Der alte weiße Mann unter dem Meer

„Ich weiß, was das Mädchen braucht“, glaubt der alte Mann… „Die Rhythmen und Delirien, das Blau im rauchigen Schleier, verfärbt sind sie im Nu hier, versengt sind sie, verzehrt: so brannte noch kein Branntwein, kein Lied und keine Leier, wie hier das bittre Rostrot der Liebe brennt und gärt! / Liebling, es ist besser / Unten wo es nasser ist / Nimm es von mir / Oben am Ufer arbeiten sie den ganzen Tag / Draußen in der Sonne versklaven sie sich / Während wir uns hingeben / Vollzeit zum Schwimmen / Unter dem Meer – manchmal sah mein Auge, was Menschenauge träumt…“  Träum weiter, Mann!

In·s·pi·ra·ti·on / ɪnspiraˈt͜si̯oːn,Inspiratión

„Herr Bach, sagen Sie unserem Publikum doch kurz: Wie entstehen bei Ihnen die Ideen?“

„Tja, ich weiß nicht, manch einer behauptet, die Inspiration wäre so ein schöpferischer Einfall, ein Gedanke, also eine plötzliche Erkenntnis. Sie verstehen, eine erhellende Idee, die jemanden, besonders bei einer geistigen Tätigkeit, weiterführt… Erleuchtung, Eingebung – „künstlerische, dichterische, musikalische Inspirationen“… So etwas halt. Noch besser wäre allerdings: Inspiration ist das Einatmen während einer zynischen Hysterie Stunde! Zynische Hysterie Stunde. O, der wunderbare Titel (original: „Filmworks VII: Cynical Hysterie Hour“), der einfach hervorragend für mein Inspirationsverständnis stehen könnte/sollte, geht zurück auf das 1989Album von John Zorn. Der Musiker, den ich sehr schätze. Er komponiert hier für eine Serie von japanischen Zeichentrickfilmen, die der Künstler Kiriko Kubo geschaffen hat; Stück 20 auf der CD ist „Omelet Punk 1“ (0:21) … Stück 24 lautet „Omelet Punk 2“ (0:28)…

… beides sind (eigentlich echt kurze) Quellen der Inspiration für mich. Wissen Sie, ich kann nicht mal die einfachste Tonleiter spielen. Bei einem Nachnamen wie dem meinen, schon etwas peinlich, finde ich. Oder?

Stattdessen könnte ich aber, wenn verlangt, ein Gedicht aufsagen. Wie zum Beispiel: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem weißen Leib, du Weib. Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht, da blüht ein süßer Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht. Da will ich sein im tiefen Tal. Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl…

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, da schlief ich manchen Sommer lang bei dir und schlief doch nie zu viel. Komm her… ich weiß ein schönes Spiel im dunklen Tal, im Muschelgrund… ach, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!“ Von François Villon. Würde mich wirklich inspirieren.

Ob nun Omelet oder Erdbeere… ich mag beides. Oder ich finde eine Fotografie von Dennis Hopper und – ZACK – bin ich inspiriert zu bestimmten Arbeiten.

Fast könnte man meinen, ich könnte nicht zurückhalten, so eine Art (künstlerische) Ejaculatio praecox; aber ich schwebe einfach so dahin, im Traum… und da kommt mir schon so manch eine Idee…

Ich schalt‘ die Glotze an / Die Daltons Waltons, everyone  / Ich glotz‘ von Ost nach West, 2, 5, 4 / Ich kann mich doch gar nicht entscheiden / Ist alles so schön bunt hier!…

Ja, ich lasse es einfach geschehen. Zurückhaltung ist mir genauso unerträglich, wie die vollauteste Aufschneiderei. Ich zeichne halt, wie einem der Schnabel gewachsen ist… Manch böse Lästerzunge kräht, ich wäre „ A Little Busy Body“, aber das stört mich nicht…

Frauen!… so heißt es, sie inspirieren uns zu großen Dingen. Hindern uns aber dann daran, diese auszuführen. Hahaha! Das ist lustig…

Und die Inspiration? Ich glaube, das ist eine alte romantische Idee ohne Sinn und Verstand. Wissen Sie, wer das gesagt hat? Rodin! Ich frag mich, ob der Omeletts mochte. Schon gewusst? Omeletts sind weltweit beliebt. In Spanien heißt die Eierspeise Tortilla und besteht klassisch aus in Olivenöl angebratenen Eiern, Kartoffeln und Zwiebeln. Apropos Zwiebeln. Ich hab mal eine benutzte, mit Essensresten verschmierte Pizzaschachtel, in der ich mir eine Pizza Cipolla/Zwiebel gekauft hatte, zum Kunstwerk umgestaltet. Mit etwas Bootslack alles versiegelt, ein paar liturgische Farben wie ein Smaragdgrün, Marienblau, Blutrot drauf und – ZACK – fertig. „Das vorletzte Gericht“ hatte ich die Arbeit getauft. Und schnell einen Käufer dafür gefunden… Ach ja, Inspiration.

Ein echtes gefühlsmäßiges Durcheinander, nicht wahr? Leider muss ich gestehen, dass mir auf die Schnelle dazu leider überhaupt nichts einfällt.“

Gedanken über das Auswaiden

Das Auswaiden des Wildes geschieht stets nach gewissen Regeln: Zum Aufbrechen des Wildes wählt man einen freien, berasten Platz. In Ermangelung desselben bestreut man sich einen unberasten Platz mit frischen Laubbrüchen und streckt hier das Wild so aus, dass es auf dem Rücken zu liegen kommt und die Läufe gen Himmel gekehrt hat. Den Hals und Kopf legt man in dieselbe Richtung, wie den Corpus. Beim gehörnten Wild zieht man das Geweih gegen den Corpus zurück, so dass es zu beiden Seiten des Halses zu liegen kommt, und dass der Unterkiefer mit dem Hals eine Linie bildet.

