Wiederbelieben

„Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne / Für ein Abgrund, für ein Schmerz. Ja, du bist es! meiner Freuden / Süßer, lieber Widerpart; Eingedenk vergangner Leiden, Schaudr ich vor der Gegenwart. Als die Welt im tiefsten Grunde / Lag an Gottes ewger Brust, Ordnet‘ er die erste Stunde / Mit erhabner Schöpfungslust, Und er sprach das Wort: Es werde! Da erklang ein schmerzlich Ach! Als das All mit / Machtgebärde / In die Wirklichkeiten brach. Auf tat sich das Licht: so trennte / Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente / Scheidend auseinanderfliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen / Jedes nach der Weite rang, Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang. Stumm war alles, still und öde, Einsam Gott zum ersten Mal! Da erschuf er Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual; Sie entwickelte dem Trüben / Ein erklingend Farbenspiel, Und nun konnte wieder lieben, Was erst auseinanderfiel. Und mit eiligem Bestreben / Sucht sich, was sich angehört, Und zu ungemeßnem Leben / Ist Gefühl und Blick gekehrt. Sei’s Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält! Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt. So, mit morgenroten Flügeln, Riß es mich an deinen Mund, Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund. Beide sind wir auf der Erde / Musterhaft in Freud und Qual, Und ein zweites Wort: Es werde! Trennt uns nicht zum zweitenmal.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

(Siehe hierzu auch nochmal die Artikel vom 14. und 15. Mai 2014. Als auch den Artikel vom 20. Mai 2014)

Meine Mutter mit ihrem kleinen Hermelin

Das Bild, das ich zur Trauerbewältigung von meiner Mutter und mir angefertigt habe, zeigt sie als eine junge Frau in kostbarem Gewand. Ihr glatt gescheiteltes Haar ist mit einer durchsichtigen Haube aus Gaze bedeckt, deren Goldrand knapp oberhalb der Augenbrauen zu sehen ist und deren Träger unterhalb des Kinns verlaufen. Gehalten wird die Haube von einem horizontalen schmalen Band. Am Hinterkopf trägt sie einen kurzen Zopf. Um ihren Hals verläuft eine zweifach lang-kurz gewickelte Perlenkette aus dunkelblauen verzierten Perlen, die möglicherweise aus Ebenholz bestehen. Auf ihrem linken Arm hält sie einen weißen Hermelin, auch Großes Wiesel bzw. Kurzschwanzwiesel genannt. Oder schlichter und einfacher: „Detlef“. (Mutti dehnte das erste „e“ von Detlef gerne, wenn sie mich rief. Oder mir sanft den Kopf tätschelte.)

Das Wiesel ist ein leiser Jäger, der in den kleinsten Zwischenraum gelangt und über ein feines Gespür verfügt. Er ist ein flinker Helfer in der Not (wie z.B. bei Verdacht auf zentrales BC am ehesten SCLC – Infiltration wachsenden mediastinalen/rechts hilären Raumforderung mit Obstruktion des apikalen Unterlappensegmentbronchus und des posterioren Oberlappensegmentbronchus – entsprechend ausgedehnte Atelektasen, als auch Lymphknotenmetastasen und anderen Unlustigkeiten wie hirneigenem Tumor etc…) Die rechte Hand meiner Mutter liegt leicht unterhalb meines/seines Halses. Eine poetische Geschichte besagt, dass das Wiesel lieber sterbe, als sich schmutzig zu machen (Naja…). Deshalb versinnbildlicht es für Christen wohl am Besten Reinheit und Keuschheit. Ein anderer Mythos besagt, dass das Wiesel sogar in der Lage sei, die eigenen toten Junge wieder zurück ins Leben zu holen. Ich wünschte, es wäre so einfach gewesen. Ich hätte Mutti ins Leben zurückgeholt. Aber leider… Es war komplizierter. 

Mir als Wiesel ist übrigens die Rune Eiwaz zugeordnet, welche bei Reisen durch die Anderswelt behilflich ist, die eigenen Schattenseiten aufdeckt und an das Licht bringt. Diese Rune weist darauf hin, dass es eine Blockade auf dem Weg zu geben scheint, aber auch eine Verzögerung könnte nützlich sein. Keine Hektik, kein Tun oder Gieren nach einem gewünschten Resultat ist nötig – Geduld heißt der Rat. In Verbindung mit dem Wiesel als Krafttier werden die Träumenden, die Künstler, in das Große Geheimnis von Leben und Tod eingeweiht und bekommen so neue Wege aufgezeigt. Ein Leben, das nun ohne meine Mutti weitergeht… & „werd ich einmal nicht mehr sein, schaue in dich selbst hinein, in dir selbst, findest du mich, mein kind, mein sohn, ich liebe Dich“

So wie die Dichterin Hanka Lindstaedt es in einfachen und schönen Worten formuliert, so sehe ich es auch: Ich liebe Dich, Mutti. Immer und ewig.

