Kunst gegen den kapitalischen Menschenverstand (am Denkmal des unbekannten Künstlers)

Unser allerorts geliebter Kapitalismus produziert bekanntlich industriel massenhaft Dinge, die von Menschen mit geringem Einkommen (noch) gekauft werden können, wie z.B. das allerletzte Fußballtrikot zu einem „erträglichen“ Preis.

Exklusive Luxusprodukte werden dagegen oft individuell angefertigt und bei der Anfertigung werden sehr edle, teure Materialien verwendet, um den hohen Endpreis rechtfertigen zu können.

Tja, und dann gibt es noch mich. Jemand, der absolut individuell = künstlerisch mit schäbigen Pappen, welligen Papieren und oder beschmierten Zeug hantiert, und wie ich es empfinde, damit äußerst interessante Bilder kreiert. Bei mir werden selbst Lumpen scharlachrot.

Ich schaffe Bilder, die so aussehen, als hätte jemand darauf geschlafen und sich mehr als nur einfach vergnügt. Diese müsste ich eigentlich in einem sehr edlen Ambiente zur Geltung bringen. Bilder, die dem Wahn der Oberflächlichkeit gerne Hohn sprechen mit: „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“. Vor meinen Bilder bräuchte & sollte sich niemand vor Vernügen auf die selbstoptimierten Schenkel schlagen müssen. Nachdenklichkeit reicht völlig… dies wäre auch ein passender Sinnspruch am Denkmal des unbekannten Künstlers. Oder – jetzt – auf meinem BLOG hier.

Obsession

„Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle die tiefsten doch eigentlich mühelos heraufzuholen, zu denen wir anderen uns durch qualvolle Unsicherheit und rastloses Tasten den Weg zu bahnen haben“, schreibt Sigmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“. Moment mal. Was so mühelos erscheint, das ist meist qualvolles Tasten, mag ich Freud an dieser Stelle liebevoll kritisieren. Will sagen, so kommt es mir selber jedenfalls vor. Vielleicht habe ich bis dato aber auch nicht Kultur für alle geschaffen, sondern eher versucht mich selber erst einmal gerade hinzustellen.

Ich erschaffe nicht, ich tue bloß etwas: schreiben, malen, zeichnen, collagieren. Egal wie. Die Frage nach Gelingen oder Scheitern stellt sich nicht. Nicht mehr. Früher, gerade aus dem Studiums-Ei geschlüpft, meinte ich noch DAS Kunstwerk schaffen zu müssen. Alles Quatsch. Lieber habe ich, im Laufe der Jahre, ein Caféhaus aufgesucht oder mich tagtäglich in meinem Atelier niedergelassen, um all die Gedanken zu sortieren und zu Papier oder Leinwand zu bringen, die mir so durch den Kopf geistern. Ein Bild reihte sich so an das nächste, ein Wort ergab das andere. Ab und an hatte ich tatsächlich das Gefühl etwas von mir (nicht von der Welt – herrje, nein!) verstanden zu haben. Dann aber versank dieses Gefühl schnell wieder in einem kleisterhaften Nebel. Das schreibe ich ohne Groll. Denn das ist mein menschliches Los: Angst, ständiges Zweifeln und Arbeiten (an sich selber). Diese Dinge gehen niemals weg. Wenn ich sie mir jedoch so ansehen, verlieren sie ihren Schrecken für mich. Und sind, was sie seien sollen: ein Teil von mir. Sie sind ich selbst. Wem dies zu sehr nach Analyse klingt, nach Unbehagen angesichts unserer Kultur, der darf sich entspannen: es ist nur meine Analyse, nur meine geliebte Obsession.

The Best of…

All die alten Gemälde auf den Gräbern / Gehen wie ein Ägypter / Walk like an Egyptian… pfeife ich leise vor mich hin, als mein Blick auf einige Bücher fällt, die auf meinem Schreibtisch liegen. Der Roman „Lolita“ von Vladimir Nabokov, als auch Gedichtbände von Gottfried Benn und Peter Rühmkorf, sie inspirieren mich zur Zeit.

