begrabt ihn / Es soll ihn die Erde verdauen / Wir werden der Erde ein Denkmal bauen / Wir wollen auch hinauf ins Blau…“ (Wolf Wondratschek)

Bilder-Geschichten aus einer Verrichtungsbox

Was sind Ateliers anderes als abgeschirmte Verrichtungsboxen, die einer Garage ähneln (mein Atelier wäre tatsächlich durch eine Garage erreichbar!) und Prostituierten oder eben auch Künstlern die Möglichkeit bieten, ihre Freier zu bedienen.

Die Freier fahren mit ihren Autos in die Box (bzw. an die Box heran, in meinem Fall wäre das so, Parkmöglichkeit direkt vor meiner Garage…), in der sie vor fremden Blicken geschützt Sex haben können. Solch ein Sex ist bekanntlich, so meinen schmallippige Puristen, nur grober Unfug mit drei Buchstaben. Ohne jeglichen Geist.

Man könnte natürlich auch nur Kunst betrachten. Oftmals auch nur grober Unfug. Aber eben mit Geist. (Ach, man kennt die Künstler ja so genau! Picasso, Schiele, Degas. Man weiß ja, wie diese Künstler so ticken. Das Feuilleton lügt nicht.)

Der Maler steht etwas vom Bild entfernt. Er wirft einen Blick auf das Modell … //… die Perspektive rückt sie beide in eine Nachbarschaft … // … eine Bewegung, etwas Licht würde genügen, um sie verschwinden zu lassen.*

Richtig ist und bleibt, dass in meinem Atelier jeder Gast, der mich besuchen mag, auf alle Fälle vor fremden Blicken geschützt ist. Versprochen! Wir könnten auch nur einen grünen Tee zusammen trinken, wenn Wein schon zu verwegen wäre.

Wie dem auch sei, glauben Sie mir, der Künstler, er spukt durch solch eine Verrichtungsbox und flüstert leise zu sich selbst: „I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain.“ … den „Tears in rain monologue“ aus dem Film Blade Runner. Immer und immer wieder.

Schauen Sie ruhig mal vorbei. Und lauschen Sie. Was immer ihr Herz begehrt.

(*Zitiert aus: „Foucault – Velázquez – Las Meninas“)

The Times They Are A Changing

Bob Dylans Variationen der Matthäus-Passage aus Kapitel 19,30 („Aber viele, die jetzt vorn sind, werden dann am Schluss stehen, und viele, die jetzt die letzten sind, werden schließlich die ersten sein“) verdeutlichen …, dass es in „The Times They Are A-Changing“ unbestreitbar um einen radikalen Veränderungsprozess geht. (Literaturkritik von Matthias Bergert)

Reines Lebensgut: kein Werden, kein Vergehen, kein Sein.

Was bin ich anderes als eine wahrgenommene Form der Veränderungen und-oder die Abfolge von zurückliegenden Ereignissen. Doch gefühlt bin ich der Zeit voraus. Und niste mich ein in alten Bildern mit ganzen Kaskaden von Reizen und Berechnungen hinter dem Rücken dessen, der Ich ist; gespiegelt in einem Kristall (aus Zeit), der von einem einmal vorkommenden Gegenstand Hunderte von kleinen Abbildern zeigt, ohne dass der Gegenstand dadurch wirklich vervielfacht würde.

Gedanken eines Blogwarts; mit heitern Strahlen und heil’ger Poesie!

Warum ich nur hier zu finden bin, so fragst Du mich? Nun, ich bin Du geworden. Nur hier bist Du auch ich. Instagram bringt keine Schmetterlinge hervor, sondern nur Vertreter*innen der Gespenstschrecken, einfarbig apfelgrünen Exemplaren oder auch komplett dunkel- und seltener hellbraun gefärbte. Für eine Liebe zum Wundersamen gehört die Lust der Verpuppung an einsamem Ort, Barmherzigkeit, im eigenen Hause. Dort wo man alleine Himmel und Erde bewegen kann. Wo zwei längst eins sind…

Nur die Gegensätze lehren einen die Welt kennen: Wer nicht ums Dunkel weiß, kann das Licht nicht erkennen.