Wenn Corona ein Herz hätte

In Kalk, noch ungelöscht, in Eisenbrei, / in Salz, Salpeter, Phosphorgluten, / in dem Urin von rossigen Eselsstuten, / in Schlangengift und in Altweiberspei, / in Rattenschiß und Wasser aus den Badewannen, / in einem Saft von Krötenbauch und Drachenblut, / in Wolfsmilch und dem sauren Rest der Rotweinkannen, / in Ochsengalle und Latrinenflut: / In diesem Saft soll man Corona schmoren. / In eines Katers Hirn, der nicht mehr fischt, / im Geifer, der aus den Gebissen / der tollen Hunde träuft, mit Affenpiß vermischt, / in Stacheln, einem Igel ausgerissen, / im Regenfaß, drin schon die Würmer schwimmen, / krepierte Ratten und der grüne Schleim / von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen, / in Pferderotz und heißem Leim: / In diesem Saft soll man Corona schmoren. / In dem Gefäß, drin alles reingerät, / was so ein Medikus herausholt aus dem schwieren / Gedärm an Eiter und verpestetem Sekret, / in Salben, die sie in den Schlitz sich schmieren, / die Hurenmenschen, um sich kalt zu halten, / in all dem Schmodder, den die Lust / zurückläßt in den Spitzen und den Spalten / wer hätte nicht durch solchen Schiet hindurchgemußt!: / In diesem Saft soll man Corona schmoren.

(Nach François Villon, „Die Ballade von den Lästerzungen“)

Das Verhör

An das Virus gewendet: „ … es gelingt Ihnen manchmal mich zu ärgern, mich zu überraschen… sogar mich zu faszinieren, ja warum nicht? Aber solange der Gedanke nicht aus meinem Kopf raus ist, dass Sie Menschen umgebracht haben, haben Sie keine Chance mich zum Lachen zu bringen.“

Ich hake nach: “Also, wem soll ich nun glauben?“

Das Virus: „Denen…“

Corona ist doch ein irrer Spaß

Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, suchen sie Strategien, um damit umzugehen. Eine Strategie ist, auch da Muster zu sehen, wo keine sind. Eine Verschwörungserzählung strukturiert die Welt. Das ließ sich schon bei Aids, Zika oder selbst der Spanischen Grippe beobachten. Bei einer Studie haben 50 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie lieber ihren Gefühlen trauen als Experten. Das ist eine besorgniserregend hohe Zahl. Erklärt die Wissenschaftlerin Pia Lamberty. (Im „Der Tagesspiegel“ online vom 20.04.2020)

Experimente am offenen Virus (Die Taufe)

An Covid-19, der neuen Atemwegsinfektion durch das Coronavirus, leiden Menschen in der ganzen Welt. Unternehmen und Forschungsinstitute entwickeln jetzt Schutzimpfungen dagegen. Wie schnell mit Impfkampagnen begonnen werden kann, hängt jedoch nicht nur von der Geschwindigkeit von Entwicklung, Erprobung und Zulassung der Impfstoffe ab, sondern auch von den Produktionskapazitäten. Ziel muss sein, das Virus zu einer „Gewissensprüfung oder ein Hinabtauchen in die Tiefen seiner selbst“ zu zwingen. Das Virus muss unsere Führung anerkennen. Nur so kann es die Taufe von uns erhalten und erfahren.

„Die Führung besteht in der Abrichtung zum Gehorsam, verstanden als Verzicht auf den eigenen Willen durch Unterwerfung unter den Willen eines anderen.“ Und „diejenigen, welche im Begriffe stehen, die Taufe zu empfangen, müssen anhaltende Gebete verrichten, unter Fasten, Kniebeugungen und Nachtwachen beten und damit das Geständnis aller ihrer früheren Sünden verbinden, so daß sie auch die Taufe des Johannes darstellen.“ (Zitiert aus: „Die Geständnisse des Fleisches“ von Michel Foucault)

Sonett der Seele (Unser Herzstück)

Willensdrang von tausend Wesen / Wogt in uns vereint, verklärt: / Feuer loht und Rebe gärt / Und sie locken uns zum Bösen. / Tiergewalten, kampfbewährt, /  Herrengaben, auserlesen, / Eignen uns und wir verwesen / Einer Welt ererbten Wert. / Wenn wir unsrer Seele lauschen, / Hören wirs wie Eisen klirren, / Rätselhafte Quellen rauschen, / Stille Vögelflüge schwirren … / Und wir fühlen uns verwandt / Weltenkräften unerkannt.

(Hugo von Hofmannsthal)

Alle Zufälle stiften ein »Warum«.