Kultur ist nicht, was man sich an die Wand hängt.

Heute las ich folgendes Zitat: „Jede Wunde hat ihr eignes Blut.“ Die Worte von Stefan Schütz berührten mich sehr. Dann fiel mein Blick auf ein Bild, das ich vor einiger Zeit angefertigt hatte…

Düstere Träume. Zerschnittene Seelen. Die verwirrende Vielfalt der Welt. Die Gedichte eines melancholischen Sanguinikers. Nichts, was man sich an die Wand hängen möchte. Aber die Unverkäuflichkeit solcher Wunden erscheint mir, wenn ich ehrlich bin, fast als ein schönes Privileg und Auszeichnung.

Was dagegen gefällt, sieht man beim Stil- und Luxusmagazin „Deluxe – Alles was Spaß macht.“ Dort ist der Name Programm: Es dreht sich alles nur noch um die exquisiten Dinge, die das Leben schöner machen: My crib, my cars, my clothes, my jewels / Look, I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (I, I get it) / I, I get money, money is got (Yeah, yeah)…

Jede Wunde hat ihr eigenes Blut. Ich bin zufrieden mit meiner.

Das bißchen Realität

Meine Aufmerksamkeit, mein Voyeurismus, gilt der Stelle, wo Wort und Bild sich zärtelnd berühren. Dort ist der Busch wo das Wort blüht, ein Bild seine Flügel ausbreitet & mein Fliederlicht glüht. Wort du verästelter Marmor! Sprache, die strauchelt. Welch Geheimnis in deinen Adern! Welches Blut durchtränkt die Wunden meiner Werke? Es rollen die Würfel des Zufalls / um eines Wortes Schicksal; ich male in Ketten. Lasst uns jagen das Raubwort / Das schneller ist als der Tiger. Und die Bilder? Sie sind das, was die Krallen der Großkatze sind. Wort zur Waffe verwandelt / Du meldest mich finsteren Engeln. Das heißt ich fertige ein Bild. Regen der Worte / Füllt meinen erblindeten Brunnen! Der Regen der Farben betaut meine Leinwände mit Leben. Im Käfig des Wortes / Wird jedes Gefieder zu Nachtigall. Ich öffne die Käfigtür, damit die Bilder davon fliegen können. Mein Dornbusch in dem das Wort brennt / Das mich zum König des Kummers ernennt! Bilder, die mich zum König machen in einem kleinen Reich. Ein König, dem seine Mutter stirbt. Ein König, der gegen das Sterben anmalt. Ein König, der phantasiert, er könnte siegen. Diese Phantasie, sie ist…

(Sprechen? Kritzeln? Yvan Goll und ich.)

Bild über die Unverständlichkeit des Lebens

„Das Werk, das man malt, ist eine Art, Tagebuch zu führen.“ Schreibt Picasso. Und er hat recht. Tag für Tag wird Verständliches und Unverständliches von mir notiert und aufgezeichnet. Das heißt, ich nenne einiges beim Namen, anderes ist mir selber fremd… Aber das wunderbar Rätselhafte am Unverständlichen wird von mir nicht plump gelöst und schnellstmöglich in illusorische Verständlichkeit (rück)überführt. Warum sollte ich auch? Die große Unverständlichkeit des eigenen Lebens wird schlicht als unlösbar von mir akzeptiert und anerkannt. Sie spiegelt sich in meinen Augen deshalb liebevoll und wahrhaftig rätselhaft wider.

Ein Bild meiner unerforschten Zeit

Wo wird unsere Lebenszeit aufbewahrt? In einem kleinen Tresors, der künstlerisch gestaltet ist? In älteren Kirchengesprächen, heißt es, sie sei in den Altaraufbau eingelassen. In neueren Kirchenworten weht die Zeit oft frei über einer Stele. Manchmal ist für die Zeit andernorts auch ein eigener Nebenraum vorgesehen, ein Ort der Stille und der Anbetung. Manchmal steht dort ein Bild? Ein Bild über Handreichung. Ein Bild über einem Totenbett. Ein Bild, das sich selber malt.

Irritierende Leidenschaft

Es gibt irritierende Ereignisse, die ein Mittel sind, zu irritieren, wie zum Beispiel die Ereignisse zwischen zwei Ereignissen und Ereignisse, die solche irritierende Ereignisse erkennen lassen. (Thomas Bernhard)

Ebenso gibt es irritierende Bilder, die ein Mittel sind, zu irritieren.