Abgründe sind meine Gründe

Es ist einfach so: Bei jedem meiner Kunst-Schritte fliegen messerscharfe Papiere hoch, sie fliegen knapp an meinen Augen vorbei, aber ich erkenne sie dennoch gut, sehe ihre ehrlichen Bemühungen – oja – es sind um mich herum flüsternde Blätterberge, Massive aus getrockneter Farbe und Leim, hochgestellte Ozeane aus erstarrten Wellen farbiger Tuschen und Tinten, ich blicke in abgründige Spalten voller Unaussprechlichkeiten, hocke vor Rätseln, die ich mir selber ausdachte, um mich glücklich & verrückt zugleich zu fühlen…

Die Wollust Marsyas

Des öfteren wurde geäußert, dass meine Werke Angst und Unbehagen beim Betrachter erzeugen würden. Einmal sagte dies meine Galeristin zu mir, als sie über den kargen Zustrom der Besucher ihres Ausstellungsortes enttäuscht war; dann bestättigte mir das auch ein guter Freund. Über diese Kritik dachte ich nach und mir wurde bewußt: Was immer sich hinter dem Schleier der Kunst verbirgt, es hat mit unserer Freiheit, unserer Verantwortung, dem Sinn des Lebens, die Frage der Isolation und dem eigenen Tod zu tun.

Unsere Modernität ist ständig bemüht, sich diesen fünf Aspekten zu entziehen, etwas Einfaches, etwas Oberflächiges soll die Tiefe ersetzen, Abgründe werden planiert und zur Untermalung dieser Tragödie dient seichte Hintergrundmusik; die angeberische Realität siegt, so scheint´s, über die Lust der Kunst… ich aber sehe, dass Apollon sein Spiel spielt. Ich sehe, dass er sieht, dass ich sehe, dass er nur sein Spiel spielt… dafür wird er mich vielleicht versuchen zu bestrafen. Es ist aber seine Angst, die er in den Bildern wiedererkennt, nicht meine.

Bizarrerien

… Kunst ist für mich eine liebgewonnene Konfusion eigener, wie auch fremdartiger Gefühle. Bizarrerien. Annulierte Beichten. Ein Berauschen an Silben und Formen. Bibeltexte auf Seiten aus Esspapier. Stumme Lieder, Blumen vergleichbar, die jemand über mein Leben streut. Aufgeblüht durch die Kraft des Absurden. Mit einer Seltsamkeit als auffälligste Charaktereigenschaft. „Mysterien erfunden, um uns von der eigenen Wirklichkeit abzulenken.“ (Charles Berthonzoz)

Widerspruch

Gerade erst habe ich verstanden, dass das Sein ohne den Menschen stumm bliebe. Nur der Mensch habe diese „offene Stelle“, die er mit Kunst füllen=fühlen kann. In dieser Höhle könne er das Echo seiner inneren Stimme vernehmen. Und Bilder entstünden als Reaktion auf seine Stimmlaute. Alles hänge von der Wahrscheinlichkeit ab. Stimme und Bild seien beide real, sie existieren, ohne von einander zu wissen. Meine Stimme nehme die Existenz der Bilder nicht wahr, genau wie die Bilder nichts von meiner Stimme ahnen. Sie überlagern sich wie Wellen, eine erfasst mein Auge, zehn davon mein Ohr. Gerade erst begreife ich diese zauberhafte Poesie, da resümiert ein zeitgenössischer Galerist äußerst uninspiriert: „Die Kunst hat angefangen, sich selbst im Weg zu stehen. Sie hat sich selbst so kompliziert gemacht.“ Ich meine allerdings, nur Wissen kann etwas Wahres erklingen lassen. Unkompliziertes wirft einfach keine interessanten Schatten.

