Stiller Reichtum…

„Unter andern öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die ich nicht nennen, der ich aber auch andrerseits keinen erdichteten Namen beilegen möchte, befand sich ein…, wie es wohl die meisten Städte, ob groß oder klein, besitzen, nämlich ein Wohnraum (von lieben Freunden); und in diesem wurde jüngst Kunst hineingeboren, der Name von diesem Bild lautet: Stiller Reichtum einer imaginären Landschaft.“

(…frei zitiert aus „Oliver Twist“. Von Charles Dickens)

Die vergessenen Ahnen

Der Dichter Heiner Müller schreitet im Atelier mit mir zusammen die Bilder ab, die ich in den letzten Wochen geschaffen habe. Er pafft dabei eine Zigarre, pustet ihren schamanenhaften Rauch ab und an in den Raum, wobei der Dichter seinen Kopf stets leicht nach oben reckt…

Plötzlich hält er im Gehen inne und flüstert, halb sich, halb mir zu: „Mein Weg nach oben ist ein Weg in die Vergangenheit, der Abgrund unter mir heißt Zukunft. Was ich suche, ist die Blutspur der VERGESSENEN AHNEN. Übrigens kann von oben oder unten, von Vergangenheit und/oder Zukunft keine Rede sein, der Raum hat keine Richtung in der Zeit.“ Wieder fällt mir auf, das eine dichterische Sprache am ehesten für eine sinnvolle Übersetzung von Bild in Text taugt. Wie oft habe ich das nicht schon gesagt und geschrieben. Gut tausend Artikel auf dem Blog geben Zeugnis davon. Heiner Müller lächelt und als würde er meine Gedanken lesen, sagt er: „Wenn man schreibt…“ -so viele Artikel- „…ist man ein Tausendfüßler.“

Sinn-Lichtkeit

Kunstwerke, Kunstworte. Was kommt zur Sprache? Kommt Sprache zum Bild, wie die Jungfrau zum Kinde? Jede Sprache ist ein Vielfaches, sie ist Wort, wie auch Bild. In Wörtern und Bildern (zugleich) liegt ein Reichtum an Weltdeutungen verborgen. Wort und Bild können uns auf verschiedene Weise mit der inneren und äußeren Welt vertraut machen. Gemeinsam bilden sie für mich dann… Zarte Ranken, / blasse Schatten / … / Lautlos fliegt ein Falter. / Ich wandle wie trunken durch sanftes Licht… (Arno Holz)

Auf der Couch bei Dr. Schön

»Was führt Sie her?«, will Dr. Schön von mir wissen…

Dr. Schön gibt mir keine Tipps, wie ich mich als Künstler verhalten soll. Er hilft mir, eine individuelle Antwort in mir selbst zu finden. Oder durch meine Bilder. Schön. Von jeher sind für mich Bilder wichtige Bestandteile meiner Erzählungen (…wie auf diesem Blog). In künstlerischen Reflexionen wird mir oft deutlich, wie selbst hinter einfachsten Bildern ein komplexes Puzzle von Bezügen zur Geistesgeschichte, Logik und Philosophie steckt, ein Aufruf für die Selbstbestimmung des Menschen jenseits gesellschaftlicher Zwänge.

In den Verbindungen von innen und außen, dem Träumerischen und Unheimlichen, ist es zudem leicht in den eigenen Werken Parallelen zu Modellen der Psychoanalyse zu entdecken. Laut der umstrittensten These von Sigmund Freud haben alle Kultur und Religion z.B. den Mord, den Opfertod des „Vaters“, als Fundament unserer Gesellschaft.

Und als ob sein eigenes Schicksal dies unterstreichen will, wird mein Dr. Schön tatsächlich ermordet. Seine Mörderin und einstmals Geliebte lebt danach in Paris und London mit dem gemeinsamen Sohn, einem verrückten Hutmacher.

Sie geht auf den Strich und fällt am Ende einem Lustmörder namens „Feuilleton“ zum Opfer. Ihr Sohn wird Künstler, barocker Minimalist und paradoxer Archäologe.

(Alle ab. Vorhang.)

Hinter den Kulissen treffe ich dann tatsächlich sie… mit ihr wollte und will ich sprechen… Sie wendet sich um und spricht: Meister!

Über die Bestäubung der Kunst

Die Bestäubung meiner Bilder kann erfolgen, wenn Wind oder Wasser die Farben auf meine unterschiedlichsten Pinsel oder Federn tragen. Oft bleiben die Farben aber auch an Insekten oder Vögeln kleben, die in meinem Atelier von einem Bild zum nächsten fliegen und so die Bestäubung meiner Kunstwerke übernehmen. Damit die Augen mir Tag für Tag eine Menge Freude bereiten können, sind meine Werke gerne farbig und „duften süß“ nach grüntürkis und orange.

„Es ist heilsam, sich mit farbigen Dingen zu umgeben. Was das Auge freut, erfrischt den Geist, und was den Geist erfrischt, erfrischt den Körper.“ ( ☛ Prentice Mulford; 1834 – 1891, US-amerikanischer Journalist, Erzieher, Goldgräber und Warenhausbesitzer.)

 

Alle Träume haben einen Grund

Was ist geschehen? Im Traum erblicke ich mich ohne meine obligatorische Mund-Nasen-Maske. So wird mir augenblicklich bewusst, dass es sich hier um ein Bild aus einem alten Traum handeln muss, um einen schönen Traum aus einer längst vergangener Zeit.

Ich öffne die Augen, erhebe mich von den Laken, um mich sofort unter der Last der Erkenntnis wieder setzen zu müssen. Seufzend  sacke ich in mich zusammen. Die Träume sprechen zu mir. Sie flüstern mir zu: „Sieh nur, was aus dir geworden ist. Ein bildender Künstler ohne Publikum.“

Aber so schlimm ist das nicht. Der Dichter Friedrich Hebbel beschrieb es für mich einmal sehr treffend mit: „Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnenaufgang.“

(Mein Artikel, passend zum 1.Jahrestag von Deutschlands erstem positiven Coronafall.)