Im Hier und Jetzt – Ein Intermezzo zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Zeitreisen, das habe ich in letzter Zeit durch das Studium einschlägiger Literatur zu diesem Thema erfahren, seien logisch durchaus möglich. Wohlgemerkt: Zeitreisen können logisch, das heißt ohne inneren logischen Widerspruch, argumentiert werden. Was aber nicht heißt, dass sie auch einen Sinn ergäben. Kritiker meinen sogar vehement, dass Zeitreisen überhaupt keinen Sinn machen würden.

Warum sollte ich denn sterben wollen in einer Zeit, die vor meiner Geburt liegt? Gutes Argument. Selbst wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte, z.B. in die vor-Corona-Zeit, so ist doch „alles bereits passiert“. Und somit könnte ich die Corona-Gegenwart, die uns jetzt gefangen hält, überhaupt nicht abändern. Logisch(?!). Bleibe ich also hier sitzen. Und träume mich allenfalls zurück… zu „vergangenen=gegenwärtigen“ Bildern.

 

Die Zungen kreuzen.

Wie die Leute, die sich intensiv mit sich selbst befassen, bin ich ein Mensch des Monologs. Eine Tatsache, die ich durchaus erkenne, für die ich aber eine Erklärung habe: Die Leute um mich herum, sie sagen zur Zeit niemals etwas. Anscheinend will man nur hören, was ich zu sagen habe. Deshalb bin ich es auch, der hier redet und redet und redet und…  O ja, ich weiß, was mir in dieser Corona-Zeit so sehr fehlt. Es ist das Zungenkreuzen! Nicht etwa das weltweite Säbelrasseln… o nein… ich vermisse das Zungenkreuzen. Das Austauschen von Wörtern, von Sprache. Die Wörter, die ich benutze, sie bedeuten schließlich immer mehr als ich meine, wenn ich sie benutze. Zum Beispiel das Wort „Tröpfcheninfektion“.

Ein Wort, dass man nicht aufsaugen sollte oder schlürfen wie ein Getränk, nicht einatmen(!) wie den Duft einer Blume. Sprechen, so sagt man, führt zu einer ganz besonderen Form des Verlustes. Über etwas sprechen bedeutet zugleich, dass man das Objekt verschwinden lässt. Okay?! Gut! Wir reden und reden zur Zeit ja permanent über Corona… aber ist es verschwunden? Na, bitte! Nun, ich rede hier bewusst nur über das Zungenkreuzen. Und das ist zur Zeit tatsächlich verschwunden. Ein absolutes Verbrechen finde ich das! Einfach bekloppt. Als ob das Schreiben meines Blogs ein Verbrechen darstellt, das mit der Zunge begangen wird… das ist doch völlig irre…  aber, was soll es, so leide ich nun also stumm vor mich hin. Tag für Tag.

 

Rede, denn dein Knecht hört.

Alle Tradition ist wie eine Laterne. Die Dummen halten sich daran fest, den Klugen weist sie ihren Weg, schreibt George Bernhard Shaw. Aber der Weg des Menschen ist bekanntlich lang. Vor allem bis zu seiner Selbstfindung. Oder der Begegnung mit seinem Gott. „Es kann nicht richtig sein,“ meinte Eugen Drewermann einst, „den Menschen Angst zu machen vor einem strafenden Gott. Erst Recht nicht, um ihren Geldbeutel zu leeren.“ Der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann meinte seinerzeit den Handel mit Ablassbriefen. Heute würde er wohl den Handel mit Atemmasken und Desinfektionsmitteln anprangern. Denn immer mehr Kriminelle nutzen die Angst vor dem Corona-Virus schamlos für ihre Machenschaften aus. Aber keine Bange: Können sie schon den Menschen entlaufen, so haben sie doch keine Flügel um Gott zu entfliehen.(Shakespeare)

P.S.: Es ist wahrlich unglaublich, wie mein kulturelles Gedächtnis in Form von „Fight Club“, George Bernhard Shaw, Eugen Drewermann, William Shakespeare und last but not least Gott funktioniert. Soapoperas, Superhelden-Comics, Rock- & Popmusik, alles vereint sich zum gemeinsamen „Willen zum Welt-Bauen“ (Georg Seeßlen). Oder schlicht: um mein Corona-Tagebuch zu führen. Sagte ich „schlicht“? „Was bin ich doch heute wieder für ein Schelm!“ (Heinz Erhardt)

