Gedanken über das Auswaiden

Das Auswaiden des Wildes geschieht stets nach gewissen Regeln: Zum Aufbrechen des Wildes wählt man einen freien, berasten Platz. In Ermangelung desselben bestreut man sich einen unberasten Platz mit frischen Laubbrüchen und streckt hier das Wild so aus, dass es auf dem Rücken zu liegen kommt und die Läufe gen Himmel gekehrt hat. Den Hals und Kopf legt man in dieselbe Richtung, wie den Corpus. Beim gehörnten Wild zieht man das Geweih gegen den Corpus zurück, so dass es zu beiden Seiten des Halses zu liegen kommt, und dass der Unterkiefer mit dem Hals eine Linie bildet.

Hatten meine Eltern deshalb das berühmt-berüchtigte Bild mit dem Hirsch in ihrer Wohnung? Weil sie wussten, dass eines Tages alles so kommen würde. Und wenn nicht sie, dann aber am Ende mit Sicherheit ihre geliebte Wohnung ausgewaidet wurde. So geschehen am 9. April, im Jahre des Herrn, 2019.

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Seneca und meine Venus

„Es geht in meiner Kunst um Sex, aber es geht nicht zur Sache. Es geht vielmehr um eine Sache, die ständig wiederkehrt. Der Auslöser dieser Wiederholungs-Phantasie ist oft ein Traum, in dem eine griechische Venus im christlichen Norden friert und sich in Pelze hüllen muss, oder ein Gemälde, das mich in jungen Jahren in demütiger Haltung zu Füßen einer anderen Venus im Pelz zeigt. Diese flüstert mir zu: „Du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir bedingungslos gehöre.“ Was wäre, wenn? Wenn der Mann die Frau dominiert? Oder die Frau den Mann? Oder der Mann die Frau, damit sie ihn dominiert? Oder die Frau den Künstler, damit er sich einbildet, er habe sie in die Rolle der Domina geschoben? Eine verschachtelte Angelegenheit. Ein vertracktes Verwechseln der Ebenen, von Realität und Fiktion: meine Kunst. Meine Phantasie.“

„Unstetes Hin- und Herflattern ist Anzeichen eines krankhaften Gemütszustandes. Erstes Anfordernis an eine Geistesverfassung, die als eine wohlgeordnete gelten soll, ist meines Erachtens die Fähigkeit, den Schritt zu hemmen und Einkehr in sich selbst zu halten.“

Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.), genannt Seneca der Jüngere, war ein römischer Philosoph, Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker; Selbsttötung auf Geheiß seines ehem. Schülers Nero (Römischer Kaiser von 54 – 68) Quelle: Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 2. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924)… Und ich? Ich flatter weiter. Immer weiter. Meinem Glück hinterher.

Mein Ich im Du

Ich schlafe

Ich schlafe: aber meine Ängste wachen; / in meine Träume beißen sie sich fest / wie Hunde. Rot grell ihr Lachen / gleich dem von einer Dirne, die sich kitzeln läßt.

Die Augen schmerzen. Und die Arme zittern; / das Mädchen neben mir ist kühl wie Schnee. / Ich reiße an den Pforten wie an Eisengittern… / – Gib mir die Hand: mir tut die Stirn so weh.-

(Hans Leybold)

Der Künstler als Schmuggler

Kunst, die den Geist der Autonomie verkörpert, die einfach nur Kunst sein will: ein frei wählbares Geschlecht zwischen Zerstörung und Aufbau? Bin ich das wirklich? Diese Frage stelle ich mir nicht nur heute. Ich stellte sie gestern, wie auch vorgestern. Ständig.

Ich wiederhole: Bin ich das, was andere von mir sagen? Eine Künstler-Seelenrede? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Ein Selbstverhör? Unruhig, krank, wie ein Vogel im Käfig? Hungernd nach Farben, nach menschlicher Nähe? Der Dialog eines Mannes mit seiner Anima? Zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge? Eine Psychoanalyse von Menschen?! Sie leiden unter ihrer Unvollständigkeit. Jeder sucht (s)eine verlorene andere Hälfte. Diese Sehnsucht manifestiert sich in dem erotischen Begehrens des Schmugglers, das auf Vereinigung abzielt.