Weitere Lockerungen der Corona-Kontaktsperre. Warum? Unser Alltagsleben wird schrittweise wieder hochgefahren. Ja, warum? Angesichts der bevorstehenden Lockerungen wird von Regierungsseite zur Vorsicht gemahnt. Denn das Virus ist keineswegs besiegt. Es ist der Natur schlechthin unmöglich, ein Wesen zu zerbrechen, zu schädigen oder irgend anzutasten, sofern sie nicht damit auf einen höheren Wert hinaus will. Sollte man mal drüber nachdenken. Meister Eckhart, ein deutscher Mystiker, hat das schon lange vor uns getan. Er schrieb auch: Dem ruhigen Geist ist alles möglich. Und so fühlte es sich für mich in den letzten Wochen auch an. Die Corona-Pandemie mit ihrer „Kontaktsperre zu meinem normalen Alltags-Ich“, ließ mich Zeitreisen zu meinen anderen Ichs aufnehmen. Ich reiste in die Vergangenheit, in die Zukunft oder zur Seite, hinter die Spiegel. Und überall vernahm ich: Die Leute sollten nicht immer soviel nachdenken, was sie tun sollten, sie sollen lieber nachdenken, was sie sein sollten. Das gefällt mir an der Jetzt-Zeit. Sie schenkt mir Einsichten. So hat sie mich mir selber etwas näher gebracht. Ich wünschte, das jeder von uns nicht zu schnell wieder blindlings raus- und herumläuft, dass wir lieber noch ein wenig bei uns bleiben und unserer Seele lauschen. So wie Meister Eckhart es tat: Alle Geburt meinet den Menschen.

Meister Eckhart wurde übrigens in seinen letzten Lebensjahren wegen Häresie (Irrlehre, Abweichung von der Rechtgläubigkeit) denunziert und angeklagt. Eckhart starb vor dem Abschluss des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens. Warum wundert es mich nicht, dass solche Freidenker wie er stets mit der vorherrschenden Meinung in Konflikt geraten? Mit einer Obrigkeit, die glaubt, das Trinken von Desinfektionsmitteln helfe gegen das Corona-Virus?

I’m Only Sleeping

When I’m in the middle of a dream / Stay in bed, float up stream / Please, don’t wake me, no, don’t shake me / Leave me where I am, I’m only sleeping / Everybody seems to think I’m lazy / I don’t mind, I think they’re crazy…

(Dank an Winsor McCay und The Beatles)

Ein Bild der Erkenntnis

Die Zeit ist wirklich verrückt. Sie zermürbt mich auf eine ganz eigenartige Art und Weise. Der Dichter Friedrich Hölderlin formulierte es so: „Hab` ich Armer nicht genug gelitten? / Sie ist hin- des Kämpfers Kraft.“ Okay, werden Sie sagen, Hölderlin war am Ende seines Lebens irre geworden. Aber warum? Woran? Kannte er vielleicht kein kleines italienisches Eis-Café in seiner Nähe? Kein Café, in dem er sein überhitztes Gemüt hätte kühlen können? Jedes Eis-Café ist für mich absolut systemrelevant, weil dort windige Gesellen, schlüpfrige Gestalten und Schiffbrüchige des Alltags, also Künstler, angespült werden, die sehr merkwürdigen Beschäftigungen nachgehen. Sie tun nichts. Nicht sichtbar jedenfalls. Nirgends im Café wird eine Aktennotiz gemacht, Alimente ausgerechnet oder verschoben. Irgendwer stochert vielleicht in einem Buch. Ein Anderer liest aus einem Kuchen. So wie in den letzten Wochen, Tag für Tag, schreibe ich mich hier auf meinem Blog aus meiner Lebensfurcht heraus. Und träume davon, ich säße gerade jetzt in einem Café vor einer Tasse Cappuccino. Stattdessen ziehe ich mich an meinen Sätzen aus einem Labyrinth der Gefühle zurück ans Tageslicht einer Realität, die mir angemessen erscheint. Oder mir so erscheinen soll. Lachen Sie ruhig, Außenseiter, wie wir Künstler nun einmal welche sind, wurden immer schon schief angesehen und teilweise sogar arg malträtiert. Wie Besessene wurden wir in Wannen mit Eiswasser getaucht. Man sperrte uns in muffige Schränke. Verfrachtete uns, so wie den Kollegen Hölderlin, in einen Narrenturm. Oder verwehrt uns nun schlicht die finanzielle Soforthilfe. Gut, wer ist auch schon Hölderlin? Nicht systemrelevant. Weg mit ihm! Die freie Kulturszene hier in Wuppertal, wo ich wohne? Ich selber? Weg, weg, damit! Die Kunst wird abgeschafft. Nicht systemrelevant. Also weg! Armenhäuser, anstelle von meinen so geliebten Eis-Cafés, werden gebaut und die Künstler werden dort einziehen müssen. Am Ende wird niemand von uns mehr sagen können, wer ärmer dran ist. Die Verarmten oder eine Welt ohne Kultur? Unsere Stimmen sind dann verweht. Nachdenklich geworden, mache ich ein Selfie mit meiner alten Sofortbildkamera. Das Bild was sich da vor mir entwickelt, es beunruhigt mich ein kleinwenig.