Inside The Sanatorium (The Battle)

New York droht von der Epidemie überrollt zu werden. Die Ressourcen der Stadt, um mit der Krise fertig zu werden, reichen nicht einmal annähernd aus. So meldete der Bürgermeister am Dienstagabend mehr als 1000 Tote und 40.000 Infizierte. Und die Zahl der Neuinfizierten steigt täglich um 30 Prozent. Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpfleger berichten bereits von katastrophalen Zuständen – etwa in einem Krankenhaus in Elmhurst, einem Einwandererbezirk im New Yorker Stadtteil Queens. Vier Ärzte kümmern sich dort normalerweise um die Notfälle. Mit dem Coronavirus sei jedoch die Anzahl der akut Erkrankten um das Fünf- bis Sechsfache angestiegen, berichtet ein Arzt aus der Klinik. Zwei seiner Kollegen seien obendrein ausgefallen, weil sie sich selbst infiziert hätten. Inzwischen geht beim Personal die Angst um: „Das ist eine Selbstmordmission“, sagt eine Ärztin aus dem ebenfalls stark betroffenen Jacobi-Krankenhaus in der Bronx. „Wir machen ständig Witze über das Sterben, um mit unserer Angst zurechtzukommen.“ (Quelle: WAZ online,1.4.2020 )

(Bildcollagen mit Arbeiten von Henry Darger // Henry Darger war ein zurückgezogen lebender amerikanischer Schriftsteller und Künstler, der als Hausmeister in Chicago lebte und arbeitete.)

Geständnisse des Geistes

Arbeit, Konsum und Kultur liegen am Boden. Die Medien sprechen unisono von Stillstand. Aber ich höre mein Herz doch noch schlagen! Was also ist los? Wo befinde ich mich? Mein Herz steht noch nicht still. Noch spuckt es Blut, ist recht lebendig. Also, warum sitze ich hier, eingesperrt in meine eigenen vier Wände? Was habe ich verbrochen? Es soll so etwas wie „Künstlerkritik“ am Kapitalismus geben. Vielleicht ist Corona ein Symbol für diese globale Kritik? Corona hat den Ursache-Wirkung-Kreislauf unterbrochen.

Die Arbeit brachte das Geld für immer neue Farben und Leinwände, die ich für meine Kunstwerke nutzte, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Das war meine Arbeit, die mir Geld einbrachte für immer neue Farben und Leinwände…usw…usf… Das Verrückte ist, dass ich meine Kunst noch nie als eine Arbeit ansah. „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt.“ (Heiner Müller) …aber eben nicht nach Geld. Für mich war Kunst nie der Grund oder Anlaß um Geld verdienen zu wollen. Dieser Gedanke ist nach wie vor absurd für mich.

Der aktuelle Kunstmarkt hat aber eh die Kunst entzaubert und zum Luxusgut degradiert. Kunst sollte Bedeutung für das Leben haben. Für mein eigenes Leben hat sie es mit Sicherheit. Immer noch. Hendrik Ibsen schrieb einmal, er hätte seinen eigenen Kerker gemauert. Nun, ich habe die Kerkerwände mit ansprechenden Motiven tapeziert. Und wenn nicht mit Tapeten überzogen, dann wenigstens die Mauern geglättet.

Aber nicht um dann sofort der Kreditwirtschaft zu dienen, das heißt, aus meiner Isolations-Performance in meiner Wohnzelle wie ein Phoenix alles zu Asche zu machen, die sozialen Kanäle damit zu füllen und zu verstopfen. Nein! Eher sitze ich hier und starre wie Wilson Grant Fisk alias „Kingpin“ auf eine Zellenwand mit ihren ganz eigenen, zarten Spuren.