Letztlich sind es einfache Schmuggler, so wie ich einer bin, die mehr oder weniger heimlich mit Fotografien im Gepäck das Reich der Malerei betreten! Der Philosoph Michel Foucault nennt das „den visuellen Spielen (der Bildenden Kunst) ihre Würze geben“. Was Foucault (wie auch mich) fasziniert, sind die, so seine Formulierung, „androgynen Bilder“, die „schönen Hermaphroditen“, Arbeiten aus fotografischem Abzug und Farbe auf Leinwand oder Papier. Diese Interferenz zwischen Malerei und Fotografie, die wir heute, gelangweilt gähnend, mit dem unpoetischen Begriff der Intermedialität belegen, zeigt sich längt und alltäglich im Schwall der fotografischen Bilder, die sich jeder Kategorie von Autorschaft zu widersetzen scheinen. Die Fotografie, sie ist längst ein offenes Spiel von Bildern der Realität geworden, die allerdings Malern (wie mir) zur Verfügung stehen! Fotos sind eben nicht länger mehr Bilder der Wirklichkeit, sondern sie sind Zeichen einer Wirklichkeit, sind eine Verkettung von Zeichen, die es zu benutzen gilt.

Zeichenstunde

Jede Zeichenstunde verläuft in meinem Atelier wie ein Tanz. Und jeder Kunsttanz zeichnet sich immer wieder dadurch aus, dass sich Künstler und Bild in einer ganz bestimmten Art und Weise um und mit einander bewegen. So wie man es als Einzelner zum Beispiel nie erreichen kann! Das setzt selbstverständlich eine ganz besondere Beziehung zwischen uns Partnern voraus. Wer führen will, muss hierzu eindeutige Signale senden. Und wer ge- oder verführt wird, muss sensibel auf diese Führung reagieren. Die Führung wechselt bei meinem Kunsttanz ständig. Fazit: Das Kunstpaar ist am Ende stets nur so gut, wie der Schwächere von uns beiden genial ist.

Beginnen wir mit einer Pause.

Gustave Flaubert schreibt: “ Immer, wenn ich mitten im Alltag innehalte und gewahr werde, wie viel mir geschenkt ist, werden die zahllosen Selbstverständlichkeiten zu einer Quelle des Glücks.“ Dem will ich gerne zustimmen.

Die Blume ist immer schon in der Mandel

Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht. Was Goethe uns damit sagen will, ist folgendes: Bewusstes und Unbewusstes laufen oft nicht synchron. Das eigene Selbst wird unterwandert, weil man fremden Vorstellungen folgt. Durch eine offene Bilderwahl könne das jedoch verhindert werden. Und über dieses Bild erforscht man dann seine eigenen Bedürfnisse. In meinem ganz speziellen Fall bedeutet das: „Liebend gerne sonne ich mich im Schatten starker Frauen!“

Bach_MandelBILD

Viele meiner gemalten Poesien gelten seit jeher ihrem seltsam gespaltenen Organ und meinen ewig mit diesem verbundenen dunklen Fragen. Unzählige solcher Fragen habe ich schon gemalt, die ebenso, wie meine geliebten starken Frauen, die Wahrheit hinter ihren Augen tragen. Oder diese hinter ihren „Flügeltüren“ gut verborgen wissen. Die jedoch meine Phantasie, meine Farben, wie auch meinen Samen, einer Tür gleichsam einzulassen pflegen… „oh gott / das kann doch / das darf doch / darf doch / kann nicht / darf doch / kann nicht sein / das ist doch wohl / ich muss doch noch / es ist heiß.“  Ich seufze zwanghaft auf. Und ebenso zwanghaft muss ich danach ein längeres Schweigen folgen lassen, geboren aus einer Atmosphäre, die schamrot-fuchsig wird, fast flüssig. Dann folgen wiederholt meine Seufzer, die durch ihr Gestöhne sich ihrer selbst vergewissern. Am Ende bedeutet dies alles aber nur eines: Ich gleite (synchron) als Traumkind in ein Land… das stets neu und wunderbar ist…hingehaucht wie WunderSamt.