Bizarrerien

… Kunst ist für mich eine liebgewonnene Konfusion eigener, wie auch fremdartiger Gefühle. Bizarrerien. Annulierte Beichten. Ein Berauschen an Silben und Formen. Bibeltexte auf Seiten aus Esspapier. Stumme Lieder, Blumen vergleichbar, die jemand über mein Leben streut. Aufgeblüht durch die Kraft des Absurden. Mit einer Seltsamkeit als auffälligste Charaktereigenschaft. „Mysterien erfunden, um uns von der eigenen Wirklichkeit abzulenken.“ (Charles Berthonzoz)

Mein Tanz Treiben

Wie stelle ich es dar? Wie formuliere ich es? Sagen wir so: „Meine Lust kann sehr wohl die Form eines Treibens annehmen… / … und mich um die unnachgiebige Wollust drehe(n), die mich… an die Welt bindet.“ (Roland Barthes)

Widerspruch

Gerade erst habe ich verstanden, dass das Sein ohne den Menschen stumm bliebe. Nur der Mensch habe diese „offene Stelle“, die er mit Kunst füllen=fühlen kann. In dieser Höhle könne er das Echo seiner inneren Stimme vernehmen. Und Bilder entstünden als Reaktion auf seine Stimmlaute. Alles hänge von der Wahrscheinlichkeit ab. Stimme und Bild seien beide real, sie existieren, ohne von einander zu wissen. Meine Stimme nehme die Existenz der Bilder nicht wahr, genau wie die Bilder nichts von meiner Stimme ahnen. Sie überlagern sich wie Wellen, eine erfasst mein Auge, zehn davon mein Ohr. Gerade erst begreife ich diese zauberhafte Poesie, da resümiert ein zeitgenössischer Galerist äußerst uninspiriert: „Die Kunst hat angefangen, sich selbst im Weg zu stehen. Sie hat sich selbst so kompliziert gemacht.“ Ich meine allerdings, nur Wissen kann etwas Wahres erklingen lassen. Unkompliziertes wirft einfach keine interessanten Schatten.

Besuch in einem Escape Room

Nun kommen wir zu dem Teil, wo ich Euch Freunde, die Ihr schlichten Gemütes seid, von Eurem nutzlosen und verpfuschten Leben befreie*. STOPP. Es geht hier nicht um den Joker. Und es handelt sich auch nicht um eine Kritik am Künstler Joseph Beuys, wie man vielleicht voreilig glauben könnte, weil wir dessen Bilder im Hintergrund meines Escape Rooms wiedererkennen. Nein, es geht schlicht um die Fähigkeit eines anderen Künstlers, zu lachen. Mein Lachen soll wirklich niemanden schmälern oder gar vernichten. Es hilft mir jedoch, wie kluge Mitstreiter es einst formulierten, bei humorvollen Gratwanderungen, doppelbödigen Spitzfindigkeiten und einem spielerischen Umgang mit Zitaten aus der Literatur- und Kunstgeschichte. Mag durchaus sein, dass Mark Twain recht hatte, als er sagte: „Die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Kummer.“ Allerdings, so will ich das jedenfalls sehen, kann man vieles ohne Humor einfach nicht richtig ernst nehmen.

*Der Joker

Revolution #10

„Dein Leben möge nur ritualfreies Spiel sein … Der kreative Mensch ist immer nur daran interesiert, wie er bei einer Sache wegkommt, es geht also um nichts, nur um die eigene Haut.“  ☛ (so Jonathan Messe, zitiert aus: „Der kreative Mensch“ von Wolfgang Ullrich). Ach, ist dem so, lieber Jonathan? Wenn du von Zerstörung sprichst, von ritualfreiem Spiel, weißt du, dann kannst du mich auszählen. Meine Spielregeln besagen nämlich, dass es schlicht unmöglich ist sich zu überholen. Aber wiederholen kann & darf ich mich zu jeder Zeit.

Der Philosoph Jacques Derrida erklärte mir zudem unlängst, dass nur die Wiederholung ein wahrer Ort der Originalität sei. Denn originell ist etwas, wenn ich zwar dasselbe sage, male & collagiere, aber alles mir zugleich in einem ganz neuen Licht erscheint. Und das tut es wirklich … immer und immer wieder.

„Wer die eigene Kreativität beherzt zum Einsatz bringt, wird nicht länger verzagt und entfremdet leben, sondern erlöst sein können.“ ☛ (aus: „Der kreative Mensch“; s.o.) Meine Originalität gleicht einer wundervollen Sisyphusaufgabe, einer ertraglosen und dabei erfrischend schwer=leichten Tätigkeit, einem nach vorgegebenen Regeln ablaufendes Spiel, ohne einem wirklich absehbaren Ende: also Kunst.

The Stigmata of St. Francis

Dort wo ein Spalt in der Realität sich auftut, wo zuvor noch feste Fugen auseinander brechen, dort treten Triebe an die Oberfäche, die man nicht erwartet hat. Zarte Pflänzchen brechen sich Bahn oder Absonderlichkeiten, die man mal mit Freude, mal mit Abscheu zur Kenntnis nimmt. Manch einer spricht von Unkraut, andere sagen Kunst dazu. Meine botanischen Kenntnisse sind mehr als bescheiden, aber ein Bild wie „The Stigmata of St. Francis“ ist mir auf seine ganz eigentümliche Art und Weise sehr vertraut; fiebrige Formen, übersatte Farben, ein halluzinatorisches Gebilde:

„Francis, geh und baue dein Atelier wieder auf, das, wie du weißt, ganz und gar in Verfall geraten ist,“  mag ich angesicht des Bildes ausrufen. Augenblicklich wird mir bewußt, dass dieses Bild nicht jeden ansprechen wird – kein Kuss der ganzen Welt! – nein, nein, ein Kuss auf ein neugieriges Augenpaar… und schon wird (s)eine Seele gesund – & das reicht mir völlig.

Kluge Sterne

…. Perlen ruhn in Meerestruhn,  / Doch weiß man sie aufzuspüren;  / Man bohrt ein Loch und spannt sie ins Joch, / Ins Joch von seidenen Schnüren.  

Die Sterne sind klug, / Sie halten mit Fug /  Von unserer Erde sich ferne; / Am Himmelszelt, als Lichter der Welt, / Stehn ewig sicher die Sterne. (Heinrich Heine)