Hatten meine Eltern deshalb das berühmt-berüchtigte Bild mit dem Hirsch in ihrer Wohnung? Weil sie wussten, dass eines Tages alles so kommen würde. Und wenn nicht sie, dann aber am Ende mit Sicherheit ihre geliebte Wohnung ausgewaidet wurde. So geschehen am 9. April, im Jahre des Herrn, 2019.

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Seneca und meine Venus

„Es geht in meiner Kunst um Sex, aber es geht nicht zur Sache. Es geht vielmehr um eine Sache, die ständig wiederkehrt. Der Auslöser dieser Wiederholungs-Phantasie ist oft ein Traum, in dem eine griechische Venus im christlichen Norden friert und sich in Pelze hüllen muss, oder ein Gemälde, das mich in jungen Jahren in demütiger Haltung zu Füßen einer anderen Venus im Pelz zeigt. Diese flüstert mir zu: „Du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir bedingungslos gehöre.“ Was wäre, wenn? Wenn der Mann die Frau dominiert? Oder die Frau den Mann? Oder der Mann die Frau, damit sie ihn dominiert? Oder die Frau den Künstler, damit er sich einbildet, er habe sie in die Rolle der Domina geschoben? Eine verschachtelte Angelegenheit. Ein vertracktes Verwechseln der Ebenen, von Realität und Fiktion: meine Kunst. Meine Phantasie.“

„Unstetes Hin- und Herflattern ist Anzeichen eines krankhaften Gemütszustandes. Erstes Anfordernis an eine Geistesverfassung, die als eine wohlgeordnete gelten soll, ist meines Erachtens die Fähigkeit, den Schritt zu hemmen und Einkehr in sich selbst zu halten.“

Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.), genannt Seneca der Jüngere, war ein römischer Philosoph, Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker; Selbsttötung auf Geheiß seines ehem. Schülers Nero (Römischer Kaiser von 54 – 68) Quelle: Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 2. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924)… Und ich? Ich flatter weiter. Immer weiter. Meinem Glück hinterher.

Mein Ich im Du

Ich schlafe

Ich schlafe: aber meine Ängste wachen; / in meine Träume beißen sie sich fest / wie Hunde. Rot grell ihr Lachen / gleich dem von einer Dirne, die sich kitzeln läßt.

Die Augen schmerzen. Und die Arme zittern; / das Mädchen neben mir ist kühl wie Schnee. / Ich reiße an den Pforten wie an Eisengittern… / – Gib mir die Hand: mir tut die Stirn so weh.-

(Hans Leybold)

Der Künstler als Schmuggler

Kunst, die den Geist der Autonomie verkörpert, die einfach nur Kunst sein will: ein frei wählbares Geschlecht zwischen Zerstörung und Aufbau? Bin ich das wirklich? Diese Frage stelle ich mir nicht nur heute. Ich stellte sie gestern, wie auch vorgestern. Ständig.

Ich wiederhole: Bin ich das, was andere von mir sagen? Eine Künstler-Seelenrede? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Ein Selbstverhör? Unruhig, krank, wie ein Vogel im Käfig? Hungernd nach Farben, nach menschlicher Nähe? Der Dialog eines Mannes mit seiner Anima? Zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge? Eine Psychoanalyse von Menschen?! Sie leiden unter ihrer Unvollständigkeit. Jeder sucht (s)eine verlorene andere Hälfte. Diese Sehnsucht manifestiert sich in dem erotischen Begehrens des Schmugglers, das auf Vereinigung abzielt.

Letztlich sind es einfache Schmuggler, so wie ich einer bin, die mehr oder weniger heimlich mit Fotografien im Gepäck das Reich der Malerei betreten! Der Philosoph Michel Foucault nennt das „den visuellen Spielen (der Bildenden Kunst) ihre Würze geben“. Was Foucault (wie auch mich) fasziniert, sind die, so seine Formulierung, „androgynen Bilder“, die „schönen Hermaphroditen“, Arbeiten aus fotografischem Abzug und Farbe auf Leinwand oder Papier. Diese Interferenz zwischen Malerei und Fotografie, die wir heute, gelangweilt gähnend, mit dem unpoetischen Begriff der Intermedialität belegen, zeigt sich längt und alltäglich im Schwall der fotografischen Bilder, die sich jeder Kategorie von Autorschaft zu widersetzen scheinen. Die Fotografie, sie ist längst ein offenes Spiel von Bildern der Realität geworden, die allerdings Malern (wie mir) zur Verfügung stehen! Fotos sind eben nicht länger mehr Bilder der Wirklichkeit, sondern sie sind Zeichen einer Wirklichkeit, sind eine Verkettung von Zeichen, die es zu benutzen gilt.

Zeichenstunde

Jede Zeichenstunde verläuft in meinem Atelier wie ein Tanz. Und jeder Kunsttanz zeichnet sich immer wieder dadurch aus, dass sich Künstler und Bild in einer ganz bestimmten Art und Weise um und mit einander bewegen. So wie man es als Einzelner zum Beispiel nie erreichen kann! Das setzt selbstverständlich eine ganz besondere Beziehung zwischen uns Partnern voraus. Wer führen will, muss hierzu eindeutige Signale senden. Und wer ge- oder verführt wird, muss sensibel auf diese Führung reagieren. Die Führung wechselt bei meinem Kunsttanz ständig. Fazit: Das Kunstpaar ist am Ende stets nur so gut, wie der Schwächere von uns beiden genial ist.