Gaukler küssen meine Stirn

„Les Saltimbanques“ (… zu deutsch „Die Gaukler“ oder auch „Die Gauklerfamilie“ ); dieses Bild wirkt wie eine kleine Zusammenfassung von Themen und Charakteren, denen ich in den letzten Jahren meine Aufmerksamkeit gewidmet habe… „in Ländern, die ich nie geschaut.“ (Emily Dickinson). Unreife Künstler mögen entlehnen, ich meine, dass reife Künstler stehlen, kopieren, übernehmen, imitieren und zitieren. Und „zitieren“ bedeutet hier, Originale betrachtet, sie gehört, sie gelesen zu haben. „Das Seltsame ist ja, dass sogar Bücher, an die wir uns nicht mehr bewusst erinnern können, Teil von uns sind und wie eine vergessene Melodie plötzlich wiederkehren können.“ (Siri Hustvedt; „Leben, Denken, Schauen„)

„Der behexte Stallknecht“

Das folgende Blatt zählt sicherlich zu einem den rätselhaftesten Werken unseres Künstlers. Es handelt sich hierbei um einen übermalten Holzschnitt, der gerne als „Der behexte Stallknecht“ betitelt wird. Die Szene drängt sich den Betrachtenden in ihrer ungewöhnlich starken Verkürzung geradezu auf: Ein Stallknecht (oder ein „Atelierknecht“?) liegt rücklings am Boden. Striegel und Heugabel sind ihm aus den Händen gefallen. Es bleibt offen, ob er lediglich das Bewusstsein verloren hat, er vielleicht träumt oder ob er gar tot ist. Über ihm steht eine scheinbar weibliche Figur. Rechts beugt sich eine Hexe mit einer Fackel durch die Fensteröffnung in den Raum. Wurde der Knecht von der angedeuteten Figur überwältigt oder ist er gar ein Opfer von Hexerei, also von erotischer Träumerei? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Überraschend sind zudem die Hinweise auf den Künstler selbst: Das Täfelchen mit dem Monogramm „D.B.4.9.2020“ ist rechts unterhalb des Liegenden prominent platziert. Ein weiterer Hinweis auf einen anderen Künstler findet sich jedoch an der Wand. Zu erkennen ist das Wappen der Familie Baldung (Hans Baldung Grien war ein deutscher Maler, Zeichner und Kupferstecher zur Zeit Albrecht Dürers) – ein Einhorn, das symbolisch für Keuschheit und Jungfräulichkeit steht, und hier seitenverkehrt wiedergegeben ist, als wende es sich der weiblichen Figur zu.

Das obige Bild wirft selbstverständlich Fragen auf, die sich nur schwer beantworten lassen. Die Vorschläge für eine Deutung der Arbeit gehen im Wesentlichen in zwei Richtungen: Zum einen hat man sich auf die Suche nach textlichen Quellen begeben und ist dabei auf die Sage des „Ritter Hagenbuch und das Ärzte-Team Löchel-Pietsch und Zehetbauer / Bekannt geworden durch die Triptychon-Therapie im Rondo-Verfahren / Intensivstation dann Offensivstation dann Defensivstation / Und dann wieder Intensivstation“ gestoßen, die zahlreiche interessante Parallelen zu unseren obigen Darstellung aufweisen. Zum anderen wurde das Blatt des „verhexten Stallknechts“ als ein Selbstzeugnis des Künstlers Baldung (= Bach?), als „Todestraum“, gedeutet. Fraglos scheint lediglich, dass wir es mit der Darstellung eines Menschen zu tun haben, der übermächtigen Gewalten ausgesetzt ist.

Bach selber, in dessen Sammlung das Blatt sich befindet, äußert sich nur mit einem Zitat von Hanns Dieter Hüsch: Ich widme / Dieses Stück / Allen Erwachsenen / Die plötzlich aussehen / Wie Kinder / Die sich noch mit nichts befasst / Aber alles verstanden haben.

 

 

Augen schweigen nicht

Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist. Ihr Götter – habt ihr doch jene Verwandlungen bewirkt –, beflügelt mein Beginnen und führt meine Dichtung ununterbrochen vom allerersten Ursprung der Welt bis zu meiner Zeit!

(Ovid, „Die Metamorphosen“.)

Vor- und Anhänge der Inspiration

Am Anfang. Was war da? Ein Funke. So heißt es gerne an literarischer Stelle. Dem folge ich gerne nach; sagt sich so leicht daher. Aber es ist schwerer, als man denkt. Es ist leichter als in einem Traum. Das Bild nehme ich mir selber ab: eine später annullierte Beichte… abnehmen: umgangssprachlich – etwas für wahr halten, glauben. Ich glaube, was ich da sehe: etwas, was jemandem aufgebürdet wurde, um es an seiner Stelle zu übernehmen: ein Wort=Bild. Von einem Outsider. Dieses Spiel akzeptiere ich schon längst, lächelnd; Bilder werden Dokumente, weil sie zu guter Letzt zu  Denkmälern werden.

wie von einer fremden, bösartigen Macht gezwungen sagt deine Zunge oft Worte, von denen dein Herz, dein Verstand nichts wissen können…*

(* Clemens Brentano)

Durch ein Labyrinth zum frohen Ende

Bei einem Denker sollte man nicht fragen: welchen Standpunkt nimmt er ein, sondern: wie viele Standpunkte nimmt er ein? Mit anderen Worten: hat er einen geräumigen Denkapparat oder leidet er an Platzmangel, das heißt: an einem „System“? (Egon Friedell)

Warum ich so schmutzig bin

Bei Hegel steht die Kunst… eindeutig über der Natur: nicht, weil sie schön ist, sondern weil sie etwas zu sagen hat… Der Teilhabe am liturgischen Ritual entzogen, ist das Bild entmachtet. Es dient nur noch der kontemplativen Betrachtung. So wird es zu einem Kunstwerk im modernen Sinne. (Zitat: Karlheinz Lüdeking aus: „Nach dem Ende der Kunst“, Frankfurter Allgemeine online, 27.8.2020)

Ich könnte es aber auch so formulieren: „I bang my own drum / Some think it’s noise / I think it’s pretty /… I am what I am“.

Der Atem der Eltern / Mein Handtaschen-Requiem

Der Geist von Mutter, der Atem von Vater, alltäglich zu spüren in den zurückgelassenen Taschen…

Vater, dir drohet nichts, / Siehe, es schwindet schon, / Mutter, das Ängstliche, / Das dich beirrte! / Wäre denn je ein Fest, / Wären nicht insgeheim / Wir die Geladenen, / Wir auch die Wirte? („Gesang der Ungeborenen“ von Hugo von Hofmannsthal.)