Gottfried Benn hatte einst die Theorie aufgestellt, dass am Lebensende nur eine handvoll Gedichte von einem Dichter übrigbleiben, weil diese das besitzen, was ich selber bei meinen Bilder gerne „Stimmigkeit“ nennen möchte. Ein Kanon meiner z.B. fünfzig besten Bilder wäre von mir nicht leicht zusammen zu stellen. Denn wie bei einem Schachspiel, bei dem bereits nach zwei Zügen 72.084 verschiedene Stellungen entstehen können, sind nach ein zwei Farbspritzern oder Strichen auf einem Bild Millionen von Richtungen denkbar, in die ich gehen könnte. Wohin würde ich mich mit innerer Überzeugung wenden? Und ist das auch absolut stimmig? …

Was ist richtig, was ist falsch, was mag ich alles zeigen? „Das sieht man dann“, stelle ich immer wieder fest. Ich meine, wenn das abstrakte Muster mir nicht richtig erscheint, gehe ich einfach weiter… immer weiter meinen Weg. Oder aber – eine äußerst kühne Idee – ich klebe mir einfach direkt das Etikett „The Best“ ins Bild, dann bin ich mir sofort sicher, dass diesem Werk ein Platz in meinem Kanon gebührt… Niemand kann diesem Bild dann seinen Platz in der Kunst mehr verweigern.

Andererseits mag ich meinen Kanon ständig neu sortieren. Und das ist auch völlig in Ordnung. Ich mag das sehr. Also okay, mal abwarten und sehen, was ich am Ende als stimmig erachten werde. Heute sind es jene drei Bilder hier, die mir ans Herz gewachsen sind. So sehe ich das einfach…

(* Gedichtzeile von Peter Rühmkorf)

Angefügt

Je wahrer, je mehr es sich entzieht: das nicht loslassende Ziel, / das, so es schön ist, an die Ruhe rührt, nackter, / und, kaum ists reine Idee, als Zornkeim / neu erbebt, wider das Nichts, in sterblicher Hülle.

(* Guiseppe Ungaretti)

Nimmt die eigene Seele mal wieder Schaden aufgrund der WWWelt, dann lege ich mir und meinen Bildern zur Linderung der Hoffnungslosigkeit gerne Gedichtzeilen unter die Zunge und lasse sie dort langsam zergehen. Ähnlich homoöpathischen Mitteln, basiert die Wirkung von Gedichten für mich auf dem Ausgleich von Körper und Geist, sodass mein Organismus dazu angeregt wird, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren… und das bedeutet: ich male weiter. Immer weiter. Denn malend kann ich erst genesen, malend werd ich erst gesund.

Nicht immer schön

Fakt ist und bleibt: das ist alles nicht immer schön, was ich so tagtäglich zu Papier bringe. Es verstört, stellt Fragen, läßt einen allein zurück. Aber so soll es sein…

Am Ende sage ich mir jedoch: auch meine Abgründe sind allesamt „made with real silver“.

Mein Kunstspiel

Die Wirklichkeit, so erklären die Philosophen es uns, ist ein Fluss. Alles verändert sich. Ständig. In jedem Augenblick, in jeder Sekunde. „Ja, ja, das kennen wir schon“, räuspert man sich auf der nächstbesten Party, lehnt dabei lässig am Kamin. Auch das es in Wirklichkeit keinen einzigen Augenblick gibt, in dem sich diese ominöse Wirklichkeit einmal offenbare. „Es gibt kein Jetzt“, erklärt man mir süffisant lächelnd. Es gäbe nur ein Ganzes, was sich aus ständig wechselnden Gegensätzen zusammen setzt und das wir „Leben“ nennen. Ich verstehe: Leben ist nicht gleich Wirklichkeit. Und um „Zeit tot zu schlagen“ kann ich in meinem Leben zu einem Sprachspiel greifen. Laut Ludwig Wittgenstein ist dies ein arrangiertes, künstliches Spiel, das mit einer Menge von Ausdrücken gespielt wird. Wie z.B. Form, Komposition oder verschwärzet. Es handelt sich demnach um ein Kunstspiel, ein Spiel, dass keine wirkliche Funktion hat. O, dieses Spiel liebe ich…

Ungeschickte Liebesbriefe

„Dränge die Ereignisse nicht in einen Plan.“ So lautet einer meiner Vorsätze für das Jahr 2023. Übersetzt heißt dies wohl: „Mach einfach deine Bilder“. Lass sie geschehen. Das werde ich. Und ich werde sie wie eh und je wie Liebesbriefe betrachten. Es ist mir ganz egal, ob diese dann geschickt oder ungeschickt ausfallen. Ich dränge sie eben nicht in einen Plan. Es sind und bleiben Liebesbriefe. Es kann nicht genug davon geben.

Wiedergeburt

„Wer warst du? Und wofür standen deine Träume?“

Ein Berg von Fotografien und all die Erinnerungen, die in der Nacht zu mir kommen. Die Morgenspaziergänge, diese ungeheuren Schlafzimmergespräche… irgendwie, so denkt man bei sich, kann das doch alles nicht wahr gewesen sein. Nein, aber es wird wahr! Weil ich die Vergangenheit ständig neu interpretiere. Sie ist niemals festgeschrieben. Sie wird jeden Tag…

… und in jedem Bild von mir, neu geboren. Alles verbindet sich mit allem… neu.