Revolution #10

„Dein Leben möge nur ritualfreies Spiel sein … Der kreative Mensch ist immer nur daran interesiert, wie er bei einer Sache wegkommt, es geht also um nichts, nur um die eigene Haut.“  ☛ (so Jonathan Messe, zitiert aus: „Der kreative Mensch“ von Wolfgang Ullrich). Ach, ist dem so, lieber Jonathan? Wenn du von Zerstörung sprichst, von ritualfreiem Spiel, weißt du, dann kannst du mich auszählen. Meine Spielregeln besagen nämlich, dass es schlicht unmöglich ist sich zu überholen. Aber wiederholen kann & darf ich mich zu jeder Zeit.

Der Philosoph Jacques Derrida erklärte mir zudem unlängst, dass nur die Wiederholung ein wahrer Ort der Originalität sei. Denn originell ist etwas, wenn ich zwar dasselbe sage, male & collagiere, aber alles mir zugleich in einem ganz neuen Licht erscheint. Und das tut es wirklich … immer und immer wieder.

„Wer die eigene Kreativität beherzt zum Einsatz bringt, wird nicht länger verzagt und entfremdet leben, sondern erlöst sein können.“ ☛ (aus: „Der kreative Mensch“; s.o.) Meine Originalität gleicht einer wundervollen Sisyphusaufgabe, einer ertraglosen und dabei erfrischend schwer=leichten Tätigkeit, einem nach vorgegebenen Regeln ablaufendes Spiel, ohne einem wirklich absehbaren Ende: also Kunst.

Zu einem Geschenk (Für Susanne)

Ich wollte dir was dedizieren, / Nein, schenken, was nicht zuviel kostet. / Aber was aus Blech ist, rostet, / Und die Messing-Gegenstände oxydieren. / Und was kosten soll es eben doch. / Denn aus Mühe mach ich extra noch / Was hinzu…

Ringelnatz & ich )

Höhenlinien-Madonna

Dem Bild, das ich vor einigen Tagen anfertigte, gab ich recht intuitiv den Titel: „Vision einer Höhenlinien-Madonna“.

Erst jetzt, wo ich den Text hier schreibe, weiß ich: Ein Bild aus uralten Zeiten, das kam mir in den Sinn… Eine Frau (gemalt von Hans Holbein d.Ä.) betrachtet Linien, die sich hell in der Dunkelheit abzeichnen, in die sie zu blicken scheint. Diese Vision, diese wundersame Erscheinung, dieser Anblick einer Marienfigur (wie es mir erscheinen will) im Zentrum all dieser Linien, das Zentrum als der Ursprung der eigenen Welt, schenkt der Frau, so denke ich, ein subjektives bildhaftes Erleben. Etwas sinnlich nicht Wahrnehmbares, etwas das aber denoch real erscheint und in einem religiösen Sinne auf die Einwirkung einer jenseitigen Macht zurückgeführt werden kann, tut sich vor ihr auf…

Ich mag an meine Kunst, an unser Kulturverständnis denken…

Buch-Saiten

Meine „Buch-Saiten“ sind aus unterschiedlichsten Quellen und Materialien gebildet; aufgeklebt, aufkaschiert. Sie zeigen einzelne Fäden, die durch mein Werk-Labyrinth hinein- oder zurückführen… sie verdrehen sich selbst, wie auch den Betrachter. Ihre „Eigenfrequenz“ ist, wie bei jeder Kunst, jene Frequenz, die diese Buch-Saiten aus- und aufführen, wenn sie sich selbst überlassen sind. Wenn niemand sich ihrer bemächtigt und im Inneren auf seinen eigenen Wahn beharrt.

Meine „Buch-Saiten“ wissen und tönen vom tiefsten Platz in den Träumen, dort wo die Rätsel längst schon zu einer Wirklichkeit geworden sind. Sie sind mir vollständige Zerrissenheiten; Vergangenes glimmt in ihnen und Heutiges entfacht ihre Wärme – „Ahnungen dämmern und Kräfte erschwellen. Ein gärendes Wühlen“ herrscht in ihnen.