Was ich vorhabe, ist nicht einmal nicht richtig, es wird nicht einmal falsch sein. Mit anderen Worten: es ist schlich und einfach Kunst. Also ein Geflecht von Spiegelungen, von Ichkristallen, die sich zu der Landschaft meiner Seele auftürmen. Kunst ist schließlich das, was meine Welt wird. Nur dort sehe ich mich im Spiegelbild eines Wassers, was gerade im Begriff ist zu gefrieren. Blasen steigen noch in Schneckentempo empor, bevor sie zum endgültigen Stillstand kommen. In jedem dieser kleinen Bläschen erkenne ich dann meine Biografie, kleine Anekdoten nach einer wahren Begebenheit, die komplett von mir erfunden wurde. Und zwar vor langer Zeit und aus Eis oder auch Porzellan (s.o.)modelliert.
Ermittlungen über mich selber…
Mein Tagebuch zu führen bedeutet Disziplin, es stiftet Identität, führt mich tief in den eigenen Kaninchenbau. Dorthin, wo auch der Minotaurus haust und mit mir zusammen erst mein Ich bildet. Es bleibt halt kompliziert…
Wie immer stehe ich am Rand eines Anfangs… und blicke ihn an. Bis er auch mich anschaut. Dann gehen wir weiter… immer weiter…
Orientierungsplan
Ich bleibe bei mir. Denn ich habe gar nicht das Talent, um woanders seien zu können. Weiterhin einzelgängerisch, obwohl ich stets dachte, ich würde in einer Gruppe zurecht kommen. Doch öffne ich mich wohl nicht genug. Oder zu viel, was mein Gegenüber dann irritiert. Wie dem auch sei: ich bin ein Star. Doch ein einzelner Star versetzt niemanden in Staunen. Ein ganzer Schwarm Stare bringt dagegen völlig unerklärliche Dinge zustande. Ein Muster am Himmel, dass die Gesellschaft als Kunst ansieht. Erfolg, so wie die Gesellschaft es sieht, ist das Zusammenspiel vieler Faktoren: Einzelpersonen, deren Interaktionen, Glück, Zufall, als auch das Vermögen ein verdrehtes Spiel mitzuspielen, was die Gesellschaft liebend gerne spielt…
Das Ganze, was zum Erfolg führt ist, laut Gesellschaftsvertrag, mehr als die Summe ihrer Teile. Ich bin als Künstler nur ein kleiner Teil, ein einsamer Star, der seine Kreise zieht, d.h. in seinem Atelier herumfliegt und dabei versucht die Orientierung zu behalten…
Das gefällt mir.
Eine Blume ist eine Blume ist eine…
…wo sie eins gewesen waren
… bevor sie auseinandergespalten wurden? Heißt?: Bildende Kunst ist von jeher ein Ritual gewesen. Eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung. Wie könnte ich sonst auf die berühmten Höhlenmalereien von Lascaux schauen? 17.000 und 15.000 v. Chr. wurden die Felzzeichnungen dort hinterlassen. Der erste der Ersten malte dort seine Wildpferde und Auerochsen. Aber nicht, um sie auszustellen. Oder glauben wir wirklich, er hätte zuvor 50 € für eine Anmeldungsgebühr bezahlt, um an einer Ausstellung teilnehmen zu dürfen? Nein, er malte, weil es dafür ein Bedürfnis gab. Vernissagebesucher waren im Programm nicht vorgesehen. Niemand stöckelte vor den steinzeitlichen Wandzeichnungen umher. Niemand richtete sich den Pelzschal seiner Steinzeit-Kultur, nahm einen Schluck Brackwasser und begutachtete die Wandzeichnungen.
Diejenigen, die nach meinem Tod durch mein Atelier schlürfen, werden niemals sofort sehen oder verstehen können, was mich zu meinen Bilder getrieben hat. Ich habe keine Stiere auf einer Felswand hinterlassen. Gleichwohl vereinfacht mir mein künstlerisches Ritual die Bewältigung komplexer Lebenssituationen wie Trauer und Angst, wie Einsamkeit oder Flucht vor der Heuchelei des Kapitalismus. Wir Menschen haben unsere Urhöhlen inzwischen verlassen, manche von uns witterten da draußen ein echtes Geschäft für Fels- oder Kreidezeichnungen. Deshalb überschwemmen uninspirierte Possenreißer inzwischen die Szene. Marktschreierei ist eine olympische Disziplin geworden. Ich aber halte an meinen Bildern fest, begleite es mit Wortformeln. So versuche ich immer noch aus meinem emotionalen Höhlen-Labyrinth herauszufinden. Oder wenigstens mich selber im Jetzt zurecht zu finden.
Im Dunkel einer Höhle, im Verborgenen liegt die Quelle zur Kunst. Früher bewachte der Minotaurus den Zugang zu dieser Quelle. Das Mischwesen hauste in unser aller Seelen-Labyrinth…
Meine vom Traum erschöpfte Graswitwe
Freies Spiel
Mein Haifisch-Vogel
Das Bild, das mich träumt.
Künstler müssen auch Dichter sein. Das war mir immer schon bewußt. Es wird mir immer klarer. WortBild = BildWort, Mut zur Originalität, Originalität als Alleinstellungsmerkmal. Eine autonome Originalität, der die Kunst sich verpflichtet fühlen sollte, intuitiv, nicht so sehr einer Logik folgend oder einer Grammatik. Die Kunst, die mir vorschwebt, sie erzählt eine Geschichte ohne Ende oder einen präzisen Anfang. Wo genau würde meine Kunst denn beginnen? In welchem Alter? Bei welcher Gelegenheit? Nur rückblickend kann ich evtl. einen Anfang be-nennen. Wie bei einer Taufe. Am nächsten Tag sehe ich das vielleicht schon wieder anders. Die Räume haben sich verschoben, die Zeit ist, so scheint es mir, eine andere geworden. Ich bin ebenfalls ein Anderer geworden. Auch dadurch, dass ich einen Blick zurück wagte und somit ein Zucken meiner Zukunft wahrnehmen konnte. Ein Zucken, so immens kurz, dass ich gewillt bin anzunehmen, dass es gar nicht wirklich stattfand. Doch der Künstler in mir verlängert dieses unglaubliche Zucken. Es führt dann meine Hand, ich setze so den ersten Strich auf einer Leinwand. So betrachtet dauert es Jahrzehnte, es dauert auf diese Weise (m)ein ganzes Leben, bis das Bild, das mich träumt, vollendet ist.
















