Meine Abend-, Morgen-, Nacht-, als auch Tagesphantasie

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen / Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh / Ist alles freudig; warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? / … / In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! – / Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht / Der Zauber; dunkel wirds, und einsam / Unter dem Himmel, wie immer, bin ich…

Ich?

Freier Geist, der eigene Feuerstoff gerät in Brand. Das passiert schonmal, wenn ich mich mit Friedrich Hölderlin und seinen Gedichten beschäftige. Kunst, so würde der Dichter behaupten, ist Selbstentzündung.

Gedanken bei der Betrachtung eines Bildes

Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei. Schreibt Arthur Schopenhauer.

Und doch, so allein vor diesem Bild… was wird ich geben, ihre Stimmen noch einmal zu hören?

Eine Hölderlin-Menge

Täglich geh´ ich heraus und such´ ein Anderes immer, / Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands; / Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch´ ich /… / Nicht die Wärme des Lichts und nicht die Kühle der Nacht hilft / Und in Woogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst… (Friedrich Hölderlin)

(Neue und ältere Aspekte im Werk schenken mir, so will ich meinen, den Beginn einer neuen Werkreihe: Die Hölderlin-Mengen)

Schmerzensschrei des Bewusstseins

„Ich schreibe dir einen Brief damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche“. So lautet ein Gedichttitel von Zdena Holubova, den ich mir wie eine geweihte Hostie zwischen meine Lippen schiebe. Erregt dichte ich den Titel um in „Ich male Bilder, schaffe meine Kunst, damit ich nicht mit einer Rasierklinge zu masturbieren brauche.“ Eine feierlich selige Gänsehaut ziert daraufhin sofort meinen ganzen Körper. „Der Fäulniszustand meiner Träume“ (Jindrich Styrsky), Äpfel in einer Schublade unter meiner Zunge. „Der Eiter der Poesie“ (Karel Sebek), Salz auf der nackten Haut unter einem Porzellanhimmel. „Das Firmament schläft, und irgendwo hinter dem Gebüsch wartet eine Frau auf dich, die aus rohem Fleisch modelliert ist. Wirst du sie mit Eis füttern?“ (…noch einmal Jindrich Styrsky). Ich reiche ihr das Eis auf meiner prallen Eichelspitze. Und ich singe dabei „ein Lied in der wahnsinnigen Tonleiter der Sterne“ (Vladimir Reisel). Auf das „man sieht, wie ich Aufstellung nehme für die Nacht die Wache der Verwandlungen der Bilder und Gleichnisse; oder wie ich arbeite und um mich herum die Hände bewege so nur deshalb weil ich hier dort und anderswo bin in alledem (Vratislav Effenberger). Genau so.

Eine tiefe Wunde

Eine tiefe Wunde im Himmel macht eine tiefe Wunde in der Erde / Nachts rauscht inmitten der Wälder ein Flügel, der die Bäume streift, er fliegt und lässt die Geheimschrift seines Rußes zurück.  (Gedichtzeilen aus „TOYEN“ von Jindrich Heisler)

Versteckspiel-Pietà

Maskenschichten auf einem einzigen Antlitz / Urgebirge Primärformation Sekundärformation des Ausdrucks / Tertiär und so weiter / Der große Karneval im Gesicht / Nur die Seismographen der Augen könnten / Das ferne Trauerbeben notieren / Nur die Lippenküste könnte / Die weißen Hochwasser der fröhlichen Meere auffangen / Nur vom Aussichtsturm der Nase wäre es möglich / Die maskierten Umzüge der Frauenparfüms zu betrachten / Jedoch / Maskenschicht bedecken das Antlitz /… Warten wir bis Mitternacht

(Gedicht: „Etwas für Geologen“ von Zdena Holubova)