Trennungsträume

Die Kunst ist nämlich nicht an Siegen interessiert, oder sie hört auf, Kunst zu sein. Das ist die Agonie des Erfolgs…

Kunst ist nicht verlautbar, bleibt im Hals stecken, ist, sozusagen, zum Kotzen. (George Tabori. Aus: „Betrachtungen über das Feigenblatt“)

Wie wahr, wie wahr, ich reiße das Feigenblatt herunter, erfreue mich an der Blöße des Freigelegten, und wandel weiter in meinen Träumen: Wie, wenn die Sonne hinter dem Monde hervor eine zauberhafte Dämmerung in einer düstern-schönen Eklipse auf die Halbscheid meines Lebens schüttet.

Damals / Heute / Wer ist der Ärmste

»Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer. Der Reiche versetzte: »Lümmel, was gäb ich darum, wär ich so hungrig, als Er!« So schrieb einst der Dramatiker und Lyriker Heinrich von Kleist über das Künstlertum.

Und dieser Text soll antiquiert sein? Als ich vor einiger Zeit bei einer Millionärsgattin zu Gast war, um ihr meine Werke präsentieren zu dürfen, hatte diese es so wunderbar im Geiste von Kleist formuliert, als sie mir erklärte: „Du bist ja auch nur so einer, der darauf wartet, dass Brotkrümel von meinem Tisch fallen.“ Wie gut, dass ich so oft eine Kappe oder (noch besser) einen Hut trage, da darf jeder mal was reinwerfen.

Schwarzfilm (Repríse)

Eigentlich war ich ganz fest entschlossen, kein Bild mehr zur aktuellen Corona-Pandemie zu schaffen. Aber meine Beschäftigung mit Texten des Dramatikers Heiner Müller lässt mich heute (noch einmal) eine kleine Ausnahme machen. Aufmerksam und nachdenklich lese ich seine folgenden Zeilen, die fürchterlich aktuell klingen: „Andererseits ist durch nichts erwiesen, dass der Mensch auf der Erde das herrschende Lebewesen ist. Vielleicht sind es ja die Viren, und wir sind nur Material, eine Art Kneipe für die Viren. Der Mensch als Kneipe…

– auch das ist nur eine Frage der Optik.“

(Heiner Müller; aus: Da trinke ich lieber Benzin zum Frühstück (1989))

Schwarzfilm

Es gibt keine Pause im Bilderfluss.

Also wäre es gut, damit man die Bilder überhaupt wieder sieht, daß sie ab und zu durch Schwarzfilm unterbrochen werden, wo man also nichts sieht.

Und die Funktion von heutiger Kunst wäre die, diesen Bilderfluss – aber das sind ja inzwischen alles Klischees – mit einer Störung der Sehgewohnheit zu unterbrechen.

( Zitat: Heiner Müller; aus: Fünf Minuten Schwarzfilm (1988) )

Stiller Reichtum…

„Unter andern öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die ich nicht nennen, der ich aber auch andrerseits keinen erdichteten Namen beilegen möchte, befand sich ein…, wie es wohl die meisten Städte, ob groß oder klein, besitzen, nämlich ein Wohnraum (von lieben Freunden); und in diesem wurde jüngst Kunst hineingeboren, der Name von diesem Bild lautet: Stiller Reichtum einer imaginären Landschaft.“

(…frei zitiert aus „Oliver Twist“. Von Charles Dickens)

Die vergessenen Ahnen

Der Dichter Heiner Müller schreitet im Atelier mit mir zusammen die Bilder ab, die ich in den letzten Wochen geschaffen habe. Er pafft dabei eine Zigarre, pustet ihren schamanenhaften Rauch ab und an in den Raum, wobei der Dichter seinen Kopf stets leicht nach oben reckt…

Plötzlich hält er im Gehen inne und flüstert, halb sich, halb mir zu: „Mein Weg nach oben ist ein Weg in die Vergangenheit, der Abgrund unter mir heißt Zukunft. Was ich suche, ist die Blutspur der VERGESSENEN AHNEN. Übrigens kann von oben oder unten, von Vergangenheit und/oder Zukunft keine Rede sein, der Raum hat keine Richtung in der Zeit.“ Wieder fällt mir auf, das eine dichterische Sprache am ehesten für eine sinnvolle Übersetzung von Bild in Text taugt. Wie oft habe ich das nicht schon gesagt und geschrieben. Gut tausend Artikel auf dem Blog geben Zeugnis davon. Heiner Müller lächelt und als würde er meine Gedanken lesen, sagt er: „Wenn man schreibt…“ -so viele Artikel- „…ist man ein Tausendfüßler.“

Sinn-Lichtkeit

Kunstwerke, Kunstworte. Was kommt zur Sprache? Kommt Sprache zum Bild, wie die Jungfrau zum Kinde? Jede Sprache ist ein Vielfaches, sie ist Wort, wie auch Bild. In Wörtern und Bildern (zugleich) liegt ein Reichtum an Weltdeutungen verborgen. Wort und Bild können uns auf verschiedene Weise mit der inneren und äußeren Welt vertraut machen. Gemeinsam bilden sie für mich dann… Zarte Ranken, / blasse Schatten / … / Lautlos fliegt ein Falter. / Ich wandle wie trunken durch sanftes Licht… (Arno Holz)