Die Quelle

Unsre Quelle kommt im Schatten… Und wie dort die Vögel singen… Nein, das weißt Du nicht! Denn nur Ich betrachte das Bild. Und das Bild sieht wiederum mich an. Es flüstert mir zu: Während dein Denken des Bewusstseins an das Wort gebunden ist, sind deine Traumgedanken nur in Bildern darstellbar. Deine Träume sind zeitlos und es existiert im Unbewussten nichts, was deiner Zeitvorstellung entsprechen könnte. Die Inhalte deines Unbewussten, all deine Affekte, Wünsche und deine Ängste, sie sind ebenfalls zeitlos. Räumliche Beziehungen, bestimmte Orte, sie dienen dir im Traum als eine symbolische Darstellung deiner psychischen Topographie. Du bist dort und bist es zugleich auch nicht. So argumentiert das Bild. Es hat recht; ich sehe meine Quelle vor mir… Und wie dort die Vögel singen. Nein, das weiß ich nicht!

Das Blut der Zeit

Die Zeit, die das eine Mal dahinfliegt, wie ein Vogel, schleicht das andere Mal wie eine Schildkröte – aber angenehmer erscheint sie nie, als wenn man nicht sagen kann, ob sie schnell oder langsam verstreicht. (Iwan Turgenjew)

„Sehr neue Bilder“

David Hockney hatte schon lange vor mir die Idee, seine neuesten Bilder schlicht und einfach nur „very new paintings“ zu nennen.

Deshalb wählte ich für mich hier auch bloß: „Sehr neue Bilder“.

Mein Liebeslied (für S.)

Liebste, weil Dir das Bild von einem „autonomen Spiegel“ so sehr gefiel… hier, für Dich: O, Du : uns ist der Mond ein großes gelbes Tulpenbeet / (Es wälzen keuchend sich vom Horizonte Hollands taube Strahlen). / Vermischt sich Apfelmusgehirn mit Loderherz: kommt Eros viel zu spät / Und wir befinden uns weitaus am wohlsten in der Vertikalen. (Für Dich. Von Hugo Ball. Und auch von mir.)

Feuriges und Drängendes

Legenden, Märchen, Religionen, Kunst. Nur mit Hilfe meiner Sprache lässt sich über etwas debattieren, was es gar nicht gibt. Meine „fiktive Sprache“ (Yuval Noah Harari) lässt mich an unmögliche Dinge glauben, lässt mich Unmöglichkeiten erst richtig schätzen und lieben lernen. Mit meiner fiktiven Sprache lassen sich Dinge ausmalen, Träume kreieren, Intimitäten aufzeichnen, Wahrheiten und Lügen abbilden, absonderliche Wirklichkeiten zum Leben erwecken; mit anderen Worten: meine Kunst machen.

Experimente am offenen Virus (Die Taufe)

An Covid-19, der neuen Atemwegsinfektion durch das Coronavirus, leiden Menschen in der ganzen Welt. Unternehmen und Forschungsinstitute entwickeln jetzt Schutzimpfungen dagegen. Wie schnell mit Impfkampagnen begonnen werden kann, hängt jedoch nicht nur von der Geschwindigkeit von Entwicklung, Erprobung und Zulassung der Impfstoffe ab, sondern auch von den Produktionskapazitäten. Ziel muss sein, das Virus zu einer „Gewissensprüfung oder ein Hinabtauchen in die Tiefen seiner selbst“ zu zwingen. Das Virus muss unsere Führung anerkennen. Nur so kann es die Taufe von uns erhalten und erfahren.

„Die Führung besteht in der Abrichtung zum Gehorsam, verstanden als Verzicht auf den eigenen Willen durch Unterwerfung unter den Willen eines anderen.“ Und „diejenigen, welche im Begriffe stehen, die Taufe zu empfangen, müssen anhaltende Gebete verrichten, unter Fasten, Kniebeugungen und Nachtwachen beten und damit das Geständnis aller ihrer früheren Sünden verbinden, so daß sie auch die Taufe des Johannes darstellen.“ (Zitiert aus: „Die Geständnisse des Fleisches“ von Michel Foucault)

Sonett der Seele (Unser Herzstück)

Willensdrang von tausend Wesen / Wogt in uns vereint, verklärt: / Feuer loht und Rebe gärt / Und sie locken uns zum Bösen. / Tiergewalten, kampfbewährt, /  Herrengaben, auserlesen, / Eignen uns und wir verwesen / Einer Welt ererbten Wert. / Wenn wir unsrer Seele lauschen, / Hören wirs wie Eisen klirren, / Rätselhafte Quellen rauschen, / Stille Vögelflüge schwirren … / Und wir fühlen uns verwandt / Weltenkräften unerkannt.

(Hugo von Hofmannsthal)

Geliebtes Zwitterwesen

Das Ich bei Franz Kafka, habe ich einmal irgendwo aufgeschnappt, sei ein Zwitterwesen, weil es einerseits die Figur in der Geschichte und zugleich aber auch den Erzähler der Geschichte selbst darstellt. Eine Grenze zwischen wirklich und unwirklich würde hier verwischt. Ist das nicht generell bei wahrer Kunst so? Ich meine, der Künstler als ein Zwitterwesen? Der Willensdrang von zwei Wesen, in einem vereint. Und niemand hohnschreit: Obszönität! Ein klares Ich zwischen Mann und Frau angesiedelt.

Ein „schöner Hermaphrodit“. Bei dem Philosophen Michel Foucault fand ich diesen Begriff. Foucault bezog ihn auf die Kombination von Malerei und Fotografie. Dort wo Malerei allein nicht mehr reicht und Fotografie an ihre Grenzen stößt, entstehen in ihrer Verschmelzung „schöne Hermaphroditen“. Dieses Bild hat mich sofort sehr beeindruckt. Dort wo Fotografie ein selbstverständlicher Teil der Malerei und Fotografie als ein selbstverständlicher Teil der Malerei angesehen wird, entsteht ein schöner Hermaphrodit. Dort wo Bilder mit einem Text verschmelzen, entstehen meine Hermaphroditen. Die kleinste Einheit ist nicht ein Mensch, sondern zwei Menschen. In einem. Zwei Gegensätze in einem vereinigt. Die widerspenstige Zähmung von Gegensätzen und -bildern in einem Spiegel in einem Spiegel in einem Spiegel… bis in die Unendlichkeit gespiegelt.

Das bin ich. Ein Zwitterwesen.