Poetisch wankelmütig

Die eigene Zeit ist mir eine Asservatenkammer von sichergestellten Begehren, Ängsten, Kinderanalysen, Aggressionen, Schuldgefühlen, Lüsten, Traumata; zugleich eine Inventarliste von immateriellen als auch materiellen Vermögenswerten in Form all meiner Bilder, all meinen Zeichnungen, den Collagen… meinem gesamten Werk: Positionen (dem Kamasutra gleich), mein Standort (im Atelier), Modell- & Seriennummer, mögliche Titel, Bemerkungen zu Gewicht und Aussehen, alles wird vermerkt, alles wird versucht wahrzunehmen. POWER AND PSYCHOTHERAPY TO THE PEOPLE, right on / Say we want an revolution / Singing / Power and Psychotherapy to the people…

„Blick ins Dunkel“ schrieb ich 1986 auf ein großes Stück Papier und ergänzte das Blatt (nur wenig später – fast im selben Augenblick) im Jahr 2024 mit „Ich liebe dich“. Meine Kunst zieht sich auf sich selbst zurück. Nur so besiegt sie mein Gefühl von Ohnmacht.

Einlagerungen in meine Außenzeit

Um mich selber köstlich zu unterhalten, habe ich mein permanentes Altern erfunden. Seine heutigen Bilder verknüpfe ich gerne mit Bildern aus seiner Jugendzeit…

Alles binde ich mir zu einem unendlichen Band des Vergnügens zusammen; steigere mich in eine künstlerische Übertreibung hinein, um mich dann selbst zu fragen, wer ich denn eigentlich & wirklich sei. „Simultaneität“ ist der Name, sage ich zu mir. Denn mehrere Leben und derer Geschichten werden schwungvoll zu einem einzigen Ich verwoben. Auf unterschiedlichen Ebenen verquicke ich meine Bilder zu aufgeschlossen und zugleich verschlüsselten Phantasmagorien.

Meine Werke sind mir unlängst Einlagerungen in meine „Außenzeit“ geworden.

Armer-Künstler-Genuss

Wie ich so daliege / Als Bild / Mit pappiger Haut / Bekleckert mit Farbspritzern / Überzogen mit weißem Leim / Schwarzer Tusche hinter den Ohren / Wirkt alles so zerbrechlich / Durch eine gewisse Rücksichtlosigkeit / Wie ich so daliege / Versuche ich meine Kunst zu retten / Vor dem Sklavenmarkt der Begutachtung / Niemals soll sie sich einem Wettbewerb aussetzen müssen / Nie in einer Miss-Art-Wahl auftreten müssen / Kein Hashtag soll ihr Brandmal sein / Wie ich so daliege / Als schmieriger Außenseiter / Unter verwelkten Blumen / Bin ich fassungslos erregt / Ich breite Flügel aus Leinwand aus / Auf die ich mich betten kann / Oder mich zudecken in kältester Nacht / Unter einem sternenklaren Himmel / Der aus Papier gefaltet ist

Zerpflücke keine Rose

Mein Kunstempfinden besitzt, man mag es vielleicht nicht glauben, einen latenten Widerwillen gegen das Zerpflücken von Bildern und Texten (speziell von Gedichten). Obwohl ich vieles in mir selbst in Frage stellen möchte, stellt sich mein Kunstleben-Gefühl gegen das wahllose Herausreißen einzelner Worte aus „blütenhaften Gebilden“. Bertolt Brecht meinte einst sehr richtig zu mir: „Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön.“

Ich denke, er hatte Recht damit, denn jedes einzelne Teil meines Testaments ist schön. Doch erst zusammen gesehen ergeben sie ein Gedicht über mein (künstlerisches) Leben, einer Rose gleich. Wenn ich diese immer wieder versuche zu malen & zu zeichnen, dann aus folgendem Wunsch…

Millisekunden einer Ewigkeit

Ob schreiben oder malen oder zeichnen / jede tätigkeit ist denken / beizeiten auch ein denken vor dem eigentlichen denken / kunst zu betrachten bedeutet demnach jemandem beim denken zu beobachten / oder direkt seine gedanken zu betrachten / blitzlichtartige millisekunden für eine ewigkeit eingefangen

ein wildes Blühen

Das Unterbewußtsein besitzt keine Promenade, auf der man gemütlich auf und ab schlendert oder sich an einem Bistrotisch niederläßt, um einen gekühlten Weißwein zu schlürfen. Auch gibt es keine Musikmuschel, aus der schlichte Gemütsmusik herausweht, geeignet, um Möwen im Flug zu narkotisieren. Die Musik, die hier erschallt, gerinnt vielmehr zu Bildern mit blutroten Fängen. Und all das beweist mir, das mein Unterbewußtsein keine Kunst möchte, die alltagstauglich daherkommt. Die Kunst, die in mir vorherrscht, wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten verfasst. In meiner Kunstmuschel offenbart sich mir ein wildes Blühen.

verlegen beschämt wundervoll betreten

Denk ich an Kunst bei Tag und Nacht, bin ich gerne um den Schlaf gebracht. Ich will meine Augen gar nicht schließen, und heiße Freudentränen mögen fließen, denn was ich da vor mir sehe, das sei bitte „eine komplizierte Justierung von Sicherheitsbedürfnis und Risikobereitschaft, von Handlungsskripten und fetischistischen Bildfetzen mit ihrer verworrenen Kombination aus entmenschlichender Abstraktion und wieder vermenschlichter Konkretheit, die für den Einzelnen die sexuelle Erregung maximiere.“ (Robert J. Stoller, Psychoanalytiker)

Genau deshalb empfinde ich Kunst auch als so wunderbar berauschend und belebend.