Was sagen sie mir? Was flüstern sie mir zu? An was erinnern sie mich? Diese zauberhaften Nuancen des Nichts. „An alles“, so lautet meine Antwort. Bleibt also nur die Frage: warum sitze ich hier? Bin ich nicht ein mächtiger Geschäftsmann, so wie er den Leuten da draußen gefällt? Habe ich nicht versucht den Dingen, die ich gestaltete, einen Zauber zu verleihen? O, ich verstehe – die Spuren meiner Atelierwand klären mich auf – ich bin nicht gar nicht Wilson Grant Fisk alias „Kingpin“, ich bin nur… billig!?

Kein 30 000-Euro-Glitzer-Überzug von Swarovski , mit denen ich meine Bilderrahmen veredle. In einer Welt, in denen alles auf Wertzuwachs angelegt ist, wo Immobilien und Luxusjachten kleinen Königreichen ähneln, da sitze ich doch tatsächlich nur da und male auf schäbigen Pappen, billigem Papier, mit billigen Pinseln. Poste unerlässlich Artikel auf Artikel auf meinen Blog… winzige Tropfen, die sich im Meer verlieren… aber niemals untergehen können. Die Obszönität der Reichen verlangt, dass ich mir den Sack aufspritze und damit vor ihnen herum hüpfe, zur grölenden Belustigung einer gelangweilten Meute.

Das sagen mir die Spuren an meiner Wand: Gut, dass ich keine Party-Attraktion war, bin und jetzt zur Zeit auch nicht seien muss. Hier in meiner Zelle gibt es keine Protzerei, kein super süß, super sexy, super easy, supergeil, keine Nobel-Prostituierten, die Schlange stehen, Champagner schon zum Frühstück schlürfen, Koks schnupfen, super fruchtig, super lecker, super smooth. Ach, was soll`s? Warum auch nicht? Ich erkenne doch an, das es für uns unmöglich ist keine Sünder zu sein, aber ich glaube fest daran, dass die eigentliche Kunst nur aus dem Herzen kommt. Und mein Herz schlägt noch, soviel ist mir inzwischen in der Isolation klar geworden… Wie bei einer Meditation, wo das Herabfallen eines Lichtstrahls den Geist erleuchten soll, so leuchtet die momentane Zurückgezogenheit gerade in jede dunkle Ecke meines Zimmers. Tag für Tag.

Dank Corona.

Das große WWWelttheater

Du rastlos Ungeheuer / Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer, / In ew’gen Wandelungen / Des Universums Werkstatt kühn entrungen… / Wer heißt, zum Leben / Dem rauhen Kern des Balls, der mich umgeben, / Mit so gewalt’gem Rufe mich entsteigen? / Wer, mich mir selbst entreißend, bricht mein Schweigen?… / wozu riefst du mich auf dies Gefilde? / An würd’gem Schauspiel sich am allerbesten / Die Geister kräftigen und heben / Und nur ein Spiel ja alles Menschenleben, / so mag auf deinen Auen / Der Himmel auch ein Schauspiel heute schauen… / So rüste du verschwendrisch und behende / Die holden Scheine, / Daß jeder Wirkliches zu schauen meine. / Und nun ans Werk! Derweil ich dirigiere, / Sei du die Bühne und der Mensch agiere… Oja; Alles ist ein großes Mysterienspiel, ein Welttheater, frei nach Pedro Calderón; erzählt auf sämtlichen Kanälen.

Trost suchen…

Auf einen Kaffee mit Gott? In Zeiten wie dieser, bieten viele Leute Trost an. [Unter den Missratenen] fehlt auch jene ekelhafteste Spezies der Eitlen nicht, die verlogenen Missgeburten, die darauf aus sind „schöne Seelen“ darzustellen und etwa ihre verhunzte Sinnlichkeit (…) als „Reinheit des Herzens“ auf den Markt bringen… (Friedrich Nietzsche). Auf 3sat/Kulturzeit reden mir u.a. Philosophinnen wie Svenja Flaßpöhler gut zu. Aber ich möchte doch lieber bei Nietzsche bleiben, bei dem ich auch folgenden Satz finde: Und dann gute Gesellschaft, unsere Gesellschaft! Oder Einsamkeit, wenn es sein muss.

Ja. Es muss wohl sein. Außerdem ist Gott tot. Und wenn er nicht tot ist, dann hat er bestimmt keinen guten Kaffee im Haus. Nur nach einem guten Kaffee verzeiht man bekanntlich auch den Eltern. Oder Gott.